Archive for the ‘Politiksplitter’ Category

Atomkatastrophe in Japan – werden wir diesmal besser informiert?

Ich erinnere mich noch gut an den April 1986, wenige Tage vor meinem Abitur, als ich bei der Abivorbereitung für Chemie gerade Kernchemie lernte und von der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl erfuhr.

Da kann ich mich noch – als wär es gestern gewesen – an die beschwichtigenden Worte des damaligen Innenministers Zimmermann erinnern. Sinngemäß hieß es, für Deutschland bestünde keinerlei Bedrohung durch die freigesetzte Radioaktivität. „Eine Gefährdung bestehe nur im Umkreis von 30 bis 50 Kilometern“

Schon damals als kleiner Abiturient wußte ich, dass das nicht stimmen konnte. Wie viele Kranke und Tote hat dieser Minister auf seinem Gewissen? Nie wurde er dafür „verantwortlich“ gemacht.

Und heute: wieder heißt es von Seiten der Bundesregierung „keine Gefahr für Deutschland“. Der Unterschied ist nur, dass der „Verantwortliche“ nun der Bundesumweltminister Röttgen ist. Dieses Amt ist erst durch Tschernobyl im Juni 1986 entstanden. Sonst hat sich leider durch Tschernobyl, wie vor allem die Japaner nun schmerzlich spüren werden, nichts geändert.

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Politik – ein Wochengeschäft der Beliebtheit

Inflation der Politbarometer
Fast jede Woche werden neue Meinungsumfragen zur Beliebtheit der Parteien, der einzelnen Politiker und der berühmten „Sonntagsfrage“ veröffentlicht.

Kann mir einer mal erklären, was der Mist soll? Es führt letztlich dazu, dass Politiker und Parteien dazu verführt werden, sich strategisch wie ein Fähnchen im Wind nach Volkes Meinung zu verhalten. Vernünftige Politik ist so nicht mehr möglich. Denn eigentlich weiß es jeder von uns: zukunftsorientierte, wirklich nachhaltige Politik, die dieses Land dringend bräuchte, wird nur mit zum Teil auch (kurzfristig) unpopulären Maßnahmen möglich sein.

Natürlich hätte jeder lieber 300€ Kindergeld, 10% Krankenkassenbeitrag und Rente mit 55 Jahren, Freibier für Alle. Aber so geht es halt nicht.

Zustände wie in der Fußballbundesliga
Aber leider dreht sich das Politkarusell mittlerweile schneller als das Trainerkarusell in der Bundesliga. Auch dank dieser ständigen Stimmungsbarometer. Ich kann mich einfach nicht erinnern, im vergangenen Jahrhundert, beispielsweise unter den Regierungen Schmidt oder Kohl, ständig diese dämlichen Stimmungsbarometer präsentiert bekommen zu haben.

Circulus vitiosus bis zur Regierungsunfähigkeit
Es entwickelt sich hier ein bedenklicher Teufelskreis: logischerweise erwischt es immer die an der Regierung befindlichen, weil die die unpopulären Entscheidungen treffen müssen. Die Opposition (s. derzeit SPD beim Renteneintrittsalter) kann es sich leisten populistischen Schwachsinn zu fordern. Dies hat zur Folge, dass die Regierungen in der (zunächst hypothetischen) Wählergunst massiv verlieren, was sie letztlich dann total lähmt, weil sie sich nichts mehr trauen. Der Wähler fühlt sich dann bestätigt, die Umfragewerte sinken weiter …

Ich glaube, wir werden bald alle zwei Jahre eine Bundestagswahl haben.

Deutsche saufen und Ärzte schwimmen im Geld – Fluch der Statistik

Statistiken und Medienmacht

Ärzte – alle Großverdiener

Wenn mal wieder Ärztegruppen demonstrieren, dass ihnen das Honorar um 20% oder mehr gekürzt wird, dann stellt sich irgendein schlauer Kassenheini hin, zückt eine selbstgezimmerte Statistik und behauptet: der deutsche Arzt verdiene pro Jahr im Schnitt 140 000 € oder 164 000€ oder so. Da können die schon mal verzichten. Und alle Zeitungen drucken das ab, alle Sender senden es und Deutschland denkt, was es schon immer wusste: Ärzte sind ein geldgeiles Volk, das im selben schwimmt.

Deutsche – alle alkoholkrank

Und heute lese ich: „Deutsche trinken zu viel Alkohol“ – nämlich im Schnitt 12 Liter reinen Alkohol pro Jahr (die 18-64 jährigen). Vertretbar wären nur 3 Liter warnt die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). Also ist allen klar: Deutsche sind ein alkoholgeiles Volk und kippen sich täglich die Birne voll.

Es ist doch so schön, dass die Welt so einfach ist.

Alles klar? Prosit!

Bravo Herr Prof. Dr. Lauterbach

… ja wirklich. Ihr lest ganz richtig.

DER Dr. Geldgier, DER in so vielen Postings den „SPD-Gesundheitsexperten“ Karl Lauterbach als Rhön-Lobbyisten und Feind der niedergelassenen Ärzte  entlarvt hatte, ist heute ganz angetan von diesem Mann mit der Fliege.

Sagt er doch in einem Spiegel-Interview:
„Man sollte den Kassen schlicht verbieten, die Homöopathie zu bezahlen.“ ( Quelle)

Mehr als die Hälfte der gesetzlichen Krankenkassen bezahlen nämlich mittlerweile homöopathische Leistungen, obwohl es keine einzige Studie gibt, die eine Wirkung der Kügelchen über Placebo-Niveau auch nur ansatzweise belegt.

Warum?
Das ist ein Phänomen. Bis in höchst gebildete Bevölkerungsschichten hält sich die Mär vom „Gedächtnis des Wassers“ und der tollen und sanften Wirkung dieser „Therapie“. Die Anhänger sitzen offensichtlich auch an machtvoller politischer Position und verhinderten bisher, dass dieser Unfug nicht mehr bezahlt wird.

Millionen-Prämie, die keiner haben will
Dabei ist schon seit mehr als sieben Jahren eine Prämie von 1 Millionen Dollar für denjenigen ausgesetzt, der den wissenschaftlichen Nachweis für die Wirksamkeit der Homöopathie erbringt. Bisher aber Fehlanzeige, komisch was?

Und jetzt entdeckt der Herr Lauterbach dieses Betätigungsfeld für sich, obwohl er während 11-jähriger SPD-Regierungsbeteiligung eigentlich Zeit genug gehabt hätte, sich darum zu kümmern. Aber von der Oppositionsbank lassen sich solche Dinger viel leichter fordern, das sieht man ja bei der FDP jetzt.

 

Die demographische Katastrophe und unsere Ignoranz

Gerade eben lese ich eine Schlagzeile in der Zeitung, die ein Patient vor mir hinlegt:

„Jedes 4. Mädchen wird 100“

Ich zucke zusammen, der erste Satz der hochkommt ist:

„Und wer soll das bezahlen?“

Ein Mädchen das heute geboren wird, hat eine Lebenserwartung von 92,7 Jahren, ein Junge immerhin von 87,6 Jahren. Wie bei welt-online zu diesem Thema zu lesen ist, werden die Sozialsysteme vor immensen Problemen der Finanzierung stehen.

Und was machen wir?
Wenn eine Partei, wie die FPD, fordert, dass die Beiträge zur Krankenversicherung endlich von den Löhnen und Einkommen abgekoppelt werden, dann wird sie selbst aus „eigenen Reihen“ (v.a. der CSU) gelyncht und als asozial hingestellt!

Will es in diesem Land keiner kapieren?
Schon nächstes Jahr klafft dank Krise und erhöhter Arbeitslosigkeit und damit sinkender Zahl der Beitragszahler ein 11-Milliarden-Loch bei der Gesetzlichen Krankenversicherung. Und dennoch will keiner kapieren, dass die Finanzierung unseres Gesundheitsystems grundlegend geändert werden muss.

