Stimmungsbarometer – Stimmungstief


Gestern morgen im Bett – mein Radiowecker weckt mich immer mit den 6-Uhr-Nachrichten – hörte ich aktuelle Umfrageergebnisse für die Bundestagswahl. CDU/CSU und FDP liegen bei 49%, SPD, Linke und Grüne zusammen bei 47%. Umfragen verschiedener Institute bestätigen diesen Trend. Rot-rot-grün scheint möglich oder zumindest fast gleichauf mit Schwarz-gelb.

Mir wurde klarer als in den Wochen zuvor, dass ich in meinem bisherigen Leben von keiner anderen Wahl so unmittelbar betroffen war, wie ich es diesmal sein werde.

Als ich auf dem Weg zur Arbeit immer wieder am breitgrinsenden Riesensteinmeier vorbeifahre, wird mein Frust noch größer. All meine Energie der letzten Monate bezog ich irgendwie aus der großen Hoffnung, dass durch eine Änderung der Regierungskonstellation meine Zukunft als kleiner niedergelassener Einzelkämpfer-Facharzt auf dem Land noch zu retten sein wird. Man kann Ulla Schmidt ja vieles vorwerfen (bis zur Pornoaffäre in der Bar ihrer Schwester), aber sie und ihr Parteigenosse Prof. Lauterbach, waren in den letzten Jahren wenigstens so ehrlich, mehrfach deutlich anzukündigen, dass sie die Freiberuflichkeit der Ärzte beenden wollen und die – vermeintlich überflüssige – doppelte Facharztschiene (d.h. Fachärzte in Krankenhäusern und in der ambulanten Versorgung) abschaffen wollen.
Für mich ist klar:
jegliche rote Regierungsbeteiligung, sei es rot-schwarz, rot-rot-grün oder rot-grün-gelb, gibt mich und meine Zukunft als niedergelassener Facharzt in Deutschland definitiv zum Abschuss frei (s. letzter Beitrag zum Vortrag von Prof. Lauterbach).

Ich will hier auch gar nicht wieder allgemeines gesundheitspolitisches Gelaber loslassen. Man kann sich ja streiten, ob es mich und meine Praxis überhaupt braucht in Deutschland. Aber es geht dennoch für mich ganz konkret um meine berufliche und wirtschaftliche Existenz und auch die meiner Familie.

Ich habe vor 5 Jahren von der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns den Zuschlag erhalten, meine Vertragsarztpraxis am jetzigen Standort zu gründen, weil hier BEDARF sei. Mir wurde sogar schriftlich bestätigt (zur Vorlage beim Kreditinstitut), dass dieser Kassenarztsitz eine „ausreichende wirtschaftliche Existenzgrundlage“ darstelle. Meine Praxis schien damals also durchaus „gewollt“, umso bitterer ist es für mich, dass mein „Baby“, meine Praxis, nun plötzlich „abgetrieben“ werden soll. Bitte verzeiht mir den Vergleich, aber es hängt viel Herzblut in dieser Praxis.

Noch möchte ich es einfach nicht wahrhaben. Ein Körnchen Hoffnung habe ich, dass der breitgrinsende grauhaarige Herr am kommenden Sonntag in der politischen Versenkung verschwindet. Und mit ihm die amtierende Ministerin. Mir ist auch klar, dass nicht klar ist, ob es danach klarer wird 😉

Aber bleibt es bei rot, dann muss ich mir schleunigst Plan B basteln. Wie ich meinem Sohn allerdings im Falle eines Umzugs einen erneuten Schulwechsel zumuten soll, weiß ich nicht. Wie ich meiner Tochter – die bei meiner Ex-Frau lebt – klarmachen soll, dass Papa weit weg ziehen wird, weil er sonst nicht mehr zahlen kann, ich weiß es nicht. Vielleicht werde ich zwei Wochenenden im Monat nach England fliegen, um gut-bezahlte Nachtdienste zu schieben – wie es schon mancher Kollege tut. Dann könnte ich die Zeit überbrücken, bis meine Kinder flügge sind….

