Der Regress-Wahnsinn – „Freitod“ eines Arztes


Es ist nicht schön, gerade an Weihnachten solche Meldungen lesen zu müssen, aber für solche Meldungen gibt es nie die „richtige“ Zeit.

660 000 € Rückforderungen für die letzten 15 Jahre
Vor wenigen Tagen beging ein niedersächsischer Kollege Selbstmord. Offensichtlich vor allem aus Verzweiflung darüber, dass die Kassenärztliche Vereinigung Regressforderungen in Höhe von 660 000€ wegen angeblicher Unregelmäßigkeiten an ihn stellte.

Nach zweieinhalb Jahren unter dem Damoklesschwert war es einfach zuviel
Wie das Harburger Abendblatt berichtete, waren die Ermittlungen gegen den Kollegen bereits im Juli 2007 (!) aufgenommen worden. Das entsprechende Gerichtsverfahren war aber noch nicht einmal eröffnet. Könnt Ihr Euch das vorstellen? Fast 2,5 Jahre mit diesem Damoklesschwert von 660 000€ zu leben? Das muss unerträglich sein und ich muss mich fragen, ob ich persönlich überhaupt so lange durchgehalten hätte.

Was muss noch passieren?
Wann hört es endlich auf, dass Ärzte die Therapie ihrer Patienten Jahre später selbst bezahlen oder gar mit dem eigenen Leben bezahlen sollen?

Wie pervers geht dieses Land mit unserem Berufsstand um?
Wirft sich ein beliebter Fußballer vor den Zug, dann wird im Fußballstadion quasi ein Staatsbegräbnis für die Witwe zelebriert. Rasch wird diskutiert, dass ein Platz nach ihm benannt werden soll.
Beendet ein angesehener Arzt, durch absurde Regressdrohungen in die Auswegslosigkeit getrieben, aus Verzweiflung sein Leben, dann beabsichtigt die Kassenärztliche Vereinigung gnadenlos bei  der Witwe das Geld einzutreiben. Dabei steht weiterhin noch nicht fest, ob die Rückzahlung überhaupt rechtens ist.

Die Kassenärztliche Vereinigung zeigt ihr wahres Gesicht
Die Politik gaukelt uns immer vor, dass die Kassenärztliche Vertretung, sowas wie die Interessensvertretung der Ärzte sei. Anhand dieses tragischen Falls sollte eigentlich dem Letzten klar geworden sein, dass die KV als Körperschaft des öffentlichen Rechts nur der verlängerte Arm der Regierung als Aufsichtsbehörde bzw. der Krankenkassen ist.

In tiefer Trauer um diesen Kollegen und seine Familie.

Dr. G.

__

P.S.: Sorry, wenn es so gar nicht zu Weihnachten passt – ich hatte eigentlich einen lustigen Artikel vor.

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14 responses to this post.

  1. Posted by Benedicta on 26. Dezember 2009 at 8:10 pm

    Moment mal. WEISST du denn ganz sicher, dass dieser Kollege korrekt abgerechnet hat?

    Ein Verwandter von mir hat kurz vor Weihnachten eine Liquidation seines Zahnarztes bekommen – für die letzten 3 (!) Jahre. Aufgeführt sind auch Maßnahmen wie massive (!) Kariesbehandlung an 6 (!) Zähnen in einer einzigen (!) Sitzung. Besagter Verwandter weiß nix davon – und nun erklär mir mal, wie man eine SOLCHE Behandlung vergessen kann!

    Du bist voreingenommen – und das kann ich sogar verstehen. Aber mach dir deine eigentlich guten Argumente nicht dadurch kaputt, dass du sie zu sehr verallgemeinerst. Es gibt mit Sicherheit viele Ärzte, die zu Unrecht von Regressforderungen betroffen sind – das heißt aber nicht automatisch, dass es keinen gibt bei dem die Kasse zu Recht Regress einfordert. Auch unter den Ärzten gibt es schwarze Schafe, die bei der Abrechnung pfuschen. Und ich sehe gar nicht ein, das zu unterstützen.

