Archive for the ‘Zweiklassenmedizin’ Category

Zweiklassenmedizin Teil 5 -„Schweinegrippen“-Impfung: Extrawurst für Angie&Co.

Ich weiß, die Meldung ist nicht mehr neu, aber sie gehört hierher:

Am 26.10. ist für die Firmal GlaxoSmithKline (GSK) „Feiertag“. An diesem Tag werden die ersten deutschen Normalbürger mit dem „Schweingrippen“-Impfstoff dieser Firma geimpft werden. 50 Millionen Impfdosen haben die Bundesländer geordert. Ob sich so mancher vorher GSK-Aktien gesichert hat?
Vor wenigen Monaten war die Noch-Gesundheitsministerin Schmidt ganz stolz auf dieses Projekt zur Massenimpfung für die man vorher noch gezielt eine Massenhysterie geschürt hatte.
Kritiker, darunter massenweise Ärzte, lehnen die Impfung aktuell ab, da der Impfstoff und insbesondere seine Zusatzstoffe (vor allem die sogenannten „Verstärkerstoffe“) zu wenig auf ihre Verträglichkeit  hin untersucht worden seien.

Nun wurde ein interessantes Detail bekannt:
Die Bundeswehr orderte für ihre Soldaten (die sich alle impfen lassen müssen) einen völlig andersartigen Impfstoff aus den USA, der nasal (über die Nase) verabreicht wird. Das Präprat der Firma Baxter kommt ohne Verstärkerstoffe aus, weshalb ihm auch eine bessere Verträglichkeit zugeschrieben wird.

Nun könnte man noch verstehen, dass man den Soldaten Besseres gönnt, damit sie fit und gesund unser Land am Hindukusch verteidigen können. Das Brisante an der Sache ist jedoch, dass auch die Bundesregierung für sich, Beamte der Ministerien und nachgeordneter Behörden 200 000 Impfdosen dieses Impfstoffes bestellt hat.

Das erinntert an schlimmste Zeiten des Sozialismus im Osten, als Einheit und Gleichheit für alle gepredigt wurde und  die Staatsoberen sich gleichzeitig auf ihren luxuriösen Datschen austobten.

Verständnis habe ich dafür, dass Ulla Schmidt wohl lieber ihre Impfung „schnupfen“ würde, als sich pieksen zu lassen. Der Kollege würde wahrscheinlich seine dickste Kanüle aus dem Keller holen und diese vorher noch stumpf schleifen 😉 – sorry, das war jetzt niveaulos – so gesehen aber auch wieder passend zu dieser Person.

P.S.(aufgrund der Nachfrage (s.u.)): der „Normalo-Impfstoff“ enthält gespaltene Viren, also Virusteilchen, und hat zur Wirkungsverstärkung deshalb Zusatzstoffe. Der amerikan. „Nasen-Promi-Impfstoff“ ist ein Ganzvirusstoff. Bezüglich der Verträglichkeit gibt es für beide Impfstoffe leider noch keine verlässlichen Daten, aber zumindest können bei letzterem Impfstoff keine Impfreaktionen auf Zusatzstoffe auftreten, die nicht drin sind (s. a. Focus-online-Artikel).

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Zweiklassenmedizin Teil 4 – Das Trauerspiel geht weiter

Gerade eben in der Sprechstunde:

Frau B.* – seit Jahren an Multipler Sklerose mit schwerer Verlaufsform erkrankt. Leider immer wieder schwere Schübe. Sie gehört aber zu den Stehaufmännchen und Kämpferinnen. Obwohl ihr die Krankheit übelst zusetzt. So auch diesmal wieder. Seit dem letzten Wochenende wieder ein Schub: das Gehen extrem wacklig unsicher, Arme und Bein fangen bei zielgerichteten Bewegungen wie wild zu zittern an (Ataxie).

