Wenn dem Retter der Anwalt droht


Hubschrauberrettung – Rettung unter Einsatz des eigenen Lebens
Ich war selbst jahrelang in einer Klinik direkt in Alpennähe mit Hubschrauber-Notarzt tätig. Oft habe ich die Kollegen bewundert, wie sie nicht selten unter Einsatz der eigenen Gesundheit Verletzte und in Not Geratene aus schwierigsten Verhältnissen oft mit Bergetau versorgten und retteten. Nie werde ich die Gedenktafel an die vor Jahren komplett tödlich verunglückte Rettungshubschrauber-Besatzung denken, die in der Eingangshalle jener Klinik hing.

Éigenartige Dankbarkeit
Mit Fassungslosigkeit und Wut erfüllt mich deshalb diese Nachricht, die ich gestern in der Zeitung las: am Watzmann lösten Bergsteiger einen Notruf aus, um Hilfe für drei andere ihrer Gruppe zu holen, wobei einer als verletzt, die anderen als erschöpft gemeldet wurden. Mit einem speziellen nachtflugfähigen Hubschrauber wurde die Rettungsmannschaft im Gebiet abgesetzt und suchte dort um 22 Uhr nachts eine Stunde lang vergeblich in schwierigstem Gelände. Erst spät wurden die Gesuchten entdeckt, die sich selbst ins Tal aufgemacht hatten und auf die Rufe der Suchmannschaft absichtlich nicht geantwortet hatten. Gegen Mitternacht trafen alle gemeinsam bei einer Hütte ein. Als der Rettungsdienst die Personalien der Betroffenen aufnehmen wollte, wurde dies verweigert. „Keine Auskunft ohne Anwalt“ war die Antwort.

Ich kann mir gut vorstellen, dass der ein oder andere Rettungsdienstler seinen Job an den Nagel hängen wird, wenn das so weitergeht. Auch mir fehlen hier die Worte. Aber in abgeschwächter Form erlebt man dies in diesem Beruf leider tagtäglich. Dankbarkeit wird immer seltener, es regieren Anspruchsdenken, Profitgier und Geiz.

Advertisements

17 responses to this post.

  1. Posted by hajo on 26. August 2010 at 12:20 pm

    aber die Kosten des Einsatzes müssen die doch bezahlen!
    Allerdings nimmt dieser „Unfug“ immer mehr zu, auch im Kleinen: z.B. Hilferufe von pupertierenden Mädchen
    .. und wenn’s dann doch mal Ernst ist, kommt keiner und alle beschweren sich über mangelnde Hilfsbereitschaft.

    • Posted by drgeldgier on 26. August 2010 at 4:01 pm

      Woher kommt denn der Wahnsinn? Warum muss man seinen Notarzteinsatz bezahlen? Wenn die Sache indiziert war – und ein Verletzter im Hochgebirge benötigt Hilfe – muss man doch den Hubschrauber nicht selbst zahlen.
      Aber selbst wenn: man muss halt vorher absprechen mit den Begeleitern, ob denn jetzt Hilfe geholt werden soll oder nicht. Mitten in der Dunkelheit mehr als 1 Stunde im Watzmanngebiet nach einem Verletzten suchen ist nicht ungefährlich – wie man auch an der in dieser Region
      „>gestern tödlich Verunglückten sieht.

      • Posted by hajo on 26. August 2010 at 5:09 pm

        aber hier liegt doch offensichtlich so etwas wie grober Unfug (oder so) vor.
        zumindest würde ich – als Betreiber des Rettungsteams – mal eine entsprechende Anzeige etc. machen
        strafrechtlich und zivilrechtlich!

        • Posted by drgeldgier on 26. August 2010 at 6:08 pm

          Das ist doch nicht großer Unfug, wenn man sich beim Abstieg verletzt. Der Unfug kam doch danach mit der „Verletztenflucht“

        • Posted by hajo on 27. August 2010 at 9:15 am

          .. genau das meinte ich! sorry, wenn ich hier keine Romane schreiben will 🙂

  2. Posted by hajo on 26. August 2010 at 5:11 pm

    im Übrigen sind wir schnell bei der Diskussion über Risiko-Sportarten und deren Folgen
    .. auch für die Allgemeinheit

    • Posted by drgeldgier on 27. August 2010 at 10:12 am

      hier geht es doch nicht um Risikosportarten und deren Versicherung, sondern wie man sich gegenüber Mitmenschen verhält, die oft ehrenamtlich unter Einsatz ihrer Gesundheit, manchmal auch unter Lebensgefahr, versuchen, anderen zu helfen. DAS ist hier doch der Skandal. Wie der letzte Dreck müssen sich die Retter gefühlt haben, als sie nach stundenlangem Einsatz dann auch noch so blöd angemacht wurden.
      Meine Meinung: 1 Woche den Rettungsdienst komplett in Deutschland einstellen. Nach drei Tagen kommen sie angekrochen. Aber da sitzen wir als Helferlein schön in der Ethikfalle.

