Unser krankes Gesundheitssystem – Teil 2


Gewinner oder Verlierer – warum?

Wieso gibt es aktuell unter den Ärzten sowohl Gewinner, als auch Verlierer der „Gesundheitsreform“???

Grund 1:
Es wurde (vom Gesundheitsministerium, den Kassen und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung) bestimmt, dass bestimmte Regionen (v.a. die neuen Bundesländer) und bestimmte Facharztgruppen (z.B. Laborärzte und Pathologen – also sinnigerweise Ärzte ohne Patientenkontakt) und die Hausärzte (aktuell geschlossenste und daher „gefährlichste“ Berufsgruppe für die Machthaber) mehr bekommen sollen.

Dadurch bleibt logischerweise tendentiell für die anderen weniger

Grund 2:
Innerhalb einer Facharztgruppe wurde nun durch eine „3-Monats-Flatrate“ (auch „Fallwert“) genannt, eine weitgehend einheitliche Vergütung eingeführt, egal wie spezialisiert und wie ausgerüstet der Arzt.

Ein Beispiel:
Unter den Neurologen gibt es welche, die haben keinen Ultraschall, andere wiederum haben ein modernes Ultraschallgerät (Kostenpunkt 20-40 000€) zur Untersuchung der Blutversorgung des Gehirns (extrem wichtig zur Schlaganfallvorsorge, Schwindelabklärung, …).
Bisher erhielt der Arzt mit Ultraschall pro Patient dtl. mehr, als der ohne Ultraschall. Eigentlich auch logisch, denn alle paar Jahre muss das Ultraschallgerät erneuert werden und da das nicht vom Himmel fällt oder von Frau Schmidt bezahlt wird, sollte der Mehrumsatz zur Amortisierung beitragen.

Seit 01.01.09 ist es nun so, dass ALLE Neurologen pro „Fall“ einen Einheitspreis bekommen und das ist mehr oder weniger ein Mittelwert der bisherigen Werte. Gewinner sind dann die Ärzte, die eine technisch schlecht ausgestattete Praxis haben (s.o.) und viele Patienten „durchschleusen“.
Verlierer diejenigen, die hochwertige Diagnostik anbieten, diese nicht mehr bezahlt bekommen und auch noch weniger Patienten versorgen können, da der Ultraschall ja auch Zeit kostet.

Grund 3:
Dadurch, dass es Gewinner und Verlierer gibt, kann es im Durchschnitt sogar so aussehen, als würden alle Ärzte einer Fachgruppe Gewinner sein und die Bevölkerung ist beruhigt, bzw. sogar weiter überzeugt, dass die Ärzte wieder auf hohem Niveau jammern – schlau gemacht gell?

Und ist das nun alles so überraschend, wie vor allem die Politiker tun, die es verbrochen haben?

NEIN, defintiv nicht. Denn es ist nicht überraschend, sondern beabsichtigt.

Man muss nur die Aussagen des SPD-Vorzeige-Experten Prof. Dr. Lauterbach anlässlich eines Symposiums am 07.11.2008 in Hamburg ansehen:
(http://www.iv-hh.de/iv-2008/video.php?VideoName=versorgungsformen)

„…es wird natürlich zu einer Umverteilung kommen, klar zu Gunsten der neuen Bundesländer und klar zu Gunsten der Hausärzte im Vergleich zu den Fachärzten…“

„…innerhalb der Fachgruppen wird’s eine Umverteilung geben, die … sehr schwer also abzuschätzen ist, wo ich aber davon ausgehe, dass sagen wir mal der technische Aufwand sich in Zukunft weniger lohnt… …Das bestraft jeden, der ein sehr teures Verfahren anbietet“

Und warum?
Ganz einfach: die modernen, gut ausgestatteten Praxen sollen weg, damit die Versorgung an große Versorgungszentren an Krankenhäusern verlagert werden kann. Auch dies gibt Lauterbach offen zu:

