Zweiklassenmedizin Teil 4 – Das Trauerspiel geht weiter


Gerade eben in der Sprechstunde:

Frau B.* – seit Jahren an Multipler Sklerose mit schwerer Verlaufsform erkrankt. Leider immer wieder schwere Schübe. Sie gehört aber zu den Stehaufmännchen und Kämpferinnen. Obwohl ihr die Krankheit übelst zusetzt. So auch diesmal wieder. Seit dem letzten Wochenende wieder ein Schub: das Gehen extrem wacklig unsicher, Arme und Bein fangen bei zielgerichteten Bewegungen wie wild zu zittern an (Ataxie).

Die Blase „zickt“ wie sie es nennt. Im Klartext: sie verliert ständig unwillkürlich Urin, kann aber nicht willentlich Wasser lassen. Sie muss sich deshalb täglich mehrmals selbst per Katheter vom Urin befreien. Wie das jetzt gehen soll, kann man sich bei der Ataxie der Hände kaum mehr vorstellen. Sie nimmt es mit Humor und schildert, wie sie sich jedes Mal vor dem Kathetersetzen die Arme und Hände in Eis einlegt. Dann wären sie vorübergehend etwas steifer und nicht mehr so zittrig. Dann klappe es einigermaßen mit dem Katheter.

Die Situation ist desaströs. Ich rate ihr dringend zur erneuten Behandlung in einer MS-Spezial-Klinik und besorge ihr ein Bett dort. Die Klinik liegt gut 100km entfernt. Stellt sich nun die Frage, wie Frau B. dorthin kommt. Da sie geistig fit ist, hat sie sich schon bei der Kasse erkundigt. Selbst wenn ich ihr einen Taxi-Schein ausstellen würde, würde die Kasse nur den Fahrtkostenanteil übernehmen, wie er ihr bei einer Autofahrt entstünde. Mit dem Auto kann sie aber unmöglich fahren. Angehörige, die dies übernehmen könnten hat sie nicht. Sie wird wohl 100€ selbst bezahlen müssen für die Taxifahrt. Das ist bitter.
Sie arbeitet ohne Arbeitsvertrag auf Stundenbasis, weil sie sonst keiner mehr nimmt. Sie möchte sich aber nicht ins „soziale Netz“ fallen lassen. 100€ sind für sie ein Vermögen. Sie kämpft. Aber sie fühlt sich zu Recht von der Kasse und der Politik extrem im Stich gelassen.

Während Kassen noch zweifelhafte Wellnessangebote bezuschussen um Mitglieder anzulocken, werden die Ärmsten der Armen allein gelassen.

P.S.:
Fall Insider beispielsweise einer Selbsthilfegruppe dies lesen, wäre ich für Tipps dankbar, wie man dieser Frau helfen kann. Ich habe keine Lust mehr mich ständig mit den Kassen herumzuärgern.

 

________

* Name wie immer geändert

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One response to this post.

  1. Posted by gr3if on 16. Oktober 2009 at 3:48 pm

    Ich helf dir mal:

    Eine Einweisung ins Kh darfst du doch schreiben oder?
    Kh Einweisungen mit einem Ktw Transportschein sind zumindest hier in HH Genemiegungsfrei, insofern fährt Sie dann der Rd mit einem Ktw/Rtw mit Rechnung über 100km Ktw in das Wunschkrankenhaus. Die Rechnung geht dann an die Krankenkasse und die muss bezahlen.
    Du musst auf dem Transportschein folgendes ankreuzen:
    ktw, Medizinisch fachliche Betreuung, sonstiges: kreuz machen und Rs draufschreiben.

    Ansonsten hat sie Pflegestzufe 2? Wäre ja zu erwarten….

    Je nachdem wo du arbeitest kann dir deine nächste Rettungsleitstelle oder auch ein privater Krankentransportunternehmer helfen.

    Sie wird auf jeden Fall mit einem Ktw gefahren, wenn du das anordnest.

    Antwort

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