    Antwort

    • Posted by drgeldgier on 27. Dezember 2009 at 1:32 am

      Hast Du die Artikel, die ich verlinkt habe gelesen?
      1. Ich habe nie behauptet, dass der Kollege absolut korrekt gehandelt hat.
      2. Die KV schickte offensichtlich schon den Gerichtsvollzieher, um das Honorar der letzten 15 (!!!) Jahre zurückzufordern, obwohl
      3. Das Gerichtsverfahren noch nicht mal begonnen hatte, somit der Vorwurf schon
      4. 2,5 Jahre im Raum stand!
      Prinzipiell sollte – gemäß in dubio pro reo – zunächst die Unschuldsvermutung gelten. Für Ärzte gilt das aber scheinbar nicht.

      Antwort

      • Posted by Benedicta on 27. Dezember 2009 at 1:10 pm

        Hab ich. Und in den Artikeln stand als Entlastung in erster Linie „wir schätzen den Kollegen wegen seinem engagierten Umgang mit den Patienten“ (sinngemäß) – was ja auch erstmal nur Meinung ist, und mich außerdem an einen Pfarrer meiner Heimatstadt erinnerte… Sehr engagierter Pfarrer, kümmerte sich um jeden, dummerweise trennte er dabei aber nicht zwischen seinem Privatvermögen und den Finanzen der Pfarrei… es geht also problemlos beides, echtes Engagement und echter finanzieller Murks.

        Keiner der von dir verlinkten Artikel liefert da wirklich belastbare Belege – weder in die eine noch in die andere Richtung. Und durch den Selbstmord WIRD es jetzt auch keine Aufklärung geben… leider.

        Antwort

        • Posted by drgeldgier on 27. Dezember 2009 at 1:42 pm

          Die Aufklärung wird es noch geben müssen. Denn die KV will das Geld ja jetzt bei der Witwe eintreiben. Leider redest Du ein bisschen am Thema vorbei. Der Skandal ist doch: wie kann es sein, dass 15 Jahre angeblich nichts auffällig war? Und wie kann es sein, dass vor einer rechtsmäßigen Verurteilung („bewiesen“ kann da vieles sein) schon horrende Geldsummen eingetrieben werden?

      • Posted by Benedicta on 27. Dezember 2009 at 1:13 pm

        Steht übrigens sogar im Artikel:
        „Die Abrechnungsverstöße waren erwiesen.“

        Warum soll ich das als Patient akzeptieren?
        Falsch abrechnende Ärzte belasten das Gesundheitssystem auch – UND sie belasten den Ruf aller Kollegen.

        Antwort

  2. Posted by Dominik on 27. Dezember 2009 at 12:12 pm

    Also ich bin kein Experte, aber wie kann die KV den Gerichtsvollzieher schicken? Das kann sie doch nur, wenn sie einen vollstreckbaren Titel hat – oder gibt es hier andere Regelungen?

    Um einen vollstreckbaren Titel zu erhalten, müsste es in letzter Instanz ein Gerichtsverfahren geben, bei dem geklärt wird, ob die Forderung der KV überhaupt rechtens ist.

    Das gab es aber scheinbar nicht, sondern nur die Ermittlungen und den Vorwurf. Irgendwas passt da nicht?!

    Antwort

  3. Eine KV kann als Körperschaft Öffentlichen Rechts so manches auch ohne bzw. vor einem letztinstanzlichen Urteil. Aber man darf bei der Gelegenheit feststellen, dass unser Rechtssystem mindestens so verkommen ist wie das Gesundheitssystem: die Schuldigen haben fast unzählbar viele Möglichkeiten durch die Lücken zu schlüpfen. Und die eigentlich Betrogenen wären in so einem Fall noch nicht einmal die Patienten, es wären die Kollegen Ärztinnen und Ärzte im Sektor „ambulant“, denen entging was sich jemand widerrechtlich aneignete oder auch ohne eigenen Nutzen unrechtmäßig verschleuderte.

