Entscheidungshilfen zur Bundestagswahl – Folge 1


Noch 10 Tage bis zur Wahl. Ich werde versuchen jeden Tagen ein paar Inhalte unverfälscht zu präsentieren. Heute:

Karlchens Traum vom fetten Brot:
Prof. K. Lauterbach (Gesundheitsexperte der SPD) zum Thema integrierte Versorgung in Hamburg am 07.11.2008 – er erklärt anschaulich, wie Krankenkassen zukünftig gut am Kranksein verdienen werden:
„…Ich bringe ein Beispiel: also wenn ich heutzutage einen Patienten versorge mit einer also sagen wir mal etwas teureren Form von Leukämie ohne Ihnen also Einzelheiten zu geben. Dann ist eine Knochenmarkstransplantation notwendig, eine komplizierte Nachbehandlung usw. und so fort.  Eine solche Krankheitsepisode kann leicht 150.000€ kosten. Für einen solchen Fall gibt es diesen Durchschnittsbetrag auch im Morbi-RSA. Der wird dann gut geschrieben. In der Krankheitsepisode. Wenn ich aber eine solche Krankheitsepisode komplett abdecken kann für 70, 80 oder 90.000 Euro, dann bringt diese Krankheitsepisode der Krankenkasse einen Gewinn von mehr als 50.000 Euro. Wie lange muss ich einen Gesunden versichern, um diesen Betrag zu erwirtschaften?“…
und weiter:
„…es wird in Zukunft viiel viiel viiel schwerer werden als Krankenkasse mit Gesunden über die Runden zu kommen, als es jetzt der Fall ist.“
Und Lauterbach blickt zum holländischen Nachbarn:
„In den Niederlanden gibt es Krankenkassen, die haben sich auf die Versorgung von HIV-Patienten konzentriert. Das wäre in Deutschland tödlich. Aber der HIV-Patient ist natürlich, wenn es gut organisiert wird, und  es gibt einen hohen Deckungsbeitrag, ist das ein unglaublich lukrativer Kunde.“

Wer Ohren hat der höre: Es geht also bei Lauterbach und der SPD offensichtlich nicht mehr um Gesundheit erhalten, Kranke behandeln, Leiden lindern, sondern um „lukrative Kunden“, die man bei jeder Krankheitsepisode abzocken kann.

Das Originalvideo mit dem kompletten Vortrag sollte man sich vor dem Gang zum Wahllokal antun. Es ist manchmal langatmig, aber lange nicht so schlimm wie die Kanzler-Duell-Kuschelrunde.

Advertisements

5 responses to this post.

  1. Posted by Benedicta on 18. September 2009 at 12:37 am

    Alter Schwede, ist DAS ein grottenschlechter Redner (und die Zeit hat er auch überzogen… schämen soll er sich!).
    Mein Problem dabei: er setzt derart viel voraus, dass ich keinen Ansatz habe, die Richtigkeit (seiner Aussagen und deiner Zitate) zu prüfen.

    Immerhin, ich hab mir das Video mal angetan:
    – er geht darauf ein, dass die Krankenkasse das Modell der integrierten Versorgung (was immer das nun ist) zur Kostensenkung missbraucht haben. Mich würde jetzt interessieren, wie, aber das sagt er nicht.
    – er geht auch darauf ein, dass es nicht reicht, die Versorgung innerhalb der Teilnehmer an dieser integrierten Versorgung zu betrachten, sondern dass man die ganze betroffene Region einbeziehen muss. (Einfache Rechnung: wenn die Versorgung für die Integrierten ein bisschen besser wird, für alle anderen aber drastisch schlechter wäre das Gesamtbild dann negativ). Das klingt, als hätte er zumindest Ahnung von Statistik.
    – er bringt eine Markt-Analyse, die mir (auch nach dem, was ich bei dir und beim Landarsch gelesen habe) sehr realistisch erscheint. Das ist kein „mir gefällt das so“, sondern nur eine Bestandsaufnahme.
    – das von dir zitierte Beispiel hat m.E. einen anderen Hintergrund. HEUTE ist es ja so, dass Gesunde für die Krankenkasse lukrativ sind, Kranke aber auf der Strecke bleiben (z.B. nicht in der Privaten Kasse aufgenommen werden oder höhere Beiträge zahlen). Anscheinend soll hier das Finanzierungsmodell geändert werden, so dass es es sich für die Krankenkassen lohnt, einen Kranken gut zu versorgen. Das ist eigentlich eine gute Idee: die Kassen werden dafür belohnt, dass sie die Versorgung leisten – nicht mehr dafür, dass sie sich (wie heute oft) darum drücken. Blöd ist, dass das nur für einige Krankheiten gilt – das hebelt den positiven Effekt dann nämlich wieder aus.
    – viel kritischer finde ich den Satz „weil ich das gesamte Kostenrisiko verlagern kann an den Anbieter“. Wieso hast du denn den nicht zitiert? Das ist doch eigentlich das, was dich trifft, genauso wie das „das bestraft jeden, der ein teureres Verfahren anbietet“, das er zur Honorarreform sagt.

