Archive for the ‘Praxislust – Praxisfrust (Alltag)’ Category

Wenn dem Retter der Anwalt droht

Hubschrauberrettung – Rettung unter Einsatz des eigenen Lebens
Ich war selbst jahrelang in einer Klinik direkt in Alpennähe mit Hubschrauber-Notarzt tätig. Oft habe ich die Kollegen bewundert, wie sie nicht selten unter Einsatz der eigenen Gesundheit Verletzte und in Not Geratene aus schwierigsten Verhältnissen oft mit Bergetau versorgten und retteten. Nie werde ich die Gedenktafel an die vor Jahren komplett tödlich verunglückte Rettungshubschrauber-Besatzung denken, die in der Eingangshalle jener Klinik hing.

Éigenartige Dankbarkeit
Mit Fassungslosigkeit und Wut erfüllt mich deshalb diese Nachricht, die ich gestern in der Zeitung las: am Watzmann lösten Bergsteiger einen Notruf aus, um Hilfe für drei andere ihrer Gruppe zu holen, wobei einer als verletzt, die anderen als erschöpft gemeldet wurden. Mit einem speziellen nachtflugfähigen Hubschrauber wurde die Rettungsmannschaft im Gebiet abgesetzt und suchte dort um 22 Uhr nachts eine Stunde lang vergeblich in schwierigstem Gelände. Erst spät wurden die Gesuchten entdeckt, die sich selbst ins Tal aufgemacht hatten und auf die Rufe der Suchmannschaft absichtlich nicht geantwortet hatten. Gegen Mitternacht trafen alle gemeinsam bei einer Hütte ein. Als der Rettungsdienst die Personalien der Betroffenen aufnehmen wollte, wurde dies verweigert. „Keine Auskunft ohne Anwalt“ war die Antwort.

Ich kann mir gut vorstellen, dass der ein oder andere Rettungsdienstler seinen Job an den Nagel hängen wird, wenn das so weitergeht. Auch mir fehlen hier die Worte. Aber in abgeschwächter Form erlebt man dies in diesem Beruf leider tagtäglich. Dankbarkeit wird immer seltener, es regieren Anspruchsdenken, Profitgier und Geiz.

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Supergau Teil 2 oder Bist du blöd?

Ein Kollege, mit dem ich mal in der Klinik zusammen arbeitete zum Thema Ultraschall:

„Habe die alte Maschine von meinem Vorgänger übernommen, mache das sowieso nicht oft. Bin froh, dass ich mir nie ein neues Gerät angeschafft habe. Kostet nur unnötig Zeit und die Patienten würdigen es eh nicht. So schaffe ich es, pro Quartal viel mehr Patienten durch zu kriegen, derzeit so 1400. Dadurch, dass man pro Patient eh nur quasi eine feste Pauschale bekommt, hab ich richtig viel mehr Geld als vor der Reform. Mir geht’s gut, weiß gar nicht warum sich manche so aufregen“

Als Neurologe braucht man eigentlich vor allem eines für seine Patienten: Zeit. Aber natürlich kann man es auch anders machen. Ich bin bei 900 Patienten eigentlich an der Grenze des Vertretbaren, sowohl was meine eigene Gesundheit, als auch die Qualität meiner Arbeit anbelangt. Unser Berufsverbandsvorsitzender nannte auch 800-900 Patienten als Zahl, die man noch vernünftig versorgen könne.

Aber unser perverses System belohnt die Fließband-husch-husch-Medizin. Kein Wunder, dass dieser Art von Medizin immer mehr die Patienten weglaufen, die sich dann in die Arme der Scharlatane begeben, die wenigstens Zeit haben (bei guter Bezahlung).

 

 

Supergau in der Praxis …

das Ultraschallgerät ist defekt!!!

Reparatur unter Umständen nicht mehr rentabel. Neuanschaffung: 20 000 € !!!

Das ist eine kleine Katastrophe am Dienstagmorgen.

Das Verrückte:
ich mache jetzt die Untersuchungen behelfsmäßig mit einem anderen Gerät, bei dem man nur den Puls- und Blutfluss hört, aber keine Bilder von den Gefäßen erhält.
Gegenwärtig vergütet die Kassenärztliche Vereinigung diesen Ultraschall unterm Strich mit derselben Pauschale (ca. 40€), wie den Hochleistungs-Ultraschall mit dem jetzt defekten Gerät.

