Adventskalender: das siebte Türchen – im Wartesaal des Todes


„Am Umgang einer Gesellschaft mit kranken und schwachen, behinderten und alten Menschen erkennt man ihre Humanität“

so der österreichische Bischof Hans Küng in einer Erklärung zum Welttag der Menschen mit Behinderungen am Donnerstag, 3. Dezember 2009.

Ein Blick in den Wartesaal des Todes
Öffnen wir die Tür eines Seniorenheims. Da ist die 78-jährige Wilma H.*. Sie lebt seit einem schweren Schlaganfall in diesem Heim. Ihre linke Seite ist schwer gelähmt. Aber ihr unglaublicher Lebenswille und die bewundernswerte Beharrlichkeit haben es möglich gemacht, dass sie mittlerweile, mehr als ein Jahr nach dem schrecklichen Schicksalsschlag, wieder einige Schritte – wenn auch mit Festhalten – am Gang gehen kann. Die meiste Zeit verbringt sie im Rollstuhl.

Schmerzhafte Verkrampfungen
Trotzdem plagt sie immer wieder eine gemeine Verkrampfung im Bereich der gelähmten Körperhälfte, vor allem in Arm und Bein. Anfangs verordnet ihr der Hausarzt auch deshalb Krankengymnastik. Nach einigen Monaten, als das „Kontingent des Regelfalls“ (30 Behandlungen) ausgeschöpft ist, überweist er zum Neurologen, da er das Risiko scheut, für die Behandlungen selbst bezahlen zu müssen (Regress).

Was ist der Regelfall?
Der Neurologe Dr. G. sieht sofort, dass Frau H. unbedingt dauerhaft Krankengymnastik braucht. Bei längerer Therapiepause nimmt sofort die Spastik und damit auch der Schmerz zu. Die Beweglichkeit vermindert sich zusehends. Dr. G. verordnet nun „außerhalb des Regelfalls“ zumindst 1x pro Woche Krankengymnastik. Auf Medikamente gegen die Spastik reagierte Frau H. immer mit starker Müdigkeit, weshalb sie auch einmal stürzte.

Eine geniale aber teure Idee
Der engagierte Physiotherapeut Klaus L.* hat die geniale Idee ein Bewegungtherapie-Gerät zu erproben, bei dem wahlweise Arme oder Beine aktiv oder mehr oder weniger passiv bewegt werden können. Dies führt bei Frau H. zu einer wesentlichen Besserung der Spastik und der Schmerzen.

Dr. G. verordnet ein Gerät für Frau H. Der Mann vom medizinische Dienst bemerkt bei seinem Besuch zur Beurteilung der Notwendigkeit des Gerätes, dass solche Geräte eigentlich für Leute gedacht seien, die noch was leisten könnten im Leben, also noch eine Chance auf eine Erwerbstätigkeit hätten und nicht für Leute wie Frau H. Erstaunt war er auch, dass Frau H. nur einmal pro Woche Krankengymnastik bekommt. Noch ist nicht entschieden, ob Frau H. das Gerät leihweise bekommt, die Sache sieht jedoch nicht gut aus.

Wahrscheinlich bekommt Dr. G. einen ablehnenden Bescheid mit dem Hinweis, er möge doch mehr Physiotherapie verordnen, die er dann gegebenenfalls halt ein bis zwei Jahre später aus eigener Tasche bezahlen darf. Dann nämlich, wenn er mit seinen Verordnungen mehr als 25% über dem Durchschnitt seiner Kollegen liegt.

 Was lernen wir daraus?1) Wer im Altenheim lebt ist der Gesellschaft in der Regel nichts mehr wert

 

2) Wir haben bereits eine massive Rationierung im Gesundheitssystem die sich nur hinter Regressandrohungen und Regressprozessen versteckt – so dass der Patient selbst davon möglichst wenig mitbekommt.

Lieber Bischof Küng, in Deutschland sieht es miserabel mit der Humanität unserer Gesellschaft aus !!!

Dr. D. G. wird Frau H. weiter gerne besuchen. Sie ist eine echte Powerfrau, auch wenn sie nix mehr leistet in unserer Gesellschaft.

___
*sämtliche Namen von der Redaktion geändert

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6 responses to this post.

  1. Posted by Benedicta on 8. Dezember 2009 at 12:22 am

    Der Dr. in der Story hat zu Beginn das Initial „G.“, zum Schluss aber „D.“… ist das Absicht?

    Ansonsten: d’accord. Recht hast du, leider.

    Antwort

  2. Immer wieder traurig, so etwas zu lesen. Vor allem, wenn man als Patient selber irgendwann ein schlechtes Gewissen bekommt, wenn man ständig hört, dass man viel zu teuer ist und damit sozusagen der Gesellschaft schadet..
    Bewundere Leute, die in solchen Situationen noch so viel Stärke zeigen können – und die wird zu oft ignoriert, zu oft wird übersehen, was sie eigentlcih noch weitergeben.

    Antwort

  3. da bekommt man Angst vor dem Alt werden.

    Antwort

    • Posted by Benedicta on 8. Dezember 2009 at 1:41 pm

      Dagegen gibt es aber Hilfe:
      Man suche sich beizeiten ein (oder mehrere) Vorbilder.

      Bei mir sind das:
      – mein Opa, der in Rente ging und beschloss „jetzt lerne ich Orgel spielen“ – und das dann (mit immerhin fast 60!) in die Tat umsetzte
      – die Mesnerin in unserem Altenheim, die mit inzwischen schon fast 90 die Seele der Altenheim-Gemeinde ist, die Gottesdienste managt, sich um die Priester, die Organisten, kurz: um alles kümmert und dabei trotz diverser Knochenprobleme immer noch aktiv ist
      – ein ehemaliger Professor, der sich für seine Emeritierung vornahm, in einer Spezialvorlesung alle Anekdoten aus seiner Jugend (als die Informatik noch in den Kinderschuhen steckte) weiterzugeben

      Dadurch, dass ich mir diese Menschen immer wieder vor Augen halte, verliert das Altern seinen Schrecken.
      (Wer sich jetzt fragt, warum ich mit knapp 30 schon solche Überlegungen anstelle: ich habe diesen Entschluss sogar schon zu Teenie-Zeiten gefasst. Wer mit einer Oma aufwächst, die mit 80 beschließt „ich bin jetzt zu alt, noch was anzufangen“ und sich mit dem täglichen Satz „ich sterb ja eh bald“ in den Sessel setzt um auf den Tod zu warten (der dann immerhin noch 11 Jahre auf sich warten ließ…), der *muss*h ein positives Gegengewicht schaffen.)

      Antwort

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