Ärztehatz zum Wochenstart oder Gleichschaltung der Medien wie zu schlimmsten Zeiten


Die Woche  fängt ja gut an…

… auf Spiegel online wieder mal ein Artikel zum Thema Dr. Geldgier, überschrieben mit „Krankhafte Geldgier“.
http://www.spiegel.de/spiegelwissen/0,1518,633423,00.html

Da wird dann von Patienten berichtet, die von Ärzten abgewiesen worden seien, da eine zweite Behandlung nicht bezahlt werde … etc.

Und alle, die aufgrund der Ärzteproteste um ihre Macht bangen dürfen munter drauf losschlagen:

„Die Patienten werden in Geiselhaft genommen…“ Willi Zylajew, pflegepolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion

Von einer „üblen Abzocke“ spricht Wilfried Jacobs, Vorstandsvorsitzender der AOK Rheinland/Hamburg.

„Ärztekritiker“ Lauterbach (SPD, Aufsichtsratsmitglied der Rhön-Kliniken!) sehe nur einen Weg „um Kranke vor „Halsabschneidern in Weiß“ zu schützen: eine Art Pranger für die Abzocker!“

Nebenbei wird auch erwähnt, dass ein Orthopäde derzeit ca. 30€ für eine komplette Quartalsversorgung eines Patienten erhält. Dies wird aber nicht kritisch beleuchtet, sondern gleich werden wieder Statistiken heruasgekramt, dass Ärzte ja 100 000€ im Schnitt verdienen (Brutto? Netto? Umsatz? Gewinn vor Steuern? Abzüge für Kredit und Rückstellungen für Neuanschaffungen in der Praxis berücksichtigt? Risikorückstellungen für Totalausfall durch Krankheit berücksichtigt?… muss man nicht erwähnen, die Zahl allein wirkt viel besser).

Aufgehängt wird der Artikel an reisserischen Beispielen von Patienten, die ein zweites Mal pro Quartal zum selben Arzt gehen und dort schlecht oder gar nicht mehr behandelt wurden. Das ist sicherlich empörend, aber mit keinem Wort wird kritisch hinterfragt, warum das momentan so ist:

30€ für eine ärztlich qualifizierte Behandlung von 3 Monaten – egal wie oft der Patient kommt:
– wenn Sie sich Anfang Juli die Schulter ausrenken (3 Arztbesuche) … all inclusive
– Ende Juli beim Bergwandern den Knöchel brechen … all inclusive
– im September der Rücken schmerzt … all inclusive
Sie können 100 Mal pro Quartal kommen: 30€ all inclusive !!!

Es ist ein Skandal, wenn wirklich schwerstkranke, dringend Behandlungsbedürftige abgewiesen werden. Das war noch nie und ist auch heute nicht korrekt, denn das kann man nie, nie, nie mit seinem ärztlichen Berufsethos vereinbaren.

Aber der noch größere Skandal ist, dass die oben genannte Entwicklung von der Politik gezielt so beabsichtigt ist (Lauterbach sprach schon im November 2008 davon, dass die Fachärzte die Verlierer der Reform sein werden) und jetzt so getan wird, als ob die Ärzte aus reiner Geldgier handelten.

Geht heute zu Eurer Autowerkstätte, lasst für 30€ einen Rundum-Check machen und kündigt dann dem Werkstattmeister an, dass Ihr davon ausgeht, dass Ihr bis Ende September jegliche weitere Reparatur umsonst bekommen wollt, selbst wenn Ihr nächste Woche einen Totalschaden baut.

Geht heute Abend zum Italiener, legt 30€ auf den Tisch und sagt, ihr wollt dafür heute die Speisekarte rauf und runter essen und überhaupt bis Ende September so oft kommen, wie ihr wollt. Selbstverständlich ohne erneut zu bezahlen.

Merkt Ihr, wie pervers das System geworden ist?

Die heisse Phase des Wahlkampfs beginnt und die Regierungspropaganda in den gleichgeschalteten Medien rollt …

P.S.: Ich habe der Süddeutschen Zeitzung schon vor Monaten meine persönlichen Zahlen genannt – nicht einmal eine Antwort habe ich erhalten, geschweige denn, dass sie veröffentlicht wurden. Es hat wohl nicht so in den „mainstream“ vom geldgeilen, porschefahrenden Yacht- und Villenbesitzer gepasst.

 

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7 responses to this post.

  1. das wär doch mal was, wenn Moralpharisäer Lauterbach zum heuligen Nikolaus mutieren würde und allen halsabgeschnittenen Patienten eine kostenlose Behandlung (nach Vorstellungen, Wunsch undUmfang des Patienten) in den Rhön-Kliniken spendieren würde! Bei den Gewinnen (siehe Bilanz der Rhönklinik-AG) müsste das doch machbar sein!

    Antwort

  2. Posted by bored on 22. Juli 2009 at 12:56 am

    ja, es ist ein elend. aber der blog liest sich langsam lahm. sorry, ich kenne keinen arzt, der letztens hartz IV beantragen musste. aber viele die meckern. ich persönlich kann mir als freiberufler jetzt die blöde krankenversicherung nicht mehr leisten und komme so in näherer zukunft auch mit dem berufsstand auch nicht mehr in berührung vorher übrigens auch seit jahren nicht, aber hoffentlich hat im rahmen der solidarität irgendeiner der’s braucht von meinen beiträgen profitiert.
    und zu den ärzten möcht ich rufen: organisiert’s euch halt. die patienten werden es nicht für euch tun. wenn die motivation zur aktion noch nicht da ist, dann sind halt zuviele kaminstudien noch auszufüllen, zuviele zuckerl-kongresse zu besuchen. die krux ist doch, dass ein nicht bestechlicher arzt kein auskommen mehr hat. da die meisten ihr auskommen noch zu finden scheinen, naja so what’s new?

