Lebenszeichen


Ein Monat ist vergangen seit meinem letzten Artikel hier, der ja eigentlich auch ein fake war. Wie unschwer zu erkennen ist, hab ich momentan einen Mega-Durchhänger, was meine Blog-Aktivitäten betrifft. Das hat vielerlei Gründe, auch private. Aber der Hauptgrund ist eigentlich tiefe Resignation.

Resignation
Ich könnte eigentlich täglich über Horror-Meldungen und Skandale im gesundheitspolitischen Bereich berichten, allein: ich sehe keinen Sinn (mehr) darin.

Da kommen fast wöchenlich Meldungen und Forderungen irgendwelcher Krankenkassen-Fuzzis, die Ärzte sollten mehr sparen und deren „Ho(h)norare“, die ja zuletzt „explodiert“ seien, sollten gekürzt werden ….

Bananenrepublik
Gleichzeitig deckt der Bundesrechnungshof Bananen-Republik-artige Zustände bei den Kassen auf. BRH-Präsident Engels bezeichnete diese Zustände unlängst als „unglaublich“. Bei Fusionen der Kassen gebe es „Deals unter den Beteiligten, da bekommt ein Prüfer, der sie aufdeckt, graue Haare“. Aber nimmt die Öffentlichkeit Notiz davon? Wer liest schon die Wirtschaftswoche?

Da versucht ein eigentlich intelligenter Gesundheitsminister eine echte Reform im Gesundheitswesen auf die Reihe zu bekommen und scheitert vor allem an Querschüssen aus „eigenen“ (Unions-)Reihen. Was jetzt dabei rauszukommen scheint, wird ne Witznummer.

Boomender Gesundheitsmarkt für Großkapitalisten
Es wird immer klarer: die eigentliche Politik in diesem Land machen die Wirtschaftsbosse und Großkonzerne, die den Kuchen in jedem Bereich des Wirtschaftslebens unter immer weniger Oligopolisten aufteilen. Und da der Gesundheitsmarkt für sie ein Markt wie jeder andere ist – an Patienten macht man sich als Manager ja nicht die Finger schmutzig – gilt hier dasselbe. Nur mit dem Unterschied, dass der Gesundheitsmarkt DER boomende Markt der Zukunft ist, denn „wir“ werden älter und kränker, das ist sicher.

Ich habe in meiner vergangenen Urlaubswoche das Buch „Crashkurs“ von Dirk Müller gelesen. Beängstigend, Augen-öffnend, sicher das ein oder andere Mal sehr extrem, aber in vielen Dingen auch auf das Gesundheitswesen übertragbar. Vor allem seine Kommentare zur unglaublichen Macht der Medien die Meinungsbildung betreffend. Wenn die Medien drei Mal hintereinander dieselbe Lüge verbreiten, dann nimmt es der Leser für bare Münze. Als Arzt unter Generalverdacht unbeschränkter Geldgeilheit kann ich ein Lied davon singen.

Wenn die Patienten beginnen unter Arztes Frust zu leiden…
Ich bin hier in der Auszeit vor allem deshalb, weil ich bemerkt habe, dass das ständige, frustrierte, kritische Schreiben hier, Auswirkungen auf meinen Arbeitsalltag hat. Ich hatte begonnen, den Frust über die Gängelung durch die Politik, die Kranken-Kassen und die Kassenärztliche Vereinigung auf meinen Patienten abzuladen. Das war schlimm.

Ich bin gerne Arzt. Ich arbeite gerne am Patienten und für den Patienten. Und ich möchte mich einfach wieder dieser, meiner ureigenen Aufgabe am Patienten widmen und nicht ständig gegen politische Windmühlen kämpfen.

Verloren?
Es scheint, als hätte ich nun verloren, denn genau darauf bauen ja die Managerprofis, die sich den Gesundheitsmarkt gerade unter den Nagel reissen. Darauf, dass die meisten Ärzte, einfach nur Arzt sein wollen und es deshalb nie schaffen werden, sich geschlossen gegen Unsinn „von oben“ und sei er noch so grob (wie die letzten „Reformen, der Reformen, der Reformen (die nächste tritt am 01.07.10 in Kraft)) zu wehren. Sie arbeiten lieber in ihrem Beruf, der ja eigentlich einer der schönsten der Welt ist.

Ich werde mich nicht verabschieden, sondern immer mal wieder berichten. Momentan muss ich meine Energie fürs eigene Überleben aber gut rationieren.

