Verdammt noch mal – wir haben Rationierung!


Praxisfrust pur

Anruf einer meiner langjährigen Patientinnen mit schwerer Multipler Sklerose:

„Hallo Herr Doktor, ich bin nachmittags so müde, dass ich meist um eins ins Bett gehe und grad noch kurz zum Abendessen rauskomm‘ „

„Frau Müde*, das ist leider Ihre Fatigue, diese rasche Ermüdbarkeit, wie sie leider viele MS-Patienten haben.“

„Ja aber, kann man denn da gar nix machen? Es ist schrecklich, wenn der Tag um 1 mittags aufhört.“

„Frau Müde, es sieht nicht gut aus. Leider gibt es für diese Fatigue bei MS kein offiziell zugelassenes Medikament. Das empfohlene Amantadin, das Sie sich damals selbst bezahlten, hat doch die schrecklichen Hautveränderungen gemacht.“

„Stimmt Dr. Geldgier, da sahen meine Beine aus wie blaue Marmorsäulen.“ *grinst

„Eben und dann gibt es noch das Modafinil, das Sie neulich in der Klinik bekommen hatten“

„Ja, genau, das war toll, da konnt ich bis abends durchhalten, DAS war Leben“

„Aber weil das auch nicht zugelassen ist, hat doch Ihre Kasse knallhart abgelehnt die Kosten zu übernehmen, obwohl ich einen seitenlangen Antrag gestellt  hatte und obwohl alle Leitlinien der Spezialisten dieses Medikament empfehlen.“

„Ja, leider. Selber zahlen ist unmöglich. Eine Packung kosten 280€ und reicht nicht mal 2 Monate. Bei meinem Witz von Frührente kann ich mir das nicht leisten.“

„Ja Frau Müde, das ist eine Schande.“

„Ja gibt es denn sonst gar nix für mich?“

„Doch, noch ein anderes Medikament, ähnlich teuer und auch nicht bezahlt von den Kassen.“

„Das ist gemein. Jetzt hab ich so gehofft, Sie wüßten was. Also wieder mittags ins Bett …
Danke Herr Doktor…“

Ich bin eigentlich mal Arzt geworden, um meinen Patienten, zu helfen und nicht, um ihnen minutenlang zu erklären, warum ich Ihnen nicht helfen darf.

Wie es mich langsam ankotzt in Deutschland Arzt zu sein. Und da reden die Politiker scheinheilig, eine Rationierung werde es nicht geben. Wir haben sie doch schon längst!

 Nur trifft es die, die am wenigsten haben, schon gleich gar keine Lobby:
chronisch Kranke, … am Ende der sozialen Leiter.

___

*Namen wie immer von der Redaktion geändert 😉

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16 responses to this post.

  1. Oh nein….. Ich wünschte, die Politiker würden mal sehen, dass ihre Selbstbeweihräucherung andere Menschen das halbe Leben kostet…

    Antwort

  2. Posted by mausel on 30. April 2010 at 8:01 am

    Ich kann das wohl gut verstehen. Wenn man frisch vom Studium kommt, hat man noch seitenlange Leitlinien im Kopf. Die kann man aber nicht abarbeiten, da Kostendämpfung und vieles nicht bezahlt wird. Das frustriert jeden Alltag.
    Z.B. Va App: Gyn/Röntgen/Labor/Klinische Kontrolle, bei Beschwerdefreiheit: Kostaufbau. Nur keine Kasse zahlt das, nach Hause ohne Kostaufbau, wiederkommen abends, Fallzusammenführung, weniger Geld für uns.
    Lumbago: NSAR und Muskelrelaxans, nee, im Notdienst dürfen wir neuerdings nur ein Medikament verschreiben, Anordnung der Verwaltung.
    Und wir müssen den Patienten erklären, wieso. Eigentlich müsste man den so eine Durchwahl von unseren Politikern geben, damit die ihnen das selbst erklären.
    Oder ganz toll letztens: 35jähriger mit metastasierendem SigmaCa: spezielle Chemo mit AK und Studienprotokoll (hat mich zwei Tage telefonieren gekostet) im KH ca 200 km entfernt. Anruf von der Krankénkasse: Die wollen das Fahrgeld nicht zahlen, weil nächste 08/15 Chemo bei uns 20 km um die Ecke.
    Musste ich seitenlange Anträge ausfüllen und ich musste nachweisen, das diese Chemo sinnvoll und eben nur da.

    Antwort

  3. Das ist doch keine Rationierung mehr, das ist E U T H A N A S I E ! Wie gut, dass Ärzte das nicht dürfen. Aber wieso dürfen es Politker?

    Antwort

  4. Mein Mann hat MS und es ist ein Trauerspiel. Gerade die fatique ist ein grausames Symptom.
    Im Moment hat er gerade mit Amantadin angefangen. Ich hoffe, es hilft und er hat keine NW. Die teureren empfohlenen !! Medis können wir uns nicht leisten.

    Antwort

    • Posted by drgeldgier on 3. Mai 2010 at 5:31 pm

      Genau so sieht die Realität aus in diesem Land. Aber Bauchtanzkurse werden als angebliche Prävention zum Teil bezahlt von den Kassen. Wie krank ist das denn?

      Antwort

      • Mir fällt nach jahrelangem Kampf mit Krankenkassen, Pflegekassen, Versorgungsämtern und co dazu auch nichts mehr ein. Eine Idiotie reiht sich an die nächste.

        Antwort

  5. Posted by INTensivling on 1. Mai 2010 at 8:38 pm

    Abwarten, durch die Pläne des Herrn Dr. R. von der FDP wird das doch bestimmt besser.