Ist das nicht ein Schwachsinn???
Der Unternehmer in mir sagt: prima, kein Gerät kaufen, Billigmedizin machen.
Der Arzt in mir sagt: es gibt nichts zu überlegen, das Gerät muss ersetzt werden, auch wenn es die Kassen nicht honorieren. Es ist eine – vor allem auch präventiv – höchst wichtige Untersuchung die beginnende Arteriosklerose der hirnversorgenden Gefäße zu erkennen.

Mal sehen, wer siegt.

Heisse Luft – Raucher’s best

Gerade in Bayern kochten ja in den letzten Monaten die Emotionen bezüglich Rauchverbot in Lokalen und dem damit verbundenen Volksbegehren hoch.

Schauen wir uns doch mal die Auswirkungen der großen Freiheit Rauchen (wie früher so schön in diesen Cowboy-Werbungen zu sehen) an:

– 50% der Raucher sterben frühzeitig an Folgeerkrankungen

– jeder Raucher verliert im Schnitt 8 Jahre seines Lebens

– zwischen 35 und 70 Jahren verursacht Rauchen
   … etwa 35% der kardiovaskulären Todesfälle
   … 40-45% aller Krebstodesfälle
   … 75% aller chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen
   … 90-95% aller Lungenkarzinome

– in Deutschland sterben an den Folgen des Tabakkonsums ca. 110 – 140 Tsd. Menschen jährlich

– die Tabak-bedingten Folgekosten werde auf etwa 16 000 000 000  (in Worten sechzehn Milliarden) Euro jährlich geschätzt

(Quelle: K. Lieb e.a. „Intensivkurz Psychiatrie und Psychotherapie“, UrbanFischer 6.A. 2008)

Eine Schachtel Zigaretten müsste eigentlich 50 € kosten. Aber da wären wir wieder bei der Lobby …

Selbstbeteiligung – es wird höchste Zeit

neulich im Notdienst:

Patient mit Beschwerden seit 2 Wochen wünscht Hausbesuch um 20:10Uhr

Dr. G.: „Warum sind Sie denn in den letzten 2 Wochen nie zu Ihrem Hausarzt gegangen?“

Patient: „Ja wissen Sie Herr Doktor, ich hab ja auch noch was zu arbeiten tagsüber.“

Unser Gesundheitssystem  ist eindeutig falsch gestrickt. Es herrscht eine Vollkaskomentalität mit uneingeschränktem Anspruchsdenken (zumindest bei manchen). Letztlich zum Schaden der Allgemeinheit.

Keinem würde es einfallen sein Auto um 20:10 reparieren lassen zu wollen, weil jeder weiß, dass es da teuer wird. Aber den Herrn Doktor kann man ja sogar zu Hause antanzen lassen, wenn man die Symptome drastisch genug schildert. Kost ja nix….
(o.k. 10€ Notdienstgebühr für die Kasse, aber die bekommt man auch nicht immer – eben dieser o.g. Patient hatte nämlich leider kein Geld zu Hause).

Qualitätsmanagement – Theorie und Praxis

Was zählt ist die Praxis
Im letzten Artikel habe ich ja eine kleine QM-Debatte vom Zaun gebrochen und bei manchem scheint der Eindruck zu entstehen, Ärzte wehrten sich dagegen Qualität zu beweisen. Um das geht es aber bei all dem QM-Thema gar nicht. Denn ein QM-System kann noch so perfekt auf dem Papier aussehen, wenn es in der Praxis nicht umgesetzt wird, ist es wertlos.

Bestes Beispiel: neulich mein Rasenmäherkauf
Ich war in 4 verschiedenen Baumärkten. Entweder stand ich minutenlang alleine in der Rasenmäherabteilung herum oder ich wurde derart inkompetent „beraten“, dass ich schnell die Flucht ergriff. Beim Lehrling habe ich ja noch Verständnis, aber wenn ein Mitarbeiter 40+ mir lediglich völlig unmotiviert die Daten des Ausstellungsschildes herunterliest, dann ist das ein Armutszeugnis. Beantwortung spezieller Fragen? Fehlanzeige!