Abschließend noch mein herzlicher Dank an all die treuen und zum Teil liebevoll besorgten Leserinnen und Leser. Euch bin ich es schuldig, hier immer mal wieder als „imbrattacarte“, als Schmierfink, tätig zu werden.

Ciao!

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16 responses to this post.

  1. Ab und zu mal eine kleine „Schmiererei“, das wäre nett. Ansonsten Kopf hoch, Herr Kollegoide, nicht unterkriegen lassen …

    Antwort

  2. Posted by Lebensumbau on 7. Juni 2010 at 8:33 am

    Kopf hoch und bloß nicht unterkriegen lassen von all den „Superä…….“ auf dieser Welt. LG von der Patientenseite :-).

    Antwort

  3. Posted by Benedicta on 7. Juni 2010 at 10:33 am

    Übrigens: du bist schuld (;)), dass ich mir letztens mal den Lauterbach live angeschaut hab – es ergab sich die Gelegenheit, und da ich bei dir schon soviel zum Thema gelesen hatte bin ich dann doch zu der Diskussion hin, statt mich daheim auszuruhen.

    Du hast hier also durchaus Impact…
    (allerdings fand ich den Lauterbach gar nicht schlecht. Sicher, an der Rhetorik könnte man arbeiten *untertreib*, aber inhaltlich wars super, rechnen kann er auch, und er ist auf die Publikumsfragen gut eingegangen (sprich, er hat zugehört, die Frage verstanden und dann beantwortet – was für einen Politiker schon außergewöhnlich ist)).

    Antwort

    • Posted by drgeldgier on 7. Juni 2010 at 11:32 am

      Na klar kann der rechnen und berechnen, sonst wär er ja auch nicht im Aufsichtsrat der Rhön-Kliniken – und für Patienten klingt es immer super was er sagt. „Freibier für alle“, wer hat was dagegen.
      Aber auf seinen Vortrag vor der Gesundheitsindustrie (Nov 08, Du weißt schon) hast Du ihn nicht angesprochen, oder?

      Übrigens, muss ich mir noch mehr Gedanken machen über die Sinnhaftigkeit dieses Blogs, wenn ich die Leute schon solchen Menschen in die Arme treibe 😉

      Antwort

      • Posted by HiJoe on 7. Juni 2010 at 2:47 pm

        Was ist eigentlich an Karl Lauterbach so schlimm? (klärt mich mal auf 🙂 )

        Soweit ich weiss tritt er u. a. für eine Bürgerversicherung und gegen eine Zwei-Klassen-Medizin ein. Ist das jetzt verwerflich oder sehe ich da was falsch?

        Antwort

        • Gern. Das Problem beginnt schon damit, dass Du nicht definieren kannst was Zwei-Klassen-Medizin ist. Das ist ein abstraktes Schlagwort um so Leute wie Dich zu ködern. Lenin nannte so etwas sehr treffend, losung (gesprochen etwa wie lasjunk), weil offensichtlich andere Sprachen so etwas nicht hergeben, und er schreibt dazu: Die einfachen Muschkoten können seine großen Ziele eh nicht begreifen, deshalb müssen für diese solche losungi her, damit man sie besser auf das gewünschte Ziel steuern kann.

          Im englischen ist übrigens die Verwendung solcher abstrakter undefinierter Begriffe verpönt, zumindest unter denen die Orwells Essay über die Probleme der englischen Sprache gelesen und verstanden haben. Bezeichnenderweise fast zur gleichen Zeit wie Lenins Werk entstanden. In Deutschland dagegen hat die Verwendung solcher unklaren Schlagworte Hochkonjunktur vor allem in den bürokratiegestützten Medien und den Partien links, rechts und in der Mitte.

        • Posted by drgeldgier on 7. Juni 2010 at 7:33 pm

          An Dir sieht man wieder, dass die Medien ganze Arbeit geleistet haben. Wenn Du Dir ein Bild vom „Meister“ direkt machen willst, dann opfere (ja, es ist wahrlich ein Opfer) eine halbe Stunde und sieh Dir einen seiner Vorträge an, den er natürlich nicht vor Patienten hat. Hier der Link zum Video:
          http://www.iv-hh.de/iv-2008/video.php?VideoName=versorgungsformen

        • Posted by HiJoe on 8. Juni 2010 at 12:53 pm

          Hello again,

          also den Begriff „Zwei-Klassen-Medizin“ finde ich schon irgendwie definierbar, wenn auch sicher nicht mit einer exakt wissenschaftlichen und eindeutigen Definition (was wohl für die meisten Begriffe im Sprachgebrauch zutrifft.). Wikipedia schreibt dazu: „Zwei-Klassen-Medizin ist ein negativ besetztes politisches Schlagwort. Es bezeichnet ein Gesundheitssystem, in dem die Güte der medizinischen Versorgung von der sozialen Schicht des Patienten abhängt.“

