Zweiklassenmedizin Teil 3 – Ohne Lobby im Altersheim


Hausbesuch im Heim:

ein erst 64-jähriger Patient. Schon seit 12 Jahren schwer linksseitig gelähmt nach 2-maliger Hirntumor-OP. Seit 10 Jahren über Magensonde ernährt, weil er deshalb auch eine massive Schluckstörung hat. Bisher war er noch mit einem Gehwagen gehfähig und lebte mit seiner Frau zu Hause. Nun zog er sich bei einem Sturz im Januar 09 eine schwere Hirnblutung zu. Seither ist die Lähmung links noch schlechter, er kann nur noch mit dem Rollstuhl umher. Seit 01.04. wohnt er nun in diesem Pflegeheim, weil es die Frau nicht mehr schafft. Die Zuweisung durch den Hausarzt erfolgt nun, weil er die Krankengymnastik nicht mehr aufschreiben „darf“ oder will.

Ich komme in das Zweibettzimmer. Der Patient sitzt im Rollstuhl vor dem Fernseher, auf Eurosport läuft Damentennis. Zwei hübsche „Dingsbumskova“ schießen sich die Bälle um die Ohren. Der Patient empfängt mich sehr freundlich. Mit heiserer, kaum verständlicher Sprache schildert er sein elend. Ist dabei aber nicht verzweifelt, beklagt sich nicht. Er beschreibt immer wieder erhebliche Schmerzen im linken Arm, vor allem der Schulter, die durch die Physiotherapie wenigstens einigermaßen erträglich seien.

Bei der Untersuchung wird mir schnell klar, dass der linke Arm an allen Gelenken drauf und dran ist vollends einzusteifen, obwohl der Patient ihn noch etwas bewegen und gebrauchen kann. Es ist ganz klar, dass regelmäßige Phyisiotherapie für ihn elementar ist.

Warum schreibt sie der Hausarzt dann nicht auf? Auch ganz klar. Er hat Angst. Er hat Angst, dass er in eineinhalb bis zwei Jahren von der Kassenärztlichen Vereinigung ein Schreiben zugesandt bekommt, dass er mehr als 25% über dem Durchschnitt seiner Kollegen an Physiotherapie verordnet habe und dass er deshalb einen Teil der Therapiekosten an die Kassen zurückzahlen müsse. Leider wissen wir Ärzte im Voraus nicht, wie viel Physiotherapie, Ergotherapie oder Sprachtherapie unsere Kollegen so aufschreiben werden, so dass wir uns an nichts orientieren können.
Im Zweifel wird man dann einfach mal lieber nichts verordnen oder – wie im aktuellen Beispiel – an den Facharzt überweisen, damit der den schwarzen Peter hat.

Es ist ein mieses Spiel warum kann man nicht nach seinem medizinischen Verstand entscheiden? Durch die hinterhältige Regressdrohung wird doch schon lange in der Kassenmedizin rationiert. Einem Privatpatienten könnte ich ohne mit der Wimper zu zucken 3x wöchentlich die 30 min Krankengymnastik aufschreiben, die der Patient benötigt.

Herrn S.* schildere ich offen die Situation und sichere ihm zu, dass ich ihm 1-2 Mal pro Woche, aber dauerhaft Krankengymnastik verordnen werde. Er ist sichtlich erleichtert und sagt  mühsam, aber gut verständlich: „Ich verstehe schon wie das ist mit den Kassen, vielen Dank, dass Sie es trotzdem machen.“

Solche Besuche tun weh und man möchte manchmal einfach alles hinwerfen.

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3 responses to this post.

  1. Posted by gr3if on 15. Oktober 2009 at 11:57 pm

    Ach Man…. Wenn ich könnte würde ich.

    Hast du den einen Lösungsansatz? Irgendetwas? Außer nicht Cdu, Fdp oder Spd wählen?

    Antwort

  2. Danke. Danke, dass Du öffentlich auf dieses Elend aufmerksam machst, das für Nicht-Insider sonst vollkommen im Verborgenen bleiben würde.
    Ich finde es einfach nur noch furchtbar. So kann es einfach nicht weitergehen… : (

    Antwort

  3. Posted by HeikeM on 9. Februar 2010 at 6:38 pm

    solltet jemand ein Hörgerät brauchen gute informationen gibts hier: http://www.hoegeraet-test.info

    Antwort

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