Was sehnte ich mich nach jenem Werkzeugladen zurück, bei dem man jede Schraube und jedes Werkzeug einzeln kaufen konnte und bei dem man immer persönlich beraten wurde. Da hing zwar keine Qualitätsurkunde im Geschäftsraum (wie heute in praktisch jeder dieser Baumarktketten), aber man hat nach EINEM Satz die Qualität der Beratung und des Ladens gefühlt.

Und genauso ist es in der Regel mit der ärztlichen Tätigkeit im Praxisalltag. Das kann nicht in QM-Ordner-Formate gepresst werden.

Jener Werkzeugladen in meiner Kleinstadt hat letztes Jahr übrigens die Pforten geschlossen. Pleite. Jetzt regiert dort auch die Baumarktketten-Qualität.

Horner oder Koaner? Kranke Gesundheitspolitik

Heute mal wieder ein Beispiel aus dem prallen Neurologen-Leben, das zeigt, wie schwachsinnig unser Gesundheitssystem geworden ist. Aber ich warne Euch: es wird etwas kompliziert.

Ungleich großes schwarzes Loch
Immer wieder entdecken Patienten an sich oder aber deren Partner beim tiefen Blick in die Augen (also meist Frischverliebte), dass die Pupillen nicht exakt gleich groß sind. Dies nennt man Pupillendifferenz. Viele kommen dann beunruhigt zum Neurologen und wollen natürlich das „Bild vom Kopf“ oder in die „Röhre“ oder noch besser ein „Kernspinnt“.

Was steckt dahinter?
Wenn sich dann die Pupillen auf Belichtung seitengleich prompt verengen, so liegt entweder eine angeborene leichte (harmlose) Pupillendifferenz vor (so ähnlich wie zwei ungleich große Ohren) oder aber ein sogenanntes inkomplettes Horner-Syndrom (Störung des Sympathikus mit Störung der Erweiterung der Pupille). [beim kompletten Horner-Syndrom hängt auch noch das Oberlid auf Halbmast und das Auge ist etwas zurückgesunken – dann ist die Diagnose leicht]

Wie kommt man zur Diagnose?
Bei gründlicher Untersuchung finden sich schon Hinweise, ob es eher ein Horner ist, oder die harmlose Pupillendifferenz. Beweisen lässt sich das aber nur durch einen speziellen Test.

Kokain beim Augenarzt
Durch Kokainlösung in die Augen getropft kann man das Horner-Syndrom beweisen. Durch weitere Augentropfen-Tests kann man dann noch unterscheiden wo genau die Läsion des sympathischen Nervensystems liegt.

Wo ist das Problem?
Der Kokaintest setzt voraus, dass der Arzt die betreffenden Augentropfen vorrätig hat und frisch vorhält. Zudem sollte er Augenarzt sein, denn vor diesen Tests muss eine bestimmte Glaukomform (im Volksmund „Grüner Star“) ausgeschlossen werden. Der Knackpunkt ist, dass fast kein niedergelassener Augenarzt bereit ist für eine Flatrate von knapp 20€ solche komplizierten Tests durch zu führen. Zudem wurden bei einem anderen Kollegen mehrfach die Kokainfläschchen gestohlen. Kurzum: eine eigentlich einfache Aufgabe wird in der Praxis schier unlösbar, weil die Infrastruktur durch unsinnige Gleichmacherei zerstört wird.

Lieber ein teures, überflüssiges MRT als endlose Augenarztsuche
Als ich bei einem Qualitätszirkeltreffen in der Runde von 10 Neurologen wissen wollte, wie sie diese Abklärung handhaben, herrschte Resignation und die meisten gaben zu, praktisch alle Patienten mit Pupillendifferenz „sicherheitshalber“ in die „Röhre“ zu schieben – sprich ein MRT zu veranlassen, obwohl den meisten eigentlich klar ist, dass dies in der Regel völliger Unsinn ist.

So darf die Krankenkasse dann also einen im Vergleich zu Kokaintropfen horrrenden Betrag für die Kernspintomographie bezahlen, ohne dass die Frage eigentlich beantwortet wird. Und keiner merkt, wie in der Medizin kaputtgespart wird.