„…Die niedergelassenen Ärzte werden mit dem neuen Honorarsystem ringen.  … Es gibt in jedem Markt nur eine begrenzte Zahl von Praxen, die zu haben sind. Das werden in erster Linie die Praxen sein in der Altersgruppe der  45- bis 55-jährigen Ärzte. Weil das sind Praxen, die zum Teil seeeehr hoch verschuldet sind, wo aber die Ärzte sehr gut verstehen, dass sie in 10, 15 Jahren diese Praxis nicht mehr teuer verkaufen können.  … Somit werden die 45-jährigen Ärzte darüber nachdenken, was ist das für eine dumme Situation. Ich hab jetzt die hohen Schulden und kann demnächst nicht mehr so wie heute die Praxis einigermaßen teuer verkaufen. …diese Facharztgruppe ist sehr offen für Verhandlungen mit medizinischen Versorgungszentren. Und das wird im nächsten Jahr auch eine große Rolle spielen, weil auch das also ein Markt ist, der nur einmal verteilt werden kann.“

Merkt Ihr, dass in diesen Ausführungen kein einziges Mal etwas über gute Versorgung und Patientenwohl geht? Stimmt. Darum geht es der Politik auch nicht!!!

Deshalb: Bürger schließt Euch zusammen gegen diesen Wahnsinn:
http://www.blogigo.de/Renate_Hartwig

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10 responses to this post.

  1. Posted by Benedicta on 2. August 2009 at 10:00 pm

    Warum muss denn jede Praxis die teure Apparatediagnostik anbieten?
    Einzusehen ist das eigentlich nicht.
    Das Auslagern der Apparatetechnik an Zentren halte ich sogar für durchaus sinnvoll. Die Betreuung bleibt bei den Ärzten vor Ort, die sich dadurch wieder auf die Patienten konzentrieren können, und die Apparatediagnostik wird von Spezialisten gemacht, wodurch die Fehlerquote deutlich sinkt. Außerdem werden die Apparate so besser ausgelastet und können dann auch öfter aktualisiert werden.
    Beim Brustkrebsscreening ist es ja z.B. so, dass ein großer Teil der falsch positiven Resultate darauf zurückgeführt werden kann, dass sich die diagnostizierenden Ärzte nicht gut genug mit der Technik auskennen.

    Ausgleich zwischen Regionen halte ich auch für sinnvoll. Schließlich dient es der optimalen Patientenversorgung nicht wirklich, wenn sich alle Ärzte auf Bayern konzentrieren, weil es da einfach mehr zu verdienen gibt als in Berlin…

    (Btw: Herr Lauterbach braucht dringend eine Grammatik-Auffrischung. „Weil das sind Praxen“ – AAAUUUUU!)

    Antwort

    • Posted by drgeldgier on 3. August 2009 at 7:23 am

      Hallo,
      wir reden hier nicht von spezieller Apparatediagnostik, sondern von einer Ultraschalluntersuchung, die zur Vorsorge von Herzinfarkt und Schlaganfall eigentlich jeder über 40 J. durchführen lassen sollte. Ich habe durch diese Untersuchung schon viele bisher unerkannte Befunde „herausgefischt“ und schon manchen Pat. vor diesen beiden Krankheiten bewahrt. Diese würden nie und nimmer extra für diese Untersuchung 70-80 km in ein Zentrum fahren. Es scheint Dir auch nicht bekannt zu sein, dass Bayern ein Flächenstaat ist. Es gibt Gegenden, da wäre das von Dir so hochgelobte „Zentrum mehr als 100km entfernt.
      Aber das kannst Du als Informatikerin nicht wissen.
      Kurzfristig gerechnet, ist es natürlich billiger, wenn diese Untersuchungen gar nicht gemacht werden. Langfristig sind die Folgekosten insbesondere von Schlaganfällen aber horrend.
      Sei mir nicht böse, aber langsam solltest Du Dir schon Gedanken darüber machen, ob Du Dich mit Deinen Gedanken zum Gesundheitswesen, als Aussenstehende nicht etwas zu weit aus dem Fenster lehnst. Ich maße mir auch nicht an, beispielsweise über die Größe und technische Ausstattung von Güllefäßern zu reden, nur weil ich weiß wie Gülle stinkt und mit vorstelle, dass wenige Gülle, besser für die Umwelt wäre. Die Landwirte und Landwirtschaftstechniker würden sich schön bedanken, wenn ich da mit schlauen Kommentaren käme.
      Dein letzter Kommentar, wie toll das alles wäre, wenn alle nur noch in Zentren behandelt werden würden, zeigt, wie naiv Deine Vorstellung dazu hier ist und wie wenig Du selbst betroffen zu sein scheinst.
      „Meine“ MS-Patienten beispielsweise schätzen es unendlich, dass sie hier vor Ort den Arzt ihres Vertrauens haben, der sie, mit ihrer Krankheitsgeschichte und ihrem sozialen Umfeld, bestens kennt und bei dem sie sich gut aufgehoben fühlen. Sicher ist das nicht messbar, aber diese Menschen wollen nicht in ein Mega-MVZ, in dem sie jedes Mal von einem anderen Arzt „behandelt“ werden, der sie nicht kennt. Und zum Thema „Ausgleich der Regionen“ sei nur gesagt, dass Lebenshaltungskosten und insbesondere Mieten hier in Bayern wesentlich höher sind als in anderen Regionen. In MV gibt es Gemeinden, die bieten Praxisräume kostenlos an, ich zahle über 2000 € pro Monat Miete.

