Zweiklassenmedizin Teil 6 – AOK- oder nicht AOK?


In Bayern gehen die Uhren anders. Das ist ein geflügeltes Wort. Aber was hier seit einem knappen Jahr los ist, ist ganz anders:

Der AOK-Hausarztvertrag – auf gehts zur Zweiklassen-Kassenmedizin
In Bayern herrscht aber seit 2009 auch eine neue Hierarchie der GKV-Patienten. Für Hausärzte die am AOK-Hausarzttarif Bayerns teilnehmen, ist es ein Riesenunterschied, ob ein gesetzlich (GKV) Versicherter bei der AOK oder nicht bei der AOK versichert ist. Ist ein Patient bei der AOK-versichert UND schreibt sich in das Hausarztmodell ein, dann bekommt der Arzt eine deutliche bessere Honorierung für seine Leistungen, als für andere GKV-Patienten. Da sind schnell mal gut 80€ beisammen, während für den „normalen“ GKV-Patienten nur ca. 40€ erreicht werden.

Die Patienten müssen sich allerdings eben einschreiben lassen und sich zu einigen Dingen verpflichten:
– Sie dürfen nur noch zu eben diesem Hausarzt gehen und sind 12 Monate daran gebunden.
– Sie dürfen zum Facharzt  ausschließlich nur dann, wenn sie von dem Hausarzt überwiesen wurden (der sie dann für ca. 20-50 € untersucht und dem Hausarzt auch noch brav berichtet)
– Sie dürfen auch ins Krankenhaus nur dann, wenn sie vorher den Hausarzt oder dessen erklärte Vertretung aufgesucht haben.

Damit ein Patient sich diese Daumenschrauben anlegt, bekommt er natürlich auch „Zuckerl“:
– nur einmal pro Jahr 10€ anstatt 40€ Praxisgebühr
– einmal wöchentlich eine Abendsprechstunde bis 19 Uhr
– jährlicher Gesundheits-Check-up ab 35 J.
Hilfe des Hausarztes bei Vermittlung eines raschen Facharzttermins

Verständlicherweise haben die Hausärzte aus pekuniären Gründen ein hohes Interesse daran, dass sie viele AOK-Patienten und da wieder viele „Eingeschriebene“ haben.

Zu was führt dies nun?
1) Patienten werden zum Teil bedrängt die Kasse zu wechseln
2) Weigert sich ein Hausarzt zum Facharzt zu schicken, kann der Pat. definitiv nur auf eigene Kosten zum Facharzt (es gibt sie, die Facharztverweigerer unter den Hausärzten)
3) Werden aus der Abendsprechstunde nun alle nicht-eingeschriebenen, nicht-AOK-Patienten rausgeworfen?
4) Bemüht sich ein Hausarzt beim Facharzt um einen dringenden Termin nur bei seinen AOK-Eingeschriebenen?

Der ganze Vertrag hat meines Erachtens nur eine weitere Zersplitterung der Ärzteschaft zum Ziel. Zudem will die o.g. Kasse offensichtlich massiv an Marktmacht gewinnen. Sie wird die Hausarztpreise sobald sie eine Monopolstellung gewonnen hat diktieren. Und die werden dann wohl nicht nach oben gehen.

Unverschämt finde ich auch, dass die Hausärzte rasche Facharzttermine versprechen, damit sie mehr Geld bekommen, uns Fachärzte aber nicht mal fragen, ob wir mit so einem Verfahren einverstanden sind. Außerdem: ein guter Hausarzt nahm in dringenden Fällen auch bisher ohnehin direkt Kontakt mit dem Facharzt auf.

Mich erinnert das sehr an „verkaufte Seelen“.

 

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9 responses to this post.

  1. Hm, gab es etwas ähnliches nicht auch mit anderen Kk? Ich meine, mich daran zu erinnern, wie ich 2007 auch nur einmal zahlen musste, allerdings wurde das doch gesetzlich verboten, oder?

    Was ich auch an dieser Sache ziemlich ungünstig finde: Wie macht das jemand, der pendelt? Die Hälfte der Zeit bin ich in meiner Unistadt, die andere Hälfte daheim, sollte ich dann mal schnell 400km fahren, wenn ich den Hausarzt brauche?

    Antwort

  2. zum Glück bin ich nicht in der AOK und auch nicht im Hausarztmodell. Mein Ex Hausarzt war eine ziemlicher Reinfall, da hätte ich mir ganz schön im Hals gestanden! Bei einem Bandscheibenvorfall meinte er nur, das seinen Verspannungen, ich solle Schwimmen gehen und 4 Tage Diclo nehmen.