Diese Wahrheit ist unbequem. Da sollen doch lieber die Krankenhäuser und Ärzte mehr sparen, so wie es die Kassen fordern. Wie kaputt sollen wir uns noch sparen?
Also lieber weiterhin – frei  nach Lothar Matthäus – den Sand in den Kopf stecken.

Vision 2050
2050 wird es dann so sein, dass man als Arzt bezahlen soll, damit man einen Patienten behandeln darf. Denn auf einen arbeitenden Bürger werden dann 4-5 Rentner kommen.
Aber bloß nicht mit der unbequemen Wahrheit auf den Tisch. Könnte bei den nächsten Wahlen ja schlimm ausgehen. Also lieber die Volksverdummung fortsetzen.

Wer die Wahrheit sagt, wie Rösler, wird vom Volk davongejagt (s. FDP-Umfragen von derzeit 3%). Ich bin längst kein blind-naiver FDP-Fan mehr, im Gegenteil. Aber in diesem Punkt hat er nun mal absolut recht. Es wäre viel einfacher sich – wie damals Norber Blüm beim Rententhema – ans Rednerpult zu stellen und gebetsmühlenartig zu wiederholen: „Das Gesundheitssystem und seine Finanzierung sind sicher“ – Rösler ist zumindest hier mutig weil ehrlich und wird dies mit seiner Karriere bezahlen.

Jedes Land bekommt letztlich dann wieder die Politiker, die es verdient.

Bloggeburtstag – eine traurige Bilanz

Happy Birthday
Heute vor exakt einem Jahr erblickte dieses kleine Arztblog das Licht der Welt, oder sollte ich eher das Dunkel der Welt sagen?

Tolle Zahlen – traurige Bilanz
Zeit, eine kleine Bilanz zu ziehen. Rein zahlenmäßig sieht das so aus:

– 226 Artikel
– 1579 Kommentare 
–  633 geblockte Spam-Kommentare
– über 61 000 Seitenaufrufe

Rein äußerlich kann sich das doch sehen lassen und eigentlich sollte ich darauf heute anstoßen. Aber wie sieht die reale Bilanz, also die Bilanz außerhalb der virtuellen Cyber-Welt hier aus?

Ich habe mir hier nicht nur den Frust von der Seele geschrieben, sondern auch versucht, medizinische Laien und Patienten in diesem Land einen Einblick in den Alltag und vor allem die berufspolitischen Irrungen und Wirrungen dieses Landes zu geben.
In der ersten Phase, als ich in meiner Naivität glaubte, alles hänge mit der bösen Gesundheitsministerin Ulla S. zusammen, habe ich auch oft unverblümt Werbung für einen Regierungswechsel gemacht und speziell die FDP als Hoffnungsträger dargestellt.

Naivität eines Politiklaien und Idealisten
Nach dem Regierungswechsel im Herbst kam fast Euphorie auf, denn die Erwartungen waren groß, dass nun eine echte Reform des kranken Gesundheitsystems zustande kommt. Ich habe mich aktiv in der Politik engagiert und schaffte es sogar einmal vom neuen Bundesgesundheitsminister empfangen zu werden (ja, das war meine geheime Reise Anfang des Jahres für alle Insider).

Nun, knapp neun Monate später ist diese Euphorie nicht nur einer Ernüchterung, sondern einer bitteren Enttäuschung gewichen. Dem Regierungswechsel folgte alles andere als ein Politikwechsel im Gesundheitswesen. Im Gegenteil: die von schwarz-rot gelegten Brandbomben wurden und werden nacheinander gezündet. Die schwarz-gelbe Koalition zerfleischt sich bis zur Regierungsunfähigkeit, das Volk sehnt sich wieder nach einer großen Koalition. Heute weiß ich: Gesundheitspolitik wird nicht von Politikern, sondern von finanzkräftigen Lobbyisten der Gesundheitskonzerne, der Pharma- und IT-Branche gemacht, die ihre Millionen als gezielte Geldspritzen einsetzen, um ihre ökonomischen Ziele zu erreichen. Die Politiker sind nur Marionetten, da ist es schon egal welche Farbe ihr Hemd hat.