    U

    Antwort

  4. Und niemand geht in diesem Land wirklich pervers mit Ärztinnen und Ärzten um. Das ist einfach nur Wortmüll. Ärztinnen und Ärzte stehen bei den Patienten in einem irrsinnig guten Ruf. Das System gibt ihnen noch immer weitgehend Vorschuss. Was man mal begreifen muss: Ärztinnen und Ärzte im Krankenhaus sind Arbeitnehmer (bis auf ein paar wenige Chefs), solche als Niedergelassene sind seit langem in erster Linie Unternehmer (und so benehmen sie sich oft auch, teilweise leider, teilweise zuwenig, oft zuviel). Alle unter eine kuschelig warme Decke zu stecken geht nicht mehr.

    Antwort

  5. […] Jahr endete mit einem Arzt Regress-Selbstmord nicht wirklich gut und mit Bangen erwarte ich die Gesunheitsreform […]

    Antwort

  6. […] pur Das Verfahren gegen diese Ärzte wird wieder Jahre dauern, wie bei jenem Arzt, der sich kurz vor Weihnachten das Leben nahm, weil er mit dieser Bedrohung nicht mehr zurecht […]

    Antwort

  7. Posted by Klaus Lischka on 3. März 2010 at 11:17 pm

    Lieber Kollege Geldgier,
    vielen Dank für Ihre exzellente Beleuchtung des tief traurigen Suizides des Kollegen. Ich bin hausärztlicher Internist und stimme Ihnen vollkommen zu. Der Fall dieses Kollegen liegt sehr speziell und ist kein typischer Regress gewesen, sondern eine (vollkommen zu unrecht geforderte) Gehaltsrückzahlung. Er hatte Jahre lang die Leistung erbracht für die er angeblich zu unrecht bezahlt wurde. Er hatte nur irgend eine besondere Zulassung nicht eingereicht und dann soll alles nichts Wert gewesen sein was er getan hatte. Das war doch kein Heilpraktiker! Das war ein hart arbeitender Facharztkollege. Was haben wir nur für ein geringes Mitgefühl. Und was haben wir für eine schändlich schlechte Interessenvertretung.
    Ich möchte hier nur noch etwas ergänzen, was mir sowohl in der öffentlichen Diskussion, als auch in einigen Beiträgen hier auffiel. Über den Wortsinn und den Inhalt des Begriffes “Regress” herrscht überall Unkenntnis.
    Ein “Regress” ist eine finanzielle Forderung an einen Arzt, die sich in ihrer Höhe in fast allen Fällen an den Rezeptkosten orientiert, die er ausstellte.
    Wenn ein Arzt nach Meinung der Kassen und KV mehr Geld für seine Patienten ausgab als nötig sei, dann soll er den zu viel ausgegebenen Betrag selber bezahlen. Aus seinem Nettoeinkommen.

    Das ist doch der blanke Irrsinn. Und das regt offenbar niemanden auf? Ich verstehe es immer noch nicht, dass wir Ärzte uns so etwas bieten lassen. Wir haben null Komma null finanziellen Gewinn vom Ausstellen dieser Rezepte. Wir zahlen also mit dem Regress kein zu Unrecht erhaltenes Honorar zurück. Wir werden einfach mit einer Strafzahlung für “Fehlverhalten” belegt.
    Das wäre so, wie den Polizeibeamten den Sprit der Streifenwagen privat in Rechnung zu stellen, wenn (2 oder 3 Jahre später) der einzelne Einsatz als unbegründet eingeschätzt würde.
    Das wäre so, wie den Feuerwehrmännern das Löschwasser in Rechnung zu stellen, wenn sie mehr gelöscht hätten als ein Gremium (2 oder 3 Jahre später) ihnen zubilligen würde.

