Der Patient als Geisel? Der Hausarztvertag!


Der Rheinländer hat plötzlich den Bayern zum Vorbild

Ich hab ja hier schon viel über diese Hausarztverträge geschrieben (s. unten). In Bayern läuft dies ja nun schon fast ein Jahr. Hausärzte bekommen für „eingeschriebene AOK-Patienten“ ca. das Doppelte von früher (sei ihnen ja gegönnt). Da sollte man erwarten, dass dafür als Gegenleistung mehr echte Qualität für den Patienten rauskommt.

Das Gegenteil ist der Fall:  Das offenbart der aktuelle Streit der AOK-Nordrhein mit den dortigen Hausärzten. Die wollen natürlich nun den Bayern in nichts nachstehen und fordern auch 85 € pro Patient und Quartal. (Die Zahl an sich – soviel zur Klarstellung – finde ich angemessen !!!) Das ist mehr als das Doppelte des derzeitigen Ho(h)norars der Hausärzte in dieser Region.

AOK ziert sich und spricht von „extrem teuer“
Die AOK Nordrhein (genauer deren Chef Wilfried Jacobs) kritisiert diese Forderung als „extrem teuer“. Das ist erst mal schon ein Hohn. Denn „extrem teuer“ wären für mich 500€ aufwärts. Geht es hier nicht um unser „höchstes Gut“?

„Geiselhaft
Aber der eigentliche Hohn ist die Begründung der nordrheinischen Hausärzte. Deren Chef erklärt, dass sich die Patienten im Hausarztvertag auf einen Hausarzt verpflichten müssen, was für ihn folgende Konsequenz hat: „Unnötige Arztbesuche fallen damit weg. Dadurch haben wir weniger Patienten und mehr Zeit für den Einzelnen“ (Quelle Rheinische Post online 21.01.2010)

Hä? Wer von Euch hat mehrere Hausärzte gleichzeitig? Und wo ist da der wirkliche Qualitäts-gewinn? Darin, dass die Hürde, zum Facharzt zu gehen noch höher wird und der Patient erst dann zu mir kommt, wenn ihm der Gehirntumor schon die Augen aus dem Kopf treibt? Das nenne ich moderne Geiselhaft!

Der Deal
Seien wir doch ehrlich. Hier wäscht eine Hand die andere.  Der Hausarzt sorgt dafür, dass die Kasse Versicherte hat, die richtig krank sind (denn dafür bekommt man ja als Kasse einen fetten Obulus aus dem Gesundheitsfonds – egal ob die Patienten überhaupt versorgt sind). Dafür bekommt er eine bequeme Verdopplung seines Honorars, das damit wenigstens vom Hohnorar zum Honorar wird.

Die Qualität steigert sich dabei kein bißchen. Der Patient bleibt wieder mal auf der Strecke.

Aber:  „who cares“?

Passende Artikel:

Fassungslos (Teil 4) oder die neuen Patientenklassen

Zweiklassenmedizin – AOK oder nicht AOK?

Mehr Geld um jeden Preis?

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2 responses to this post.

  1. Lieber Dr.Geldgier, Du gehörst sicher nicht zu den Facharzt-Kollegen, die Patienten verabschieden mit den Worten „und nächstes Quartal kommen Sie bitte wieder, lassen Sie sich draussen gleich einen Termin geben!“. Aber leider bin ich (und vermutlich die meisten Hausärzte) von solchen umgeben!

    Ich stelle – ohne dass ich dafür einen wesentlichen Grund sehe (und den „Hirntumor, der die Augen schon raustreibt“, übersehe ich dabei sicher nicht) – bei mindestens 1/3 meiner Patienten zu jedem Quartalsbeginn bis zu 8 Routine-Überweisungsscheine aus. Auf die Frage was denn der Facharzt so mache, kann der Patient dann üblicherweise keine so richtig plausible Antwort geben („na, er nimmt halt Blut ab oder er fragt mich, wie’s mir geht“). Und gerade von diesen Fachkollegen erhalte ich dann meist auch keine Arztbriefe (allenfalls handschriftlich unleserliche Arzt-Sauklaue „oB“ oder „keine pathologischen Befunde“).

    Auf der anderen Seite habe ich gerade bei diesen Kollegen die größten Schwierigkeiten für akute Patienten (auch die soll es ja geben: Ersterkrankung oder akute Verschlimmerung) – wegen des übervollen Terminkalenders – einen dringenden Termin zu bekommen, oft nicht vor 3 Wochen („Notfall“!!!).

    Wenn es also die Hausärzte schaffen würden (sie tun das trotzdem nicht, auch nicht mit AOK-Hausarztvertrag, weil das Wort des Herrn Facharztes beim Patienten viel schwerer wiegt, als das des inkompetenten Hausarztes) die Anzahl der Facharztbesuche zu reduzieren, dann wäre da für die AOK sicher eine Einsparung möglich. Nein, nicht bei den Honoraren (die sind ja schon bezahlt), sondern bei den meist sinnlosen Verordnungsänderungen (nachdem vom Hausarzt gerade eine Großpackung für 300.-€ weiterverordnet wurde) oder den überflüssigen Überweisungen zu dritten Fachärzten (nichts als Wichtigtuerei: die selben Untersuchungen wurden oftmals erst kürzlich von einem andern Facharzt vorgenommen, mit dem der Herr Kollege allerdings nicht – aus freundschaftlicher Verbundenheit – besonders gut zusammenarbeiten kann).

    Der Hintergrund – und da muss ich natürlich auch diese Kollegen in Schutz nehmen -ist allerdings ein juristischer. Solange jeder Arzt immer für alles (zumindest mit-)verantwortlich ist, wird auch jeder Arzt immer alles machen bzw. unklare Fragen von andern Kollegen klären lassen. Und daran können – letztendlich – auch die Kassen nix ändern!

    Antwort

    • Posted by drgeldgier on 23. Januar 2010 at 10:46 am

      Ich muss meine Chroniker (MS-Patienten, Epileptiker, Parkinson-Patienten) jedes Quartal einbestellen. Denn Hausärzte würden nie die teuren Medikamente verordnen (Interferone, Dopaminagonisten, neuere Antikonvulsiva, Antidementiva). Sie schicken immer zu mir, mit der Begründung „Ich als Hausarzt DARF das nicht verordnen“, was ja so auch nicht stimmt. Es ist nur der Regressdruck und die Angst davor, die dieses Vorgehen begründet.
      Allerdings macht es für mich schon Sinn, meine MS-Patientin jedes Quartal zu sehen, auch wenn sie stabil sind. Fast bei jedem Besuch kommt doch irgendwas fruchtbares dabei rum, sei es nur die Optimierung der Hilfsmittel, der pflegerischen Versorung … Außerdem kennt man dann seine Pappenheimer und sieht schon beim Betreten der Praxis, dass ein Schub erfolgt, …

      Antwort

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