Zu spät – manchmal gibt es keine 2. Chance


Ich hab’s verbockt.

Vor 3 Wochen rief mich eine Ehefrau eines langjährigen Patienten an. Schwere Demenz, mittlerweile nicht mehr gehfähig, rund um die Uhr auf Pflege angwiesen. Eine ursächliche Behandlung gab es nie, ich konnte immer nur Symptome lindern und begleiten.

Manchmal ist Begleiten das Einzige was wir tun können, aber es ist so wichtig. Der Patient und vor allem die Ehefrau haben dies auch sehr geschätzt, uns zu jedem Feiertag (Ostern, Weihnachten, …) auch immer eine nette Karte mit lieben Worten geschickt und sich für die Behandlung bedankt. Solche Dinge machen unseren Beruf wichtig und schön.

Nun rief mich die Ehefrau wie gesagt vor 3 Wochen an  und bat um einen Hausbesuch, da der Mann nicht mehr aus dem Bett kam. Sie wußte auch, dass ich medizinisch nichts tun konnte, was der Hausarzt nicht schon tat. Aber es war ihr wichtig, das spürte ich. Mein Terminkalender war in den letzten Tagen vor der Pfingsturlaubswoche total überfüllt. Ich wußte nicht mehr, wann ich es machen sollte und nahm mir deshalb vor, in meiner Dienstwoche diesen Besuch zu machen. Der Patient wohnte fast 15km weg und für einen Facharzt sind Besuche in dieser Entfernung eigentlich nicht üblich, aber in diesem speziellen „Fall“ zählte das nicht.

Als ich vor wenigen Tagen das Kuvert mit dem Trauerrand in meinem Postfach fand, da wußte ich es sofort: Herr K. ist verstorben und ich hab es nicht mehr geschafft mit dem Besuch. Ich habs verbockt. Ich fühlte mich schäbig.

Hab ich den Besuch immer wieder auch deshalb hinausgeschoben, weil ich genau wußte, dass ich keinen Cent mehr dafür bekomme? (Laut Ulla Schmidt wäre das nämlich „übermäßige Ausdehnung der Vertragsärztlichen Tätigkeit über das notwendige Maß hinaus“)

Hab ich den Besuch hinausgeschoben, weil es betriebswirtschaftlicher Wahnsinn gewesen wäre, ca. 1,5 Stunden zu arbeiten für Gottes Lohn?

Ich möchte sagen, nein, bestimmt nicht. Aber wenn man seine eigenen Reserven schwinden sieht, seine Existenz bedroht sieht, die Familie zu streiken beginnt, weil man nicht mehr zu Hause ist, dann beeinflusst das auch unser Handeln und sei es unterbewußt.

Es ist eben nicht alles meßbar, dokumentierbar und beweisbar in dieser Welt.

Aber verbockt hab ich es trotzdem.

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2 responses to this post.

  1. Posted by Special Agent Gibbs on 28. Juni 2009 at 9:18 pm

    Ich kann Ihre Gefühle voll und ganz nachvollziehen. Als vor einigen Jahren mein Opa gestorben ist, wollte ich ihn eigentlich ein paar Tage vorher noch besucht haben. Ich habe es leider nicht getan, und bereue es immer noch.
    Allerdings denke ich, dass man es nicht immer allen Recht machen kann. Irgendwann stößt man nun mal an seine physischen und psychischen Grenzen und muss sich erst mal wieder um sich kümmern.

    Antwort

  2. Ich kann das gut verstehen. Vielleicht können Sie die Witwe wissen lassen, daß sie es nicht vergessen haben, sondern es einfach nicht mehr geschafft haben.

    Antwort

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