Sind alle SPD-Kritiker gleich rechtsradikal?


Seit gut 5 Wochen „belästigen“ wir Ärzte unsere Patienten mit Plakaten, die Ross und Reiter, sprich die Verantwortlichen für die Misere durch die aktuelle „Gesundheitsreform“ (v.a. den Gesundheitsfonds), nennen (s. auch SpiegelOnline-Artikel).

Speziell die Plakate die Ulla Schmidt und Karl Lauterbach zeigen sind ein „Renner“. Das Echo der Mehrheit der Patienten ist äußerst positiv und verständnisvoll. Heute erntete ich aber auch offene Kritik eines SPD-Parteigenossen. Dies führte zu einer – so hoffe ich – für beide Seiten fruchtbaren und sachlichen Diskussion. Er wird mein Patient bleiben.
Ich hätte mein Wartezimmer auch lieber wieder voller Lesezirkel-Schrott, aber besondere Zeiten zwingen zu besonderen Maßnahmen.

Was die SPD in Kreuzau nahe Düren (NRW) jedoch nun in einem auch online veröffentlichen Brief an ein Kollegen-Ehepaar vor Ort von sich gibt, ist jedoch fast unfassbar. Wörtlich steht da:

„…seit Monaten dekorieren Sie die Fenster Ihrer Praxis mit diskriminierenden Plakaten gegen die SPD. Sie fordern die Leser dieser Pamphlete dazu auf alles zu wählen, also auch NPD oder sonstige Extremisten, aber nur nicht die SPD.“

und weiter:
„Am 29. August, also einen Tag vor der Kommunalwahl, hat die NPD von 8:00 bis 20:00 Uhr einen Info-Stand. Dort werden solche Plakate immer wieder gerne genommen. Vielleicht haben Sie ja noch ein paar übrig.“

Die SPD Kreuzau unterstellt ihren Kritikern, konkret einem unbescholtenen Ärzteehepaar, eine Nähe zur NPD, die nicht nur völlig aus der Luft gegriffen ist, sondern schon offiziell dementiert wurde.
Die Initiatoren der Aktion 15 hatten sich schon am 23.07.2009 in einer offiziellen Pressemeldung  dezidiert von der NPD distanziert und der Partei jegliche Übernahme des Plakatmaterials untersagt.

Ärzten, die diese Aktion 15 unterstützen, nun öffentlich eine Nazi-Nähe zu unterstellen ist unterste Schublade. Auch die Aussicht auf eine (hoffentlich) verheerende Niederlage dieser Partei am 27.09.09 rechtfertigt diese Propagandamittel nicht.

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4 responses to this post.

  1. Posted by Benedicta on 28. August 2009 at 11:01 pm

    Ich sehe das Plakatieren in der Praxis kritisch.
    Einerseits finde ich es gut, wenn Ärzte auch politisch aktiv sind und sich in die Debatte konstruktiv einbringen.
    Andererseits hat das aber nichts in der Praxis verloren.
    Wenn ich mir vorstelle, ich würde in meinen Vorlesungen politische Propaganda treiben, kriege ich extremes Magengrummeln. Und zwar, weil meine Studenten für mich – genau wie Ihre Patienten für Sie – Schutzbefohlene sind. Würde ich quasi „in offizieller Funktion“ politisch werden, hätte das den Charakter von Nötigung – Ausnutzung einer Machtposition.
    Außerhalb der Vorlesung im privaten Bereich sieht es wieder anders aus – dann ist die offizielle Funktion nicht mehr gegeben, da treffe ich meine Studenten auf Augenhöhe, das Machtgefälle ist weg.
    Genauso daneben finde ich es, wenn Pfarrer in der Predigt zur Wahl einer bestimmten Partei aufrufen.
    In allen drei Fällen ist es Machtmissbrauch.

    Antwort

    • Posted by drgeldgier on 29. August 2009 at 10:00 am

      Lieber Benedicta, hier werden leider wieder mal Äpfel mit Birnen verglichen.
      1. Bist Du Angestellte einer Bildungseinrichtung oder was auch immer – und handelst deshalb nicht für Dich allein, sondern für Deinen Arbeitgeber – der Arzt in seiner Praxis ist selbstständig und eigentverantwortlich handelnd

      2. Die Patienten werden in der Arztpraxis ja nicht während der Sprechstunde von Arzt oder Praxispersonal angesprochen und politisch agitiert, sondern Plakate und Flyer sind rein informativ vorhanden. Wer mag, kann es lesen, wer nicht, kann es sein lassen

      3. Wenn Du zum Bäcker gehst und Semmeln einkaufst, bist Du dann Schutzbefohlene des Bäckers? Aber beim Arzt, da sind plötzlich alle arme Schutzbefohlene. Das mag sicherlich für medizinische Inhalte ein Stück weit zutreffen. Was die politische Dimension angeht ist das lächerlich.

      4. Machtmissbrauch kann ich nur dann begehen, wenn ich Macht habe. Erklär mir mal bitte welche Macht ich kleiner Landarzt in diesem wahnwitzigen System habe.

      Dennoch kann ich verstehen, dass Du die Aktionen die aktuell in den Praxen ablaufen kritisch siehst, ich wäre auch einfach nur Arzt, der sich voll und ganz auf das Wohl seiner Patienten konzentrieren kann und sich um die Politik nicht scheren muss.

      Aber wenn man bedenkt, wie laut Gewerkschaften schreien, wenn sie anstatt der geforderten 5 oder 10% nur 3% mehr bekommen, dann muss es doch legitim sein, wenn man sich bei drohenden Verlusten von bis zu 50% (Gewinn = ca. 25% Umsatz – für die Angestelltendenke zur Erklärung) wehrt.

      So – eigentlich wollte ich heute nichts mehr kommentieren. Servus, Bye and Arrivederci

      Antwort

      • Posted by Benedicta on 29. August 2009 at 8:47 pm

        ad 1: das hat damit nur insoweit etwas zu tun, als mich mein Chef abmahnen *könnte*. An der Situation an sich ändert es nichts (und politischen „Bedarf“ gäbe es im Bildungssystem genug).

        ad 2: Da hab ich auch schon von anderen Fällen gehört – wo ein Arzt, der sich für die Probleme seiner Patienten i.d.R. nur maximal 5 Minuten Zeit nimmt plötzlich 20 Minuten lang politischen Vortrag hält.

        ad 3: auch von meiner Bäckereifachverkäuferin würde ich mir keinen politischen Vortrag anhören – ich würde ihr aber auch keinen halten, da ist das Machtgefälle nämlich eher andersrum (ich Kunde, sie Dienstleister).

        ad 4: Ein Arzt hat keine Macht? Aber hallo, wo lebst du? Du redest doch dauernd von der riesen Verantwortung, dem Leben retten etc. pp. Selbstverständlich ist das Macht!
        (Ich bin auch kein Prof, sondern „nur“ Doktorandin. Trotzdem habe ich Macht über die Studenten – ich bin mittelbar an ihrer Betreuung und Benotung beteiligt.)

        ad Gewerkschaften: Jetzt vergleichst DU Äpfel und Birnen. Zum einen ist der Ausgangswert ein ganz anderer. Ein Arbeiter verdient durchschnittlich 1500 Euro netto – du hast nach eigenen Angaben etwa das Doppelte. Zum anderen laufen die Gewerkschaftsverhandlungen in letzter Zeit immer gleich: die (mageren) Erhöhungen müssen voll durch Mehrarbeit ausgeglichen werden.

        Im Übrigen bin ich sehr dafür, das Medizinsystem so umzustricken, dass vernünftige Arbeitszeiten und ein gutes Arbeitsumfeld dabei rauskommen. Ich bin aber nicht dafür zu haben, Ärzten die derzeitigen wahnsinnigen Bedingungen einfach nur durch mehr Geld zu versüßen.
        Letztlich ist die Budgetierung ein Schritt in diese Richtung (könnte es zumindest sein): es gibt einen Mittelwert, was ein Arzt in einer normalen 40 Stundenwoche arbeiten kann, und alles was zu sehr darüber hinaus geht lohnt sich eben nicht. Der Fehler ist da, wo die Praxendichte nicht ausreicht, damit diese normalen Arbeitszeiten eingehalten werden können – und das ist zum Teil ein hausgemachtes Problem (zumindest weiß ich, dass bei den Psychologen der eigene Berufsverband die Niederlassungsdichte festlegt).

        Ich wünsch dir einen schönen Urlaub (auch wenn du das vermutlich erst hinterher liest), und freue mich auf eine sachliche Diskussion nächste Woche 🙂

        Antwort

  2. Posted by inforondel on 30. August 2009 at 8:22 pm

    Einermeiner ist nur einfacher Patient und habe lange darauf gewartet, dass die Ärzte endlich mal Farbe bekennen, was jedoch nicht die Parteifarben betrifft. Viel mehr ein Zeichen seitens der Ärzte aktiv für eine Gesundheitspolitik im Sinne der Patienten, zusammen mit der Ärzteschaft und medizinischem Personal jeglicher Fachrichtung sowie Pflegeart.

    Irgendwann ist eine rein neutrale Haltung eher kontraproduktiv. Barfuss oder Lackschuh!

    Antwort

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