Unterversorgung – Überversorgung – eine einfache Lösung?


Ärztemangel in Deutschland – wir tun was!
Selbst der Politik ist es nicht entgangen, dass in manchen Gegenden Deutschland keiner mehr als niedergelassener Arzt arbeiten will. Andere Bereiche sind für Zulassungen noch gesperrt, da hier die Versorgungsdichte höher ist. Dies ist beispielsweise in Bayern und Baden Württemberg größtenteils der Fall.

Geniale Umverteilung
Nun haben sich die „Experten“ was Schlaues einfallen lassen. Durch ein ausgeklügeltes System soll den Ärzten in „überversorgten“ Gebieten nach und nach das Honorar gekürzt werden, um es denen in unterversorgten Gebieten draufzugeben.
Überversorgt kann ich offen gesagt nicht nachvollziehen. Mein Gebiet, also da wo ich meine Praxis habe, ist angeblich über 150% überversorgt. Allerdings wurden dort in der Bedarfsplanung der KV (Kassenärztlichen Vereinigung) innerhalb der letzten 6 Jahre drei neue Facharztsitze meiner Fachgruppe geschaffen, weil angeblich Unterversorgung herrschte? Das alles hat ja die KV entschieden. Dann läßt man sich – im Vertrauen auf Versorgungsbedarf – nieder und hat auch die Praxis komplett ausgebucht – also Bedarf war da – und nun nach 5 Jahren erfährst Du, dass Du weg sollst.

Die Situation wird dann echt pervers, vor allem was die Konkurrenzsituation in einer Region betrifft.

Dies sei am Beispiel verdeutlicht:

Die Region Landkreis X-hausen gilt als überversorgt, weil dort 16 Nervenärzte arbeiten. Mit 10 Nervenärzten wäre sie angeblich 100% versorgt. Jetzt bekommen ab 2010 alle diese 16 Nervenärzte stufenweise dtl. weniger Honorar als andere Kollegen in Deutschland für dieselbe Arbeit, weil sie so böse waren und sich – auf Anraten der Kassenärztlichen Vereinigung – dort niedergelassen haben. Jetzt geht das große Pokern los. Ziel ist es nämlich, dass das Gebiet so unattraktiv gemacht wird, dass sich hierdurch die Anzahl der Ärzte dort dezimiert. Wer wirft also als erstes das Handtuch und geht nach Meck-Pomm? Wer stirbt vielleicht weg? Wer hört altersbedingt auf? Sobald die Zahl der Nervenärzte nämlich auf jene 10 (also 100%-Versorgung) schrumpft, bekommen alle nämlich wieder deutlich mehr Geld. Und plötzlich ist es wieder richtig dort seinen Sitz gekauft zu haben. Es kann sich also durchaus lohnen, dafür zu sorgen, dass andere eher das Handtuch werfen, als man selbst. Manche werden es dann hinnehmen, vielleicht 2-3 Jahre (vielleicht wieder mit Hilfe von Papis Kredit oder Verkauf des Erbes der Ehefrau) Verluste zu verzeichnen, nur um durchzuhalten. Man könnte es auch als Aushungern auf Raten bezeichnen. …

Das klingt jetzt alles abtrus und etwas kompliziert. Dabei hab ich es Euch noch echt einfach gemacht. Der Beschluss nämlich, der diese Perversion regelt (entschieden am 02.09.09 – sinnigerweise noch kurz vor den Wahlen), ist für jedermann einsehbar. Auf 18 Seiten könnt Ihr Euch daran versuchen, es zu verstehen. Jede Wette Ihr werdet alle – außer Benedicta vielleicht – nach 3 Seiten aufgeben. Ich hab es offen gesagt erst nach Lektüre eines anwaltlichen Kommentars verstanden.

Ich kann nur hoffen, dass sich unter einem neu besetzten Bundesgesundheitsministerium etwas ändert – allein mir fehlt der Glaube  😦

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9 responses to this post.

  1. Posted by me on 1. Oktober 2009 at 1:47 pm

    Vielleicht ’ne Praxis-Abwrackprämie?
    „Wenn Sie Ihre Praxis in einem überversorgten Gebiet aufgeben und in den ländlichen Osten umsiedeln, schenken wir Ihnen x Euro!“

    Spaß beiseite: Das ist ja mal der komplette Irsinn, den sich unsere Politiker mal wieder einfallen lassen haben!!!
    Ob das z.B. mit einer Frau von der Leyen besser wird?
    Vermutlich wird dann eher die Kritik an der Gesundheitspolitik kurzerhand geSTOPPschildet…

    Antwort

  2. Posted by Benedicta on 1. Oktober 2009 at 9:20 pm

    Wers schneller finden will: in Teil D gehts um Über- und Unterversorgung, D 1.2.1 und 1.2.2 regeln die Abschläge für Ärzte in überversorgten Gebieten.
    Der Abschlag selbst „ist in Anlage 1 Ziffer 2 festgelegt“ – die hab ich unter dem Link leider nicht gefunden.
    Interessant auch Teil E, da gehts um „nichtvorhersehbare Akuterkrankungen“ (oder so ähnlich), sprich Grippe, Tuberkulose etc.

