Arztbewertungsportale – keine einfache Frage


Momentan tobt wieder die Diskussion um Arztbewertungsportale im Internet. Ich stehe dem ganzen äußerst kritisch gegenüber, da ich in meinem Leben erfahrungsgemäß immer dann vermeintliche Kunstfehlervorwürfe bekam, wenn es sicher nicht mein Verschulden war. Andererseits hat meine wirklichen Behandlungsfehler – und die habe ich, wie jeder andere auch gemacht – nie wirklich jemand bemerkt.

Einen besonders harten Fall aus der Klinik werde ich nie vergessen:

Ein 18-jähriger Junge verbringt eine Partynacht mit Freunden. Weil er getrunken hat, lässt er sich von Freunden nach Hause bringen. Etwa 500m vom Wohnhaus seiner Eltern entfernt lässt er sich absetzen, weil er, wie er sagt, noch etwas „Ausdampfen“ will. Er kommt nach Hause und legt sich rasch ins Bett. Am nächsten Morgen beklagt der junge Mann Übelkeit und Unwohlsein. Die besorgte Mutter, die, wie der Junge selbst, die Beschwerden auf übermäßigen Alkoholkonsum zurückführte, macht  bringt dem Jungen einen Tee ans Bett.

Zwei Stunden später finden ihn die Eltern nicht erweckbar im Bett vor.

Per Notarzt wird der Patient sofort intubiert und beatmet in unsere Klinik verbracht.

Noch in der Notaufnahme werden Zeichen der Hirnstammschädigung diagnostiziert. Die sofort durchgeführte Diagnostik beweist den vermuteten Verschluss der Schädelbasishauptschlagader durch ein Blutgerinnsel (Basilaristhrombose).

Der Patient wird sofort mit dem Hubschrauber in die Uniklinik geflogen, wo umgehend versucht wird, das tödliche Gerinnsel lokal aufzulösen. 

Obwohl dies gelingt, verstirbt der Patient wenige Stunden später an den Folgen des schweren Schlaganfalls.

Die Ursache des Schlaganfalls ergab sich bei der Obudktion: der Junge war auf den Weg vom Auto der Kumpels nach Hause wohl mindestens einmal gestürzt und hatte sich dabei ein HWS-Trauma zugezogen. Dort kam es dann zu einer Verletzung der Wirbelarterie (Dissektion), aus der sich dann das Gerinnsel löste, das die Schädelbasisarterie verschloss.

Ein extrem tragischer Fall, für die Angehörigen und Freund des Opfers unfassbar.

Noch Wochen später wurde ich von Bekannten am Ort darauf angesprochen. „Bei Euch ist doch das mit dem vermurksten Jungen passiert, oder? Das ist ja mal wieder typisch für dieses Krankenhaus, etc. …“

Die Angehörigen machten uns keine Vorwürfe, da ihnen ja genau erklärt wurde, was passiert war. Aber was sollte ich den Leuten draussen erzählen. Ich durfte ja nicht mal erzählen, dass ich den Patienten in der Notaufnahme mitversorgt habe. Denn schon das wäre ein Verstoß gegen die ärztliche Schweigpflicht. 

Man muss die Vorwürfe und Verleumdungen hinnehmen, weil man die Gegendarstellung ohne Verletzung der Schweigepflicht nicht geben kann.  Und genau das ist auch ein Grundproblem dieser Bewertungsportale. 

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One response to this post.

  1. Posted by gesundheitsexpertin on 27. Oktober 2009 at 8:45 pm

    Das ist ein wirklich eindrucksvolles Beispiel, welches die Brisanz solcher Portale noch verdeutlicht….Ich habe mich übrigens dazu auch schon ausgelassen:-)
    siehe: http://gesundheitsexpertin.wordpress.com/2009/10/21/der-digitale-arztepranger-bewertung-von-praxen-im-internet/

    Antwort

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