          OK, ich habe mir auch das Video angesehen. Was ist denn da der Knackpunkt? Soweit ich es verstanden haben referiert Karl Lauterbach über Integrierte Versorgung (IV). Ganz knapp würde ich sagen, dass sein Resumee ist, dass mittelfristig die Bedeutung von IV zunehmen wird, und zwar wegen dem Ausbau von Medizinischen Versorgungszentren, wegen §116b (Ambulante Behandlung im Krankenhaus) und wegen der Effekte der Umverteilung im Morbi-RSA (gute Kalkulierbarkeit der Kosten/Gewinne bei Behandlung der 80 „bevorzugten“ Krankheiten). Dass mit den 80 Krankheiten zu kurz gegriffen wurde bemängelt K.L. ja auch.

          Ist das alles jetzt was Schlimmes oder was Gutes für den Arzt und für den Patienten, was meint Ihr?

        • @HiJoe
          Eigentlich ist die Wiki Definition gar nicht so schlecht. Du hast sie offensichtlich noch nicht richtig verstanden. ‚Zwei-Klassen-Medizin ist ein Schlagwort bedeutet‘ es ist eine Keule mit der politische Gegner zur Erreichung ihrer eigenen (meist egoistischen) Ziele aufeinander eindreschen. Es ist ein Instrument, ein Vehikel und kein Konzept worüber es sich zu diskutieren lohnt. Wenn Dich jemand mit einer Keule angreift wirst Du ja auch nicht auf die Keule zielen, sondern auf den Kopf. Mehr dazu hier.

          Das mit der integrierten Versorgung (IV) ist zugegebener Maßen für nicht eingeweihte schwerer zu durchschauen. Es ist ein Euphemismus für Monopolisierung in der Medizin. In dem Video wird doch sehr schön herausgestellt, dass mit der Einführung der IV die Betreuung der Patienten keinesfalls verbessert hat nur die Großen (Klinikkonzerne wie Rhoen, in denen, wenn wundert’s, Herr L. Aufsichtsratsmitglied ist) haben auf Kosten der Kleinen profitiert. Und mit „nicht verbesserte Betreuung der Patienten“ hat Herr L . in gewohnter Weise den Prozess schön geredet. Jede Monopolbildung führt ganz zwangsläufig zu steigenden Kosten und schlechteren Leistungen. Dies ist auch genau so in Deutschland der Fall. Das dies im Gesamtbudget noch nicht so deutlich zu Buche schlägt liegt daran, dass bei uns heftigst „gespart“ wird, sprich wir unsere Leistungen für fast umsonst anbieten müssen.

      • Posted by Benedicta on 9. Juni 2010 at 3:33 pm

        Er sagt ja gar nix von „Freibier für alle“ – im Gegenteil. RÖSLER ist derjenige, der Freibier verteilt – nur dass DER das Freibier nur denjenigen ausschenkt, die es sich auch kaufen könnten (Kassenbeitrag senken, dafür Kopfpauschale -> Gutverdienende sparen, Niedrigverdiener zahlen drauf). Lauterbach schlägt ein Finanzierungskonzept vor, dass auch Einkommen einbezieht, die nicht aus einem Angestelltenverhältnis entstehen. Das würde das ganze auf eine sehr viel breitere (und damit fairere) Basis stellen.
        (Das Thema dieser Diskussion war Finanzierung des Gesundheitssystem, und da wurde er zu seinen Konzepten schon ordentlich in die Zange genommen – da war ich gar nicht mehr zu nötig ;))

        Antwort

  4. Als Kinder sollten wir mit der gesamten Schulklasse den Film Leuchte, mein Stern, leuchte besuchen. Ein Lehrer bemüht sich in einem abgelegenen russischen Dorf Kultur und Bildung zu verbreiten, gründet sogar eine kleine Theatergruppe, scheitert aber letztlich, weil er von Banditen aus dem nahen Wald umgebracht wird. Was mich als Kind an diesem Film am meisten erschütterte, war dass danach das ganze Dorf glücklich war, in den alten Trott zurückkehren zu können. Ich weiß nicht, wieso ich mich an diesen Eindruck gerade jetzt so intensiv erinnere, denn inzwischen weiß ich auch aus meiner Tätigkeit als Arzt, dass die Lernfähigkeit vieler Menschen sehr stark eingeschränkt ist. Ich nenne das seit Jahren „Denkhemmung“. Man könnte das in den ICD aufnehmen, wenn es nicht so ubiquitär verbreitet wäre.