    Nein, ich hab nicht alles genau gelesen, sondern nur überflogen – ganz soweit geht mein Ehrgeiz (lies: Masochismus) dann doch nicht 😉

    Ich frag mich ja, ob diese unterschiedliche Vergütung Grundgesetz-konform ist… hat nicht sogar mal jemand (erfolgreich) gegen unterschiedliche Rentensätze in Ost/West beim Bundesverfassungsgericht geklagt?

    Antwort

    • Posted by drgeldgier on 1. Oktober 2009 at 9:35 pm

      Danke fürs Lesen – das Grundgesetz interessiert die Strategen nicht. Abgesehen vom juristisch bedenklichen Standpunkt ist es doch ein gutes Beispiel dafür, wie pervers überbordende Bürokratie in diesem Land Einzug hält. In diesem Zusammenhang ist es auch interessant zu wissen, dass die letzte Gesundheitsreform ca. 500 Seiten stark war. Die Mehrheit der Bundestagsabgeordneten erhielten den Gesetzesvorschlag am Abend vor der Abstimmung. Sie haben ein Werk verabschiedet, das sie wahrscheinlich nie gelesen und wenn doch, wahrscheinlich überhaupt nicht verstanden haben.
      Wenn man so einen Einblick hat, wie Politik gemacht abläuft, dann läuft es einem kalt den Rücken runter. Die Politiker im Bundestag sind größtenteils nur die Marionetten, die im richtigen Moment für die „richtige“ Fraktion die Hand heben, egal für was.

      Antwort

      • Posted by me on 2. Oktober 2009 at 12:08 am

        Ich habe vor einigen Monaten auch ganz entsetzt feststellen müssen, dass einige Tagesordnungspunkte im Bundestag NACHTS (!!!) auf der Liste stehen – ich spreche z.B. von der Zeit zwischen 2 und 5 Uhr morgens!
        Natürlich ist da niemand anwesend – aber diese Themen, die von den Fraktionen beantragt wurden, müssen ja irgendwann auch „angehört und diskutiert“ werden – und dann setzt man unwichtige Themen eben nachts an, wo eh niemand mehr da ist…
        Dran war das Thema ja dann… haha.

        Antwort

  3. Posted by reni on 1. Oktober 2009 at 11:59 pm

    „…………dass in manchen Gegenden Deutschland keiner mehr als niedergelassener Arzt arbeiten will. “
    Ich könnte mir vorstellen, daß damit Meckpom z.B. gemeint ist.
    Werter Herr Doktor, ich verabschiede mich hiermit von Ihrem Blog. Sie denken nur an sich, und wer Ihnen nicht recht gibt, der wird beschimpft, den schließen Sie vom Blog aus. Ist Ihr gutes Recht, dem komme ich hiermit zuvor.
    Von allen Mitgliedern unserer Gesellschaft wird mehr Flexibilität verlangt. Nur von den Ärzten darf man das nicht verlangen?

    Zum Wahlausgang empfehle ich Ihnen folgenden Artikel

    18:32:05 30.09.09
    http://www.lifegen.de/newsip/shownews.php4?getnews=m2009-09-28-3422&pc=s01
    „Lobbygruppen der Pharmaindustrie entwarfen bereits vor Jahren unter den Augen der Gesundheitsministerin Ulla Schmidt Gesetzestexte und bestimmen auf diese Weise die deutsche Gesundheitspolitik. Ganze Gesetzestextpassagen stammen aus der Feder der führenden Konzerne.“

    Und eine der wichtigsten Lobbygruppen hat sich auch jetzt schon wieder zu Wort gemeldet und gibt die Richtung vor.
    http://www.vfa.de/de/presse/aktuellpr/
    „Zum Ausgang der Bundestagswahl erklärt Cornelia Yzer, Hauptgeschäftsführerin des vfa, für die forschenden Pharma-Unternehmen: „Jetzt sollen sie ihre klare Mehrheit auch nutzen! Natürlich stehen CDU / CSU und FDP vor gewaltigen Aufgaben. Die Sozialsysteme wetterfest zu machen und eine notwendige Deregulierung des Gesundheitssystems einzuleiten, ist ohne Frage schwer“.

