Arme Patientin – Zwei Jahre verloren


Heute morgen in der Praxis:

Als ich der Patientin die Hand schüttle, weiß ich, dass ich Sie schon lange nicht mehr gesehen hatte. Ich kannte das Gesicht noch, aber weder ihren Namen noch die genaue Krankengeschichte.

Kein Wunder, denn ich hatte Frau D. (Name geändert) zuletzt vor gut zwei Jahren gesehen. Damals zur Abklärung einer leichten Vergesslichkeit. Es war noch nicht schlimm damals, weshalb ich eine Kontrolle in drei Monaten vorgeschlagen hatte, was nicht geschah.

In einer Fachklinik war im Herbst 2007 dann bereits eine beginnende Alzheimer-Demenz diagnostiziert worden. Ein Medikament wurde verordnet, das den Krankheitsprozess wenigstens verzögern sollte. Der Hausarzt verordnete das mit 8mg täglích begonnene Medikament R* (ich mach hier keine Werbung) zwar brav weiter, hat es jedoch nie erhöht und auch nie eine erneute fachärztliche Kontrolle veranlasst.

Heute sitzt eine schwer demente Patientin vor mir, die immer noch 8mg R* schluckt. Eine völlig unwirksame Dosis dieses teuren Medikamentes. Sie hätte möglichst 24mg, aber mindestens 16mg täglich einnehmen müssen. 8mg war die Startdosis, um Nebenwirkungen zu vermeiden.

Ich weiß nicht, ob es der Hausarzt nicht wußte oder sich aus Kostengründen gegen eine Erhöhung entschied. Für diese Patientin ist nun definitiv der Zug abgefahren. Sie ist phasenweise verwirrt, verläuft sich und ist praktisch rund um die Uhr auf die Hilfe ihrer Angehörigen angewiesen.

Ich weiß auch nicht, ob das Medikament R* bei ihr so gut angeschlagen hätte und wie der Zustand bei korrekter Therapie nun wäre – wahre Wundermittel stehen uns bis heute bei Alzheimer weiß Gott nicht zur Verfügung – aber ich hätte der Patientin diese Chance gerne gegönnt.

Was noch schlimmer ist: dies ist leider der Alltag der Demenzversorgung und nicht die Ausnahme. Und wenn die ambulanten Fachärzte, wie politisch gewollt, auf dem Land weg sind, …

… wird es kaum besser werden. Armes Deutschland!

Hier auch ein sehr gelungender Videobeitrag – für Leute mit schwarzem Humor

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4 responses to this post.

  1. Posted by Benedicta on 21. August 2009 at 10:32 pm

    Wohl wahr. Andererseits ist jede Demenz gleich Alzheimer, obwohl es noch eine Reihe andere Demenz-Formen gibt – häufig sind zum Beispiel auch Demenzen, die durch Medikamentenunverträglichkeiten ausgelöst werden (und die komplett reversibel sind). Darauf kommen die meisten Hausärzte aber gleich überhaupt nicht (kann ja auch nicht sein, dass jemand Medikamentennebenwirkungen hat, wie denn auch… *ironieoff*).
    (Sowas lernt man z.B. in Psychogerontologie, über Bekannte in diesem Studiengang hab ich da ein bisschen was mitgekriegt)

    Antwort

  2. Ich habe bei meiner Mutter mitbekommen, wie massiv sich der Zustand und das persönliche Wohlbefinden eines Menschen verändern können, wenn die medikamentöse Einstellung stimmt.

    Antwort

  3. @benedicta: theoretisch hast Du mit den medikamentös bedingten Demenzen ja recht, aber das ist hier wieder der klassische Fall : wer nix tut macht keine Fehler. Das stimmt nur leider in der Medizin nicht! Wer nix tut macht noch viel mehr Fehler!

    Gegen das Alter, gegen die früherern Sünden und gegen das Schicksal kann der Arzt nichts machen. Er kann sich nur immer wieder in den aufreibenden Kampf gegen Skylla und Charybdis (Arteriosklerose, hoher Blutdruck, hohe Blutfette, kaputte Leber, kaputte Lunge u.s.w) stürzen. Und am Ende steht dann so ein besserwisserischer Jurist (der sich Jahre der Nachforschung und drei Instanzen vorbehält, um zu überprüfen, ob der Arzt – in Sekunden – eine falsche Entscheidung getroffen hat), oder ein Angehöriger, der sein schlechtes Gewissen (zu wenig Zeit für die alten Eltern) durch lautstarkes Geschrei („da muss es doch was geben“, „wofür zahl ich eigentlich meine Beiträge“, „denen gehts doch nur um’s Geld“) zu beruhigen versucht.