Bitteres Geburtstagsgeschenk
Und zum Abschluss erhalte ich zwei Tage vor meinem Geburtstag mit diesem Blog die Hiobsbotschaft, dass die erneute Honorarreform meiner kleinen Fachgruppe der Neurologen einen desaströsen Honorarverlust bescheren wird, während sich die Situation der Nervenärzte gut stabilisiert.

Zum 01.01.2011 stehen dann weitere Honorarkürzungen ins Haus, weil ich in einer angeblich überversorgten Region arbeite. Ich bin der einzige Neurologe am Ort, die Wartezeiten auf einen Termin betragen mittlerweile zum Teil 4 Wochen. Im attraktiven Süden des Landkreises sitzen 5 Kollegen in einer unwesentlich größeren Stadt und dafür werde ich eben ab 01.01.2011 auch noch bestraft, eben wegen Überversorgung.

Zeitverschwendung
Ich habe hier im Blog und draußen in meiner Praxis und bei meinen berufspolitischen Aktivitäten hunderte von Stunden investiert, um auf katastrophale Entwicklungen, Ungerechtigkeiten und vor allem die Bedrohung unseres eigentlich guten Gesundheitsystems aufmerksam zu machen. Mein Ziel ist und war immer eine Verbesserung der Situation zum Wohle der Patienten und aller im Gesundheitswesen Tätigen.

Heute weiß ich, dass ich ein naiver, altruistischer, sozialromantischer Depp bin. Ich hätte jede dieser Stunden besser darin investiert, mich um mein ganz persönliches eigenes Wohl zu kümmern. Ich muss nun entgegen meiner Überzeugung sehen, dass ich vom Neurologen zum Nervenarzt umsattle. Ich habe in meiner 10-jährigen Klinikzeit auch diese Weiterbildung absolviert, die Prüfung aber nicht mehr gemacht, da ich keinen wirklichen Nervenarzt kenne, der neurologisch und psychiatrisch gleichermaßen gut ist. So wollte ich mich lieber auf die Neurologie konzentrieren und diese auf möglichst hohem Niveau betreiben, was mich nun unter Umständen Kopf und Kragen kosten wird (s. „Black Friday – Schockstarre“).

Ich hatte natürlich auch keine Lust mehr, mich mit Mitte vierzig nochmals wie ein kleiner Schulbub prüfen zu lassen. Man weiß ja, wie solche mündlichen Prüfungen ablaufen. Aber nun werde ich in den sauren Apfel beissen müssen und mich nach einem 12-Stunden-Tag noch hinsetzen und lernen, lernen, lernen… Solange meine Kinder noch schulpflichtig sind, werde ich die Staatsflucht leider nicht antreten können.

Ich werde dieses Blog hier deshalb zwangsweise rar machen, das wird jeder verstehen.

Auch heute bin ich wieder um 04:30 erwacht, nicht, weil ich mich auf diesen Geburtstag wie ein kleines Kind gefreut habe, sondern weil es sich nicht mehr gut schläft, wenn man sich auf der Abschussliste befindet. Vielleicht sollte ich mal zum Nervenarzt gehen…

 

 

Platzt die Wespe an der Gesundheitsreform?

Traumehe
Vor gut acht Monaten sah es wie eine Traum-Koalition aus. Angela und Guido waren endlich miteinander am Ruder. Aber während die eine weiterhin das Thema Gesundheitspolitik zumindest öffentlich aus ihrem Repertoire gestrichen hat, ist der andere damit beschäftigt, sich als Aussenminister nur nicht die Klasse seines Parteikollegen und Vorgängers Genscher nachsagen lassen zu müssen.

Koalitions-Krieg ohne Ende
Und derweil schießen die anderen Parteiköpfe beider Lager immer schärfer aufeinander. Ständig wird eine andere Wildsau durchs Dorf getrieben.

Heute droht nun die Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger mit dem Aus von Schwarz-Gelb.

Platzt die Wespe noch bevor sie zu fliegen begann?