    Und wenn ich dann von diesem Verband lesen muß:

    VERBAND FORSCHENDER ARZNEIMITTELHERSTELLER E.V.
    http://www.vfa.de/de/presse/positionen/nichteinwilligungsfaehig.html

    Gruppennützige Forschung an nicht einwilligungsfähigen Personen

    Da bekomme ich als Patient, Bürger dieses Landes echt Gänsehaut.
    Ihre Freunde von der FDP, für die Sie ja wirklich vehement Wahlkampf gemacht haben,
    werden mit dem vfa u.a. das schon richten. Ob das dann alles so in Ihrem Sinne
    sein wird, wage ich zu bezweifeln.

    Antwort

    • Posted by drgeldgier on 2. Oktober 2009 at 8:11 am

      Hallo reni,
      ich kann mich jetzt nicht erinnern, jemanden beschimpft zu haben oder jemanden hier ausgeschlossen zu haben. Kontroverse Diskussion sind ja hier zu erwarten und auch Ihr Beitrag steht ja nun mal ungekürzt hier.
      Wenn in einer Diskussion der Diskussionspartner aber angibt, für meine Argumente „keine Zeit zu haben“ und dann munter weiter auf seiner Sicht der Dinge beharrt, dann nehme ich mir auch die Freiheit meine Zeit anderweitig zu verplanen. Das hat nichts mit Ausschluss zu tun.

      In dem Blog geht es selbstverständlich um mich und nicht um das Schicksal südostafrikanischer Wühlmäuse. Da haben Sie Recht.
      Die Schilderung ist deshalb sehr subjektiv. Mir lag jedoch schon daran, darzulegen, dass es eben nicht nur um mich, oder die Zukunft der Ärzte, sondern um die Zukunft der Gesundheitsversorgung in diesem Land geht, die mitten in einer „Aldisierung“ steckt, die geschickt verschleiert wird.

      Antwort

  4. Also wenn die Politk was fördern will, dann soll sie nicht andere dafür bezahlen lassen. Und wenn sie was verbockt hat, dann erst recht! Die „ambulanten“ Ärzte (lat. ambulare = spazieren gehen) werden wohl immer noch als „fahrendes Volk“ gesehen, das man nach Belieben hin und her schicken kann.

    Mit diesen Mätzchen wird sicher nicht erreicht, dass eine bestehende Praxis umzieht. Aber man kann damit erreichen, dass keiner mehr Arzt werden will, weil dieses Risiko – heute hü, morgen hott , und dafür auch noch mit seinem Vermögen und seiner Lebensqualität haften – wird sich bald kein junger Mensch mehr antun. Quintessenz: Ärzte gehen pleite, Banken bleiben auf ihren Krediten sitzen, Steuerausfälle in Milliardenhöhe, Gewinne der Gesundheits-Aktiengesellschaften (Rhön, Sana, etc.) flißen ins Ausland ab – und Patienten haben jetzt immer weniger und in Zunkunft bald gar keine Ärzte mehr für ihre Probleme!

    Ceterum censeo: zu Risiko und Nebenwirkungen beschweren Sie sich bei Ihrer Kasse und prügeln Sie ihren Politiker!

    Antwort

    • Natürlich können die Ärzte nach Schweden oder nach England gehen. England ist im Grunde ein riesiges MVZ (das Hass-Wort für deutschen Ärzte!). Die Ärzte sind Angestellte des NHS. In Schweden ist das Leben nur in der Literatur wunderschön – da ist nämlich immer Sommer! In der restlichen Zeit ist es meistens dunkel, und die ganze Bevölkerung ist deprimiert oder betrunken. Die Vergewaltigungsrate ist die höchste in Europa, sicherlich von Interesse für Frau Landarsch und Frau Geldgier.
      http://www.welt.de/politik/article3643996/Vergewaltigungsrate-in-Schweden-am-hoechsten.html

      Antwort

  5. Posted by Benedicta on 2. Oktober 2009 at 3:19 pm

    Letztlich geht es doch eh nur darum, den Mangel zu verwalten – wie verteilt man immer weniger Ärzte einigermaßen gleichmäßig auf immer mehr Patienten, ohne dass es mehr Kostet (und ohne dass die Managergehälter der Krankenkassen und Chefärzte angetastet werden müssen… ;)).
    Der Effekt hat was von Osmose – man gibt solange destilliertes Wasser zu, bis die Zelle platzt weil der Elektrolytausgleich nicht mehr klappt. (Versteht jemand was ich meine? Vielleicht sollte ich besser keine biologischen Beispiele bringen, aber ich krieg das Bild nicht aus dem Kopf.)

    Wie Politik gemacht wird… auweia. Nur leider wahr. In unserer Prüfungsordnung (und in einigen anderen, die uns als Nebenfachanbieter betreffen) stehen auch Klöpse drin – einfach, weil niemand Zeit hat, den Mist zu lesen (von Verstehen will ich gar nicht reden, und wenn mans doch tut, kriegt mans auch nicht gedankt). Auch das ist Politik (Hochschulpolitik) – und wenn das schon im Kleinen nicht klappt, wie soll das dann im Großen funktionieren?

    Antwort

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