    Antwort

  3. Hier in NRW entwickelt sich das Modell ebenfalls unter den Ärzten. Er hat es nicht wortgetreu so gesagt aber es so gemeint: „Wenn sie hier nicht unterschreiben dann kriegen sie auch ihre nötigen Untersuchungen bei den Fachärzten nicht“. Ich habe ihm klar gesagt, dass ich mir dann wohl einen neuen Hausarzt suche (+ entsprechenden Hinweisen unter Freunden und Bekannten).

    Antwort

    • Posted by drgeldgier on 7. Januar 2010 at 5:16 pm

      Genau DAS sind die Auswüchse, die ich befürchte und zum Teil auch schon von Patienten geschildert bekam. Das verrückte daran ist, dass sich durch diese Verträge ja überhaupt nicht die Versorgung durch den Hausarzt selbst verbessert. Denn eine Abendsprechstunden bis 19 Uhr hatten fast alle schon vorher und wenn er verantwortungsvoll arbeitete, dann kümmerte er sich sowieso notfalls um rasche Facharztuntersuchungen.
      Was aber geschieht ist eine Verschlechterung der Versorgung derjenigen, die sich nicht „freiwillig“ einschreiben lassen bzw. zur Monopol-Kasse wechseln.

      Antwort

  4. Ich bin glücklicherweise nicht an das Hausarztmodell gebunden (weil nicht AOK-Patientin), stoße mich aber trotzdem an der angeblich beschleunigten Facharztüberweisung. Ich glaube schlicht nicht daran, dass es diese gibt, AOK hin, Hausarztmodell her!

    Nur ein Beispiel, wie hoch die Facharzthürde in der Praxis ist: Ich als NeT-Patientin habe ein signifikant erhöhtes Brustkrebsrisiko. Als mich mein behandelnder Gastroenterologe darauf hinwies, stellten wir fest, dass da durchaus was Auffälliges zu tasten ist…

    Also ruckzuck die Überweisung zum Gynäkologen mit Hinweis auf die schwere (und zum damaligen Zeitpunkt in Leber und Lymphknoten metastasierte) Grunderkrankung. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich so naiv, zu glauben, dass ich eine Woche später einen Termin haben würde. Spätestens.

    15 Telefonate später hatte ich 12 Absagen und drei Termine – der früheste in drei Monaten! Nichts zu machen, selbst die Dringlichkeitserklärung des Onkologen half nichts. Ich fragte mich – zurecht, wie ich als in dieser Sache hilflose Patientin finde! – an diesem Tag ernsthaft, an welcher Stelle dieses Gesundheitssystem eigentlich nicht krank ist…

    Muss ich erwähnen, dass man prompt etwas fand, das jetzt engmaschig beobachtet wird? In drei Monaten sterben Patienten – ohne vielleicht jemals erfahren zu haben, woran! Nennt man das, frei nach Darwin, „natürliche Auslese“?

    Antwort

    • Posted by drgeldgier on 14. Januar 2010 at 4:41 pm

      Bei mir kommt dringend auch dringend, heißt zeitnah dran. Egal ob privat oder GKV. Leider bekommen Gynäkologen für den „normalen“ Kassenpatienten nur noch ca. 16 Euro !!! Das muss man sich mal geben! Da ist es kein Wunder, wenn nur noch Masse statt Klasse gemacht wird und endlose Wartezeiten die Folge sind.

      Antwort

  5. […] Zweiklassenmedizin – AOK oder nicht AOK? […]

    Antwort

  6. Posted by Walter Michaela on 8. Juli 2010 at 7:25 pm

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    darf es sein, dass ein Arzt Patienten , die das Hausarztmodell nicht unterschreiben wollen, nach 20 Jahren nicht behandelt , sondern diesen durch seine Arzthelferin ausrichten laesst, dass er sie nicht mehr als Patienten haben moecht eun dihnen die Patientenunterlagen in die Haende druecken laesst un dsie zur Praxis hisausbitten laesst… ist es jetzt so weit, dass Hypokrates weniger als 65 Euro zaehlt?
    Wo kann man sich ueber einen solchen Azt beschweren? Ich dachte, ein Arzt muss einen Patienten untersuchen, wenn dieser mit einer wichtigen Untersuchung zu ihm kommt.

    Vielen Dank schon jetzt fuer Ihre kurze Rueckinformation.

    Mit freundlichen Gruessen

    M J Wlater

    Antwort

    • Posted by drgeldgier on 8. Juli 2010 at 9:20 pm

      Sie scheinen kein Einzelfall zu sein – Beschwerde bei der Kassenärztlichen Vereinigung des Bundeslandes

      Antwort

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