Der Bettelchirurg oder Ullas Früchte


„Arzt bettelt um Mediziner“

Spontan kommt einem die Meldung in der Münsterschen Zeitung amüsant vor (http://www.muensterschezeitung.de/nachrichten/nrw/art1757,596419)
Da hat sich doch ein chirurg. Chefarzt als Bettler verkleidet auf die Suche nach Ärzten gemacht. Was zunächst als etwas befremdlicher Scherz wirkt, ist leider purer Ernst. Die Kliniken können quer durch Deutschland viele ihrer Stellen nicht mehr besetzen.

 Das sind die Früchte von 8 Jahren Ulla Schmidt als Bundesgesundheitsministerin:
ein hoher Anteil der Medizinstudenten ist nicht mehr bereit in Deutschland als Arzt in der Patientenversorung zu arbeiten. Die Bedingungen und vor allem die Perspektiven sind dermaßen schlecht geworden, dass kaum einer mehr bereit ist das zu akzeptieren. Die Absolventen gehen entweder ins Ausland oder suchen sich lukrative Jobs in medizintechnischen oder biochemischen Unternehmen, mit der Option dort z.B. gutverdienender Manager zu werden.

Einen der eigentlich schönsten Berufe der Welt hat diese Ministerin in nur wenigen Jahren (leider sind es schon 8 zuviel) so unattraktiv gemacht, dass ihn in Deutschland viele nicht mehr auszuüben bereit sind.

Spricht das nicht für sich? Als ich vor 15 Jahren meine Arbeit als Arzt begann, war es extrem schwierig eine vernünftige Stelle zu finden. Jetzt hat das Deutsche Ärzteblatt zum Teil einen Stellenteil von über 100 Seiten !!!

Und wie reagiert die Ministerin? Sie rechnet sich die Zahlen schön, indem sie darauf hinweist, dass ja ganz viele ausländische Ärzte – vor allem aus dem ehemaligen Ostblock – gleichzeitig zureisen würden.

Sollten Sie also befürchten in den nächsten Jahren mal krank zu werden, dann lernen Sie bitte vorsorglich russisch, rumänisch, polnisch oder tschechisch, damit Ihr Arzt Sie auch wirklich versteht.

Oder wählen Sie bei der nächsten Wahl alles was Sie wollen, nur nicht die SPD

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3 responses to this post.