Die Blase „zickt“ wie sie es nennt. Im Klartext: sie verliert ständig unwillkürlich Urin, kann aber nicht willentlich Wasser lassen. Sie muss sich deshalb täglich mehrmals selbst per Katheter vom Urin befreien. Wie das jetzt gehen soll, kann man sich bei der Ataxie der Hände kaum mehr vorstellen. Sie nimmt es mit Humor und schildert, wie sie sich jedes Mal vor dem Kathetersetzen die Arme und Hände in Eis einlegt. Dann wären sie vorübergehend etwas steifer und nicht mehr so zittrig. Dann klappe es einigermaßen mit dem Katheter.

Die Situation ist desaströs. Ich rate ihr dringend zur erneuten Behandlung in einer MS-Spezial-Klinik und besorge ihr ein Bett dort. Die Klinik liegt gut 100km entfernt. Stellt sich nun die Frage, wie Frau B. dorthin kommt. Da sie geistig fit ist, hat sie sich schon bei der Kasse erkundigt. Selbst wenn ich ihr einen Taxi-Schein ausstellen würde, würde die Kasse nur den Fahrtkostenanteil übernehmen, wie er ihr bei einer Autofahrt entstünde. Mit dem Auto kann sie aber unmöglich fahren. Angehörige, die dies übernehmen könnten hat sie nicht. Sie wird wohl 100€ selbst bezahlen müssen für die Taxifahrt. Das ist bitter.
Sie arbeitet ohne Arbeitsvertrag auf Stundenbasis, weil sie sonst keiner mehr nimmt. Sie möchte sich aber nicht ins „soziale Netz“ fallen lassen. 100€ sind für sie ein Vermögen. Sie kämpft. Aber sie fühlt sich zu Recht von der Kasse und der Politik extrem im Stich gelassen.

Während Kassen noch zweifelhafte Wellnessangebote bezuschussen um Mitglieder anzulocken, werden die Ärmsten der Armen allein gelassen.

P.S.:
Fall Insider beispielsweise einer Selbsthilfegruppe dies lesen, wäre ich für Tipps dankbar, wie man dieser Frau helfen kann. Ich habe keine Lust mehr mich ständig mit den Kassen herumzuärgern.

 

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* Name wie immer geändert

Zweiklassenmedizin Teil 3 – Ohne Lobby im Altersheim

Hausbesuch im Heim:

ein erst 64-jähriger Patient. Schon seit 12 Jahren schwer linksseitig gelähmt nach 2-maliger Hirntumor-OP. Seit 10 Jahren über Magensonde ernährt, weil er deshalb auch eine massive Schluckstörung hat. Bisher war er noch mit einem Gehwagen gehfähig und lebte mit seiner Frau zu Hause. Nun zog er sich bei einem Sturz im Januar 09 eine schwere Hirnblutung zu. Seither ist die Lähmung links noch schlechter, er kann nur noch mit dem Rollstuhl umher. Seit 01.04. wohnt er nun in diesem Pflegeheim, weil es die Frau nicht mehr schafft. Die Zuweisung durch den Hausarzt erfolgt nun, weil er die Krankengymnastik nicht mehr aufschreiben „darf“ oder will.

Ich komme in das Zweibettzimmer. Der Patient sitzt im Rollstuhl vor dem Fernseher, auf Eurosport läuft Damentennis. Zwei hübsche „Dingsbumskova“ schießen sich die Bälle um die Ohren. Der Patient empfängt mich sehr freundlich. Mit heiserer, kaum verständlicher Sprache schildert er sein elend. Ist dabei aber nicht verzweifelt, beklagt sich nicht. Er beschreibt immer wieder erhebliche Schmerzen im linken Arm, vor allem der Schulter, die durch die Physiotherapie wenigstens einigermaßen erträglich seien.

Bei der Untersuchung wird mir schnell klar, dass der linke Arm an allen Gelenken drauf und dran ist vollends einzusteifen, obwohl der Patient ihn noch etwas bewegen und gebrauchen kann. Es ist ganz klar, dass regelmäßige Phyisiotherapie für ihn elementar ist.

