Arzneikosten – ein weiteres Damoklesschwert


Vergangene Woche war wieder mal die „Arzneikostentrendmeldung“ der kassenärztlichen Vereinigung in der Post.

Was das ist?
Man bekommt einmal pro Quartal eine Statistik über die Kosten der von der Praxis (also mir) verordneten Arzneimittel – allerdings mit ca. 3-6 Monaten Verspätung.

Also im 1. Quartal 2009 liest sich das so:
ich habe 188€ Medikamente pro „Fall“ verordnet; damit liege ich 9,05% über dem Durchschnitt aller Neurologen meines Bundeslandes.
Diese 9,05 ist fett und rot!

Warum?
Wenn diese fette rote Zahl 25% und mehr bedeutet, dann bekomme ich einen sogenannten Regress an den Hals. Das heißt im Klartext: ich muss einen Teil der Medikamente, die ich verordnet habe aus meiner Tasche bezahlen, falls ich nicht erklären kann, warum ich so weit über dem Durchschnitt liege.

Das Problem meiner Praxis:
Ich habe zum Beispiel sehr viele PatientInnen mit Multipler Sklerose, die zumeist Medikamente bekommen, die pro Monat ca. 1500€ kosten. Auch Parkinson- und Alzheimer-Patienten sind so gesehen sehr teuer.

Früher – bis Ende 2008 – waren diese sehr teuren, modernen Medikamente in einem Extrabudget und deshalb drohte keine Regressgefahr.

Bei den „restlichen“ Arzneimittel lag ich immer 30-45% unter dem Schnitt, was zeigt, dass ich ansonsten nicht ein Verordnungswütiger bin.

Was tun?
Ich kann nur hoffen, dass ich nicht noch mehr schwerkranke Patienten mit MS oder Parkinson bekomme, sonst wird es eng und das Damokles-Schwert Arzneimittelregress schlägt zu
oder…
… ich höre auf, meine MS-Patienten leitliniengemäß zu behandeln und verordne uralte, aber kostengünstige Medikamente, die einem die KV auch ständig versucht schmackhaft zu machen. Ist das nicht Wahnsinn?

Ein befreundeter Kollege ist gerade in so einen Regress verwickelt. Die Summe beträgt über 200 000€, die er da zahlen soll. Er schläft seit Monaten schlecht, arbeitet in seiner Praxis nur noch Teilzeit und hat sich noch zusätzlich einen anderen Job gesucht, um Geld zu verdienen. Tolle Karriere von Dr. Geldgeil, was?

Noch perverser ist: wenn Ihr bei Eurer Krankenkasse fragt, ob dieses oder jenes Medikament bezahlt wird, werdet Ihr immer hören: selbstverständlich zahlen wir das, wenn Ihr Arzt Ihnen das verordnet.

Merkt Ihr, wie verlogen und krank das System ist?
Ihr als Patienten wisst doch nie, ob der Arzt Euch das verschreibt, wovon er überzeugt ist, oder das verschreibt, was er sich noch leisten kann – damit er keinen Regress bezahlen muss.

Wie schön haben es da Manager der Banken oder Autofirmen. Wenn die Mist machen, gehen sie mit einer horrenden Abfindung in den Ruhestand oder zum nächsten Job.

 

Advertisements

8 responses to this post.

  1. Posted by Benedicta on 27. Juli 2009 at 1:54 pm

    Sag mal – wenn diese Mehrkosten eben durch die Krankheiten deiner Patienten verursacht werden, dann IST das doch eine Begründung. Wo ist denn dann das Problem?

    Antwort

  2. Posted by drgeldgier on 27. Juli 2009 at 2:03 pm

    Hallo,
    Du musst begründen, dass genau Deine Praxis beispielsweise mehr MS-Patienten versorgt, als andere Patienten. Das ist aber nicht einfach, denn es gibt hierzu keine verlässlichen Statistiken. Es bleibt also nichts anderes übrig, als sich dann hinzusetzen und ca. 1500 Rezepte pro Quartal zu durchforsten und peinlichst genau aufzulisten, wer, was, warum und wieso so teuer etc. verordnet bekam.
    Mein Bekannter hat dafür – mit Hilfe eines teuren Anwalts – Wochen benötigt. Das Verfahren ist seit Monaten in der Schwebe. Allein diese Nervenanspannung ist eine Frechheit.
    Es gibt kein anderes Land in dem ein Arzt notfalls die Medikamente für seine Patienten im Nachhinein selbst bezahlen muss.

    Antwort

  3. Posted by Benedicta on 27. Juli 2009 at 3:36 pm

    Muss man das echt von Hand machen? Das ist ja mega-nervig.

