Integration – ein Vorgeschmack


Letzte Woche bei mir in der Praxis:
eine junge hochgewachsene scheinbar türkische Frau, 43 Jahre, verhüllt auch mit Kopftuch, aber das Gesicht frei. Sie kommt in Begleitung des Mannes, da sie nichts deutsch spricht. Sie wirkt intelligent und aufgeschlossen, spricht aber außer einzelnen Worten kein deutsch.

Es geht wohl um den rechten Arm, der irgendwie schmerzt und schlecht beweglich ist. Trotz der Übersetzungshilfe des Ehemannes – das Ganze klingt nun eher arabisch als türkisch – komme ich mit der Anamnese nicht wirklich voran. Ohne wirklich verstanden zu haben, was wo, wie, seit wann weh tut bzw. nicht mehr geht, ist keine vernünftige Diagnose zu stellen, geschweigedenn eine Behandlung einzuleiten. Auch die körperliche Untersuchung gelingt so nur bruchstückhaft.
Der Ehemann, sehr freundlich, bemüht sich redlich, kann aber die anatomischen Begriffe einfach nicht übersetzen.

Als ich frage, wie lang die junge Frau schon in Deutschland lebt, antwortet er 12 Jahre!

Ich kann nicht wirklich helfen. Schreibe meinen frustrierten Bericht an den überweisenden Kollegen, der mir leider auch keinerlei Vorunterlagen mitgegeben hatte.

Was ich mit diesem Erlebnis vermitteln will?

1) Es ist traurig, wenn man 12 J. in einem Land lebt und als einigermaßen intelligente Frau nicht die Chance hat, basal die Sprache dieses Landes zu lernen – den Schaden hat man, wie diese Geschichte zeigt ja selbst

2) In wenigen Jahren wird es den deutschen Patienten in ihrem eigenen Land wie dieser Frau ergehen. Viele Ärzte – von Ulla nach Deutschland geholt – werden dann nämlich nur gebrochen deutsch sprechen. In kleineren Kliniken ist das jetzt schon so, weil der deutsche Arztnachwuchs fehlt.

3) Noch makabrer: manche Reha-Kliniken privater Klinikkonzerne konzentrieren ihre kompletten Abteilungen auf zahlungskräftige Patienten aus Russland und Arabien und schließen die Reha-Abteilungen für deutsches Klientel, weil damit kein Geld mehr zu verdienen ist. Einen konkreten Fall habe ich ganz in meiner Nähe – ist das nicht Wahnsinn?

Wenn man 2) und 3) zusammennimmt, dann stimmt die Entwicklung wieder, sofern die polnischen Ärzte dann fähig sind russisch oder arabisch zu sprechen. Wer dann die deutschen Patienten versorgt? Wen interessiert das?

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12 responses to this post.

  1. Natürlich habe ich selbst auch lieber einen deutschen Arzt, denn ich hatte schon mal ein Erlebnis mit einem ausländischen Arzt (Rechnung optimieren hatte er offenbar von den deutschen Kollegen schneller gelernt als deren Sprache!). Aber diese Hetzpropaganda „wenn Ihr uns nicht mehr bezahlt, dann hauen wir ab und dann kommen Ausländer“ halte ich für sehr bedenklich.

    Antwort

  2. Posted by drgeldgier on 22. September 2009 at 12:09 pm

    Ach AG, „sehr bedenklich“ und Hetzpropaganda. Hallo, träumst Du? Es ist doch keine Hetzpropaganda. Es ist Fakt: schon jetzt wandern jährlich 2500 deutsche Ärzte ins Ausland ab, Tendenz steigend. Ein Großteil der deutschen Medizinstudenten möchte in der Patientenversorgung nicht einmal mehr anfangen zu arbeiten. Und das alles, wo doch aus Deiner Sicht alles so doll in Ordnung ist.
    Und wenn man dann als Arzt offen sagt, dass man plant ins Ausland zu gehen, da man dort einfach bessere Chancen für sein Aus- und Einkommen sieht, dann wäre es wieder „Hetzkampagne“ und bedenklich.
    Das ist aber in jedem anderen Beruf doch so. Wenn der Jurist oder Informatiker in USA eine rosige Zukunft für sich sieht, dann geht er einfach dorthin.
    Klar, der Unterschied zu den Ärzten ist der, dass es für Ärzte hier ja genug Arbeit gibt und das Auswandern nicht wegen Arbeits- oder gar Arbeitsplatzmangel geschieht. Das ist ein Unterschied und der ist eher bedenklich.