    Wie kann es sein dass wir uns so etwas gefallen ließen? Wo war unsere Interessenvertretung die diesen Unsinn gleich zu Beginn beendet hätte? Eigentlich hätte das die kassenärztliche Vereinigung sein sollen. Was fällt mir da noch ein? Wie sehr darf man uns noch prügeln und ausbeuten bis wir uns endlich zusammenschließen und zurückschlagen?
    Endlich sind wir eine aussterbende Rasse geworden, von jetzt 3600 fehlenden Ärzten in der Niederlassung werden wir in den kommenden Jahren auf 46000 fehlende Kollegen kommen und dann wird das System einknicken und eher mal hinhören.
    Liebe Kollegen. Der “Regress” selbst ist das Schandmal unseres Berufes.
    In diesem scheinheilig verdrehenden Verbalquatsch ist die Perversion unserer Arbeitsbedingungen konzentriert.
    Die widerspruchslose Hinnahme dieser Dauerdenunziation, dieses Zensors in unseren Köpfen ist das real ersichtliche Zeichen unserer Unterwerfung.
    Wir haben uns mit unseren Krediten für die Praxen und all den wirtschaftlichen Verpflichtungen zum Geldverdienen (zum Schuldenabtragen) verdammt und können daher mit den sogenannten “Regressen” in die Katastrophe gestoßen werden. Daher sitzt bei jedem Rezept das wir ausgeben ein Zensor in unseren Köpfen, der uns den medizinischen Schneid abkauft.
    Es ist durch diese in unserer Profession einzigartige “Strafandrohung ohne Strafprozess” möglich geworden uns Ärzte zu dressieren.
    Es wäre ein Leichtes, die Wirtschaftlichkeit der Arzneiverordnung ohne dieses unwürdige Instrument ”Regress” zu ermöglichen. Wir Ärzte schreiben nur die Wirkstoffnamen aufs Rezept und der Apotheker gibt jenes Präparat der Pharmafirma aus, das ein Ausschuss der Kassen als preiswertestes festlegt. Die bunten Schächtelchen werden zu Gunsten brauner Einheitsdosen in der Apotheke abgeschafft ( wie in England) und die Anzahl der Tabletten wird vom Arzt jeweils angegeben. Hier könnten Unsummen gespart werden. Aber an Beidem verdienen die Pharmafirmen. Der “Wettbewerb” der bunten Schachteln mit gleichem Inhalt und unterschiedlichen Preisen zeigt den Einfluss der Lobbyisten auf die Entscheidungsträger. Da ist es billiger die Ärzte zu erpressen und “regressen” als den Pseudowettbewerb der bunten Schachteln zu beenden.
    Geldvernichtung durch als “Mutter-Kind-Kuren” maskierte GKV-Urlaube sind ein weiterer Missstand aber deren gibt es viele, doch “Regress” gibt es nur einen und der ist ein Schandmal. Wann wehren wir uns dagegen? Wie viele Kollegen müssen noch ihre Praxen schließen oder verbittert ohne unsere kollegiale Solidarität das erpresste Regressgeld bezahlen?

    Mit freundlichem Gruß
    ein Hausarzt vom Lande
    Klaus Lischka

    Antwort

    • Posted by drgeldgier on 4. März 2010 at 8:25 am

      Lieber Kollege Lischka,
      vielen Dank für Ihren engagierten Kommentar. Nachdem der Artikel, auf den sich Ihr Kommentar bezieht schon etwas älter ist, besteht die Gefahr, dass er nicht gelesen wird. Ich würde Ihrem Kommentar – aufgrund der ständigen Aktualität des Themas – gerne einen aktuellen Artikel widmen und Sie zitieren. Ich möchte dies jedoch nicht ohne Ihr Einverständnis tun, weshalb ich hier darum bitte.
      Herzlich Dr. G.

      Antwort

      • Posted by Klaus Lischka on 4. März 2010 at 5:30 pm

        lieber Kollege DRG,
        natürlich können Sie das zitieren was ich geschrieben habe. Dieses Thema treibt mich ständig um. Ich begreife einfach nicht die Lethargie der Kollegen. Ich habe die Absicht diesen galloppierenden Wahnsinn der „regressiven“ Arztnötigung verstärkt in die Medien zu bringen. Jetzt, wo wir langsam durch mangelnde Anzahl begehrter werden, könnte es gelingen hier etwas zu ändern.
        Vielen Dank für Ihr Interesse

        Klaus Lischka

        Antwort

  8. […] Regressandrohungen zermürbten Kollegen gewidmet. Gestern erreichte mich dazu ein ausführlicher Kommentar eines Kollegen. Da dieser letztlich “untergehen” würde, da der Artikel schon lange  […]

    Antwort

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