Ich bekenne: ich mache Zweiklassenmedizin


Zweiklassenmedizin original aus meiner Praxis:

Patient 1: Markus K.*: 54 J., privatversichert
Patient 2: Ludwig L.*: 43 J., gesetzlich versichert

Diagnose bei beiden: CLUSTERKOPFSCHMERZ
Das ist eine seltenere Kopfschmerzerkrankung, die hauptsächlich Männer jüngeren Alters betrifft. Dabei kommt es zu oft nachts einsetzenden, heftigen einseitig-bohrenden Kopfschmerzen meist hinter dem Auge, begleitet von Gesichtsrötung, Tränen-/Nasenfluss, Bewegungsunruhe. Die Attacken dauern zwischen 30 und 180min, allerdings können mehrere Attacken pro Tag auftreten. Typischerweise kommt es zu Phasen mit praktisch täglichen Attacken über einige Wochen (engl. „cluster“ = Haufen), untrebrochen von oft mehrmonatigen anfallsfreien Intervallen. Bei der chron. Form gibt es diese kopfschmerzfreien Intervalle leider nicht mehr.

Der Privatpatient: Schlimmer Verlauf – gute Behandlung:
Markus K.
ist seit fast 5 Jahren mein Patient. Anfangs war seine Erkrankung nicht richtig erkannt worden (kommt oft vor, weil sie selten ist und selbst mancher Neurologe sie nicht kennt). Die Attacken werden erfolgreich mit einem sehr teuren Migränemittel, das innerhalb von 10-15min wirkt, behandelt. Zur Vorbeugung wurde Verapamil verordnet, eine Substanz aus der Kardiologie, die bewiesen hat, dass sie bei Clusterkopfschmerz gut hilft und deshalb auch in den wissenschaftlichen Leitlinien als Mittel der ersten Wahl genannt wird. Herr K. spricht auf übliche Dosen nur schlecht an. Erst auf sehr hohe Dosen (das 5-fache der üblichen) werden die Attacken seltener, aber verschwinden nicht. Herr K. hat leider die schwere chronische Form. Durch Akupunktur kann in Phasen von mehrmals täglich auftretenden Attacken Linderung erreicht werden. In Kooperation mit der Kopfschmerzambulanz einer Uni-Klinik wird dann zusätzlich zu Verapamil mit Botulinum-Toxin-Injektionen begkonnen. Hierunter wird erfreuliche Stabilität erreicht. In 3-monatigen Abständen erhält Markus K. seine Injektionen, die von der Privatversicherung (das Med. kostet pro Injektion allein ca. 250€) genehmigt wurden.
Seit gut 3 Jahren ist die Krankheit bei Herrn K. „im Griff“. Dank Verapamil und Botulinumtoxin, unterstützt durch Akupunktur und manchmal auch Krankengymanstik kommt es nur selten zu Schmerzattacken. Herr K. macht regelmäßig Urlaub in fernen Ländern, trotz seiner Erkrankung. Er hat das Glück privat versichert zu sein als Beamter.

Der „Kassenpatient“: die Katastrophe
Ludwig L. hat schon seit 10 J. Clusterkopfschmerzen. Er „lief“ jahrlang unter Migräne und „psychisch“ und stellte die Diagnose schließlich vor 3 Jahren selbst anhand von Internet-Recherchen. Die Migräne-Mittel (Triptane), die die Attacken lindern würden, wurden nicht verordnet, weil die Krankenkasse bei fehlender Zulassung die Kostenübernahme verweigerte. Im Internet las Ludwig L., dass in Attackenphasen Kortison sehr gut helfe (das stimmt auch), so dass er sich immer wieder dieses besorgte und zum Teil (nicht lege artis) über Wochen selbst verabreichte. Gott sei Dank hat Herr L. immer wieder längere kopfschmerzfreie Phasen. Als er zu mir kam, war eines der Migränemittel mittlerweile glücklicherweise schon für Cluster-Attacken zugelassen, so dass ich es ihm verordnen konnte (auch wenn ich bei zu häufiger Verordnung riskiere in „Regress“ genommen zu werden – sprich: das Medikament selbst bezahlen muss). Zur Prophylaxe begann ich mit Verapamil wie bei Markus K. auch. Es half relativ rasch super. Aber seine Krankenkasse verweigerte die Kostenübernahme, da das Mittel für Cluster-Kopfschmerzen nicht zugelassen sei und die Erkrankung „nicht lebensbedrohlich“ sei. Trotz mehrfacher Schreiben meinerseits kein Einlenken der Kasse, obwohl die Monatstherapie ca. 30€ kostet. Herr L. war daraufhin 2 Jahre nicht mehr in meiner Praxis erschienen. Aus Kostengründen hatte er es hingenommen, mehrmals pro Jahr schwerste Kopfschmerzphasen zu haben, bei denen er zum Teil auch an Selbstmord dachte. Er hat sich immer wieder mit Kortison selbst behandelt. Als er wieder kam, war er ca. 15 Kilo schwerer und klagte schon über chronische Magenschmerzen. Er bezahlt sich nun Verapamil selbst, Akupunktur kann er sich zusätzlich nicht leisten, Botulinumtoxin schon gleich gar nicht.

Ja, wir machen Zweiklassenmedizin, aber gezwungenermaßen !!!

Die hoffentlich-nur-noch-wenige-Tage-Bundesgesundheits-ministerin wirft uns Ärzten immer wieder vor,  Zweiklassenmedizin zu betreiben und führt die längeren Wartezeiten auf einen Termin zum Beweis an. Sowohl Herr L., als auch Herr K. erhalten in meiner Praxis bei akuten Schmerzen jederzeit sofort einen Termin. Die wirkliche Zweiklassenmedizin (s.o.) ist doch durch unsinnige Gesetze  mit Budgetierungen, Eingriffen in die Therapiefreiheit des Arztes etc.  politisch so gewollt. Durch Einführung der Bürgerversicherung möchte die SPD nun die  Zerstörung der privaten Krankenversicherung vorantreiben.

Die SPD möchte also, dass nicht alle gleich gut, sondern alle gleich schlecht behandelt werden!
Dann wird Herr K. genauso wie Herr L. sein Verapamil selbst bezahlen müsssen und auch auf Botulinumtoxin, Akupunktur etc. verzichten müssen.
Da er die chronische Form der Erkrankung hat, wird es ihm vielleicht dann ergehen, wie es früher, vor Einführung wirksamer Schmerzmittel, vielen Clusterkopfschmerzpatienten erging: sie brachten sich um.

Die Diskussion um Wartezeiten auf Termine geht am Problem komplett vorbei.

______

*Namen von der Redaktion geändert

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6 responses to this post.

  1. Guten Tag,

    wie Ihr „Patient 1“ bin am Cluster-Kopfschmerz-Syndrom mit chronischem Verlauf erkrankt, allerdings gesetzlich versichert.

    Dennoch erhalte ich von „meinem“ Neurologen die erforderlichen Medikamente verordnet.

    Verapamil ist zwar immer noch im „off label use“, aber wegen der geringen Kosten gab es bisher nur in seltensten Fällen Probleme durch die KK, ggf. ließen die sich durch einen Anruf beim Sachenbearbeiter der KK lösen. Die Zulassung für Verapamil ist beantragt, das Verfahren läuft noch.

    Kortikoide werden nur überbrückend und kurzfristig eingesetzt bis eine Prophylaxe, z. B. mit Verapamil wirkt. Ein Magenschutz mit einem Protonenpumpenhemmer sollte beim Einsatz von Kortison Standard sein.

    Ein Mittel der ersten Wahl zur Attackenkupierung ist die Inhalation von med. O², mit einem Durchfluss von bis zu 15 l pro Minute, mit einer geeigneten Hochkonzentrationsmaske. Sauerstoff ist zur Behandlung von CKS Attacken zugelassen (Probleme haben da häufig privat Versicherte, wenn med. O² nicht im Leistungskatalog steht).

    Ebenfalls zugelassen zur Attackenkupierung ist Sumatriptan s. c., das sich der Patient mit einem Autoinjektor selbst spritzen kann. Ich verwende Imigran injekt seit sechs Jahren und mindest so lange ist es auch zugelassen!
    Ich benötige bis zu sechs Imigranspritzen in 24 Stunden und noch keine einzige musste mein Arzt bezahlen.