    Mal so ins Blaue hinein: Du hast doch vermutlich eh ne Praxis-Software, über die Patienten, Termine, Rezepte und so verwaltet werden. Rein theoretisch müsste es doch möglich sein, die Statistiken aus den entsprechenden Datenbanken zu generieren?
    Hmm. Ich wittere eine Marktlücke… *gg*

    Antwort

    • Posted by drgeldgier on 27. Juli 2009 at 3:48 pm

      Man kann die Rezepte schon geordnet z.B. nach Substanzen suchen, aber es bleibt einem dennoch nicht erspart, jedes einzelne dann individuell zu begründen. Und wie gesagt – es liegen keine Vergleichsstatistiken vor. Dies wäre eigentlich eine zu erwartende Service-Leistung von Seiten der KV, aber die gibt es nicht.

      Im Gegenteil es ist noch viel schlimmer, als Du Dir vorstellen kannst. Du haftest für das Medikament, das der Apotheker herausgibt. Wenn Du also auf Deinem Rezept ein billigeres Nachahmerpräparat verordnet hast (Generikum) und der Apotheker, weil er nichts anderes da hat, ein teures Originalpräparat herausgibt, dann belastet dies Dein Budget, ohne dass Du Dir dessen bewußt bist.

      Was an Deinen Kommentaren frustrierend ist, ist dass Du Dir über die logistischen Dinge Gedanken machst, aber überhaupt nicht dazu, wie paradox es ist, ein Arzt-Patienten-Vertrauensverhältnis dadurch zu belasten, dass der Arzt Regressdruck hat und dem Patienten vorgegaukelt wird „jedes Medikament“, das der Arzt aufschreibt werde bezahlt.

      Antwort

      • Posted by Benedicta on 27. Juli 2009 at 5:38 pm

        Naja, das ist auch irgendwie logisch: ich bin Informatikerin, an der Logistik könnte ich was tun (mal ganz davon abgesehen, dass das einfach der Aspekt an der Geschichte ist, den ich am besten verstehe).

        Im Übrigen: als Patient weiß ich auch nie, ob mir ein Arzt ein Medikament verschreibt, weil er davon überzeugt ist, oder weil er vom Hersteller des Medikaments geschmiert wird, oder weil er es im Studium (vor 50 Jahren) so gelernt hat und seither keine Weiterbildung besucht hat…
        Arzt-Vertrauen ist eine Einzelfallentscheidung. Entweder, der Arzt zeigt durch sein Verhalten, dass mein Vertrauen gerechtfertigt ist – oder eben nicht.

        Und dass man die Entscheidung für ein bestimmtes Medikament begründen muss, finde ich sogar gut. In meinem Fach muss auch jede Design-Entscheidung begründet (und dokumentiert) werden – aus dem einfachen Grund, dass sich jede solche Frage im Entwicklungsprozess nochmal stellt und man dann Zeit spart, wenn man noch weiß warum man sich schonmal anders entschieden hat. Nur – sinnvollerweise sollte diese Begründung halt nicht im nachhinein erfolgen, sondern schon da, wo die Entscheidung getroffen wird. Hinterher hat man a) den Nutzen nicht und b) viel mehr Aufwand, die Entscheidungsgrundlage zu rekonstruieren.

        Antwort

      • Hm? Also dann entscheidet der Apotheker über den Geldbeutel des Arztes? Oder am Ende der Patient selbst, wenn der Apotheker fragt „Darfs denn ein bissel mehr sein auch ein AB der Marke xyz sein..?

        Schönes Blog übrigens, ein richtiger Blutdruckmacher..

        Antwort

  4. Posted by Dr. Ausgewandert on 9. August 2009 at 12:47 am

    Liebe Benedicta,
    das ganze System ist so komplex und widersinnig, dass wir sicherlich mehrere Stunde3n darüber diskutiren müssten – und dann würdest Du verärgert von „Dr. Geldgier“ oder mir immer noch schriftliche Belege über unsere Aussagen verlangen, weil Du nicht glauben wirst. Es handelt sich nicht um eine Sachlogik, sondern um ein durch jahrzehntelange Eingriffe völlig pervertiertes System, dessen Logik nur noch in der eigenen Existenzsicherung besteht.
    Ich habe Deutschland 2006 verlassen, nachdem ich wenige Jahre zuvor einen Regress über 1.300.000 DM erhalten hatte (dieselbe Fachrichtung wie der Kollege hier mit 450 Parkinson-Patienten und 80 MS-Patienten, die auf eins der neuen und recht effizienten Medikamente gegen diese schwer behindernde und zumeist junge Menschen betreffende Krankheit eingestellt waren. Ich musste trotz Praxis-EDV und guter Kenntnisse um diese Prozeduren viele Abende um die Ohren geschlagen, eine Woche die Praxis dichtmachen und einen berufspolitisch erfahrenen Kollegen einspannen, um meine Verteidigung vorzubereiten – die Monate mit Existenzangst und schlechtem Schlaf kannst Du Dir kaum vorstellen. Ich bin als Folge schwer erkrankt und bin schwerbehindert. Trotz der Aussage des Ausschussvorsitzenden kam ich 2005 wieder in die Prüfung, weil sich die „Abgreif“(I!!)-methodik geändert hatte. Nachdem ich schon drei Jahre im Nicht-EU-Ausland wohnte, musste ich im Februar 2009 noch einmal nach Deutschland reisen, um das Schlimmste abzuwenden.
    Ich bin ausgewandert, nachdem durch einen durch das System verursachten massiven Umsatzrückgang in kurzer Zeit nicht nur meine ganzen Rücklagen inklusive Wohnung verloren waren, sondern auch Honorarrückforderungen der kassenärztlichen Vereinigungen kamen, die meinen Umsatz auf die Zeit meiner Praxiseröffnung 1983 fallen ließen. Diese Forderungen zahle ich mit in einem anderen Land erzielten Einkommen ab – mit dem aus meiner deutschen Praxis hätte ich es nie geschafft.