  1. Posted by Lapillus on 1. Juli 2009 at 8:42 pm

    So sehr ich für die Frustration des Arztes Verständnis habe, alles auf die derzeitige Bundesgesundheitsministerrin zu schieben, hieße zu kurz gesprungen.
    Nur Ulla Schmidt und ihr Ministerium allein können nicht schuld an der Misere haben, zumal ich z. Bsp. bereits seit mehr als zehn Jahren eine deutliche Unterversorgung von Patienten in einigen (nicht allen) Krankenhäusern meiner Stadt habe feststellen müssen und ich der Meinung bin, dass meine Beobachtungen übertragbar sind.
    Patient war immer mein Vater, zu Beginn der „Behandlungen“ 87 Jahre alt und im wesentlichen bei guter, altersgemäßer Gesundheit – von Migräneanfällen, leichtem Tinnitus und zeitweiligem Gedächtnisverlust einmal abgesehen – bis er nach einem leichten Sturz zur Beobachtung in eine Klinik eingeliefert worden war, die sich u. a. ihrer besonderen Erfahrungen in der Geriatrie rühmte.
    Bei meinem ersten Besuch am 2. oder 3. Tag seines Aufenthalts – ich arbeitete in 300 km Entfernung von unserem gemeinsam bewohnten Haus – mußte ich feststellen, dass er mit einem Blasenkatheter ausgestattet war „weil er nicht zur Toilette laufen kann“ – so die Begründung der Stationsschwester. Außerdem entdeckte ich auf seinem Rücken knapp oberhalb der Gesäßfalte eine Wunde von ca. 3 cm Durchmesser (Dekubitus), den das Pflegepersonal bisher nicht bemerkt hatte. Am nächsten Tag war mein Vater, der angeblich nicht laufen konnte, von der Station verschwunden. Er wurde ca. eine halbe Stunde nach der Entdeckung seines Verschwindens von einer Polizeistreife zurückgebracht, die ihn im Pyjama mit dem Urinbeutel in der Hand auf dem Weg in die Innenstadt, ca. 1 km vom Krankenhaus entfernt aufgegriffen hatte.
    Bei einem zweiten Aufenthalt etwa ein Jahr später in einer anderen Klinik der Stadt war sowohl die ärztliche als auch pflegerische Versorgung deutlich besser und er konnte nach kurzem Aufenthalt (ca. eine Woche) wieder stabilisiert nachhause entlassen werden, wo er mithilfe eines ambulanten Pflegedienstes von meiner Frau und meinem Schwiegervater betreut wurde.
    Nach einem weiteren Sturz Anfang April 2000 in seiner Wohnung war er mit einer kleinen Platzwunde am Kopf von seiner Hausärztin zur Sicherheit zur Untersuchung in eine andere Klinik der Stadt eingewiesen worden, aus der er nach 2 – 3 Tagen wieder entlassen wurde – nicht ohne den auch dort offensichtlich obligaten Blasenkatheter samt Urinbeutel, zusätzlich aber mit einer massiven Durchfallerkrankung.
    Etwa eine Woche später wollte er ohne meine Frau zu wecken, die Toilette aufsuchen, trat dabei auf den Schlauch des nachschleifenden Urinbeutels und zog sich damit den Blasenkatheter selbst. Die dadurch einsetzenden Blutungen machten zur Behandlung eine erneute Einweisung in die letzte Klinik notwendig. Die Blutungen konnten gestoppt werden, nicht aber der Durchfall, der wieder aufflammte und zusammen mit einem massiven Blähbauch zu einer dramatischen Verschlechterung seines Gesundheitszustandes führte. Zum Glück hatte ich gerade Urlaub und war praktisch Tag und Nacht am Krankenbett, sodaß ich nachts den Stationsarzt auf eine weitere Verschlechterung aufmerksam machen konnte. Der veranlaßte eine nächtliche Röntgen-untersuchung, bei der ich dem Facharzt mangels anderer Hilfskräfte assisitierte und meinen Vater auf der Untersuchungsliege festhalten mußte, damit er nicht herunterfiel. Bei der Untersuchung konnte nichts festgestellt werden.
    Am Morgen verfiel mein Vater in einen komatösen Zustand und war nicht mehr ansprechbar. Lediglich meine Beinmassagen mit Franzbranntwein taten ihm offensichtlich wohl, weil Muskelzuckungen danach vorübergehend gemildert waren und er halbwegs ruhig schlafen konnte.
    Ein wenig interessiert am Zustand zeigte sich lediglich der Stationsarzt, kein Interesse konnte ich beim Chef- (oder Ober-?) -arzt feststellen. War bei einem 89-jährigen Kassenpatientenoffenbar nicht so dringlich.
    Einen Tag nach der Röntgenuntersuchung kam gegen 19:45 Uhr ein mir bis dahin unbekannter Arzt oder Pfleger und gab meinem Vater eine Spritze in den Brustvereich. Danach fuhr ich zum Duschen und Umziehen nachhause, um für meine „Nachtwache“ am Krankenbett fit zu sein. Zuhause erreichte mich um ca. 20:15 Uhr der Anruf der Klinik, dass mein Vater „soeben verstorben sei“.

    Nachdem meine Frau, unsere Tochter und ich im Krankenzimmer meinen Vater noch einmal sehen und Abschied nehmen konnten, vereinbarte der Stationsarzt für den nächsten Morgen einen Termin mit mir, in dem das weitere Prozedere besprochen werden sollte, u.a., ob ich mein Einverständnis zu einer Gehirnentnahme zwecks Klärung seiner Diagnose „Neue Form der Kreuzfeldt-Jakob“ wolle.
    Am nächsten Tag traf ich den Stationsarzt beim Schreiben des Arztbriefes für die Hausärztin meines Vaters. Er war fast mit dem Schreiben im „Ein-Zwei-Finger-Suchsystem fertig, als der PC abstürzte und er das ganze nochmal bis zu einem zweiten Absturz probierte. Sein 3. Versuch war dann nach ca. einer Stunde des Wartens erfolgreich. (Mir war bis dahin unbekannt, dass sich eine Klinik mit mehreren hundert Betten keine Schreibkräfte leisten kann, sondern lieber auf die offensichtlich preiswerteren Ärzte auch für Schreibarbeiten zurückgreift.)

    Mein Vater war von Beruf praktischer Tierarzt und behandelte vor allem Großvieh. Einer seiner Lieblingssprüche ging so:
    „Meine Fehldiagnosen an meinen tierischen Patienten kommen spätestens bei der Notschlachtung ans Licht. Die Fehler meiner Kollegen aus dem Humanbereich dagegen deckt der grüne Rasen zu.“

    Angedenk dieser Worte stimmte ich der Organentnahme zu. Trotz mehrfacher telefonischer und auch schriftlicher Nachfrage habe ich nie das Ergebnis der Untersuchung mitgeteilt bekommen.