    Was mich jetzt interessieren würde – was zum Henker ist „integrierte Versorgung“ und was ist dieses ominöse „116 b“?

    (Nachsatz: Wir sollten einen Deutschtest für deutsche Politiker einführen… fällt mir da nebenbei so ein. Die eine oder andere Flachpfeife würde uns dadurch vielleicht erspart *gg*)

    Antwort

    • Posted by drgeldgier on 18. September 2009 at 8:51 am

      Liebe Benedicta, danke für Deine masochistische Ader, Dir das Video ganz anzutun. Das Finanzierungsmodell soll nicht geändert werden, es ist schon geändert Benedicta, ohne dass sich an der Versorgung etwas gebessert hat. Im Gegenteil, wie Du richtig erwähnst, wird der bestraft, der viel macht, oder anders: ob der Arzt einen schweren MS-Patienten vor sich hat oder eine leichte Nervenschädigung. Für ihn ist die Honorierung dieselbe, die Krankenkasse bekommt für ersteren aber ein Vielfaches aus dem Gesundheitsfonds, vor allem wenn der MS-Patient schlecht eingestellt ist und einen Krankheitsschub nach dem anderen hat. Merkst Du, wie pervers das ist?
      Die Kassen werden alles daran setzen, dass ihr Klientel krank ist und krank bleibt.
      Die AOK hat ja in Bayern den Hausärzten einen sehr attraktiven Vertrag unterzeichnet unter der Voraussetzung, dass sie ja keine schwere Diagnose beim Verschlüsseln vergessen !!! Ein Schelm, der böses dabei denkt.

      Antwort

      • Zu einem Vertrag gehören mindestens zwei. In diesem Fall ist es der BHÄV mit Hoppenthaller.

        Antwort

      • sollte natürlich lauten „… auf der einen Seite, und auf der anderen Seite die AOK“.

        Antwort

      • Posted by Benedicta on 18. September 2009 at 10:37 pm

        AG, ganz so einfach ist es auch nicht. Da spielen nämlich noch andere Marktgesetze eine Rolle – Angebot und Nachfrage.
        Platt formuliert: die Kasse geht zum Krankenhaus und sagt „gib mir 10 % Rabatt, sonst schicken wir unsere Patienten woanders hin“.
        Funktioniert letztlich so ähnlich wie bei den Milchpreisen – die Preise werden so lange gedrückt, bis die Produzenten keine Kostendeckung mehr haben.

        Das Problem dabei ist folgendes. In einem komplett freien Markt gleicht sich das aus – weil viele Angebotnehmer und viele Angebotgeber auf viele verschiedene Arten zusammenkommen können. Der Gesundheitsmarkt ist aber nicht komplett frei, sondern ein Stück weit zentral geregelt (durch Politik und Kassenkartell). Das wiederum gibt dann den Anbietern einen schlechten Verhandlungsstand, wenn die Verhandlungen auf Basis der freien Marktwirtschaft durchgeführt werden. Im Prinzip gibt es zwei Auswege aus dieser Situation – entweder gibt man den Markt komplett frei (und riskiert, dass dann viele durchs Netz fallen und sich die Kassen trotzdem gegen die Ärzte verbrüdern), oder man verabschiedet sich von der Illusion, dass sich der Altruismus schon durchsetzen wird und regelt die Verträge eben zentral (wo dann wieder viele Politiker-Köche den Vertrags-Brei verderben).

        Jemand ne bessere Idee?

        Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: