Hätt’st was gescheids glernt


„Hätt’st was gscheids glernt“ heisst es in Bayern, wenn einer wieder mal über seine berufliche Misere jammert.
(Zu Deutsch: „Warum bist Du Depp Arzt geworden !!!)

Das dachte ich mir heute auch mal wieder, als ich die Rechnung „meines“ EDV-Fritzen in der Post hatte. Leider gab einer meiner PCs der Praxis seinen Geist auf und kroch nur noch wie Kurt Beck beim Joggen vor sich hin. Vergangenen Dienstag bekam ich dann das neue pfeilschnelle Prachtstück. Das musste natürlich jetzt ins Netzwerk eingebunden werden. Kostenpunkt summa summarum 887,15€.

Dafür wird von mir beispielsweise ein MS-Patient knapp 4 Jahre (!)durchgehend behandelt (aktuelle Quartalsflatrate knapp 44€).

Was besonders ins Auge sticht: der Herr PC-Fachmann berechnet 85€ netto die Stunde, macht 101,15€ brutto! Dafür wird von mir oben besagter MS-Patient gut 6 Monate betreut und darf – dank der Ulla-Flatrate – so oft in meine Praxis kommen, wie er will. Der Vergleich ist der Anfang aller Unzufriedenheit. Also sollte ich das lassen.

Eigentlich sollte ich meine PC-Rechnung dem lieben Prof. Lauterbach schicken.
Vielleicht wird er es als Aufsichtsrat dann „seinem“ Rhön-Klinik-Konzern stecken und die werden auf mich aufmerksam.
Vielleicht entdecken sie dann, dass meine Praxis mittlerweile nach 6 Monaten Gesundheitsfonds reif zum kapern, sprich zum Billig-Aufkauf wäre. Bei einem einigermaßen vernünftigen Angebot würde ich wahrscheinlich schwach werden und mir so schnell wie möglich eine Praxis in der Schweiz suchen.

Wenn da nicht immer wieder Leute wie die Parkinson-Oma wären, die immer wieder zu mir sagt (wenn Sie meine Frustplakate im Wartezimmer liest): „Herr Doktor sie müssen unbedingt da bleiben bei uns, jetzt wo’s mir so helfen und ich endlich wieder gehn kann.“
Da ist dir dann für 3 Glücksminuten der ganze Honorarsch… egal und du erinnerst dich wieder, warum du eigentlich diesen geilen Beruf gewählt hast…
Aber dann…, ja dann gehst Du zum nächsten Patienten – den du am Quartalsende ja definitiv kostenlos behandelst – und fragst dich, wie du die Rechnung vom PC-Fritzen bezahlen sollst…

… und betest, dass die anderen PCs, der Ultraschall und das EEG die Nacht heil überstehen…

 

 

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3 responses to this post.

  1. Posted by Sterin McCollis on 3. Juli 2009 at 12:25 pm

    Mein Mitleid mit der Ärzteschaft hält sich bei diesem Posting und seinem Tonfall wahrlich in Grenzen. Mann nehme einen willkürlichen Vergleichsmaßsstab und krakeele rum, dass man weniger verdient. Da haben andere Berufsgruppen (Niedriglohn) wesentlich mehr zu heulen – und die arbeiten mehr Stunden zu beschisseneren Zeiten.

    Antwort

  2. Posted by drgeldgier on 3. Juli 2009 at 4:27 pm

    Habe schon lange auf den ersten Kommentar dieser Art gewartet und freue mich ehrlich auch über Kritisches.
    Dankbar wäre ich aber für konkretere Hinweise. Nennen Sie mir bitte einen Niedriglohn-Beruf mit Abitur, 6-jährigem Studium, und mindestens 5-jähriger Facharztausbildung als Voraussetzung und dem kompletten Risiko der Selbständigkeit (nix Lohnfortzahlung im Krankheitsfall etc…) und ich höre sofort auf zu jammern.
    „die arbeiten mehr Stunden zu beschisseneren Zeiten“: auch hier wäre ich für einen Berufszweig dankbar, der 7 Nächte (incl. komplettes Wochenende auch tagsüber) durchgehend zusätzlich zu seiner normalen Arbeitszeit zur Verfügung steht (von der Verantwortung möchte ich nicht reden, sonst gefällt der Tonfall nicht). (s. meine Artikel zu Notdienst)
    Ich bin offen gesagt gespannt.
    Es geht hier auch nicht um das Geheul der Ärzte, sondern es geht darum zu vermitteln, warum in Deutschland kaum einer mehr Arzt sein will und die Patientenversorgung v.a. auf dem Land bald nicht mehr wirklich stattfinden wird. Denn dann wird das Geheut der Patienten groß sein. Soll dann bloß keiner sagen, er hätte nichts davon gewußt.

    Antwort

  3. 1992 stellte Müntefehring (damals noch sozialpolitischer Sprechere des SPD-Fraktion im Bundestag) die Kleine Anfrage „Wieviel verdienen die deutschen Ärzte im Vergleich zur deutschen Durchschnittsbevölkerung“ und Frau Dr. Bergmann-Pohl (Quoten-Ossi-Frau in der Regierung und vorher Fachärztin für Pneumologie an der Charité in Berlin) antwortete pflichtschuldigst „das Vierfache“. Dass die gute Dame (ihrer Herkunft sei’s verziehen) Umsatz mit Bruttoverdienst gleichgesetzt hat (!) ist weder die Bundesdeutsche Politik noch die Bundesdeutsche Presse aufgefallen: am nächsten Tag in allen deutschen Gazetten „Deutsche Ärzte verdienen viermal soviel wie der Durchschnitt!“

    Richtig wäre gewesen: Vom Praxis-Umsatz gehen (je nach Fachrichtungen) 56-95% Betriebskosten ab (nicht ungewöhnlich, in der Automobilbranche sind’s noch mehr), der Rest entspricht einem Angestellten-Netto-Lohn plus (!) Lohnnebenkosten plus „Betriebsgewinn“. Übrig blieb damit für den selbständigen, niedergelassenen deutschen Druchschnittsarzt schon 1992 weniger als für den deutschen Druchschnittsverdiener (zu denen allerdings auch Herr Ackermann gehört). Und dafür arbeitete der deutsche Druchschnittsarzt 64 Stunden/pro Woche, zuzüglich Fortbildungszeit, also um 60% mehr als der – damalige – deutsche Durschnittsverdiener!

    Inzwischen hat sich die Arbeitszeit eher noch gesteigert und die Umsdätze sind – im Vergleich – eher gesunken, nicht erst seit der Wirtschaftskrise. Laut einem Artikel in der Bildzeitung im November 2008 (1) haben deutsche Allgemeinärzte in den letzten zehn Jahren einen Brutto-Einkommensverlust von 25% gehabt (und jetzt soll bitte keiner kommen und sagen, „dann müssen sie ja vorher klotzig verdient haben“)

    Antwort

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