    So. Natürlich muss man überprüfen, ob man nicht über den Tisch gezogen wird. Aber es scheint auch Dir so zu gehen, dass Ärzte zu einer ganz besonderen Art von Betrügern gehören. Während Du – wie ich annehme – den meisten Herstellern von Soft- und Hardware vertraust, im Netz bist, ohne stets gleich an Viren, Trojaner, Spyware anderer Art und wohl wählen gehst, obgleich Du schon mehrfach nicht eingehaltene Wahlversprechen erlebt hast, eigentlich vor Schäuble und von der Leyen Angst haben müsstest, so nimmst Du für Ärzte gleich schlechte Vorsätze an: sich von Pharma schmieren zu lassen und nichts neues dazulernen zu wollen. Das erste wird wohl den Doc sehr teuer zu stehen kommen (Stichwort Regress – s.o.), viel mehr, als einige Billigkugelschreiber oder schlimmstens das Tagungshotel kosten würden. Das zweite zeigt, dass Du ohne Sachkenntnisse („ich sage mal so…“) diskutierst, denn Ärzte sind verpflichte, sich jährlich mindestens 50 Stunden von den Ärztekammern anerkannte Fortbildung zu unterziehen. Die meisten tun mehr – ich hatte jährlich zwschen 110 und 150 anerkannte Stunden. Teil es durch 6, dann hast Du die Tage. Und da Du wohl nicht zu einem 85-jährigen Arzt gehst, wird er wohl nicht 50 Jahre praktiziert haben. Bitte sei so sachlich, wie Du willst, dass man Dich bewertet. Übrigens hat auch ein Arzt das Recht, sich seine Patienten nach seinem Vertrauen auszusuchen.

    Was die Entscheidung eines Arztes für eine bestimmte Behandlungsmethode betrifft, und dazu gehören unter anderem Medikamente (auch ein Verzicht auf eine spezielle Therapiemethode kann eine Behandlung sein), so untersteht das genauso wie bei Dir einem ständigen Dokumentations-, Wertungs- und Entscheidungsprozess. Das ist nicht nur allein sinnvoll, sondern der Arzt hat eine gesetzlich festgelegte Dokumentationspflicht. Du willst hier wohl Eulen nach Athen tragen – das scheint mir aber unnötig. Im Fall eines angenommenen Fehlers hat der Arzt seine Unterlagen einer Schiedskommission unter Vorsitz eines Richters vorzulegen, andere, mitbehandelnde Ärzte gleichfalls, und schon da, nicht erst im Strafprozess, ist es sinnvoll, eine vollständige Dokumentation vorzulegen.

    Ich gebe Dir zu, dass es schlechte Ärzte gibt. Aber wo auf der Welt, in welchem Beruf gibt es keine Schlamper und Stümper oder Bösewichte?
    Aber meinen Sie nicht auch, dass, wenn eine Gesellschaft eine ihrer Gruppen schlechtmacht und sie in ihrer Existenz gefährdet, nur moch die übrigbleiben, die ehrlos genug sind, sich durch diese unerträgliche Situation durchzuschummeln?
    Ich bin nicht der einzige deutsche Spezialist an meinem Arbeitsplatz. Hat Deutschland so viel Geld, teure Fachkräfte auszubilden, sie faktisch aus dem Land zu jagen, und dann andere aus anderen Ländern abzuwerben?

    Ich bitte Dich, einmal tiefer über das Thema nachzudenken. Danke für Deinen guten Willen.

    Antwort

  5. Posted by cohen on 11. August 2009 at 8:43 am

    Das passt wahrscheinlich am besten hierher.
    Gerade gestern drüber gestolpert:

    Beim Risperidon 4mg 100 St. Tabletten reichen die Preise von ca. 34 Euro bis zu kanpp 600 Euro. So krass habe ich das noch nie erlebt. Falls das interessant ist, kann ich per e-mail eine Liste schicken. Ich will hier keine Werbung für irgendwelche Firmen machen, aber damit könnte man sicher den Durchschnitt noch ein bisschen drücken.

    Das bedeutet auch für die Patienten weniger Zuzahlung ( 5 statt 10 Euro).

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: