Mehr Geld um jeden Preis?


Gestern war Frusttag und ich hab wohl manchen Leser mit meiner Frustsatire gestern überfordert. Worum geht’s also?

Endlich eine vernünftige Honorierung der Hausärzte in Bayern
Momentan werde ich von euphorischen Hausärzten umgeben, die fast wie im Rausch beglückt darüber sind, dass sie im 2. Quartal durch diesen Bayerischen Hausarztvertrag 100€ und mehr pro Patient und Quartal bekommen. Soweit so gut. Meiner Meinung nach endlich eine anständige Honorierung für die Arbeit eines selbständigen Akademikers in einem anspruchsvollen Beruf.

Aber um welchen Preis?
Ich hatte schon mal berichtet, dass die AOK hier jedoch einen Deal mit den Hausärzten gemacht hat und im Gegenzug dazu „aufgerufen“ hat, dass die Hausärzte bitte bloß keine schwere Krankheit zu dokumentieren vergessen. Der Hintergrund ist der, dass die Kassen seit 01.01.09  umso mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds erhalten, je „kränker“ die Patienten DOKUMENTIERT sind. Als richtig krank gilt man aber nur, wenn man eine von 80 willkürlich definierten Krankheiten hat. Dazu gehört auch die Depression, nicht aber ein banal eingeklemmter Nerv. Was glaubt Ihr nun, wie viele Patienten auf ihrer Überweisung zu mir plötzlich „Depression“ stehen hatten? Die waren zum Teil richtig sauer und bestürzt, wo sie doch nur wegen der Schmerzen im Arm kamen. Dieses Vorgehen nennt der Euphemist „rightcoding“, die Medien nannten es schon mal „upcoding“.

Zweierlei Maß
Ich als Neurologe bin nicht nur darüber frustriert, durch welch dubiosen Handel hier diese Honorierung zustande kam, sondern auch darüber, dass nun eine etwas seltsame Situation eingetreten ist:

als Neurologe kann man in einem Quartal – soweit man den Anspruch hat, vernünftige Medizin zu machen – nicht mehr als 800-900 Patienten behandeln. Eine Erstuntersuchung dauert meist 30 Minuten und mehr. Hausärzte haben zumeist ganz andere Patientenzahlen von meist deutlich über 1000, im Extremfall sogar 1500-2000. Das liegt daran, dass viele Patienten (Husten, Schnupfen, …) quasi im Minutentakt abgearbeitet werden können.

Obwohl ich also die wesentlich zeitlich (aber auch gerätemäßig) aufwändigere Leistung am Patienten vollziehe, incl. Arzbericht an den Hausarzt, bekomme ich momentan 50-58 € pro Patient. Gerade mal die Hälfte vom Hausarzt, der zum Teil doppelt so viel Patienten schafft.
Wenn man das berücksichtigt verdient ein Hausarzt nun das vierfache eines Neurologen zumindest bei AOK-Patienten. Übrigens haben die Hausärzte in Rest-Deutschland auch nicht diese Honorierung, manche lehnen solche Händel mit den Kassen auch offen ab.

Vielleicht versteht Ihr jetzt meine Frustsatire von gestern.

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4 responses to this post.

  1. Das Verhalten der Bayerischen Hausärzte erinnert mich ein bißchen an die Französische Revolution: Nach einer langen Phase der Unterdrückung (so wurde die Position der Hausärzte in der KV bei der Honorarverteilung jedenfalls gesehen) endlich die Auflehnung, das Schicksal selbst in die Hand nehmen und den „Unterdrücker“-Stand (ungeprüft ob tatsächlich schuldig oder nicht) auf die Guillotine geschickt.

    Nur leider haben Robbespièrre, Danton, Saint-Juste, Marat die Revolution auch nicht überlebt. Zum Glück für Hoppenthaller, Reis-Berkowicz, Pausinger, Grassl, Hauber etc. gibts heute keine Guillotinen mehr.

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  2. […] Ähnliche Artikel: Mehr Geld um jeden Preis? […]

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  3. […] Anfang des Jahres Umsatzrückgänge von bis zu 30% in Aussicht stellte. Dabei wollte ich eigentlich mehr Geld und nicht weniger als ein AOK Angestellter Gehalt. Dann kam unser bayerischer Gesundheitsminister […]

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