Warum schreibt sie der Hausarzt dann nicht auf? Auch ganz klar. Er hat Angst. Er hat Angst, dass er in eineinhalb bis zwei Jahren von der Kassenärztlichen Vereinigung ein Schreiben zugesandt bekommt, dass er mehr als 25% über dem Durchschnitt seiner Kollegen an Physiotherapie verordnet habe und dass er deshalb einen Teil der Therapiekosten an die Kassen zurückzahlen müsse. Leider wissen wir Ärzte im Voraus nicht, wie viel Physiotherapie, Ergotherapie oder Sprachtherapie unsere Kollegen so aufschreiben werden, so dass wir uns an nichts orientieren können.
Im Zweifel wird man dann einfach mal lieber nichts verordnen oder – wie im aktuellen Beispiel – an den Facharzt überweisen, damit der den schwarzen Peter hat.

Es ist ein mieses Spiel warum kann man nicht nach seinem medizinischen Verstand entscheiden? Durch die hinterhältige Regressdrohung wird doch schon lange in der Kassenmedizin rationiert. Einem Privatpatienten könnte ich ohne mit der Wimper zu zucken 3x wöchentlich die 30 min Krankengymnastik aufschreiben, die der Patient benötigt.

Herrn S.* schildere ich offen die Situation und sichere ihm zu, dass ich ihm 1-2 Mal pro Woche, aber dauerhaft Krankengymnastik verordnen werde. Er ist sichtlich erleichtert und sagt  mühsam, aber gut verständlich: „Ich verstehe schon wie das ist mit den Kassen, vielen Dank, dass Sie es trotzdem machen.“

Solche Besuche tun weh und man möchte manchmal einfach alles hinwerfen.

Zweiklassenmedizin – Teil 2 ODER Lebe Deinen Traum!

Am Freitag im Altenheim.

Wilde Träume
Dringender Besuch, weil Frau S.*, eine Patientin mit langjähriger Parkinson-Krankheit im Schlaf sehr unruhig sei. Sie wälze sich im Bett umher, strample, sei schon eimal aus dem Bett gefallen. Dabei spreche sie auch oft laut im Schlaf, manchmal schreie sie auch.

Frau S. kenne ich seit fast 10 Jahren, ich hatte sie damals schon im Krankenhaus behandelt. Sie selbst schildert, dass sie von all ihren „Aktivitäten“ nachts nichts mitbekomme. Aber es sei ihr furchtbar peinlich, weil die Zimmernachbarin schon sehr genervt sei.

Diagnose klar
Medizinisch ist das einfach: Frau S. leidet an einer sogenannten REM-Schlaf-Verhaltensstörung. Es ist ja für uns alle normal, dass wir im Traum Sprechen, Laufen, Gestikulieren. Normalerweise sorgt aber quasi ein „Sperr-Riegel“ im Gehirn dafür, dass wir nicht all das wirklich tun, was wir gerade im Traum erleben. So liegen wir also auch im Traum normalerweise relativ ruhig im Bett, nur unsere Augen bewegen sich wild umher (deshalb REM-Schlaf (Rapid Eye Movement)). Bei Parkinson und einigen anderen degenerativen Hirnerkrankungen kommt es oft schon recht früh dazu, dass dieser „Sperr-Riegel“ defekt ist und die Betreffenden deshalb ihre Träume ausleben. Das führt zu diesen unruhigen Nächten bei denen die Patienten dann schon mal aus dem Bett fallen oder umherlaufen, was zum Teil auch zu erheblichen Verletzungen (auch bei Bettnachbarn) führt.

Wo ist dann das Problem?
REM-Schlaf-Verhaltensstörungen sind zwar nicht so selten, aber oft unerkannt. Es gibt ein sehr wirksames Medikament: Clonazepam (ein Verwandtes des Valiums (R)).
Clonazepam ist aber schon seit vielen Jahren auf dem Markt und deshalb billig. Es ist eigentlich als Mittel gegen epileptische Anfälle zugelassen. Keine Pharma-Firma der Welt würde nun eine aufwändige Zulassungsstudie und ein aufwändiges Zulassungsverfahren für Clonazepam bei REM-Schlafverhaltensstörungen in Gang setzen, weil man damit kein Geld mehr verdienen kann.

In Deutschland darf man bei Kassenpatienten Medikamente aber nur für das verordnen, für das sie zugelassen sind.

Ich stand also am Freitag wieder mal – wie fast täglich – vor der off-label-Gewissensfrage:

1) Clonazepam verordnen und riskieren, dass ich in 2 Jahren ein Schreiben von der Kassse erhalte, dass  sämtliche Rezepte von mir selbst zu bezahlen sind, weil es sich um off-label-use … bla bla handelt … etc. …

2) Bei der Kasse für die Pat. beantragen, dass Clonazepam im off-label-use bezahlt wird. Habe hier bisher kein einziges Mal eine Zusage erhalten (obwohl ich mühsam die Leitlinien zitierte etc..)

3) Einfach versuchen mit Reduktion der Parkinsonmittel und anderen Sedativa zurecht zu kommen. (Wird nicht gut werden)

4) Der Patientin ein Privatrezept für Clonazepam ausstellen. Sie muss es halt dann selbst bezahlen.

Ich habe mich am Freitag für 3) entschieden. Wahrscheinlich werde ich demnächst wegen Unwirksamkeit zu Schritt 4) wechseln müssen. Hoffentlich hat sie sich bis dahin nicht den Oberschenkel bei einem Bettsturz gebrochen.

Bei Privatpatienten gibt es übrigens hier kein Problem Clonazepam zu verordnen. Wieder mal ein typisches Beispiel für Zweiklassenmedizin

Das Verrückte ist, dass die gesetzlichen Kassen ja derzeit Zuschüsse für Bauchtanzkurse und Wellnessurlaube bezahlen, um Kunden zu locken, andererseits aber, wenn man dann mal wirklich krank ist, selbst relativ günstige Therapien wie die obige nicht übernehmen.

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* Name von der Redaktion geändert

Ich bekenne: ich mache Zweiklassenmedizin

Zweiklassenmedizin original aus meiner Praxis:

Patient 1: Markus K.*: 54 J., privatversichert
Patient 2: Ludwig L.*: 43 J., gesetzlich versichert

Diagnose bei beiden: CLUSTERKOPFSCHMERZ
Das ist eine seltenere Kopfschmerzerkrankung, die hauptsächlich Männer jüngeren Alters betrifft. Dabei kommt es zu oft nachts einsetzenden, heftigen einseitig-bohrenden Kopfschmerzen meist hinter dem Auge, begleitet von Gesichtsrötung, Tränen-/Nasenfluss, Bewegungsunruhe. Die Attacken dauern zwischen 30 und 180min, allerdings können mehrere Attacken pro Tag auftreten. Typischerweise kommt es zu Phasen mit praktisch täglichen Attacken über einige Wochen (engl. „cluster“ = Haufen), untrebrochen von oft mehrmonatigen anfallsfreien Intervallen. Bei der chron. Form gibt es diese kopfschmerzfreien Intervalle leider nicht mehr.

