Magie des Wortes ODER Radiologen bitte Klappe halten


Krankmachende Worte
Ich bin ja nicht so begeistert, wenn man über Kollegen herzieht, was ja leider üblich ist (Krankenhausärzte über Hausärzte, Hausärzte über Fachärzte, Urologen über Psychiater, …), aber ich hasse es geradezu, wenn man meine Patienten völlig unnötig in Panik versetzt und mir so völlig unnötige „Notfälle“ verschafft.

So wie gerade wieder gestern in der Praxis:

21-jähriger Knabe mit Taubheitsgefühl im Bereich der Zehen. Kommt mit Panik im Gesicht an die Anmeldung, nachdem er gerade in der Kernspintomographie war. „Der Doktor (gemeint ist der Radiologe) hat gesagt, es sei ein „beginnender Bandscheibenvorfall“. Ich muss dringend Dr. Geldgier sprechen“.

Natürlich hab ich noch keinen Befund von der beginnenden Großkatastrophe. Schau mir also – wie eigentlich immer – das MRT der Lendenwirbelsäule an. Und was sieht man? Beginnende Alterungszeichen der Bandscheiben (tja, das Alter beginnt dort mit 20!) und eine leichte Vorwölbung einer Bandscheibe, wie sie etwa jeder dritte völlig Gesunde in diesem Alter hat. Sonst nix. Insbesondere keine Nerven- oder Rückenmarkseingengung, keinen Tumor,….

Ich musste den Patienten also erst einmal sorgfältig und einfühlsam beruhigen (Ein „Das is nix“ wäre genauso falsch wie die Panikmache des Fotografen), der ja ohnehin schon sehr beunruhigt war wegen seiner Zehen (sonst hätt ich das Foto gar nicht schießen lassen).

Kollegenfrust
Leider ist das kein Einzelfall. Ich kann verstehen, dass Radiologen auch gerne was zu sagen hätten. Nur schießen sie, in Unkenntnis des tatsächlichen klinischen Lebens ausserhalb der Dunkelkammer, dabei leider allzuoft übers Ziel hinaus. Sie unterschätzen fatalerweise die oft verheerende Wirkung ihrer unbedacht dahingesagten Kommentare.

Der Rollstuhl-Hammer
 Einer der Klassiker: „Wenn die Bandscheibe weiter rutscht sitzen sie im Rollstuhl“ und dergleichen mehr. Der psychosomatische Schaden, der hierdurch gerade bei Rückenschmerz-Patienten – die ohnehin ein großes Chronifizierungspotential haben – angerichtet wird, ist immens.

Schweigen ist Gold
Da ist mir das andere Extrem eines Radiologen der Region fast noch lieber: den bekommen die Patienten gar nicht mehr zu Gesicht und die netten Damen am Empfang verweisen auf die Befundbesprechung durch den Neurologen.

So, jetzt wieder Schluss mit Kollegengemeckere.

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13 responses to this post.

  1. Oh ja… Als mein Radiologe mir sagte, dass alles ganz gut ausschaue, war ich recht beruhigt; aber als ein paar Tage später mein Neuro anrief und mir von meinem Rezidiv berichtete, war ich dementsprechend erst mal leicht überrascht… klar, man stellt sich doch immer auf ein paar Sachen ein und wenn man da wieder rausgerissen wird, ist es auch etwas unangenehm.

    [Und manchmal gehört meckern einfach mit dazu ^^]

    Antwort

    • Posted by drgeldgier on 28. November 2009 at 4:47 pm

      Danke für die Ergänzung – fast noch schlimmer als ungerechtfertigte Beunruhigung ist natürlich die falsche Entwarnung. Speziell in Deinem Fall sicherlich der Horror.

      Antwort

  2. Oh Mann, das kommt mir soooo bekannt vor! Als ich 17 war, meinte ein Radiologe zu mir, dass es nicht mehr lange dauern kann bis zum Prolaps. Ich war natürlich eher unbegeistert (lies: sehr beunruhigt).
    Jetzt, fast 10 Jahre später, ist immer noch alles da, wo’s hingehört und mein Orthopäde hat neulich meine Wirbelsäule gelobt („Machen Sie täglich Rückengymnastik, Frau Granger?“).

    Antwort

  3. was ich – neben dem„beginnenden Bandscheibenprolaps“, oder (noch besser) dem „drohendem Prolaps“ – auch noch besonders mag, ist der „Verdacht auf Scharlach“ :

    Scharlach ist definiert als „eitrige Mandelentzündung mit beta-hämolysierenden Streptokokken plus hohem Fieber plus „Himbeerzunge“. Wenn eins von den „plus“ fehlt, ist es – per Definition – kein Scharlach, sonbdern eine „eitrige Mandelentzündung“. Also kann den „Verdacht auf Scharlach“ nur äußern,wer nicht hingeschaut hat!.

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    • Posted by drgeldgier on 30. November 2009 at 1:52 pm

      fast so schlimm, wie (nach dem MRT): „Ein Hirntumor ist es nicht, aber vielleicht MS.“
      Es ist ja gut, dass man es bemerkt, dass man für Arzt-Patienten-Gespräche nicht so das Händchen hat und dann Radiologe wird. Aber dann sollte man auch konsequent sein.
      Ich hatte kein Händchen für die Chirurgie und lass deshalb auch die Finger von eingewachsenen Zehennägeln etc. …

      Antwort

  4. Posted by Lis on 30. November 2009 at 4:45 pm

    Ich war als Jugendliche wegen neuaufgetretenen Dauerkopfschmerzen, Licht+Lärmempfindlichkeit, extremen Schlafbedürfnis (u.A.) beim MRT: der Arzt kam später dazu, sah sich die Bilder an und fragte meine Mutter ob ich denn große geistige Einschränkungen habe. Ein verwirrter Blick meiner Ma. Er zeigt auf irgendein Areal, das besonders ausgeprägt sei und meinte, das trete bei geistiger Behinderung auf. Sie klärte ihn auf, dass das Gegenteil der Fall ist und er entschuldigte sich wortreich. Die Ursache der Kopfschmerzen fand nicht. :-/

    Diese Äusserung hat mich zwar nicht in Panik versetzt, befremdlich fanden ich und meine Ma sie trotzdem. Vorallem, weil ich immernoch neugierig bin, was er nun mit „extrem (tiefe?) ausgeprägte (Mittel?)Furche oder so, er genau meinte und ob sie nicht doch etwas mit meinen Symptomen zu tun haben könnte.
    Du weisst nicht zufällig etwas darüber, Dr. Geldgier? *g*

    Antwort

  5. Vergangenes Wocheende war ich auf einer Pharmafortbildung (eine von denen in den schicken Hotels, für mich leider nur Direktanreise zum Vortrag, keine Übernachtung und keine Abendveranstaltung). Es ging dabei in einem (dem besten) Vortrag über den Wirkmechanismus von Placebos (=Scheinmedikamenten).

    Hauptaussage der Referentin war (in groben Zügen): Plazebos wirken über die Angst. Wer keine Angst hat, verspürt Schmerzen viel weniger stark als der, der Angst hat. Dabei ist es egal, warum keine Angst besteht: weil man das Ganze kennt oder weil man dem Doktor / der Mutter / der Vertrauensperson glaubt und vertraut. Dies gilt gleichermaßen für die Wirkung von Plazebos wie bei Verum-(=echten) Medikamenten.

    Als Beispiel wurden die zur Kassen-Kostenübernahme der Akupunktur durchgeführten Untersuchungen gezeigt: Scheinakupunktur (bei Rückenschmerzen) wirkte fast genauso gut wie Akupunktur und immer noch deutlichst besser als alle schulmedizinischen oder (nicht bekannt gegebenen) naturmedizinischen Maßnahmen. Da Scheinakupunktur aber „nichts“ ist, muss die Wirkung auf der psychischen Ebene, dem Vertrauen in die Wirksamkeit liegen!

    Abschluss-Aussage der Referentin: Wer seinen Patienten Angst macht (anstatt ihnen die Angst zu nehmen) handelt – aus neurologischer und psycho-biochemischer Sicht – grob fahrlässig und wäre eigentlich ein Fall für den Staatsanwalt!

    Antwort

    • Posted by drgeldgier on 1. Dezember 2009 at 9:29 am

      Ich sehe schon die Schlagzeile:
      30% der Radiologen betreiben ihr Kernspin mittlerweile vom Gefängnis aus. 🙂

      Antwort

    • Posted by Benedicta on 1. Dezember 2009 at 5:26 pm

      Aha. Da schicken wir doch gleichmal ALLE Hausärzte hinterher, die einem nur wegen 3 kg über Norm die Panik hinquatschen…
      (gut, das das nicht geht – da würde die medizinische Versorgung sowas von zusammenbrechen… ;))

      Antwort

  6. Posted by strahlefrau on 7. März 2010 at 6:12 pm

    Na ja, was soll ein Radiologie denn tun, wenn der Patient gleich wissen will, ob er was hat? Man ist schliesslich Dienstleister und muss an die Zahlen denken!

    Antwort

  7. Posted by Frau Waitig on 12. Mai 2010 at 5:13 pm

    Ihr spricht mir aus der Seele. Bin jedoch auch zu bedauern, da ich beim Radiologen arbeite,
    welcher es mit den Abrechnungen nicht so genau nimmt. Da soll ich schon mal eine höher bewertete Ziffer abrechnen (was ich nicht mache)! Oder die Pat. werden kränker gemacht als Sie sind. Laufende Auftragsüberschreitungen sind üblich ohne telefonische Rücksprachen mit den überweisenden
    Ärzten. Oder normalgewichtige bekommen laufend das teurere Kontrastmittel und werden als adipös deklariert. Das Kontrastmittel wird nicht nach Notwendigkeit sondern nach Budget verabreicht. Interressanterweis bekommen die Angehörigen der Radiologen kein Kontrastmittel. Die Ileosakralgelenke werden als BEcken abgerechnet, damit das teure orale KM abgerechnet werden kann. Obwohl alle anderen Radiologen in Nürnberg ohne orales KM die Ileosakralgelenke erkennen.
    u.s.w.u.s.w.u.s.w. Man muß sich wundern daß die KV und Krankenkassen nichts unternehmen.

    Antwort

  8. Posted by sara on 14. Mai 2010 at 12:14 pm

    das Gesundheitssysstem fährt den Bach runter und für unsere Kinder ist dann irgendwann nichts
    mehr da oder auch auch schon teilweise jetzt für uns!

    Antwort

  9. Posted by biene on 14. Mai 2010 at 12:18 pm

    Bald sind die Kassen ganz leer und für unsere Kinder und teilweise für uns ist dann kein Geld mehr
    da!

    Antwort

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