    Nicht.

    Antwort

  6. Posted by stef on 1. Mai 2010 at 8:44 pm

    “ Nur trifft es die, die am wenigsten haben, schon gleich gar keine Lobby:
    chronisch Kranke, … am Ende der sozialen Leiter.“
    Die Frage ist ja nur, wie es für die Menschen am Ende der sozialen Leiter ausgeht, wenn die Gesetzliche Krankenversicherung privatisiert würde – wie es die FDP noch vor nicht allzu langer Zeit gefordert hat. Vermutlich nicht viel besser.

    Antwort

  7. Posted by Michael on 5. Mai 2010 at 11:42 pm

    Ein nicht unernst gemeinter Gedanke eines medizinischen Laien:

    Was spricht denn gegen die off-label Verschreibung von NRF 22.9 oder 22.4?
    Es wird vermutlich einen ähnlich guten Effekt wie Modafinil haben, nur dass es – bei einer ordentlichen Apotheke – schon für weniger als 20 Euro im Monat beziehbar ist (ausgehend von typischen Narkoleptiker-Dosierungen)…

    Antwort

  8. Posted by Special Agent Gibbs on 14. Mai 2010 at 7:13 am

    Wenn man das so liest, hat man ja noch mehr Angst davor krank zu werden…

    Antwort

  9. @ Agent Gibbs, man muss nur schnell sterben, dann verursacht man keine Kosten. Gut, die Beerdigungskosten, aber das interessiert nur mögliche Hinterbliebene ..

    Antwort

  10. Verdammt noch mal, wir haben Rationierung und das ist ein verdammt cleveres System.
    Was mich als Arzt dabei zur Weißglut bringt, ist die hinterhältig langsame Methode mit der sich dieses System ausgebreitet hat. Es hat sich so clever in unseren ärztlichen Alltag bewegt, dass die meisten Kollegen es überhaupt nicht bemerkt haben. Dieses System der Rationierung ist eigentlich ein System der Manipulation der Ärzte! Wir werden von den Rationierungsvorgaben regelrecht infiziert. Wenn uns der Virus dieses Kaputtsparsystems erst mal unterwandert hat, dann oh Graus, merken wir nicht mal, dass wir die Patienten um Behandlungen prellen.
    Ich behaupte, die meisten unserer still vor sich hin schuftenden Kollegen haben die gravierende Einschränkung ihrer ärztlichen Entscheidungsfreiheit vor lauter anstrengender Anpassungsarbeit an immer neue EBMs und DMPs und RLVs und sonst noch einen Wortmüll völlig übersehen! Sie merken nicht mehr, dass sie einstmals ärztlich entscheiden konnten und dass es mal ihr Auftrag und ihre Profession war, im Sinne der optimalen Genesung ihrer Patienten humanitär und ärztlich zu entscheiden. Wir Knallbacken haben uns (inzwischen sogar richterlich bestätigt und von allen kastrierten “Berufsverbänden” unwidersprochen) zu Ausführugsorganen der Kassen umbenennen lassen. Das heißt rein praktisch, dass der Arzt in der Niederlassung, also der Kassenarzt, hauptsächlich dem Kasseninteresse (billigste Medizin zu betreiben) genügen muss. Der Patient guckt in die Röhre.
    Weshalb kappieren die Kollegen nicht was hier eigentlich läuft? Alle halten die Köpfchen gesenkt und schuften brav. Es ist die Rationierung und die Bedrängung der Kassenärzte, die ein System von Pseudomedizin geschaffen hat. Die Regressdrohung erzeugt ein Vermeidungsverhalten, dass leider leider unbewusst in den Köpfen der Ärzte arbeitet. Durch die in Windeseile ablaufenden Medikamentenentscheidungen für das jeweils “regressungefährlichste” Medikament kommt es in den Arztschädeln zum pawlowschen reflexartigen Lernen des Kassengewollten. Die Frage nach dem Optimalen wird gar nicht mehr gestellt. Nach ein paar Jahren solcher Verschreibepraxis ist die Hirnwäsche des Doktors komplett.
    Scientology ist ein Kanninchenzüchterverein gegen dieses GKV-Langzeitprojekt des “Dressierten Arztes”.

    Antwort

  11. Posted by Peter on 12. Juni 2010 at 11:50 pm

    Da ich gestern Screenshots von meinem Kommtentarversuch gemacht habe, dieser bis heute nicht erschienen ist, gehe ich noch nicht davon aus, dass es sich auch bei dieser WebSeite um eine jene handelt, die der Wahrnehmung Deutsche Interessen entgehen steht.

    Wenn mein Kommtentar allerdings bis Mo immer noch nicht erschienen ist, werde ich diese WebSeite (mit v.g. Screenshots) jedoch als eine, der v.g. Wahrnehmung entgegen stehende Seite vermerken müssen, sowie die Kenntnis dieser Tatsache an jene Stellen weitergeben, die solche Webseiten erfassen.

    Antwort

    • Posted by drgeldgier on 13. Juni 2010 at 6:39 am

      Sehr geehrter Peter, warum sollte diese Website „deutschen Interessen entgegenstehen“? Im Gegenteil, es geht hier doch nur um die Sorge der Qualität der medizinischen Versorgung der Bevölkerung. Die Androhung ist äußerst seltsam und bestärkt mich in meinem Vorhaben, dieses Blog demnächst zu schließen.

      Antwort

  12. nicht schließen, sondern die Kommentare alle moderieren ;-). Ist etwas mehr Arbeit, aber zu empfehlen!

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