    Meine Erlebnisse sollten deutlich machen, dass nicht nur Ulla Schmidt für Fehler im Gesundheitswesen verantwortlich zu machen ist – die geschilderten Vorgänge passierten vor ihrer Amtszeit – sondern in hohem Maße auch Krankenhäuser und ihre Verwaltungen, Ärzte und Pflegepersonal – nicht alle, aber offenbar die „Entscheider“, die „Manager des Gesundheits- oder besser des Kranheitswesens“ in Deutschland.

    Dass es auch anders geht, wurde kürzlich in einem Beitrag der Serie 37 Grad (im ZDF) gezeigt, der aus Erfahrungsberichten von drei aus Deutschland nach Schweden „geflüchteten“ Krankenschwestern handelte. Geflüchtet waren sie vor den Pflegenotständen in ihren Krankenhäusern in Deutschland und von dem nahezu paradiesischen Zuständen in schwedischen Krankenhäusern alle drei angenehm überrascht.
    Es ist aber auch wirklich schlimm, dass sich soviele Menschen einfach in deutsche Krankenhausbetten legen. Wissen die denn nicht, dass es nicht genug Pflegepersonal gibt? Hauptsache der „forschenden“ Pharmaindustrie gehts gut – die Medikamente werden schon alles richten. Dafür sorgen sicher auch die Funktionäre der Kassenärztlichen Vereinigungen.

    Antwort

    • Posted by drgeldgier on 1. Juli 2009 at 9:46 pm

      Sollte der Eindruck entstanden sein, ich möchte Ulla Schmidt für alle Fehler die in Krankenhäusern oder Arztpraxen passieren, verantwortlich machen, so tut es mir leid. Es geht mir nicht darum jeden ärztlichen Fehler auf andere zu schieben. Im Gegenteil. Mein Blog soll aus der offenen Perspektive zeigen, dass wir Ärzte auch nur Menschen wie Du und ich sind, eben auch mit begrenzter Belastbarkeit, genau denselben Ängsten und Nöten im Alltag und eben genau derselben Fehlbarkeit ihres Tuns.
      Nur wenn Ärzten zugemutet wird, zum Teil 158 Stunden am Stück im Dienst zu sein und dafür dann auch noch mittlerweile Sorge haben müssen, wie sie über die Runden kommen, dann verwundert es nicht, dass immer mehr Fehler auftreten.
      Was unsere Leistungen anbelangt, werden wir Ärzte mit sehr strengen Maßstäben gemesssen. Und das auch zurecht, wenn man die möglichen Folgen unserer Fehler betrachtet. Wenn man dann aber sieht, was diese Tätigkeit der Gesellschaft bzw. den Politikern überhaupt noch wert ist (s. meine Artikel im Blog), dann muss man schon zugeben, dass hier eine extreme Diskrepanz herrscht. Oder finden sie es im Ordnung, dass Ihrer Krankenkasse eine 3-Monatsversorgung eines Demenzpatienten weniger wert ist, als ein durchschnittler Damenfriseurbesuch? Darüber sollten Sie mal nachdenken. Ulla Schmidt hat zum Verfall dieser Wertschätzung der ärztlichen Tätigkeit in den letzten Jahren erheblich beigetragen – leider und das gebe ich offen zu – zuletzt mit Tolerierung von Seiten der CDU.

      Antwort

  2. nein, Ulla alleine ist nicht Schuld. Es ist unser System, das Faulen, Unfähigen, Inkompeteten und Wichtigtuern das „Recht“ gibt, ihre Froschperspektive-Ängste und -Neidgefühle in Gesetze gießen zu lassen. Das ihnen die Verbrauchermacht (= „Monopson“, bzw. „Nachfrager-Monopol“) gibt, sich den Preis für ihre geforderten Leistungen selbst zu wählen. Das ihnen sogar die Möglichkeit eröffnet, die sonst üblichen Gesetze der freien Marktwirtschaft (Anbieter und Nachfrager müssen sich zusammenraufen, wenn keine Eingung entsteht, kann sich jeder zurückziehen) auszuhebeln und statt dessen die Anbieter (quasi wie mit Notverordnungen) zur „Arbeit“ zu zwingen – und das für all das nur Häme bereit hält.
    Churchill hat gesagt: „Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient“ (meine Ergänzung: „die es gewählt hat“). Unsere System ist spätestens in 20 Jahren so marode, dass nicht einmal mehr die osteuropäischen Kollegen mehr interessiert sein werden. Aber dann ist Ulla & Angie & Co ja nicht mehr im Amt. Ob sie dann aber einen verdienten (?) Ruhestand genießen, wage ich zu bezweifeln. Jedenfalls nicht in Deutschland. Da ist das Pflaster dann zu heiß und die medizinische Versorgung zu schlecht!

    Antwort

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