    Seit letztem Jahr ist auch Zolmitriptan (AscoTop nasal) zur Behandlung von Clusterattacken zugelassen.

    Dann möchte ich Sie noch auf das Projekt „CK-Wissen“ im Internet aufmerksam machen.
    Mit einem Vorwort von Priv. Doz. Dr. med. Arne May, Leiter der Kopfschmerzambulanz des Universitätsklinikums Hamburg und Präsident der DMKG, sind die Inhalte der Cluster-Kopfschmerz Wikiseiten
    http://www.ck-wissen.de/ckwiki
    nun auch als „Book-On-Demand“ erhältlich.

    Ein solches „Book-on-Demand“ kann als gebundenes Buch bestellt oder als
    PDF-Datei kostenlos heruntergeladen werden.
    Direktdownload (PDF, ca. 9,3 MB):
    http://www.ck-wissen.de/ckwiki/uploads/clusterkopfschmerzbuchxxl.pdf

    Ebenfalls neu bei CK-Wissen, die Seite „Aktuelles zum Cluster-Kopfschmerz“,
    http://www.ck-wissen.de/ckwiki/index.php?title=Hauptseite

    Diese Seite soll sowohl Ärztinnen und Ärzten als auch den Patientinnen und Patienten eine Übersicht über aktuelle Publikationen und Nachrichten zu den trigemino-autonomen Kopfschmerzerkrankungen und der Hemicrania Continua geben.
    Abstracts der wissenschaftlichen Arbeiten können über die PMID + DOI Links aufgerufen werden.

    CK-Wissen ist seit August 2005 online, ist unabhängig, nicht kommerziell, frei von Werbung und enthält aktuell 289 Artikelseiten.
    CK-Wissen befolgt die Prinzipien für zuverlässige medizinische Informationen der Health On the Net Foundation und ist seit August 2006 HONcode akkreditiert.

    Harald Rupp
    CKS Selbsthilfe Nordbayern

    Antwort

    • Posted by drgeldgier on 26. September 2009 at 4:12 pm

      Vielen Dank für Ihre ausführliche und differenzierte Antwort. Ich freue mich für Sie, dass Sie die offensichtlich korrekte Therapie erhalten. In meinem Artikel hatte ich auch erwähnt, dass Triptane zwischenzeitlich zugelassen sind. Auf Sauerstoff sprechen beide von mir erwähnten Patienten leider nicht an. Aber die Verordnung der Sauerstoff-Flasche für zu Hause ist auch ein eigenes Thema, wie Sie sicher wissen.
      Das mit „Anruf bei der Kasse“ ist so eine Sache. Kassenmitarbeiter antworten in der Regel immer sinngemäß mit „wenn Ihr Arzt das Medikament verordnet, dann müsse Sie nichts zahlen“. Soweit so gut. Der Regress, von dem der Patient ja überhaupt nichts mitbekommt, kommt dann meist 1-2 Jahre später. Ich habe – als Praxis mit Kopfschmerzschwerpunkt – relativ viele Cluster-Patienten und anfangs auch nach der Methode „Augen-zu-und-durch“ Verapamil einfach so verordnet. Unser Berufsverband riet mir mittlerweile aber aufgrund des Regressrisikos dringend davon ab.
      Die Kassen machen mittlerweile EDV-gestützte Plausibilitätskontrollen: sie prüfen die vom Arzt verschlüsselten Diagnosen mit den verordneten Medikamente. Sobald Diskrepanzen auftreten rollt der off-labe-Regress. Ich hatte das vor 1 Jahr wegen eines 87€-Rezeptes für ein Antidepressivum.
      Nach Einführung der Gesundheitskarte wird es noch viel leichter möglich sein, dann haben wir wirklich den gläsernen Patienten.
      P.S.: meine Homepage trägt übrigens auch das HONcode Siegel 😉

      Antwort

  2. Posted by Kassenpatient on 26. September 2009 at 10:51 am

    So ist es !!!

    Ich bin Kassenpatient und hatte bis 2000 die episodische Verlaufsform…seit 2000 Chroniker mit fast 20 Anfällen am Tag. Um Imigran muss ich „betteln“ und bin deswegen gezwungen „Ärzte-Hopping“ zu betreiben, damit ich auf die erforderliche Menge der benötigten Arzneimittel komme.

    Der Reformwahnsinn von Ulla und Konsorten treibt Ärzte in den sozialen Abstieg und Patienten in die Hilflosigkeit!

    Antwort

  3. Auch wenn es mir schwer fällt mit einer anonymen Person, quasi einem Phantom, zu kommunizieren, will ich mich hier doch noch einmal einklinken.

    Zum „Thema Sauerstoff-Versorgung“ möchte ich auf die „- Praktische Hilfe -“ der DMKG und die dortige Möglichkeit zur Rückmeldung verweisen:
    http://www.dmkg.de/therapie/sauer.html

    Eine weitere Argumentationshilfe zur Sauerstoffverordnung gibt es hier:
    http://www.dmkg.de/pdf/ck_sauerstoff.pdf

    Sollten Ihre Patienten diesbezüglich dennoch Probleme mit ihren kranken Kassen haben, können die Betroffenen sich gerne bei den Selbsthilfegruppen melden.
    http://www.ck-wissen.de/ckwiki/index.php?title=Cluster-Kopfschmerz_Selbsthilfegruppen
    Meine Kontaktdaten finden sie ebendort.

    Schon seit langem hat die DMKG eine Stellungnahme und Argumentationshilfe zum „OFF-LABEL-USE“ in der Kopfschmerztherapie im Netz:
    http://www.dmkg.de/therapie/offlable.html

    Das Argument der Sachenbearbeiter von KK, CKS sei „nicht lebensbedrohlich“, ist einseitig, denn auch eine „die Lebensqualität auf Dauer nachhaltig beeinträchtigende Erkrankung“ ist bei CKS gewiss gegeben, sowie auch die weiteren Begründungen zur Verordnungsfähigkeit von Verapamil.
    http://www.dmkg.de/therapie/offlable.html

    Leider schreiben Sie nicht, welche „3 verschiedenen Kassen Ablehnungsbescheide was Verapamil bei CK betrifft“ versandt haben. Geben Sie diese bekannt und wir treten gerne in Verbindung mit denen, um über die Sachlage aufzuklären.

    Welcher Berufsverband ist das, der Ihnen davon abriet Verapamil zu verordnen?

    Ich würde mich freuen, wenn Sie Ihre „relativ viele(n) Cluster-Patienten“ auf die Unterstürzung durch die SHG und die Informationsmöglichkeiten bei http://www.ck-wissen.de hinwiesen.

    Wir sind allesamt ehrenamtlich tätig.

    Ein „Yes we can“ können wir nicht plakatieren, denn durch die Erkrankung sind wir dazu nicht unbedingt in der Lage,
    aber ein „Yes we do“ im Rahmen unserer eingeschränkten Möglichkeiten ist durchaus gegeben.

    Im Spannungsfeld zwischen Politik und KK, Ärzten, der Pharmaindustrie und sonstigen Verdienern kommt mir unser Gesundheitswesen mit seinen offiziellen Akteuren wie ein Verschiebebahnhof vor,
    jeder verweist auf die anderen, wir Patienten die die Chose finanzieren, sind die Waggons, die teilweise auf Abstellgleisen landen oder in der „Verschrottung“ (CKS=Suicide Headache).

    Über den DGN Kongress, der letzte Woche hier im Städtchen stattfand, war nichts von Patientenbeteiligung zu lesen oder zu hören.
    Was spricht dagegen sowas zum nächsten Kongress zu thematisieren oder im Kleinen vor Ort oder der Region umzusetzen?

    Antwort

  4. […] Ich bekenne: ich mache Zweiklassenmedizin Grausame Wirklichkeit der aktuellen Rationierung zum Leidwesen […]

    Antwort

  5. Posted by MikePike on 28. November 2010 at 12:42 am

    Hallo,
    ich bin neu im Forum und würde gerne Fragen, ob jemand bei Clusterkopfschmerz Erfahrungen mit einer Sauerstofftherapie gemacht hat.
    Mir wurden solche Sauerstoffkonzentratoren empfohlen. Was haltet ihr davon?
    Danke
    M.Pike

    Antwort

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