Winde Dich wie Äskulaps Schlange!


Sicher dachtet Ihr alle, ich hätte die letzten Tag damit zugebracht auf der Straße an FDP-Ständen Leute aufzuklären und die Unentschlossenen zu „Gelbisieren“. Fehlanzeige.

Neurologenkongress – business as usual
Ich habe mich drei Tage auf dem jährlichen Neurologenkongress in Nürnberg fortgebildet, damit ich auf dem neuesten Stand bleibe, um zu wissen, wie ich meine Patienten „leitliniengerecht“ behandeln könnte, so es denn die Kasse zahlen würde (s. letzter Artikel). Etwa 5000 Neurologen aus ganz Deutschland waren da. Seltsam war, dass die berufspolitisch prekäre Situation im niedergelassenen Bereich eigentlich kein Thema war. Es war „business as usual“, was vielleicht auch daran lag, dass viele Klinikärzte da waren und auch die Referenten fast ausschließlich Klinkchefs oder -oberärzte waren.

Masse statt Klasse
Besonders frustriert hat mich das Gespräch mit einem Kollegen, mit dem ich zusammen vor knapp 15 Jahren meine Neurologenlaufbahn begonnen hatte. Er ist seit drei Jahren als Nervenarzt niedergelassen. Auf die aktuelle Situation angesprochen, zuckt er nur gleichgültig die Schultern. Er habe damit kein Problem. Bei ihm habe es schon immer die Masse gemacht. Er behandle 1400 Patienten im Quartal (der Durchschnittsneurologe schafft ca. 850). Bis zu dieser Reform habe er ja viel Ultraschall gemacht, weil man das gut bezahlt bekam. Nun mache er das halt nur noch selten und besuche mehr die Heime, da er als Nervenarzt die Fremdanamnese und das Gespräch wieder bezahlt bekomme. „Dann schüttle ich halt lieber die osteoporotischen Hände im Heim anstatt den Ultraschall zu machen“. Wenn die Politik es so wolle.

Ich merkte schnell, dass ich hier mit Sachargumenten nicht weiterkam. Rein betriebswirtschaftlich gesehen hat er alles richtig gemacht. Anstatt sich lange mit dem einzelnen Patienten aufzuhalten „schleust“ er Unmengen durch. Bei den aktuellen Kopfpauschalen ist das goldrichtig, denn aufwändige Diagnostik oder gar mehrmals im Quartal Kontrolluntersuchungen machen ist ökonomischer Unsinn. Von Reform zu Reform ändert die Mehrheit der Ärzte, je nachdem wie es gerade angesagt ist, ihr Verhalten, wie ein Chamäleon die Farbe. Zeitaufwändige Patienten werden weiterverwiesen oder ins Krankenhaus geschickt.

„Barfußmedizin“ wird belohnt
Der Trend Masse statt Klasse hat nun aber endgültig einen grotesken Höhepunkt erreicht, denn derjenige der viel macht, ist der Verlierer (wie Prof. Lauterbach schon im November 2008 wußte). Das ist politisch gewollt. Die gründlichen, gut technisch ausgerüsteten Fachärzte sollen im SPD-Programm zuerst ausgerottet werden. Dann wird man im zweiten Schritt sagen, dass die übriggebliebenen Fachärzte draussen eh nur Händeschütteln (s.o.) und deshalb die Krankenhäuser die qualitativ hochwertige Versorgung mit ihren MVZs übernehmen müssen.

Beim Verlassen des Kongresses überlege ich mir, wie man es schaffen soll im Quartal mehr als 1000 Patienten zu behandeln. Mit vernünftiger Medizin geht das nicht. Ich werde das nicht können, da ich zwanghaft gründlich bin. Mein alter Lehrmeister und ehemaliger Chef erklärte mir auch, dass dies der Grund sei, warum er sich nicht niedergelassen habe.
Wie Recht er doch hatte.

Eigentlich habe ich keine Lust mich wie die Schlange von Äskulap ständig nach den neuesten Trends zu winden. Ich möchte eigentlich nur das Anwenden, was ich gelernt und in den letzten Tagen aufgefrischt habe.

Wenn morgen Abend herauskommt, dass die SPD weiter im Regierungsboot sitzt, werde ich allerdings letztlich reagieren müssen und das Fließband anwerfen. Vielleicht hätte ich die letzten drei Tage doch lieber FDP-Wahlkampf betreiben sollen.

 

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