      • Posted by hajo on 27. August 2010 at 3:42 pm

        he dok, jetzt komm mal wieder runter (obwohl es verständlicherweise schwer fällt!)
        ich will mit keinem Wort das Verhalten dieser Personen verteidigen, im Gegenteil, auch ich finde es Sch.. und versteh‘ auch nicht die Beweggründe
        .. es sei denn, sie waren besoffen
        .. aber auch das wäre nicht als Entschuldigung zu bewerten, allenfalls als Erklärung.
        Ich kann durchaus den Zorn und Frust der Retter verstehen, aber leider ..
        und ein Boykott wäre sicherlich irgendwie nachvollziehbar, aber wegen ein paar Idioten (sorry, was anderes fällt mir nicht ein) hunderte von wirklich betroffenen (und letztendlich für die Hilfe dankbaren) Personen die Hilfe zu versagen, ist keine Lösung.
        Hier bleibt wirklich nur der Weg zur Gerichtbarkeit (auch wenn das erneuten Frust erzeugen könnte)

  3. Ich habe mal gelsen: So ein Verhalten sei in den USA mit ein Grund dafür, dass kein Artzt mehr zu einer Unfallstelle fährt. In den Krankenwagen sind nur Sanitäter. Würde ein Arzt mitfahren, dann gäbe es zu viele, die auf einen Fehler warten und dann Klagen. Und in den USA gibt es ja die recht phantasievollen Klagesummen …

    • Posted by drgeldgier on 26. August 2010 at 9:05 pm

      Vor 4 Jahren war ich auf einem Notfallseminar für Notfälle in Flugzeugen. Letztlich wurde unter vorgehaltener Hand geraten, es sich gut zu überlegen, ob man im amerikanischen Luftraum, bzw. in einer amerikanischen Maschine zugibt, dass man Arzt an Bord ist im Notfall. Es könnten unter Umständen Schadenersatzforderungen auf einen zukommen, die keine hiesige Haftpflichtversicherung bezahlt.

      • Posted by KlinikInternist on 26. August 2010 at 9:53 pm

        Ja, genau das wurde in meinem Notarztkurs vor ein paar Jahren auch empfohlen. „Stellen sie sich schlafend“…

      • Ich halte das für übertriebene Panikmache. Ich würde selbstverständlich auch einem Amerikaner in Not im Flugzeug helfen. Das sind auch Menschen, die an ihrem Leben hängen, zum überwiegenden Teil selbst auch sehr hilfsbereit.

        Dass keine Ärzte im Notdienst herum fahren hat andere Gründe, 1. kriminelle Übergriffe. 2. Kosten.

  4. Während meiner Notarztzeit wurde ich wegen ~~ „Kreislaufkollaps“~~ zu einer jungen Patientin gerufen. Als ich 3 Minuten später eintraf, war sie weg. Sie hatte sich zu Fuß auf den Weg ins Krankenhaus gemacht!

    Jetzt kommts: 3 Wochen später das selbe Spiel!!!

    Da gehört m.E. schon eine Anzeige wg Mißbrauch von Notrufnummern her!

    Im o.g.Watzmann-Fall finde ich, dass jeder Bergsteiger derartige Einsätze – die ja nicht nur zu medizinischen Zwecken notwendig sein können (gerade am Watzmann!!!) – selber tragen müsste und dafür eine (Pflicht-)Versicherung haben sollte, natürlich mit satter Selbstbeteiligung gegen Mißbrauchsambitionen (sonst würde der Rettungs-Heli zum Säufertaxi mutieren )!

  5. Posted by Peter on 27. August 2010 at 10:42 am

    „…es regieren Anspruchsdenken, Profitgier und Geiz….“
    Dr. G., diese Erkenntnis hat man 40 Jahre lang versucht den Bürgern der DDR einzutrichtern und doch haben viele 89 Hurra gebrüllt und offensichtlich nichts davon begriffen. Also kann man das von kapitalistisch Erzogenen erst recht nicht verlangen oder? Was Erich nicht geschafft hat schaffen aber vielleicht sie, Doktor. Persönlich habe ich den Glauben an die Vernunft und gemeinnützigeds Denken in der BRD aufgegeben. Beispiel Bürgermeister Stuttgart, der im Interview behauptete alle Beteiligten wollen den Bahnhofsbau und es gäbe ja keine Ausstiegsklausel während hinter ihm 30000 Menschen dagegen protestieren. Für solche Lobbyarbeit gehört diese Person entamtet und weggesperrt wegen Verbrechen gegen das Volk. (Dies soll btw .kein Schönreden der Verbrechen innerhalb der DDR sein.) MfG

    • Posted by drgeldgier on 27. August 2010 at 11:49 am

      Seitdem ich nun 1 Jahr beobachte wie unser neuer Minister letztlich auch nur als Marionette der potentesten Lobbyisten fungiert, kann ich mich Ihrer Resignation nur anschließen.

  6. Einfach nur unmöglich das Verhalten mancher Mitbürger. Und ich wäre sehr dafür, für groben Unsinn eine saftige Rechnung zu schreiben.

  7. Ich empfinde den Mangel an Dank auch als entsetzlich. Besonders im Angesicht solcher Hubschrauber-Katrastrophen. Die seltsamen Vergleiche mit dem DDR-Unrechtsystem finde ich unpassend.
    Weil man diese beschriebenen 3 Systemausbeuter nur mit individueller Verachtung strafen kann, würde ich an eine andere Stelle gucken: Die viel zu selbstverständliche Luftrettung. Wäre jedem Bergwanderer vor Beginn seiner Tour ( durch überall an den Einstiegen angebrachte Tafeln) glasklar, dass er mit 2000.- Euro Eigenbeteiligung zu rechnen hat ( abstotterbar über 5 Jahre falls nötig) und wenn die 2000.- Euro dann NICHT bezahlt werden müssen, wenn die Hubschraubercrew einstimmig dagegen wäre, dann, ja dann wäre sicher ein anderer Ton im Umgang mit diesen Helden die Regel.

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: