Alternativen III – „Ganzheitsmedizin“ oder die Gelddruckmaschine


Heute sind die Begriffe „Kassenarzt“ und „Schulmedizin“ fast schon zum Schimpfwort geworden oder zumindest massiv negativ besetzt.

„Kassenarzt“ steht für Massenabfertigung, kaum Zeit und Billigmedizin. „Schulmedizin“ steht für unpersönliche Medizin, für aggressive Behandlungen mit oft starken Nebenwirkungen ohne Blick über den Tellerrand hinaus, Entmündigung des Patienten.

 Benedicta meinte in ihrem letzten Kommentar, dass die Gesundheitsreform darauf abziele, die Scharlatane aus der Medizin zu vertreiben. Genau das Gegenteil ist der Fall.

 „Kassenärzte“ bekommen seit Jahren immer weniger für die Versorgung des Einzelnen (ein Neurologe erhielt vor ca. 20 Jahren fast das Doppelte pro Patient wie heute – die Inflation noch nicht mitgerechnet!) und sind deshalb gezwungen immer mehr Patienten in der gleichen Zeit zu behandeln. Die rechtlichen Vorgaben, welche Therapieformen von der „Kasse“ überhaupt noch bezahlt werden werden immer enger und unüberschaubarer und das hat sich mit der aktuellen Gesundheitsreform noch verschärft.

Diese Entwicklungen treiben die Patienten scharenweise in die Hände von „Behandlern“, die außerhalb des Kassenarztsystems, sei  es als Ärzte, Heilpraktiker oder andere „Heiler“ wie Pilze aus dem Boden sprießen. Dabei bieten sie verschiedenste Methoden der „alternativen Medizin“ an. Diese wird als „gute, sanfte und meist nebenwirkungsfreie Medizin“ beworben und auch gut „verkauft“.

Unter dem schönen Begriff „Ganzheitsmedizin“ wird meist ein Gesamtpaket an verschiedensten mehr oder weniger umstrittenen Leistungen angeboten. Da diese meist teuer verkauft werden, haben die Behandler deutlich mehr Zeit für den Einzelnen und können sich diesem besser und intensiver zuwenden. Ein Effekt, der wesentlich zu den teilweise ja nicht bestreitbaren Erfolgen dieser Behandler beiträgt. Man weiß dies mittlerweile aus Untersuchungen zur Komplementärmedizin und zum Placeboeffekt.

 Übersehen wird dabei ein großes Problem: der alternative Heiler muss von seiner Arbeit meist leben und kann es sich deshalb selten leisten, Leute, die ihn aufsuchen abzuweisen. Dies führt dazu, dass die Behandlungsverfahren, die der Betreffende anwendet, meist für ein breites Spektrum von Krankheiten bzw. Symptomen oder Beschwerden für geeignet erklärt werden und teilweise Versprechungen gemacht werden, die dann jeder Seriosität entbehren (s. mein letzter Artikel). Da fängt es dann an, dass Patienten zu Opfern werden und Ganzheitsmedizin zur ganzheitlichen Abzocke wird.

 Ich habe selbst in einem solchen „Zentrum für ganzheitliche Medizin“ für einige Wochen gearbeitet. Bei den monatlichen ärztlichen Besprechungen ging es nie um Verbesserung der medizinischen Versorgung, sondern nur um neue Geschäftsfelder, Möglichkeiten, sich Patienten gegenseitig zuzuweisen, Verbesserung des Marketings etc….

Die Patienten, Privatversicherte oder Selbstzahler, bekamen für eine Behandlung meist Rechnungen zwischen 200 und 600€ und wurden munter quer durchs Haus überwiesen, weil da im ganzheitlichen Sinn, ja noch soviel nicht in Ordnung sei. Fast jeder hatte einen Darmpilz und eine Amalgamvergiftung und selbstverständlich eine blockierte Halswirbelsäule, die an allem Schuld war und die ganz oft „eingerenkt“ werden musste. Einmal „Knick-knack“ ist mehr wert als 20 Minuten Anamnese.

Nachdem ich dann auch noch mehrfach aufgefordert wurde, wenigstens „irgendwas zu spritzen“ oder ein paar Akupunkturnadeln zu setzen, da meine Abrechnungen einfach zu billig seien, habe ich das Haus angewidert nach kurzer Zeit verlassen.

Der ärztliche Leiter war überrascht und gekränkt und belächelte mich mitleidig, als ich erklärte ich möchte lieber in einer „Kassenarztpraxis“ versuchen Schulmedizin und Komplementärmedizin zu vereinen. Wörtlich bezeichnete er es als unverständlich, dass ich mir diese Chance bei ihm zu arbeiten entgehen ließe, da er hier doch quasi eine „Gelddruckmaschine“ betreibe.

Finanziell würde es mir aktuell sicher besser gehen, wenn ich dort geblieben wäre. Ich hätte in meiner Wohnung aber längst alle Spiegel abgehängt.

