Wenn es rund geht – mal wieder Medizinisches


Nach soviel Telekomgejammer mal wieder echte Doktorspiele:
Junge Patientin mit Schwindel. Schwindel ist für viele KollegInnen immer ein Horror, weil dem sowas Diffuses anhaftet. Wenn drei Menschen über Schwindel klagen, meint auch wirklich jeder etwas anderes damit.

Genau deshalb ist der goldene Weg zur Schwindelabklärung die genaue Befragung des Patienten! Aber leider wird das nicht gut bezahlt und deshalb breiteten viele Kollegen erst mal viele Apparate über den Patienten aus (Ultraschall, HNO-Untersuchungen (Hör-Tests, Gleichgewichtsorgan-Tests), EKG, …), um dann dem Patienten maximal sagen zu können, was er nicht hat. Und am Ende der Liste, wird der Patient dann zum Neurologen abgeschoben.

 Warum am Ende? Na weil viele Patienten immer noch den Neurologen mit dem Psychiater verwechseln und denken, sie würden jetzt in die Psychoecke geschoben.

Dabei kann man in über 90% der Fälle durch geduldige Befragung und simple körperliche Untersuchungen eine definitive Diagnose stellen und oft auch gut behandeln:

meine junge Patientin verriet mir auch erst nach ein paar Anläufen, dass es wohl vor allem beim Aufstehen, Kopfdrehen, Hinlegen immer wieder kurze Drehschwindelattacken sind. Dazwischen Benommenheit. Die körperliche Untersuchung zeigte dann eindeutig den Befund eines gutartigen Lagerungsschwindels. Mutter und Patientin wurde aufgeklärt über die Harmlosigkeit des Krankheitsbildes und die Patientin wurde von meiner Praxisassistentin (die so klasse ist, das ich ihr demnächst einen eigenen Artikel widmen werde) in das therapeutisch durchzuführende „Lagerungstraining“ unterwiesen. Dies ist nämlich die einzige Methode, um die Krankheit effektiv und meist innerhalb von 2-3 Tagen zu heilen. Keine Pillen, keine Tropfen und auch sonst nichts hilft, nicht einmal Vertigo-Heel.

Ihr glaubt gar nicht, wie ungläubig die Patienten dreingucken, wenn bei Ihnen ohne technischen Schnickschnack eine Diagnose gestellt wird und die Behandlung dann auch noch aus primitiven Bewegungsübungen besteht.

Anstatt dankbar zu sein, sind manche enttäuscht. Bei denen mache ich dann manchmal noch einen Ultraschall der Halsschlagadern, um die Schlaganfallangst und Apparategläubigkeit zu besänftigen.

Meine junge Dame benötigte das nicht. Die Mutter war total erleichtert. Die Patienten sind dann auch extrem dankbar, wenn der blöde Schwindel weg ist.

Leider bin ich in der Gegend scheinbar der Einzige, der sich für Schwindel noch Zeit nimmt, was für mich natürlich extrem unwirtschaftlich ist. Ein Freund des Bruders des Schwagers meiner Frau (es soll ja alles anonym bleiben) kennt eine HNO-Praxis, die zeigt den Patienten nicht mühsam die Übungen, sondern bietet ein Video für gut 30€ zum Verkauf an… … 😦

 

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7 responses to this post.

  1. Posted by Diana on 14. Juli 2009 at 9:52 pm

    Huhu,
    bekomm ich Dich als Arzt? 😉
    Das mit dem abschieben ist wohlbekannt und verhasst.

    Gut, das Du sowas nicht gleich abstempelst!
    Nur wie bringt man das den anderen Weißkitteln bei???
    Hm, wohl gar nicht 😉

    Angenehmen Abend!

    Antwort

  2. Posted by gesundheitsexpertin on 15. Juli 2009 at 10:24 am

    Und damit zeigt sich: Dr Geldgier ist eigentlich gar nicht geldgierig, sondern Arzt aus Leidenschaft…Chapeau!

    Antwort

  3. Jau, 30 Schleifen.Und das bestimmt nur für die erste Folge, da würde ich auch an Schwindel leiden..

    Antwort

  4. Das mit dem Video ist ja wirklich…. ganz schön gerissen! Aber, wie schon meine Vorrednerin sagte: Schön zu sehen, dass Du noch ein richtiger Arzt bist!