      Antwort

  2. Posted by Benedicta on 3. August 2009 at 12:05 pm

    Fakt ist: wenn man keine Fragen stellt, lernt man auch nix dazu. Und dazu gehört für mich auch, meine Theorien zur Debatte zu stellen.

    „Das kannst du als Informatikerin nicht wissen“ – richtig, kann ich nicht. Und wenn es mir niemand verständlich erklärt, werde ich es auch nie wissen (und sorry, „du bist zu doof das zu verstehen“ ist *keine* verständliche Erklärung).
    Ich bin durch mein spezielles Arbeitsgebiet darin geschult, verschiedene Arbeitsgebiete zu vernetzen und Problemstellungen zu erfassen. Und daher weiß ich, dass ein pauschales „das geht eben nicht“ nur selten zu sinnvollen Lösungen führt.

    Außerdem haben wir glaub ich unterschiedliche Vorstellungen von „Zentren“. Für dich sind das Mega-Monstren, die sehr viel an sich ziehen und damit im Extremfall auch sehr weit entfernt sind.
    Ich sehe das etwas „abgestufter“ – z.B. könnte man vielleicht bestimmte Diagnostiken lokal bündeln – also beispielsweise ein Ultraschallgerät, dass sich drei Praxen teilen. Quasi eine Art „Car-Sharing“ (mein Zahnarzt z.B. macht sowas ähnliches im Bereich Implantologie).
    Ich sehe auch einen Unterschied zwischen ständig gebrauchter Technik und selten gebrauchter Technik. Eine Zahnarztpraxis kann z.B. nur schwer auf das Röntgengerät verzichten (wird häufig und zeitnah gebraucht), während ein Hausarzt es nicht wirklich braucht; genauso wird ein Gynäkologe den Ultraschall häufiger nutzen als ein Augenarzt.
    Da du ja selbst schreibst, dass es Neurologen ganz ohne Ultraschallgerät gibt, scheint das nicht zur Standard-Prozedur zu gehören. Und da stellt sich dann für mich eben die Frage, ob diese Untersuchung wirklich von dir gemacht werden muss (wohlgemerkt erstmal nur eine Frage – beantwortest du sie mir?).
    Klar ist es für die Patienten bequemer, wenn sie nur eine Anlaufstelle haben – aber deswegen würdest du ihnen trotzdem keine Zahnbehandlung anbieten, oder?