    Antwort

  3. Posted by Magrat on 22. September 2009 at 12:22 pm

    Woanders sind es dann die deutschen Ärzte, die nur gebrochen die Landessprache sprechen, sich aber mit Rechnung optimieren auskennen. Denn deswegen sind sie ja ausgewandert.

    Und die ausländischen Ärzte kommen hier her, weil sie hier besser verdienen und mehr Karrierechancen sehen als in ihrer Heimat.

    Kommt immer auf die Perspektive an. Was dem einen Recht ist, ins dem anderen billig.

    Antwort

  4. zu1) traurig, zweifelsohne. Die Hintergründe können vielseitig sein und mir erschliesst sich der direkte Zusammenhang zum Gesundheitssystem, das du anprangerst, nicht.

    zu 2) es gibt in jedem KH Dolmetscher, die jedem Arzt zur Erhebeung der Anamnese/ sonstiges Arztgespräch zur Verfügung stehen, sehe das eher aus der Sicht der Pflege problematisch, denn man kann wegen „Kleinigkeiten“ nicht ständig einen Dolmetscher abrufen, obwohl die Qualität der Pflege ein Feedback des Patienten sicher maßgeblich ist

    zu 3) ich kenne das, v.a. mit Patienten aus den vereinigten Emiraten. Oft schwere und auch hoffnungslose Fälle. Wie das ethisch zu bewerten ist – ich bin mir nicht so sicher. Ein krebskrankes Kind aus der Wüste von irgendwo zu holen, und versuchen es zu heilen ist besser als nichts zu tun und dem sicheren Tod zu überlassen. Dass daran jemand verdient…
    Mit den Kranken verdienst auch du dein Geld.

    Antwort

    • Posted by drgeldgier on 22. September 2009 at 10:54 pm

      @muckeltiger
      Ich arbeite nicht in einem Krankenhaus und habe einen Dolmetscher kann ich mir als niedergelassener Arzt leider nicht leisten, da bin ich mit den Pflegenden im Krankenhaus oder in der amublanten Pflege in einem Boot.
      zu 1) neben meinem ständigen Genörgel an den aktuellen gesundheitspolitischen Missständen, erzähl ich ab und zu auch mal real Geschehenes aus dem Alltag. Da mir die Sprachproblematik leider sehr oft unterkommt (leider oft bei Frauen, denen offensichtlich über Jahre hinweg die Integration im neuen Land von den Männern massiv erschwert wird), habe ich dies hier erzählt.

      Der Pflegenotstand ist auch ein grausames Kapitel der aktuellen Entwicklung. Da ich aber nur über meine kleine Welt berichten kann, bin ich darauf bisher nicht eingegangen. Zu meiner Studentenzeit bestand der Pflegenotstand darin, dass einfach zu wenig Personal auf dem Arbeitsmarkt war, weshalb ich als Student für Nachtwachen etc. mit Handkuss genommen wurde.
      Jetzt erlebe ich das eher so, dass durch massive Streichungen im Stellenplan die vernünftige Versorgung gefährdet ist.

      Antwort

  5. Ach und: niemals hast du den Pflegenotstand erwähnt. Warum eigentlich? Auch ein großer Skandal, von dem die große Masse irgendwie kaum etwas weiß..

    Antwort

  6. @ AG, hier „optimiert“ doch jeder, egal ob der Schlüsseldienst, der mir 20 km „durchschnittliche Fahrkosten“ aufrechnet, obwohl er aus dem Nachbarhaus kommt, oder die Autowerkstatt, die grundsätzlich nur das teure Öl von Castrol oder Veedol einfüllt und dabei mehr Verkaufsgewinn macht, als ein vergleichbares Öl im Baumarkt insgesamt kostet, oder der Wirt, der mir ein Schnitzel verkauft, das zu groß ist zum essen, dafür aber den angemessenen Preis (angemessen an das Schnitzel, nicht an meinen Hunger) berechnet, oder, oder, oder… (von selbstfestgelegten „Stempelgebühren“ bei Behörden will ich gar nicht reden)! Nur beim Arzt regst Du Dich auf! Mir „würd er ja auch stinken“, aber komm wieder runter: Du kämpfst gegen Windmühlen!