Sorry, dass dieser Artikel lang, noch subjektiver als sonst und gar nicht lustig und satirisch-wertvoll ist, aber mir ist im momentan einfach nur schlecht …

Eigentlich wollte ich Euch ja noch mit tollen Argumenten zur Wahl vollknallen, aber mir geht die Luft aus …

Advertisements

8 responses to this post.

  1. Posted by reni on 19. September 2009 at 10:57 pm

    Nein, das glaub ich jetzt nicht. Herr Doktor, wie kann man denn nur solche Angst vor rot haben – „jegliche rote Regierungsbeteiligung….“. Wir haben über 40 Jahre in einem total roten System überlebt, das schafft man. Soll jetzt nicht heißen, daß ich rot will, nein, nein.
    Seit ich erlebt habe, wie so ein System vollkommen in sich zusammenfällt, in kürzester Zeit, und blub ist alles weg, seitdem kann mich in der Hinsicht nichts mehr erschüttern.
    Egal wie es ab 28.09.2009 in diesem Lande aussieht, Sie glauben doch nicht im Ernst, daß sich da viel ändert. Stimmt nicht ganz, es wird sich was ändern – die ganzen schönen Wahlversprechen, die können Sie dann mit der Lupe suchen, da werden dann Alle, ausnahmslos, an Gedächtnisschwund leiden.

    Und, was ist mit Ihren Patienten? Wer bringt Ihnen in England die Schmalzkrapfen ( find jetzt auf die Schnelle nicht die richtige Bezeichnung aus Ihrem Artikel)?

    Ich nehme mir jetzt ein Glas Wermut und trinke auf Ihr Wohl, daß es Ihnen morgen wieder besser gehe und darauf, daß wir eine halbwegs gescheite Regierung bekommen.

    Ist mit Sicherheit nicht das Wahre, mein Geschreibsel, na gut.

    MfG reni

    Antwort

  2. Posted by Benedicta on 20. September 2009 at 3:42 pm

    Tja. Für so naiv hätte ich dich gar nicht gehalten.

    Sei doch froh, dass du bei rot wenigstens weißt, woran du bist – schwarz und gelb versprechen dir das Blaue vom Himmel und sägen hintenrum genauso an deinem Stuhl.
    Meine (persönliche und daher natürlich subjektive) Erfahrung ist: rot und grün schämen sich, wenn sie beim Lügen ertappt werden und versuchen, es besser zu machen. Schwarz und gelb lügen dir offen ins Gesicht ohne eine Miene zu verziehen (und schieben es hinterher ganz dreist auf den politischen Gegner – das Volk ist ja dumm genug, das noch zu glauben).
    Rote Politiker, die beim Filz erwischt wurden, mussten ihre Sachen packen – schwarze solche regieren teilweise immer noch, und den Gelben hat in den letzten Jahren schlichtweg niemand auf die Finger geguckt, weil die keiner ernst genommen hat!

    Ich hoffe für Dich, dass dein Wunsch nach Schwarz-Gelb nicht in Erfüllung geht – es könnte ein böses Erwachen geben.

    Antwort

    • Posted by drgeldgier on 20. September 2009 at 4:25 pm

      „Rote Politiker, die beim Filz erwischt wurden, mussten ihre Sachen packen – …“

      Stimmt, Ulla Schmidt musste nach der Dienstwagenaffäre ihre Sachen packen. Aber nur für die Heimreise von Alicante nach Berlin im fetten Dienstwagen. Aber nicht zu viele Sachen packen, denn im Dienstwagen musste ja auch noch das Urlaubsgepäck des Chaffeur-Söhnchens Platz haben.

      Und offiziell höre ich von Ulla Schmidt, dass die Ärzte jetzt nach Euro und Cent bezahlt werden würden und dass sie die Fachärzte ganz doll wichtig findet. Aus dem Honorarbescheid für 1-2009 geht hervor, dass ich gut 20% meiner Arbeit im ersten Quartal für 0,00 € erbracht habe. D.h. von 880 Patienten habe ich ca. 170 kostenlos behandelt. Soviel zur Offenheit von rot-grün. Danke fürs Outen. Übrigens war der Fuhrpark der Bundesregierung zu rot-grünen Zeiten fetter als je und nicht besonders umweltfreundlich, wie man meinen möchte.

      Antwort

      • Posted by Benedicta on 20. September 2009 at 10:22 pm

        Ulla Schmidts Dienstwagenaffaire wurde aufgeklärt, es stellte sich heraus, dass der private Dienstwagengebrauch gesetzeskonform abgerechnet war (der Fehler also nur darin bestand, dass sie sich das Auto hat klauen lassen) und sie HAT ihren Rücktritt trotzdem angeboten (aus dem Wahlkampfteam). Sprich: reine Rufmordkampagne der Presse.

        Roland Koch steckte bis zum Hals in der Spendenaffaire, Helmut Kohl stellte sein Ehrenwort über das Grundgesetz, Althaus hat schuldhaft einen Menschen getötet (durch Fahrfehler im Skigebiet – immerhin, die Thüringer waren schlauer als die Hessen und haben ihn nicht wiedergewählt), Bayern wird seit Generationen von Strauß und seinen Kindern verwaltet, trotz Verurteilung wegen Steuerhinterziehung…
        Ja, DANKE. Man merkt deutlich, dass DIESE Politiker dem Grundgesetz treu ergeben sind *ironieoff*

        Führst du eigentlich deine Wahlinfo-Serie weiter? Die Standpunkte von CDU/CSU und FDP würden mich nämlich doch mal interessieren – bisher ist bei mir nur ein „dagegen“ von beiden Parteien angekommen, ohne dass klar würde WOGEGEN eigentlich und WOHIN denn bitte.

        Bei dir hab ich immer mehr den Eindruck, dass es dir gar nicht so ums große Ganze geht, sonder in erster Linie um deinen Lebenstraum. Wenn ein solcher Lebenstraum platzt, tut es weh – das ist klar. Nur: es gibt außer dir noch andere Menschen auf der Welt – und das Beste für dich ist nicht unbedingt auch das Beste für alle. Genau dieses Problem habe ich mit der FDP, die betreiben nämlich genau diese Art von „autistischer“ Klientelpolitik. Gut, wenn man zur Zielgruppe gehört – gaaaanz schlecht für alle anderen. Aber genau das ist ja das Problem am Autismus – andere Menschen werden nicht als eigenständige denkende Wesen wahrgenommen und zählen also auch nicht.

        Antwort

  3. Posted by Willi on 20. September 2009 at 6:31 pm

    Sehr geehrter Herr Doktor,

    Ihr unerschütterlicher Glaube an die FDP erscheint mir zu optimistisch, denn diese Partei setzt gemeinsam mit mit ihren Parteispendern auf totale Privatisierung.

    Gäbe es nicht die ges. Kv´s, meinen Sie wirklich, daß es noch so viele Arztpraxen gäbe wie heute?

    Ich meine NEIN.

    Dann gelten Regeln wie bei der HRE Profit, Profit, Profit und nochmals Profit !!!

    Oder meinen Sie die Privatkassen, deren Manager mit Dollarzeichen in den Augen rumlaufen, achten nicht auf Gewinnmaximierung?

    Oder meinen Sie, daß diese Sorte der Profitgeyer zu GUTMENSCHEN mutieren?

    Verlierer sind immer die letzten in der Masse, die Patienten, aber dann kommen schon die Ärzte.