    Im Übrigen: ich bin keine „Außenstehende“ des Gesundheitssystems. Ich zahle Beiträge, also bin ich ein Teil dieses Systems. DU erwartest, dass sich deine Leser engagieren (zu deinen Gunsten) – also musst du auch erklären, warum sie das denn tun sollten.
    Ich finde deine Beiträge zwar interessant, aber leider oft wenig fundiert – sie enthalten deine Meinung, aber nur wenig Argumente die es mir ermöglichen, deine Meinung nachzuvollziehen oder sogar zu teilen – deshalb frage ich nach, und stelle auch andere Blickwinkel zur Debatte. ICH HOFFE, NACHVOLLZIEHBARE ARGUMENTE ZU HÖREN – und zwar egal, ob sie meinen Punkt bestätigen oder widerlegen. Es geht mir nicht darum, Recht zu behalten – es geht mir darum, die Sachargumente herauszufinden.

    Antwort

    • Posted by drgeldgier on 3. August 2009 at 12:17 pm

      Liebe Benedicta,
      danke für die ausführliche und bewußt sachlich gehaltene Antwort.
      Ich will versuchen, Dir konkrete Fakten zu liefern zur Versorgungswirklichkeit:
      ein Neurologe ohne Ultraschall ist in der heutigen Zeit eigentlich wie ein Informatiker, der immer noch mit Lochkartenmaschinen arbeitet. Es ist eigentlich mit die wichtigste und bedeutendste Untersuchung z.B. bei Schwindel, V.a. cerebrale Durchblutungsstörungen, …
      Das EEG, das ja immer mit dem Neurologen in Verbindung gebracht wird, wird massiv überbewertet und ist meist verzichtbar. Leider wird es aber von Hausärzten und Patienten beispielsweise zur Kopfschmerzabklärung quasi als Pflichtprogramm „erwartet“.
      Das Geräte-Sharing – da stimme ich Dir voll und ganz zu – ist betriebswirtschaftlich optimal und sinnvoll. Genauso natürlich wie Personal- und Raum-Sharing beispielsweise in einer Gemeinschaftspraxis.
      Aber es gibt halt ländliche Regionen, da wird sich kein zweiter mit Dir niederlassen, weil hier wenig Privatpatienten sind, die Region nicht attraktiv genug erscheint und vor allem die Bevölkerungsdichte nicht hoch genug ist. Dann bleibt Dir nichts anderes übrig als Einzelkämpfer zu sein.
      Aber bei all Deinen Argumenten dürfen wir einfach nicht vergessen, dass es sich hier nicht um irgeneinen Wirtschaftszweig handelt, sondern um die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung.
      Rein betriebswirtschaftlich optimal wären große Einheiten von Zentren mit Rund-um-die-Uhr-Service und optimaler Nutzung von Geräten, Raum und Personal.
      Aber wo bleibt dann der Patient? Das ist eben der Faktor, der eine 1:1 Übertragung sonstiger betriebswirtschaftlicher Argumente nicht so einfach auf die Medizin zulässt.

      Das wird aber von der Politik missachtet. Im Gegenteil: eine Gemeinschaftspraxis bekommt derzeit pro Arzt einen Zuschlag von 10% gegenüber einer Einzelpraxis. Als Belohnung, obwohl sie ja schon durch die Kostenreduktion bei Personal, Raum, … dtl. besser dasteht.
      Aber so soll halt der Markt bereinigt werden.

      Antwort

  3. Posted by Benedicta on 3. August 2009 at 1:35 pm

    Danke, das leuchtet ein 🙂

    (In der Politik sitzen eben auch keine Systemanalytiker – sonst würde da mit Sicherheit nicht ganz soviel Mist gebaut 😉
    „Systemanalyse“ im Sinne der Informatik ist übrigens nicht das pauschale Durchsetzen bestimmter Strukturen, sondern im Idealfall ein Abwägen zwischen Alternativen. Eine sinnvolle Abwägung zu finden, ist aber oft nicht einfach. Ich habe eben dieses – Systemanalyse – im letzten Semester unterrichtet, und musste meinen Studenten ganz oft sagen „kommt drauf an“. Denn sowohl ganz große Zentren sind ungünstig (Informatik: sehr große Einheiten = viel Code, viele unterschiedliche Zuständigkeiten = schlechte Wartbarkeit, schlechte Wiederverwendbarkeit = ineffizient) als auch ganz kleine (Informatik: sehr kleine Einheiten = wenig Zuständigkeiten, viel Vernetzung = viel Kommunikations- und Synchronisierungsaufwand = ineffizient). Das Optimum liegt oft dazwischen – und zwar nicht mit einem festen Wert, sondern meist sogar dynamisch. Das Mobilfunknetz ist da ein gutes Beispiel – eine Basisstation kann eine bestimmte Anzahl Mobilgeräte bedienen. In Großstädten, wo viele Geräte unterwegs sind, stehen die Basisstationen daher dichter als in ländlichen Regionen, wo wenige Geräte sind. Trotzdem müssen auch im ländlichen Raum die Masten dicht genug stehen, damit sie noch von Funksignalen erreicht werden können.

    Aus Informatik-Sicht geht es also letztlich um ein Struktur-Optimierungsproblem mit folgenden zentralen Aufgaben:
    – Kostenminimierung (Belastung des Gemeinwesens, der Arztes, des Patienten)
    – Wegeminimierung (Weg zum Arzt, evtl. dynamisch nach Facharzt – Hausarzt/Zahnarzt: kurze Wege, „normale“ Fachärzte: mittlere Wege, „spezialisierte“ Fachärzte (z.B. bei Sklerodermie oder ähnlich seltenen Krankheiten): längere Wege)
    – Abdeckung (möglichst konstante Arzt/Patienten-Rate)
    Zwischen Kosten- und Wegeminimierung besteht ein Tradeoff – d.h. man kann nicht beides gleichzeitig minimieren, denn wenn man massiv Kosten einsparen will hat man längere Wege und andersrum. I.d.R. gibt es dann irgendwo einen „Idealpunkt“, wo ein relatives Minimum beider Werte erreicht werden kann.
    Zusätzlich sehe ich noch ein internes Optimierungsproblem bei den Kosten – denn das Einsparen kurzfristiger Ausgaben zieht oft langfristig mehr Kosten nach sich.
    (Das ist der Unterschied zwischen Software-Engineering und BWL: Software-Engineering denkt langfristig und nachhaltig.)

    Der Haken an der ganzen schönen Analyse: Während ich ein Softwaresystem von Grund auf entwerfen kann, ist das Gesundheitssystem etwas Gewachsenes. Ich kann also nicht einfach tabula rasa machen und alles neu bauen, sondern muss versuchen das bestehende System in das „Idealsystem“ umzubauen. Und das geht über Anreize. Wie man die sinnvoll setzt – schwierige Frage. Gaaanz schwierige Frage O.o)

    Antwort

  4. @Benedicta, vielen Dank für den Exkurs in die Informatik – sehr aufschlussreich. Und ich finde es auch sehr gut, dass Du hier so engagiert mitdiskutierst, obwohl Dir – anscheinend – manches ziemlich gegen den Strich geht.

    Du schreibst ja selbst, wie ein System optimiert wird und dass nicht am Geld u n d an der Leistung gespart werden kann, sondern nur an einem. In der Medizin gilt dies genauso! Aber hier regieren nicht nur – wie in der Wirtschaft – die BWL-Hypothetiker, nein, in der Politik werden ihre Hypothesen von den Juristen auch noch mit Gesetzen untermauert!

    Du meinst, das Gesundheitssystem sei gewachsen und könne daher nicht so ohne weiteres geändert werden: richtig, das schafft die Politik nicht – mit all ihren weit über 100 Spargesetzen seit 1976. Aber andererseits, darf ich Dich daran erinnern wie Evolution entsteht? Das Erfolgreichste setzt sich durch! Wir haben im Gesundheitssystem seit inzwischen über hundert Jahren eine evolutionäre Entwicklung durchgemacht, da kann die Politk nichts dran deuteln!

    Was die Politik aber könnte, und daran wird sie auch nicht vorbei kommen (dürfen) , ist, die Ziele des Gesundheissystems zu ändern. Dann werden wir auch eine neues System bekommen, das sich – evolutionär – in den Jahrzehnten danach wieder optimieren wird.

    Aber die Poitik ist zu feige zu sagen „Lieber Bürger, so gehts nicht weiter! Zu Bismarck’s Zeiten hat der Rentner den Renteneintritt durchschnittlich um ca ¾ Jahre überlebt, heute überlebt er ihn über 20 Jahre. Zu Bismarck’s Zeiten gab‘ kein Röntgen, kein Ultraschall, kein EEG, kein CT , kein Kernspin- kein Spect, kein ………………. und es gab keine Therapie für Diabetes, für Rheuma, für Herzinfarkt, für Asthma, für chronische Bronchitis, für Parkinson, für Schlaganfall, für……….. Aber es gab pro erwerbstätigem Erwachsenen ca 10 Kinder, die später einmal die Rente zahlen hätten können (wenn nicht die Weltkriege dazwischen gekommen wären)“.

    Der von der Politik in zunehmend widerwärtigerer und verantwortungsloserer Weise hochgelobte und als gottgegeben hingestellte Generationenvertrag ist in der heutigen Form ein Verbrechen an der nächsten Generation – allerdings sind die Rentner ein nicht zu übergehender Wähleranteil, während Kinder ja (noch) keine (politische) Stimme haben!

    Und wie schreibst Du sehr richtig: Software-Engineering denkt nachhaltig, BWL (Ergänzung: und Politik) nicht. Auch Medizin, möchte ich ergänzen, denkt nachhaltig!

    Das Gesundheitssystem hat sich mit Einzel- und Gemeinschaftspraxis, mit einer optimalen Verteilung an medizinschen Geräten und Leistungsangeboten pro Fläche, mit einer vernünftigen Ethik und einer gesunden Einstellung über „medizinische Notwendigkeit“ und „nicht sinnhafte“ bis „unsinnige“ Leistungen und Ansprüche in den letzten hundert Jahren selbst optimiert. Die Ärzte haben dabei – von Alters her – auch immer an die sozial Schwachen gedacht und diese trotzdem nicht links liegen lassen. Nur die Politik will – als Vertreterin der Macht – die Sturktur und die Inhalte ändern, ohne dies aber zu verantworten.

    Leider besagt eine alte Weisheit, dass in etwa ein Drittel der Bevölkerung krank und zwei Drittel der Bevölkerung gesund sind. Damit haben, nach den Gesetzen der Demokratie, Kranke und Schwache nichts zu melden (und ebenso die Ärzte als diejenige Berufsgruppe, die sich um diesen Tei der Bevölkerung bemüht). Das könnte nur ein soziales Verantwortungsgefühlerrichen. Das, scheint es, ist unseren Politikern inzwischen aber gründlich abhanden gekommen. Die Denken doch auch nur noch wie Banker „Wann gibts die nächste Bonus-Auszahlung“.

    Abschließend eine Anregung: vergleiche doch mal Deine Ansichten über das Gesundheitssystem mit Deiner beruflichen Erfahrung und Deinem Wissen, und Du wirst erkennen, wie weit Du – obwohl sicher wesentlich intelligenter und kritischer als der Druchschnitt unserer Bevölkerung – der politischen Demagogie auf den Leim gegangen bist!

    Antwort

  5. Posted by Benedicta on 3. August 2009 at 6:24 pm

    Das Problem ist, dass auch die Infos von Ärzteverbänden „politische Demagogie“ sind, und sich oft genug widerlegen lassen. Das ist ja genau mein Problem – in der Flut an tendenziöser Information die Spreu vom Weizen zu trennen.
    Dabei gibt es zwei Aspekte zu betrachten:
    Einerseits *Fakten*, also Zahlen, Tatsachen, Abläufe und andererseits *Bewertungen*, also wie man diese Fakten einsortiert. Bei den Bewertungen bin ich z.B. nicht immer einverstanden (den Punkt „Gehalt“ hatten wir da ja schonmal).