 Wenn ein Kassenarzt wieder für eine vernünftige, seriöse Medizin anständig bezahlt werden würde, dann kämen viele nicht auf die Idee nebenher – quasi als Bauchladen – irgendwelche Selbstzahlerleistungen von fragwürdiger Qualität anzubieten, um sich über Wasser zu halten. Und die oben beschriebenen „Ganzheitsmediziner“ hätte auch nicht mehr ein so leichtes Spiel mit ihren Opfern.

Die Medien aber dreschen lieber weiter auf die Kassenärzte ein, weil es scheinbar in Mode ist.

P.S.: Gleichzeitig werden durch solche „alternative Behandler“ eigentlich seriöse alternative Verfahren und auch die vielen seriösen Naturheilmediziner in Misskredit gebracht.

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4 responses to this post.

  1. Posted by Benedicta on 19. Juli 2009 at 3:49 pm

    Ich denke, dass die Gesundheitsreform wirklich *versucht*, was gegen Scharlatane (dazu gehören für mich auch Abrechnungsbetrüger – auch die gibt es nämlich) zu tun. Dass das ne wirksame Methode ist, hab ich ja nie behauptet.

    „Ganzheitsmedizin“ wird übrigens auch als Schimpfwort benutzt – genau so, wie Sie es in Ihrem Artikel beschreiben, eben weil es einige gibt, die es als Gelddruckmaschine missbrauchen.
    Mit der Verschränkung, die ich meinte, ist aber z.B. das gemeint was kelef zum letzten Artikel kommentierte, oder auch das, was Sie ja schreiben: „ich möchte lieber in einer „Kassenarztpraxis“ versuchen Schulmedizin und Komplementärmedizin zu vereinen.“
    Ich schätze, das Problem ist, dass man mit den sinnvollen alternativen Ergänzungen oft nichts verdienen kann – es ist lukrativer (für den Arzt), einem Asthmakind diese und jene zusätzliche Behandlung zu verschreiben, als schlicht und einfach „Blockflötenunterricht“ zu raten…
    (viele Patienten wollen das aber auch nicht – Blockflötenunterricht für Asthmakinder würde ja Initiative der Eltern bedeuten, statt „ich geb mein Kind zur Reparatur beim Arzt ab“)

    Antwort

  2. Treffender als in diesem Artikel kann man es nicht ausdrücken – Danke! Unsere heutige Welt will betrogen werden, weil nur der – mit Mitteln der Presse und der Werbung – Überzeugte auch mit dem Erhaltenen zufrieden ist. Eigene Meinung und Erkenntnis sind heute offenbar verboten, für alles braucht man den „Spezialisten“, selbst wenn der selbst ernannt und in Wirklichkeit ein Betrüger ist! Dass sich gerade die Presse so zum Moralapostel aufspielt ist dabei noch besonders schräg, da gerade sie davon lebt, dass sie für die „Betrüger“die Werbung macht!

    Der Fehler der Medizin ist, dass sie – irrigerweise, da sie annimmt, die ärztliche Schweigepflicht beziehe sich nicht nur auf die Patientendaten, sondern auch auf die Erfolge und Leistungen – keine „Werbung“ (genau genommen PR und Marketing) macht und dabei allen anderen (Scharlatanen wie Nörglern) ein freies Feld überlässt.

    Wer das Ansehen der Medizin in anderen (z.B.dritte-Welt-Ländern, aber auch Industriestaaten) ansieht, deren Werbung (hauswandhohe Hinweise auf Praxis, medizinisches Angebot, z.T. sogar Preise für spezielle Leistungen) und deren Preise (im Vergleich zum jeweiligen Druchschnittseinkommen) , kann sich nur über die maßlose Selbstbeschränkung der deutschen Medizin (als „Seriosität“ und „soziale Verantwortung“ miss-interpretiert) wundern!

    In Wirklichkeit ist es nichts anderes als Feigheit! Wo jede andere Branche stolz auf ihre Leistungen ist, sie in die Welt hinausposaunt und mit (berechtigter) Kritik umgehen kann, da sind die Verantwortlichen der Medizin (Ärztekammern, Kassenärztliche Vereinigungen, berufspolitische Verbände) zu feige um Tacheles zu reden, denn das hieße natürlich, auch die schwarzen Schafe in den eigenen Reihen anzuprangern. Wenn aber gerade die schwarzen Schafe die Spitzen in den o.g.Gremien darstellen…., dann müssten wir andere Leute dahin berufen. Aber wir sind ja leider bei der Arbeit, haben selbst keine Zeit für so etwas und wir haben auch kein Geld, uns seriöse und erfolgreiche Leute zu finanzieren! Tschüss, das war’s das dann also!

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  3. […] hänge am Arztsein, alternative Berufe stehen mir als 40+ nicht mehr zur Verfügung und putzen mit Schlaganfall wollte ich am Ende […]

    Antwort

  4. Als zweifache Mutter habe ich einen Petitionsentwurf online gestellt, nach dem es Heilpraktikern, Geistheilern etc. in Zukunft zumindest untersagt sein soll, Minderjährige und betreute Personen zu behandeln. Evtl. haben Sie Interesse daran, Ihren Input beizutragen, bevor die endgültige Fassung nächste Woche an den Petitionsausschuß des Bundestages geht?

    http://www.rueckspiegel.org/index.php/site/comments/da_muss_etwas_geschehen/

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