    Antwort

    • Posted by drgeldgier on 20. September 2009 at 9:19 pm

      Lieber Willi,
      der Unterschied von Privatkassen oder gesetzlichen Krankenkassen liegt doch nicht darin, dass die gesetzlichen Kassen nicht an Gewinnmaximierung interessiert sind. Im Gegenteil, die AOK mit ihrem Mauschelvertrag mit den Bayerischen Hausärzten hat doch eindeutig gezeigt wo es lang geht.
      Die Kassen haben in unserem System schon jetzt eine Macht übernommen, darüber zu bestimmen wieviel und was bezahlt wird.
      Ein Beispiel:
      wenn in Deutschland die Grippewelle hereinbrechen sollte mit 10 Millionenen Infizierten, dann wird die gesetztliche Krankenversicherung einen Teil der Impfstoffkosten tragen und die Medikamente. Aber für die deutliche Zunahme an ärztlicher Leistung wird sie keinen Cent mehr ausgeben, denn sie hat ja durch die Budgetierung eine gewisse Summe bezahlt. Das komplette Krankheitsrisiko – gemeint ist das Kostenrisiko – liegt also auf der Seite der Leistungserbringer (Ärzte, Krankenhäuser, …).
      Eine solche Perversion wirst Du in keinem anderen Bereich finden. Eine Hagelversicherung hat bei einem Hagelsommer nun mal Pech gehabt und muss dann mehr berappen. Denn die Hagelschaden-Reparateure haben dann Hochsaison und verdienen sich eine goldende Nase.
      Im Grippe-Epidemie-Fall dürfen die doofen Ärzte – selbst unter Einsatz der eigenen Gesundheit – kostenlos werkeln, da sie ihr Budget endlos überschreiten werden. Ich hab es ohne Grippe im ersten Quartal 2009 schon um 25% überschritten.
      Das zeigt nun mal, dass die Krankenversicherung nicht wirklich eine Versicherung ist. Der Name Versicherung ist irreführend.

      Antwort

      • Posted by Benedicta on 20. September 2009 at 10:35 pm

        Ah, ja. Und weil alle Versicherungen auch im Katastrophenfall brav zahlen, waren bei den Überschwemmungen an der Oder und in Bayern die ganzen Spendenaufrufe nötig… ja neee, ist klaaar. Die Versicherungen sagen dann ganz knallhart „Risikogebiet, wir versichern Sie nicht mehr“.

        Das Problem mit dem Krankheitsrisiko wirst du haben, solange du Kassen hast – privat oder gesetzlich ist dabei wurscht. Denn solange da gewinnorientiert arbeitender Verwaltungsapparat dazwischensitzt werden eben diese gewinnorientiert arbeitenden Verwaltungsmenschen das Risiko tunlichst auf jemand anderen abwälzen – Ärzte, Patienten, Gesundheitspersonal.
        Meiner Meinung nach ist der Fehler gewesen, im Gesundheitssystem überhaupt Privatisierung (und damit Gewinnorientierung) einzuführen. Diese Prozesse wurden übrigens schon von schwarz-gelb angestoßen – nur wirkt alles, was am System ändert eben mit vielen Jahren Zeitverzögerung, und den Salat haben wir erst jetzt. (Je größer das System, desto länger dauern die Auswirkungen).
        Übrigens: Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und dergleichen ist doch eine klare FDP-Sache – und alle diese Dinge schieben das Risiko zum Leistungserbringer. Das trifft dann vielleicht nicht dich, aber deine Patienten dafür doppelt.

        Übrigens: du bist doch Neurologe – was hast du denn mit der Schweinegrippe zu tun?

        Antwort

        • Posted by drgeldgier on 21. September 2009 at 8:04 am

          Liebe Benedicta leider wird der Schmarrn immer größer bei Dir. Eine Versicherung, wenn man denn eine hat, zahlt genau für die Schadensfälle, die in den Versicherungsbedingungen festgelegt sind. So tut es eben auch die private Krankenversicherung. Dort wird jede einzeln erbrachte Leistung bezahlt, so sie denn im vorher mit dem Versicherten vereinbarten Leistungskatalog enthalten ist. Das läuft dann ab, wie bei jeder Handwerkerrechnung.
          Mir ist auch nicht bekannt, dass die Handwerker und sonstigen Dienstleister, die den Wiederaufbau nach den Überschwemmungen durchgeführt haben, diesen kostenlos erledigten, weil ihr Budget schon voll war.

          In einem Deiner letzten Kommentare wirfst Du mir vor, ich würde mich nur um meine kleine Welt kümmern, und wenn ich dann ein alle Ärzte betreffendes Szenario (Schweinegrippe) anspreche, ginge mich das als Neurologen wieder nix an.
          Sehr gut gelernt von Deinen SPD-Genossen rote Benedicta.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: