Analogien die keiner versteht


Heute mal wieder Praxisalltag – garantiert parteineutral:

Patientin gar nicht sooo alt, eigentlich auch ganz verständig. Schildert klassische Symptomatik eines Lagerungsschwindels, was die körperliche Untersuchung auch bestätigt. Da ich davon überzeugt bin, dass der Therapieerfolg wesentlich davon abhängt, in wie weit der Patient sein Leiden versteht nehme ich mir die Zeit und erkläre es:

„Ihre Krankheit ist lästig aber harmlos. Deshalb heisst sie auch gutartiger Lagerungsschwindel.“

„Da bin ich aber froh“

„In ihrem Gleichgewichtsorgan im Innenohr, das auch Labyrinth genannt wird, weil es so kompliziert aufgebaut ist, haben sich Steinchen gelöst, die normaler weise fest in einer gelartigen Masse (so ähnlich wie Zahnpasta) sitzen.“

„Aha“

„Im Alter trocknet diese „Zahnpasta“ immer mehr aus und wird spröder, so dass die Steinchen nicht mehr so fest haften. Bei kleinen Erschütterungen lösen die sich dann.“

„Ach so“

“ Wenn die Steinchen dann im Labyrinth an der falschen Stelle landen, lösen sie diesen heftigen Drehschwindel aus. Behandelt wird das ganze dann dadurch, dass Sie durch bestimmte Bewegungen die Steinchen wieder an eine andere Stelle des Labyrinths befördern, der Schwindel ist dann weg.“

„Achso Herr Doktor“ *mit einem freudigen Gesicht „dann ist das ja eigentlich genauso wie beim Knie“

Ich starre die Patientin unvermittelt ungläubig an. Hat sie jetzt wirklich „genauso wie beim Knie“ gesagt? Ich wage nicht nachzufragen, die Zeit war auch schon fortgeschritten. Ich lächle verlegen und wünsche alles Gute.

Bisher war ich eigentlich immer sehr stolz auf meine Zahnpasta-Erklärung. Aber ich muss mir wohl was neues überlegen.

Dennoch war es schon wieder so grotesk, dass ich mit einem breiten Lächeln den nächsten Patienten empfing.

 

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4 responses to this post.

  1. Posted by specialagentgibbs on 27. August 2009 at 11:48 pm

    Was man an dieser Analogie falsch verstehen kann, verstehe ich gerade nun wirklich nicht. Endlich mal ein Arzt, der kein unverständliches Ärztelatein von sich gibt, sondern in einfachen Ausführungen die Erkrankung beschreibt. Und dann sowas…

    Antwort

  2. Posted by Sledge on 28. August 2009 at 11:52 am

    http://de.wikipedia.org/wiki/Gelenkmaus

    hilft, den Zusammenhang zu verstehen. Dabei geistert dann ein freies Stückchen Knorpel durch das Gelenk und sorgt je nach aktueller Position für nix, leichte Beschwerden oder komplette Blockade.

    Durch „Schütteln“ lässt sich das Teilchen an eine Stelle bewegen, wo es keine Beschwerden verursacht.

    Antwort

    • Posted by drgeldgier on 28. August 2009 at 12:14 pm

      Danke für den Hinweis – ich dachte auch an eingeklemmten Meniskus – da hilft Schütteln auch. Trotzdem war ich im ersten Moment von der Situationskomik gefangen und amüsiert.

      Antwort

  3. […] Geldgier will und kann ich nicht vorenthalten, mit seiner Zahnpastaerklärung des benignen Lagerungsschwindels. […]

    Antwort

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