„Auszongne“ und Qualitätsbrezeln – zwei Welten treffen aufeinander


Neulich in der Praxis:

Eine treue Schmerzpatientin, die schon fast fünf Jahre immer wieder in die Behandlung kommt, rettete unseren Tag:
Sie ließ durch ihre Tochter ein Tablett voller „Auszogner“ bringen. Im Hochdeutschen wären das „Augezogene“. Wer Schlimmes dabei denkt, wird bei seiner Google-Suche enttäuschender Weise nicht auf „Schweineseiten“ gelangen, sondern auf Kochrezepte zu „Bauernkrapfen“, einem Schmalzgebäck aus Hefeteig.

Und wenn die so frisch von Frau K* (Name von der Redaktion geändert) gefertigten Auszongnen in die Praxis kommen, dann entsteht ein ganz anderes Arbeitklima. Der Duft der frisch mit Puderzucker bestreuten Kalorienbomben füllt die Zimmer und ich freue mich ständig auf meine leckere Zwischenmahlzeit.

Frau K. ist chronisch krank, ihre Gelenke sind verschlissen und zur Zeit liegen aufgrund privater Sorgen auch noch die Nerven blank, so dass sie zuletzt tief depressiv und verzweifelt war. Die Behandung ist schwierig, ich kann nicht heilen, nur lindern, aber vor allem begleiten.

Sie wird natürlich nach allen Regeln („Leitlinien“) der Kunst behandelt, aber das wichtigste für Frau K. ist, dass sie sich hier als Mensch, als Individuum wahr und ernst genommen fühlt. Sie schätzt schon die persönliche Begrüßung durch die Praxisassistentin am Telefon, freut sich auf die kleinen Plaudereien am Empfang und ich denke auch, dass sie sich “ richtig gut aufgehoben“ fühlt. Denn das äußert sie auch schon mal.

Und sie möchte mit Ihren Naschereien etwas von diesem erhaltenen Glück zurückgeben. Das gelingt ihr auch vortrefflich.

Warum ich Euch das erzähle?
Natürlich auch, damit Ihr seht, was ich für ein toller Arzt bin 😉 , aber vor allem deshalb, weil man daran sieht, dass der Faktor Menschlichkeit, den entscheidenden Unterschied macht. Den entscheidenden Unterschied zu allen anderen Bereichen des Wirtschaftslebens.

Alle Versuche das Gesundheitssystem zu „optimieren“ und tausdenfach um zu strukturieren, v.a. nach ökonomischen Gesichtspunkten, werden scheitern, weil dieser „Faktor Menschlichkeit“ unberücksichtigt bleibt. Er ist nämlich auch nicht zu messen und in Qualitätsschablonen zu pressen.

Dr. A. Munte, Chef der Kassenärztlichen Vereinigung in Bayern, sagte auf einem Symposium im November 2008 in Hamburg wörtlich:
„Wir haben 200 Jungakademiker eingestellt, um Qualitätsprogramme zu entwickeln, die wir jetzt wie Brezenbacken machen können.  …  wer besser (unter den Ärzten – Anm. d. Redaktion) ist kriegt mehr und derjenige der schlechter ist zahlt den anderen das Geld, die mehr bekommen. Das heißt für die Kasse ist das kostenneutral wir nehmen bloß den Schlechten das Geld weg und gebens den Guten.“
(Quelle: http://www.iv-hh.de/iv-2008/video.php?VideoName=selektivvertraege)

Während ich genüßlich meine dritte Auszogne an jenem Tag verzehrte, wollte ich dem lieben Kollegen Munte am liebsten zurufen: Wie möchtest Du denn die Qualität meiner Arbeit bei Frau K. messen? Meinetwegen kann man Blutdurckwerte, Blutzuckerwerte, etc. … messen. Aber wie möchtest Du messen, wie gut  Frau K. wirklich versorgt wird? Kein Fragebogen der Welt wird dies wirklich abbilden können. Aber die Aussage von Herrn Dr. Munte zeigt letztlich, dass es auch darum nicht geht. Es geht nicht um den Patienten als Menschen. Es geht darum, enorme Geldmengen zu verschieben, hin zu denjenigen, die sich TÜV-Zertifikate in die Praxis hängen, weil in einem verstaubten Ordner hinter der Anmeldung genau geschrieben steht, wie oft die Eingangstür poliert wird, wo die Feuerlöscher stehen, und wie oft im Jahr „Strategiesitzungen“ stattzufinden haben. Denn das sind die Inhalte der „Qualitätsbrezeln“. Aber was glaubt Ihr wie egal das Frau K. ist?

Also mir schmeckt die Auszongne von Frau K. tausend mal besser als die Qualitätsbrezeln von Herrn Dr. M., denn DIE ist echte Qualitätsarbeit. Aber, vielleicht sollte ich ein paar davon einfrieren, denn die Qualitätsbrezel-Bäcker scheinen in der Übermacht.

P.S.: die „200 Jungakademiker“ der KV Bayerns werden übrigens vom Ärztehonorartopf bezahlt. Wir Ärzte zahlen damit unsere eigenen Henker.

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5 responses to this post.

  1. Posted by reni on 15. August 2009 at 1:40 pm

    Sehr schön, gefällt mir, das mit den “Auszogner” .

    Ich versuche, die Hintergründe dieser ganzen Misere im Gesundheitswesen zu verstehen. Das ist für jemanden der nicht auf diesem Gebiet tätig ist, sehr schwierig.
    Nun habe ich gelesen – BÄK INTERN – Juni 2009 – Medizinische Versorgung zwischen Anspruch und finanzieller Machbarkeit.

    http://www.bundesaerztekammer.de/downloads/BAeK_Intern_Juli_2009_kennwortgeschuetzt.pdf

    Da heißt es auf S.1: „…bestätigten über drei Viertel der Befragten, mindestens einmal aus Kostengründen eine für den Patienten nützliche Maßnahme nicht durchgeführt bzw. durch eine preiswertere und zugleich weniger effektive Leistung ersetzt zu haben.“
    Eigentlich möchte ich darüber gar nicht weiter nachdenken müssen.

    Ich frage mich, suche Antworten und finde keine, oder nur unbefriedigende.

    Wie kann es sein, daß wir 2008 einen Arzt auf 257 Einwohner hatten, im Jahre 1990 ein Arzt für 335 Einwohner reichte?
    Wir haben immer mehr Ärzte, immer mehr und bessere Medizintechnik, immer mehr neue Medikamente, immer mehr Prävention, Maßregelung der Menschen, und trotzdem mehr Kranke, überfüllte Wartezimmer und dazu noch ewig die Klagen über zu hohe Kosten.

    Die BÄK – wirkt aktiv am gesundheitspolitischen Meinungsbildungsprozess der Gesellschaft mit und entwickelt Perspektiven für eine bürgernahe und verantwortungsbewusste Gesundheits- und Sozialpolitik.
    So steht es auf der Homepage. Als unbedarfter Bürger frage ich mich, ob man zur Erfüllung dieser Aufgabe 19 Ausschüsse,15 ständige Konferenzen, 8 Gremien und die Aufzählung könnte noch weiter gehen, wirklich braucht. Wer bezahlt das alles?
    Und uns will man weiß machen, es ist kein Geld da, und es wird immer knapper, weil wir immer älter werden und immer kränker?

    Zu dem politisch angestrebten durchgreifenden Umbau der Gesundheitsfinanzierung gehörte die Verabschiedung des Fallpauschalengesetzes (FPG) im März 2002. DRG´s für die stationäre Behandlung sollten in Deutschland ab 2003 neu eingeführt werden. 2004 beschließt die BÄK ein Rahmenkonzept zur Förderung der Versorgungsforschung durch die Bundesärztekammer, ein Arbeitskreis Versorgungsforschung beim Wissenschaftlichen Beirat wird gebildet, das Programm
    ist auf 6 Jahre angelegt. Ich hoffe, daß ich das alles so richtig begriffen habe.
    Und frage mich, bei den Kapazitäten, die die BÄK hat, da fängt man erst 2004 damit an? Fur wen sind die denn da? Mein Eindruck, das alles hat sich verselbständigt, Patienten und Ärzte, was, die gibt es auch noch?

    Zur health care akademie, einer Gründung der Bundesärztekammer, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und Deutschen Apotheker- und Ärztebank.
    Hier geht es um integrierte Versorgung, Gesundheitszentren, medizinische
    Versorgungszentren und alle Arten von Praxisnetzen und -verbünden, wo man darauf vorbereitet, Managementaufgaben wahrnehmen zu können.
    Da wird die Privatisierung des Gesundheitswesens, der Ausverkauf beklagt, auch von mir. Aus meiner Sicht arbeitet die BÄK diesen Bestrebungen doch noch zu. Wie geht das zusammen?

    Ich habe versucht, den „Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM)“, für Thüringen, 01.01.2009, zu verstehen. 1434 Seiten, als pdf-Datei! Wer soll das lesen, die Ärzte?

    Und was kommt dabei heraus, daß ein Arzt in drei Behandlungsräumen arbeitet, den Kopf zur Tür reinsteckt, ach es geht nicht so richtig, dann machen wir mal einen großen Check, die Schwester kommt gleich und macht das.

    Das kann doch alles nicht mehr wahr sein.
    Vielleicht verstehe ich die Problematik auch nicht so richtig. Aber ich habe das Gefühl, diese ganzen Verbände, Vereine, Körperschaften mit und ohne oder was weiß ich, sind weder für Patienten noch für Ärzte da, die genügen sich selbst und arbeiten eigentlich im vorauseilenden Gehorsam der Politik zu, verstehen meisterhaft, dies zu verschleiern.

    Antwort

  2. Das Problem mit der „Qualität“ ist:

    1. Die Medizin behandelt Krankheiten, der Patient hat Beschwerden! Das ist aber keineswegs deckungsgleich!

    2. Die Krankheit ist die „Abweichung von der Norm“ und damit nicht normierbar! Auch wenn sich Theoretiker und Hypothetiker daran ständig – genauso – frustran versuchen, wie die Erfinder und Tüftler am perpetuum mobile!

    Die Versuche, die Krankheitskosten zu berechnen, geschweige denn zu planen (in vielen Ausschüssen, Gruppierungen, Zirkeln, Sitzungen etc.) ist vergebene Liebesmüh‘. Deswegen sind die Plätze in diesen Gremien ja auch so beliebt: keine Ergebnismöglichkeit, aber unendlich viel Diskussionsstoff, mit dicken Sitzungs-„Aufwandsentschädigungen“! Gesundheitskosten unterliegen viel eher der Heisenberg’schen Unschärfenrelation: Entweder man betrachtet den Einzelfall, dann kann man nichts über das Ganze sagen, oder man beschreibt die Gesamtentwicklung, dann kannn man das aber nicht auf den Einzelfall anwenden!

    Und wenn man die Parameter ändert und eine veränderte Situation schafft, dann kann man wieder nur beobachten und beschreiben, aber nicht berechnen! Deshalb ist das Gesundheitswesen seit 1976 (mit seinen seit damals erlassenen über 140 Spar- & Steuergesetzen) nichts anderes, als ein gigantisches Versuchslabor. Dummerweise sind die Betreiber Dillettanten, die nicht wissen, wie die erhobenen Daten zu bewerten sind. Aber sie interessieren sich ja nicht für die Urschache-Wirkungs-Beziehung, sie wollen nur ein besseres und billigeres Ergebnis – notfalls nach dem Prinzip „try and error“! Aber da trift nun wieder der Energie-Erhaltungs-Satz der Physik zu: es gibt kein perpetuum mobile!

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  3. Posted by Benedicta on 16. August 2009 at 4:12 pm

    Ich bin ja von Berufs wegen ein großer Freund von QM. Allerdings wird es in der Informatik so gehandhabt (und da sind sich die Fachbücher sogar einig), dass es eben nicht DIE Lösung gibt, sondern einen Katalog von Maßnahmen, Methoden, Metriken, … aus dem man sich die auswählt, die auf das jeweilige Projekt passen.
    Das Standard-Cave heißt bei uns „if you have a hammer, everything looks like a nail“. Es erinnert uns, dass man die Methode an das Problem anpassen muss, und eben nicht andersrum.

    Bei deinen Berichten von medizinischer „QM“ habe ich leider den Eindruck, dass es andersrum ist – und da ist die QM dann eben Hemmschuh und nicht Stütze. Mist aber auch.

    @Landarsch: es heißt „*trial* and error“, Versuch und Irrtum. Und es funktioniert nur, wenn eine gründliche Dokumentation erfolgt (sonst macht man denselben Fehler wieder und wieder und wieder und…). Als Informatikerin kenne ich das Prinzip, als überzeugte Modelliererin bevorzuge ich aber „erst denken, dann handeln“ 😉

    Antwort

  4. Danke Benedicta, bin wohl schon zu lange in lateinischen Kreisen unterwegs. Aber heißt „to try“ nicht „versuchen“. Aber richtig, es sollten ja zwei Substantive sein.(;-)

    Antwort

    • Posted by Benedicta on 17. August 2009 at 6:43 pm

      Richtig, „to try“ heißt versuchen. Aber „to error“ gibt es m.W. nicht, da müsste es dann heißen „try and fail“ (Versuch es und scheitere) – und das wäre doch zu negativ, oder? 😉
      (Englische Sprache ist doch was schönes – und ein wunderbares Spielzeug für Linguisten. Wer da weiterlesen möchte, suche mal nach „time flies like an arrow“.)

      Antwort

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