OP im MVZ – wer wird denn gleich persönlich werden


Die Entwicklung hin zur Massenmedizin in Mega-Zentren a là Supermarkt zeigt sich auch zunehmend im Praxisalltag:

„Herr Doktor ich bin im Dezember 2008 an der Hüfte im Zentrum XY* von Herrn Dr. L.* operiert worden. Ich möchte nun wissen wer es war!“

„Wer was war?“

„Na ich bin aufgewacht und konnte mein Bein nicht mehr bewegen. Anstatt nach 5 Tagen auf Reha zu gehen, lag ich 3 Wochen in der Akutklinik, weil die Physiotherapeuten immer sagten, die Reha mache bei dieser Lähmung keinen Sinn. Ich kam ja nicht mal mit Krücken aus dem Bett. Tag für Tag kam ein anderer Arzt und quasselte was vom gedehnten Nerv.“

„Und was sagte der Operateur?“

„Das war es ja. Ich lag 3 Wochen in der Klinik und habe den Arzt, der mich operiert hat, nie mehr gesehen. Ich lag weinend und verzweifelt im Bett, ich wollte endlich wissen, was passiert ist. Aber Dr. L.* hatte immer anderes zu tun. Er arbeitet ja in mehreren Zentren“

„Das ist ja nun schon 10 Monaten her. Wie ging es denn weiter?“

„In der Reha kam es dann zu einer langsamen Erholung der Lähmung. Die Kraft ist fast wieder ganz da, aber der Oberschenkel ist noch ganz taub und beim Treppensteigen gibt das Bein nach.“

„Waren Sie nochmal bei Dr. L.*?“

„Nachdem ich auch bei der Nachsorge immer einen anderen Arzt hatte, bin ich erst einmal einige Monate zu keinem Arzt mehr gegangen. Ich war so tief verletzt. Letzte Woche wollte ich es dann nochmal wissen. Ich bin nochmal hin und hab tatsächlich Dr. L. getroffen. Ich habe gesagt ‚Was haben sie mit dem Nerv gemacht?‘ Er hat nur den Kopf geschüttelt und gesagt, das sei der Narkosearzt gewesen und nicht er. Da bin ich dann ausgerastet. Ich weiß doch jetzt wieder nicht wer es war, weiß nicht mal den Namen des Narkosearztes. Bitte finden Sie jetzt raus wer es war! Ich möchte keinen Prozess und keinen verklagen, aber ich möchte wie ein Mensch behandelt werden.“

Die Untersuchung ergab noch eine leichte Lähmung im Bein, das Gehen war fast unauffällig, bis auf ein Humpeln. Die Frau war aber gebrochen. Eine Lähmung nach so einer OP ist nicht selten und auch kein direkter Kunstfehler. Der Fehler lag ganz woanders. Ich versuchte die Frau zu trösten und zu beruhigen und stellte ihr auch in Aussicht, dass die Kraft wieder ganz kommen könne.

Was lernen wir daraus?

1) Ärztlicher Vorteil von MVZs und Riesenzentren: Du kannst Dich als Arzt immer elegant davonstehlen, denn es gibt genügend andere, die Du vorschicken kannst!

2) Es wird kalt in Deutschland !

Übrigens: die Frau war Privatpatientin, nur um Kritikern vorzubeugen, die behaupten wollen, dass es wohl daran lag, dass die Patientin nur gesetzlich versichert gewesen sei.

__________

*Namen von der Redaktion geändert

P.S.: Die Zeit für diesen Artikel hatte ich heute nur, weil 4 einbestellte Patienten einfach nicht erschienen sind, OHNE abzusagen – vielleicht kommen die von meinem Blog hier nicht wech 😉

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6 responses to this post.

  1. Posted by Benedicta on 8. Oktober 2009 at 9:42 pm

    Och… das geht auch ganz ohne MVZ. Meine Mutter hat ähnliches schon vor fast 30 Jahren erlebt – als ihr ein solcher Ausbund an Menschenfreundlichkeit bei der Geburt meiner Schwester erzählte, was bei MEINER Geburt alles ums Haar schief gegangen wäre – O-Ton: „was, SIE trauen sich, noch ein Kind zu kriegen?“

    Antwort

    • Posted by drgeldgier on 8. Oktober 2009 at 9:48 pm

      Liebe Benedicta,
      unverschämte Ärzte gab es zu jeder Zeit, aber die Tragik meiner Patientin ist doch gerade, dass sie diesen Arzt eben nicht mehr von Angesicht zu Angesicht zu Gesicht bekam.
      Sie sagte selbst, es hätte ihr gereicht, wenn er ihr einfach nur in die Augen geblickt hätte und gesagt hätte, es sei leider nicht optimal gelaufen oder so.
      Es geht mir um die Unpersönlichkeit, die hier extrem Einzug hält.
      Der „Kollege“ bei Deiner Mama war ja eher ZU PERSÖNLICH.
      Hoffe, Deine Schwester ist nicht so aufmüpfig wie Du, sonst müßte ich dem Kollegen noch nach fast 30 Jahren Recht geben 😉

      Antwort

  2. Traurig, traurig, aber wer hat Schuld daran, wer hat was falsch gemacht? Die Gesellschaft mit ihrer Neid- Geiz- und Schnäppchen-Mentalität? Die Ärzteschaft, dass wir uns nicht ausreichend gegen den allgemeinen Strom gestellt haben? Der einzelne Arzt, der nicht mehr bereit ist für andere den Kopf hinzuhalten? Der einzelne Bürger, der diese Politiker wählt, aber auch mit seinem Verhalten die Politik präjudizidert? Der Mensch, der ohne schlechtes Gewissen (gesundheitliche) Fehler macht und von der Medizin rücksichtslos deren Beseitigung fordert – notfalls mit juristischer Unterstützung?

    Es wird kalt in Deutschland, wie wahr. Wo Menschen sind menschelt’s. Aber wir sind auf dem besten Weg, unsere Menschlichkeit zu verlieren!

    Antwort

    • P.s.: die MVZ’s oder die Großstrukturen sind es nicht! Es sind die Menschen, die darin arbeiten, und die, die sich dort behandeln lassen! Aber wir kaufen ja auch im Großmarkt, bei Media-Markt oder Saturn, wo’s halt billig ist und wo’s „alles“ gibt. Und wenn dann was kaputt gegangen ist, weinen wir uns beim Einzelhandel in seiner Reparaturwerkstatt aus.

      Antwort

  3. Ich arbeite auch in einem MVZ. Aber wenn mir ein Patient die Ohren langziehen möchte, dann gibt es dazu reichlich Gelegenheit. Es ist schon richtig, dass so etwas in einer Einzelpraxis oder kleineren Gemeinschaftspraxis seltener vorkommt. Aber die Struktur eines MVZs gibt nicht zwangsläufig den Umgang mit den Patienten vor, den organisiert auch dort der Arzt selbst. Und Kollege L. hätte es sicherlich auch in anderen Organisationsformen an Fürsorge fehlen lassen. Behaupte ich jetzt mal 😉

    Antwort

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