    Würde ich meine berufliche Kompetenz dadrauf loslassen, dann würde ich erstmal alle Fakten sammeln, und sie dann sortieren. Wichtig ist dabei, dass man zuallererst die Kernpunkte erfasst und strukturiert – DANN kommen die Details dran. (Erster Fehler der Politik – die Verzetteln sich in Details, noch bevor die Kernpunkte klar sind. I.d.R. klarer Fall von Ablenkungsmanöver).
    Für die Optimierung muss festgelegt werden, unter welchen Aspekten sie passieren muss – hier greift die Regel „soviel wie nötig, so wenig wie möglich“. Wichtig ist also, das richtige Abstraktionsniveau zu erwischen. Das bedeutet für die Optimierung, dass man nicht nur einen Parameter einbeziehen darf („Kosten“), sondern evtl. zwei oder drei. Damit wird es dann aber schon schwierig, weil das relative Optimum (also der Punkt, wo die Summe aller Aspekte optimal ist) oft nicht so leicht zu fassen ist. (Zweiter Fehler der Politik: wo sie vorher zu detailliert waren, sind sie jetzt zu grob und übersehen ein paar der Kollateralschäden, die durch rigoroses Kostensparen entstehen – was letztlich die Optimierung komplett ad absurdum führt).

    Ich hab auch nicht gesagt, dass es nicht möglich ist, das Gesundheitssystem zu ändern – es ist nur nicht einfach. Und – ehrlich gesagt – von der derzeitigen „Selbstoptimierung“ bin ich nicht überzeugt. Hierarchische Systeme an Kliniken, die Ärzten die Arbeitsumgebung komplett verleiden gibt es nicht erst seit Ulla Schmidt, sondern schon viel länger – eine der Strukturen, die sich trotz der ganzen Selbstoptimierung immer mehr verselbständigt hat. Das Problem mit Selbstoptimierung ist nämlich, dass es nur in echt altruistischen Umgebungen wirklich gut funktioniert. Sowie auch nur ein einziger Kuckuck im System ist, wird der *immer* sein Schäfchen auf Kosten aller anderer ins Trockene bringen (genau deshalb funktioniert ja auch der Kommunismus nicht). Und da Ärzte auch Menschen sind, lässt es sich eben nicht verhindern dass es auch in dieser Berufsgruppe Kuckucke gibt. Die ideale „Steuerung“ sieht daher so aus, dass es für jeden Einzelnen optimal ist, wenn er sich altruistisch verhält (mir hat vor Jahren mal jemand erzählt, dass es zu diesem Thema Forschung gibt, ich hab aber leider die Quelle nicht mehr. Evtl. irgendwo im Bereich „Selbstorganisierende Systeme“. Ob sich das dann auf Gesellschaftsstrukturen übertragen lässt ist auch fraglich.)

    Ein zentrales Problem der Politik ist m.E., dass sie komplizierte Sachverhalte zu sehr vereinfacht. Letztlich liegt das aber auch daran, dass Polemik leichter nachzuvollziehen ist – dafür reicht es nämlich aus, nur die eigene Nasenspitze zu sehen. Sobald man anfängt, zwischen „meine Bedürfnisse, deine Bedürfnisse, seine Bedürfnisse“ abzuwägen, wird es kompliziert – dafür ist es nämlich nötig, sich auf den Standpunkt des anderen zu stellen, *auch wenn man ihn nicht teilt*. Und letztlich bedeutet es eben auch, Kompromisse zu finden. Eben da ist es aber so, dass eine kompromissbereite Partei in der Öffentlichkeit *immer* abgestraft wird, weil sie ihrem Parteiprogramm untreu wird. Ja, natürlich wird sie das! Das nennt sich „Demokratie“, es bedeutet, dass die Interessen gemäß der prozentualen Verteilung eingebracht werden.
    Letztlich macht die Politik also genau das Umgekehrte wie ich – alle wollen um jeden Preis Recht behalten, auch wenn sie dafür sämtliche Sachargumente begraben müssen und nur noch über Beleidigungen argumentieren.

    Btw: ich habs schonmal geschrieben, möchte es aber wiederholen – ich bin für eure sachorientierte Diskussion sehr dankbar. Ich beschäftige mich erst seit kurzem so intensiv mit dem Problem Gesundheitssystem (seit ich beim Surfen in die Welt der Medizinblogs gezogen wurde und nicht mehr rauskam ;)), und finde es sehr schwierig da einen vernünftigen Überblick zu gewinnen (auch, weil ich mich durch meine eigenen Erfahrungen mit Ärzten gehandicapt fühle – die waren nämlich doch mehrheitlich recht… suboptimal…).

    Antwort

    • Posted by Benedicta on 3. August 2009 at 6:29 pm

      Lektürehinweis:
      Die Kunst, Recht zu behalten (Arthur Schopenhauer).
      Bei Spiegel Online im Projekt Gutenberg nachzulesen: http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=2517&kapitel=1

      Sehr erhellend… und praktisch, weil man mit etwas Übung selbst die bösen Fallen der Unsachlichkeit vermeiden und Demagogik auf der Gegenseite gut entlarven kann.

      Antwort

    • Posted by drgeldgier on 3. August 2009 at 6:47 pm

      Kompliment @bendecita – das mit dem Kuckuck ist ein toller Vergleich. Denn deren Verhalten versaut unseren Ruf komplett und den lieben Medien und Politikern ist nichts lieber, als Kuckucke zu filmen und vorzuführen.
      Während ich Deine früheren Argumentationen manchmal etwas naiv fand (Stichwort Gehaltsvergleich – stell Dir nur vor uns beide trifft die „Neue Grippe“ und wir liegen beide 3 Wochen flach: Dein Gehalt: idem – mein Gehalt: 0,00€ – soviel am Rande), läufst Du mittlerweile zu beachtlicher hochform auf. Und Land@rsch bezeichnet Deine Ausführungen zurecht als aufschlussreich.
      Danke für Deine Kommentare – bist ja mein treuester Fan 😉

      Antwort

      • Posted by Benedicta on 3. August 2009 at 10:53 pm

        Danke. Ich habs einfach aufgegeben, mich kurzfassen zu wollen (klappt eh nie) – da kann man dann manches einfach klarer formulieren 😉

        Beim Gehalt vergleichst du in deinem Beispiel aber Äpfel und Birnen – ich bin ja nicht selbständig. Der Gehaltsausfall bei Krankheit trifft auch selbständige nicht-Mediziner, genauso wie angestellte Mediziner (z.B. an einer Klinik) im Krankheitsfall ihren Lohn weiter erhalten. Die Grenze läuft hier also nicht zwischen Medizin und nicht-Medizin, sondern zwischen selbständig und angestellt.
        Ich seh das Problem in diesem Bereich auch eher darin, Medizin (und Bildung) überhaupt unter betriebswirtschaftlichen Aspekten zu führen. Ein Selbständiger (egal in welcher Branche) MUSS betriebswirtschaftlich denken um zu überleben – und in gewisser Weise korrumpiert das das Heiler-Verhältnis (der Patient fühlt sich als Kunde, und empfindet dadurch sowas wie einen „Anspruch“, was das unabhängige Handeln des Arztes beeinträchtigt). Eine Lösung hab ich dazu aber nicht wirklich.

        Was die Kuckucke betrifft: Ich nenne das gerne die „Pappnasen-Verteilung“. Pappnasen sind in der Bevölkerung normalverteilt – es gibt wenige extrem Doofe, viele einigermaßen Normale und wenige extrem Gute. Und das gilt im Wesentlichen in jeder Berufsgruppe. Je nachdem, wer argumentiert, wird einem entweder weisgemacht, dass alle Ärzte fiese Abzocker sind (Politik), oder genau im Gegenteil engelsgleiche Helden (Ärztevertreter). BEIDES ist unrealistisch – in Wirklichkeit gibt es so ne und so ne, und jede Menge dazwischen.

        Zum Thema Fan: ich streite mich gerne – solange es sachlich bleibt, und solange ich den Eindruck hab, dass der „Gegner“ zu intelligenter Argumentation fähig ist. Dann kann man aus jeder Diskussion was lernen.
        In gewisser Weise ist Streit mit mir also ein Kompliment – mit Dummköpfen diskutier ich nicht, dazu ist mir meine Zeit zu schade. 🙂

        Antwort

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