    Antwort

  5. So schizophren es klingt: Patienten – das lehren und Kommunikations- und Marketinwissenschaftler – sind zufriedner, wenn sie etwas in die Hand bekommen (z.B.Viedo), als wenn sie „nur“ beraten werden.Dafür allerdings 30.-€ zu verlangen, ist schon heftig (der Kollege hat’s bestimt nicht selbst gedreht sondern kostenlos von der Pharmaindustrie bekommen). Aber auch hier gilt: NUR WAS ETWAS KOSTET IST AUCH ETWAS WERT! – Leider –

    Antwort

  6. So schizophren es klingt: Patienten – das lehren und Kommunikations- und Marketinwissenschaftler – sind zufriedener, wenn sie etwas in die Hand bekommen (z.B.Video), als wenn sie „nur“ beraten werden. Dafür allerdings 30.-€ zu verlangen, ist schon heftig (der Kollege hat’s bestimt nicht selbst gedreht sondern kostenlos von der Pharmaindustrie bekommen).
    Aber auch hier gilt: NUR WAS ETWAS KOSTET IST AUCH ETWAS WERT! – Leider – Bei mir gibts solche Videos aber trotzdem umsonst („leihweise“).

    Antwort

  7. Posted by specialagentgibbs on 16. Juli 2009 at 11:06 am

    Vor ein paar Jahren hatte ich das Pech, im Zeltlager Schwindel, Gleichgewichtsstörungen, Übelkeit mit Erbrechen, Nackensteifigkeit, und noch ein paar Symptome zu bekommen.
    Da es spätabends war, wurde ich (erst) am nächsten Morgen nach Hause gebracht. Dort angekommen, ging es schon wieder etwas besser, trotzdem beorderte mich unser Hausarzt sofort in die Praxis, obwohl er eigentlich schon Feierabend gehabt hätte. Nach der üblichen Anamnese (Befragung des Patienten über Symptome etc.) und ein paar Untersuchungen tippte er auf Probleme mit den Ohren bzw. Gleichgewichtssinn. Daher ordnete er an, dass ich am nächsten Tag direkt zum HNO-Arzt sollte.
    Dieser empfing mich direkt (ohne Wartezeit) und erzählte, dass er von meinem Hausarzt schon informiert wurden sei. Er sei allerdings der Meinung, dass die Symptome nicht zu Problemen mit den Ohren bzw. Gleichgewichtssinn passen würden (untersucht hat er mich allerdings trotzdem) und schickte mich zum Orthopäden.
    Auch hier war ich vorangemeldet und durfte direkt ins Behandlungszimmer. Mit einem Druck auf zwei Stellen im Hals-/Schulter-Bereich und einer entsprechenden Reaktion meinerseits auf den dadurch ausgelösten Schmerzreiz hat der Orthopäde dann die Diagnose gestellt: Verspannung der Halswirbelsäule. Nach vier Spritzen in die schmerzenden Stellen und einer Cortisonspritze (über das für und wider der Behandlung will ich hier nicht diskutieren, geholfen hat es allemal) wurde ich dann nach Hause geschickt, allerdings mit einer Blankoüberweisung ins Krankenhaus. Auf die Nachfrage der Notwendigkeit wurde mir dann mitgeteilt, dass die Symptome auch bei einer Meningitis (Hirnhautentzündung) auftreten würden und ich im Falle einer Nichtbesserung der Symptome zur Abklärung ins Krankenhaus sollte. Glücklicherweise klangen die Symptome noch am selben Tag langsam ab und nach einer nochmaligen Untersuchung mit Spritzengabe drei Tage später war ich dann nach gut einer Woche wieder beschwerdefrei.
    Wie man sieht, hatten die Ärzte auch hier Probleme, die richtige Diagnose zu stellen, allerdings haben sie sich alle bemüht und mir durch das Voranmelden beim nächsten Arzt eine Menge Wartezeit erspart. Ob das allerdings daran lag, dass ich auch hätte eine Meningitis haben können, weiß ich leider nicht.

    Antwort

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