    Ich freue mich zumindest, dass es Dir soweit gut geht und wünsche Erfolg in Deiner beruflichen Tätigkeit und natürlich auch privat.

    Antwort

    • Posted by Benedicta on 9. Juni 2010 at 3:37 pm

      Naja… diese Art von „Denkhemmung“ ist der Medizin selbst ja aber auch nicht fremd. Brauchst gar nicht so zu tun, als wäre das ein reines Patientenproblem…

      Stichworte: „hierarchische Systeme“ (die Arbeitsbedingungen von Medizinern sind anderswo längst besser – nur Deutschland will nicht aus dem altbewährten Trott raus), „Akzeptanz moderner Operationsmethoden“ („hammwa immer so gemacht“), „Statistik zu Morbidität/Mortalität bei Übergewicht“ (die gängige Medizinermeinung „dick ist schlecht“ wird quasi in JEDER Statistik widerlegt, aber trotzdem noch immer befolgt), und so weiter und so fort.

      Antwort

  5. Ich hoffe, dir geht es bald wieder besser…. *eine Menge Motivation und Freude zuschick*
    Und – wie wäre es, wenn du ab und an vor allem über deine Patienten schreibst, gerade über positive Erlebnisse? Oder einfach über liebe Kleinigkeiten?
    Manchmal hilft es schon ein Stück, sich das positive zu verdeutlichen…

    (ich bin ja dafür, dass ein paar Politiker einfach mal für eine Woche „mitlaufen“ sollten, bei einem Arzt, und dabei vom selben Geld leben… dasselbe bei den Wirtschaftsidioten..)

    Antwort

  6. Posted by wolfganguhr on 7. Juni 2010 at 7:28 pm

    Also ich würde mir auch nicht viel Gedanken machen. Die Arbeit und die Freude an der Arbeit ist wichtiger als dieses politische Gerangel. Ich blogge ganz gerne aber wenn es sich auf die Arbeit niederschlägt, würde ich es auch sofort lassen. Alles gute, gute Besserung und möge es irgendwie zum Nutzen für Arzt und Patient weiter gehen.

    Antwort

  7. Writer`s Block. Frustobstipation. Empfehle Movi…nein Helmuthkohl: wichtig ist was hinten rauskommt. Ich bin auch immer am Überlegen, ob die Beschäftigung mit dem von Ihnen exzellent komprimierten Irrsinn mich eher runterbringt oder den kathartischen Effekt zeigen wird. Meine Frau (auch im gleichen pool) meint es sei wichtig dabei eine positive Vision zu bewahren, dann könne man sich das Abkotzen erlauben. I try hard… Also positiv ist doch, dass Rösler immerhin den Steuerfinanziergendanken mal salonfähig gemacht hat. Positiv ist, dass Seehofer, der Erfinder des “Regress”-Betrugs seine Einstellung als Chefbremser offen raus gelassen hat. Positiv ist, dass Sie und die dadurch inspirierten Kollegen zeigen, dass es doch immer Einige gibt, die selber denken. Die ICD 10 der Denkhemmung von Kamhameha finde ich witzig und schafft auch wieder den wohlverdienten Abstand kurz vorm Kurzschluss…

    Sie werden auch wieder Laut geben, wenn Ihnen erst mal wieder ein Klopfer auf die Füße fällt. Der 1.7.10 wirft schon seine langen und hässlichen Schatten voraus!

    Den Kollegen in der Klinik wünsche ich viel Erfolg. Nach den Jahren der hemmungslosen Ausnutzung unserer Schwäche ist jetzt die Ärzteverknappung in den Kliniken am deutlichsten zu spüren. Nicht zuletzt gerade WEIL sie bessere Bedingungen erkämpft hatten.
    Hierzu mein Twitt:

    Stell dir aus Blech mal ein Männchen vor
    Mit Schlüssel im Po und Du nennst es Doktor
    Wenn wer noch mal dreht
    kann sein dass er geht!

    K.Lischka, Kreativarzt.

    Antwort

  8. […] Ich überlege dies ernsthaft. Vielleicht nicht mehr für mich, aber für meine Kinder, die gerade noch Medizin studieren, denn auch wir sind der Meinung Arzt, also anderen Menschen ganz unmittelbar helfen zu können, ist der schönste Beruf auf dieser Welt. […]

    Antwort

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