    Viele Menschen in Deutschland glauben, sie hätten ein angestammtes Recht auf einen Arzt, so stehts ja im Gesetz! Dann sollte man dies auch bei der P o l i t i k einfordern und nicht bei den Ärzten, wenn die darauf aufmerksam machen, dass die Politik permanent die Bevölkerung verscheißert! Eine Transparentaufschrift auf einer Demonstration von Ärzten und Pflegern in Lettland vor inzwischen 15 Jahren lautete „Wenn Ihr glaubt, dass Ihr uns bezahlt, dann glaubt auch, dass wir euch heilen“. Das Problem ist wohl global (zumindest in „Sozial“-Staaten)!

    Die Ärzte fordern seit Jahrzehnten eine Abkehr von diesem – völlig unhaltbaren – Versprechen (genannt „gesetzlicher Anspruch“). Eine gute und vor allem auch eine sozial verträgliche Versorgung der Patienten haben Ärzte nämlich schon erbracht, als die Politik noch lange nicht erkannt hatte, wieviel Macht man bekommen kann, wenn man sich die medizinische Versorgung im Staat unter die politisch-gesetzgeberischen Nägel reißt! Auch das Post- und Verkehrswesen waren einmal „staatliche“ Aufgaben. Heute sind sie es nicht mehr – und ist der Verkehr oder das Nachrichtenwesen deshalb zusammengebrochen? Wohl eher das Gegenteil!

    Mit ihren „Sozialgesetzen“ schützt die Politik nicht die sozial Schwachen vor dem Abstieg, sondern die Reichen vor den sozial Schwachen. Hier heist’s doch: die „Armen (deren Einkommen unter der Beitragsbemessungsgrenze liegt) müssen sich gegenseitig unterstützen – und die „Reichen“ (die darüber liegen) brauchen dazu nichts beitragen !!!!!!

    Antwort

  7. Posted by Benedicta on 24. September 2009 at 1:48 am

    Mal ein ganz anderer Aspekt: Manche Menschen tun sich einfach schwer, fremde Sprechen zu lernen.
    Ich habe da einen Kollegen… der spricht auch nach 3 Jahren nur marginal Deutsch und sein Englisch ist auch nicht sooo berauschend. Und das liegt nicht daran, dass er keinen Grund hätte (im Gegenteil. Cheffe ist da sehr bestimmt, mittlerweile aber auch mit seinem Latein am Ende). Freut die Studenten natürlich ungemein…

    Ich habe das Glück, dass ich mir das Lernen von Sprachen leicht fällt. Für diese Begabung bin ich dankbar.

    Antwort

    • Posted by drgeldgier on 24. September 2009 at 5:06 am

      Benedicta „… ich habe das Glück, dass ich mir das Lernen von Sprachen leicht fällt. …“
      Da bin ich echt grass froh für Dir 😉

      Antwort

      • Posted by Benedicta on 24. September 2009 at 2:01 pm

        Das kommt davon, wenn man seinen Text nochmal umformuliert… *vor Scham unterm Tisch versteck*
        Memo to self: nachts um dreiviertel zwei nicht mehr intelligente Texte verfassen wollen.
        Ah bon… c’est la vie.

        Antwort

  8. Posted by specialagentgibbs on 24. September 2009 at 10:16 pm

    Ich möchte da mal ein Positivbeispiel anführen. Bei einem Besuch in einer Arztpraxis (das ist gerade einfach mal Zufall, dass es da passiert ist) war ich zu früh und musste noch etwas warten. Im Wartezimmer setzte sich dann eine Frau mit Kopftuch und eher traditioneller Bekleidung, ich vermute mal aus der Türkei oder einem Land im Nahen Osten, neben mich. Ihr Kind wollte ein Buch vorgelesen haben und siehe da: trotz gegenteiliger Vorurteile, die ich in dem Moment hegte, las sie dem Kind das Buch in astreinem Deutsch vor. Ich war richtig positiv überrascht. So was hat man leider viel zu selten…

    Antwort

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