    Der allseits so geliebte (und mißbrauchte) Hippokrates hat – das wird nicht bekannt gegeben – seinen Schülern ganz klar gesagt „wo ihr nix ausrichten könnt, da verlasst schleunigst das Haus, da gibts nur Ärger“ (etwas „modernisiert“ dargestellt)

    @ Dr.Geldgier, daß Du helfen willst und daß Dir das weh tut, wenn Du’s nicht kannst, steht außer Frage. Aber glaub mir eines: diese Medikamente (um die es hier geht) bringen zu dem Zeitpunkt, an dem die Kasse die Kosten übernimmt, gar nichts mehr – ganz egal in welcher Dosierung!

    Daß Du, bei Deinem Budget, die Dauermedikamentenkosten übernommen hättest, darüber will ich nicht spekulieren. Die übergroße Mehrzahl Deiner Kollegen tut das nicht, sülzt nur wichtigtuerisch „das muß der Hausarzt verordnen“, und der HA beißt die Zähne zusammen und versucht mit seinem Budget auch noch diese exorbitanten Kosten aufzufangen (neben den vielen anderen „absolut notwendigen“ Medikamenten-Kosten aus den anderen Fachrichtungen).

    Und die Sache mit der regelmäßigen Vorstellung beim Facharzt („kommen sie nächstes Quartal wieder“)… : Ich hab sicher nix dagegen, dass auch die Fachärzte zu ihren Scheinen kommen. Nur leider kenn ich viel zu viele Fälle, wo diese routinemäßige Untersuchung nicht zur sinnvollen Verlaufskontrolle oder gar Entwarnung, sondern vielmehr zum weiteren – medikamentösen und damit kostenträchtigen – upgrading führt (durch irgendetwas muss ishc der Spezialist als solcher darstellen)!

    Das wärs aber auch noch nicht.

    Ganz grimmig werd‘ ich aber – wie gestern passiert (nix für ungut) – wenn eine bekannte Epileptikerin vom Neurologen wegen steigendem Bedarf ein weiteres Medikament zusätzlich erhält, davon aber nur die kleinste Packung (N1) und keineswegs (zumindest für sie verständlich und nachvollziehbar) darüber aufgeklärt wird, dass das nur der Einstieg ist, dass der Hausarzt dann die Großpackung weiterverordnen soll und dass dazu auch entsprechende Laborkontrollen notwendig sind. Es wurde ihr nur gesagt, dass sie am 23.09. (also „nächstes Quartal“) wiederkommen muss. Die gute Dame hat erst die Kleinpackung mit 50 mg genommen, dann die Kleinpackung mit 100 mg – und nachdem die aufgebraucht war – auf Null abgesetzt. Danach hatte sie fast täglich ihre epileptischen Anfälle und kam – weil sie’s nach 2 Wochen nicht mehr aushielt – zu mir (HA)! Ich habe von dem ganzen Vorgang nichts gewußt und natürlich vom Herrn PrivDoz auch keinen Brief erhalten!

    Das war sicher bei Dir mit Deiner Patientin anders. Aber so ist die Realität mit den meisten Fachärzten. Dass sich die Hausärzte da nicht unbedingt darum reißen, die Patienten (oftmals gegen deren Willen oder Verständnis) zum Facharzt zu schicken, dürfte nachvollziehbar sein. Wenn dann solche traurigen Fälle, wie Deiner, rauskommen – im Allgäu hab ich ein schönes Sprichwort kennengelernt: „Ma muas mit diea Lüüt schwätza, mit’m Vieh schwätzet mr au“ (Man Muss mit den Menschen reden, mit den Tieren redet man ja auch)!

    Antwort

    • Posted by drgeldgier on 25. August 2009 at 12:24 pm

      Lieber land@rsch, ich will hier überhaupt nicht auf die Hausarzt-Facharzt-Problematik hinaus, darüber ließe sich ein extra-blog machen.
      Aber noch so viel zu Deinem Kommentar:
      Es ist einfach definitiv nicht so, dass die von Dir angesprochenen Antidementiva nichts bringen. Das ist einfach individuell äußerst verschieden. Ich habe das selbst im Doppelblindversuch mehrfach erlebt, denn bei einigen Patienten, die von mir im Heim betreut werden, setzte es der Hausarzt ohne mein Wissen ab (bei manchen Schwerstdementen oft auch durchaus nachvollziehbar). Ich wunderte mich dann bei meinen Visiten oft, warum der Betroffene plötzlich so extrem verändert, verwirrt und kognitiv doch noch viel schlechter war.
      Versteh mich nicht falsch. Ich bin nicht der, der bis zum letzten Tag auf Teufel komm raus immer antidementiv behandelt, aber manchmal wirken sie halt doch 😉
      Darum mein Plädoyer für gemeinsame Entscheidungen von Haus- und Facharzt, was natürlich nur funktioniert, wenn die Kommunikation stimmt. Und da happert es leider in beide Richtungen oft massiv. Da hast Du wohl recht.

      Antwort

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