    Antwort

  3. Posted by drgeldgier on 22. Juli 2009 at 6:48 am

    Kann Deinen Frust verstehen und Deine Einwände sind berechtigt. Es gibt auch in unserer Gruppe immer noch viele, die vom System profitieren und sich mehr um ihr Marketing, als die Patienten kümmern. Ein bißchen sollte das hier im Blog auch rüberkommen. Aber wahrscheinlich hast Du recht: die Patienten werden es erst dann merken, wenn der „Arzt um die Ecke“ weg ist und sie dann plötzlich in die nächste größere Stadt 70km weit fahren müssen, um in einem elegant eingerichteten Riesenzentrum mit Springbrunnen im Foyer und Internetlounge jedes Mal von einem anderen Facharzt behandelt werden.
    Danke für den ehrlichen Kommentar, auch zum Thema Eintönigkeit – werde mich rarer machen.

    Antwort

    • Posted by Benedicta on 22. Juli 2009 at 5:41 pm

      Der „Arzt um die Ecke“ hätte meine Großeltern mehrfach beinahe um eben diese Ecke gebracht, während die Behandlung im Zentrum der nächsten Stadt erstklassig war.

      Meine Oma ist regelmäßig zur Behandlung ihrer seltenen chronischen Krankheit mehrere 100 km ins entsprechende Forschungszentrum gefahren – weil die Klinik vor Ort damit überfordert war.
      Und: das war gut so, denn das Forschungszentrum konnte ihr noch viele Jahre geben, während die Klinik vor Ort über Jahre hinweg aus purer Unwissenheit nur gepfuscht hat.

      Du kannst nicht drauf warten, dass die Patienten dir deinen A**** hinterhertragen. Das wird nicht passieren. Und wenn’s doch passiert, geht’s sicher nicht in die Richtung die du gerne hättest. Also: selbst aktiv werden – und zwar konstruktiv, also ein bisschen mehr als nur Motzen.

      Antwort

  4. Posted by drgeldgier on 22. Juli 2009 at 7:51 pm

    Soso die Oma. Und wie ist sie da hingekommen, die Oma? Also ich habe sehr viele Patienten, die aufgrund ihrer Erkrankung weder in der Lage sind mit dem Auto so weit zu fahren, noch ein öffentliches Verkehrsmittel zu benutzen. Wenn sie dann keine Angehörigen haben, die sie „mehrere 100km weit ins entsprechende Forschungszentrum fahren“, dann sieht es schlecht aus. Das sind nicht nur die „Alten“, sondern z.B. auch jeder Epilepsiepatient, der noch nicht ein Jahr anfallsfrei ist!

    Abgesehen davon geht es hier nicht um den geringen Bruchteil der Erkrankungen, die so selten und speziell sind, dass man als „Wald-und-Wiesen-Facharzt“ damit nicht zurechtkommt (da fällt mir kein Zacken aus der Krone, die auch 100km weit in eine Uni-Klinik zu schicken), sondern um die Patienten, die ganz banale neurologische oder sonstige Erkrankungen haben und die machen mehr als 95% aus.

    Leider werden diese aber vom Hausarzt oft nicht richtig erkannt und noch seltener richtig behandelt. Ich habe vor einigen Jahren in dieser Kleinstadt die Praxis komplett neu gegründet. Ich, besser die von mir eingeleitete Therapie, hat zum Beispiel jahrelang kaum mehr gehfähige Patienten wieder zum Laufen gebracht (nein nicht Lazaruskrankheit, sondern Parkinsonkrankheit, bin ja auch nicht Jesus).

    Und eins noch: glaub mir, ich bin sehr aktiv und verlege mich nicht nur aufs „Motzen“ hier im Blog, sondern ich bin sowohl parteipolitisch, als auch gesundheitspolitisch ziemlich tätig. Zudem versuche ich auch mit aller Macht meinen Standort zu retten und Kooperationen mit Kollegen zu suchen, die ähnlich denken.

    Aber verbiegen und plötzlich aus pekuniären Gründen gegen meine Überzeugung zu handeln, werde ich definitiv nicht. Da geh ich dann lieber in die Schweiz.

    Antwort

  5. Posted by Benedicta on 22. Juli 2009 at 9:01 pm

    Gut, dass du dich engagierst. Der Teil kommt im Blog nämlich nicht wirklich rüber.
    Dabei wäre das mit Sicherheit auch interessant.

    (Wobei mir durchaus schon klar geworden ist, dass du deine ärztliche Berufung ernst nimmst :))

    Antwort

  6. Posted by drgeldgier on 22. Juli 2009 at 9:49 pm

    Ich kann hier bei manchen Dingen leider nicht ins Detail gehen, weil ich vor allem im Interesse meiner Patienten die Anonymität wahren will und muss.
    Nur soviel: ich bin seit ca. 6 Monaten einer Partei beigetreten, engagiere mich dort auch gesundheitspolitisch seither, stehe vor allem via www in engem Kontakt mit vielen KollegInnen und Kollegen, die auch am Widerstand der „Basis“ arbeiten. Vielleicht wirklich mal mehr darüber hier, … aber eben leider nicht zu detailiert. Sorry.

    Antwort

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