Das Märchen von der Kostenexplosion


Das Gerücht der Kostenexplosion
Seit Jahren hält es sich hartnäckig. Die Kosten im Gesundheitswesen explodieren, so die einhellige Meinung vieler. Letztlich auch das Argument der Politik, um alle Sorten von Leistungserbringern auszupressen wie Zitronen und ihnen für immer weniger Geld immer mehr Leistung (natürlich neuerdings möglichst TÜV-zertifiziert quatlitätsgesichert) abzuverlangen. Ich meine damit alle Leistungserbringer, also nicht nur Ärzte, sondern auch und vor allem ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen, Krankenhäuser, Physio-, Ergo- und Sprachtherapeuten, Einrichtungen des Rettungsdienstes …

In den letzten 10 Jahren kein wesentlicher Zuwachs der Gesundheitsausgaben gemessen am BIP
Bei näherem Hinsehen entpuppt sich diese Kostenexplosion jedoch als Märchen. Die Gesundheitsausgaben der BRD gemessen am Bruttoinlandsprodukt sind in den Jahren 1998 – 2007 unwesentlich von 10,2 auf 10,4% gestiegen. Höchststand war 2003 mit 10,8% erreicht. (Quelle: Statistisches Bundesamt 2009) Eine Explosion sieht anders aus.

Verwaltungsausgaben der Kassen steigen um 50%
Lohnend ist allerdings ein Blick auf die Verwaltungskosten der Gesetzlichen Krankenkassen pro Patient: In der Zeit von 1992-2005 stiegen diese von 106€ pro Mitglied und Jahr auf 159,69€. Das entspricht einem Zuwachs von 50,2% (Quelle).

Anteil für niedergelassene Kassenärzte sinkt von 22% auf 15%
Mehr als 5% der Gesamtausgaben der gesetzlichen (manche sagen schon entsetzlichen) kranken Kassen (äh Krankenkassen) fließen in die Verwaltung. Im Vergleich dazu werden aktuell ca. 15% für sämtliche niedergelassenen Ärzte ausgegeben, die aktuell 90% der Patientenversorgung Deutschland erledigen. 1985 wurden übrigens noch 22% der GKV-Gelder für die ambulanten Ärzte ausgegeben (Quelle). Soviel zur Kostenexplosion für die Niedergelassenen.

Die Patientenversorgung bleibt auf der Strecke
Die Misere im Gesundheitswesen ist also nicht ein Ausgabenproblem per se, sondern ein Einnahmenproblem einerseits (s. demographische Entwicklung) und ein Verteilungsproblem andererseits. Der Wasserkopf im System wächst unaufhörlich, während für die ureigentliche Aufgabe, nämlich die Versorgung der Patienten immer weniger bleibt. Das Gesundheitssystem könnte mittlerweile wohl auch gut ohne Ärzte und Patienten auskommen. Die „Player“ im System wüßten schon, in welchen Schornsteinen sie das Geld verbrennen könnten.

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6 responses to this post.

  1. Posted by INTensivling on 5. Januar 2010 at 11:03 am

    Ja, das deutsche Gesundheitssystem… Tolle Sache.
    Vor allem, wer da immer so als „Gesundheitsexperte“ gehandelt wird. Ich denke da zum Beispiel an den Herren mit der Fliege, der meint, man könne mit moderneren Betten die Arbeit auf den Intensivstationen besser machen.
    Oder an diese eine sehr wandlungsfähige Ministerin… mir fällt der Name nicht ein… irgendwas mit Laien. Laienhelfer?

    Eigentlich schade, dass sie nicht Gesundheitsministerin geworden ist. Hier ein paar Kosten streichen, da ein paar Leistungen indizieren und wenn die Kosten doch explodieren sollten – packen wir einfach ein Schild davor, keiner wirds merkeln.

    Antwort

  2. bereits 1894, also 10 Jahre nach Einführung der gesetzlichen Krankenversicherung sprachen die hohen Herrn der gesetzlichen Krankenkassen bei Bismarck vor und beklagten dass „die Kosten explodieren“ würden, „weil es zuviele Ärzte gibt“! So alt ist dieses Märchen schon!

    Na klar: wenn ich jemandem ein gesetzlich verbrieftes Recht zugestehe, dann wird er dies auch in Anspruch nehmen – und das wir dann was kosten!

    Heute rudert die Politik zwar mit Gewalt zurück, aber solange sie weiterhin behaupten, jeder hätte das Recht …., werden die Versicherten auch dieses Recht (und damit die Kosten) abfordern. Tja man müsste halt die Traute haben den Versicherten zu sagen, dass das mit dem „Recht“ so ’ne Sache ist: Wo nix ist, hat selbst der Kaiser das Recht verloren!

    Antwort

  3. […] Frage hat heute mal Dr. Geldgier für sich beantwortet. Wirklich ein Lesenwerter Artikel. Er hält […]

    Antwort

  4. Posted by Special Agent Gibbs on 5. Januar 2010 at 10:04 pm

    Schade, dass man solche Daten nur bei einer Recherche findet, und nicht bei seiner Abrechnung dabei hat. Dann gäbe es vielleicht bald mehr Aufstände…

    Antwort

  5. Posted by Georg Hummler on 1. März 2011 at 3:19 pm

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    Seit vielen Jahren befasse ich mich als Klinischer Seelsorger mit den Widersprüchen im Gesundheitswesen. Im Rahmen meiner Mitarbeit im Ethikkommittee des Klinikums Stuttgart geistert immer wieder eine Zahl durch die Köpfe (v.a. der Ärzte), die genauso hartnäckig als selbstverständlich vorausgesetzt wird wie sie offenbar durch wissenschaftlich erhärtete Zahlen nicht erweisbar ist:

    90% aller Kosten im Gesundheitswesen entstehen in den letzten 6-9 Lebensmonaten der Versicherten.

    Könnte mir hieruz jemand eine verlässliche, seriöse und zitierfähige Quelle nennen?

    Herzlichen Dank !

    Georg Hummler
    (dipl.theol.)

    Antwort

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