Der Privatpatient: Schlimmer Verlauf – gute Behandlung:
Markus K.
ist seit fast 5 Jahren mein Patient. Anfangs war seine Erkrankung nicht richtig erkannt worden (kommt oft vor, weil sie selten ist und selbst mancher Neurologe sie nicht kennt). Die Attacken werden erfolgreich mit einem sehr teuren Migränemittel, das innerhalb von 10-15min wirkt, behandelt. Zur Vorbeugung wurde Verapamil verordnet, eine Substanz aus der Kardiologie, die bewiesen hat, dass sie bei Clusterkopfschmerz gut hilft und deshalb auch in den wissenschaftlichen Leitlinien als Mittel der ersten Wahl genannt wird. Herr K. spricht auf übliche Dosen nur schlecht an. Erst auf sehr hohe Dosen (das 5-fache der üblichen) werden die Attacken seltener, aber verschwinden nicht. Herr K. hat leider die schwere chronische Form. Durch Akupunktur kann in Phasen von mehrmals täglich auftretenden Attacken Linderung erreicht werden. In Kooperation mit der Kopfschmerzambulanz einer Uni-Klinik wird dann zusätzlich zu Verapamil mit Botulinum-Toxin-Injektionen begkonnen. Hierunter wird erfreuliche Stabilität erreicht. In 3-monatigen Abständen erhält Markus K. seine Injektionen, die von der Privatversicherung (das Med. kostet pro Injektion allein ca. 250€) genehmigt wurden.
Seit gut 3 Jahren ist die Krankheit bei Herrn K. „im Griff“. Dank Verapamil und Botulinumtoxin, unterstützt durch Akupunktur und manchmal auch Krankengymanstik kommt es nur selten zu Schmerzattacken. Herr K. macht regelmäßig Urlaub in fernen Ländern, trotz seiner Erkrankung. Er hat das Glück privat versichert zu sein als Beamter.

Der „Kassenpatient“: die Katastrophe
Ludwig L. hat schon seit 10 J. Clusterkopfschmerzen. Er „lief“ jahrlang unter Migräne und „psychisch“ und stellte die Diagnose schließlich vor 3 Jahren selbst anhand von Internet-Recherchen. Die Migräne-Mittel (Triptane), die die Attacken lindern würden, wurden nicht verordnet, weil die Krankenkasse bei fehlender Zulassung die Kostenübernahme verweigerte. Im Internet las Ludwig L., dass in Attackenphasen Kortison sehr gut helfe (das stimmt auch), so dass er sich immer wieder dieses besorgte und zum Teil (nicht lege artis) über Wochen selbst verabreichte. Gott sei Dank hat Herr L. immer wieder längere kopfschmerzfreie Phasen. Als er zu mir kam, war eines der Migränemittel mittlerweile glücklicherweise schon für Cluster-Attacken zugelassen, so dass ich es ihm verordnen konnte (auch wenn ich bei zu häufiger Verordnung riskiere in „Regress“ genommen zu werden – sprich: das Medikament selbst bezahlen muss). Zur Prophylaxe begann ich mit Verapamil wie bei Markus K. auch. Es half relativ rasch super. Aber seine Krankenkasse verweigerte die Kostenübernahme, da das Mittel für Cluster-Kopfschmerzen nicht zugelassen sei und die Erkrankung „nicht lebensbedrohlich“ sei. Trotz mehrfacher Schreiben meinerseits kein Einlenken der Kasse, obwohl die Monatstherapie ca. 30€ kostet. Herr L. war daraufhin 2 Jahre nicht mehr in meiner Praxis erschienen. Aus Kostengründen hatte er es hingenommen, mehrmals pro Jahr schwerste Kopfschmerzphasen zu haben, bei denen er zum Teil auch an Selbstmord dachte. Er hat sich immer wieder mit Kortison selbst behandelt. Als er wieder kam, war er ca. 15 Kilo schwerer und klagte schon über chronische Magenschmerzen. Er bezahlt sich nun Verapamil selbst, Akupunktur kann er sich zusätzlich nicht leisten, Botulinumtoxin schon gleich gar nicht.

Ja, wir machen Zweiklassenmedizin, aber gezwungenermaßen !!!

Die hoffentlich-nur-noch-wenige-Tage-Bundesgesundheits-ministerin wirft uns Ärzten immer wieder vor,  Zweiklassenmedizin zu betreiben und führt die längeren Wartezeiten auf einen Termin zum Beweis an. Sowohl Herr L., als auch Herr K. erhalten in meiner Praxis bei akuten Schmerzen jederzeit sofort einen Termin. Die wirkliche Zweiklassenmedizin (s.o.) ist doch durch unsinnige Gesetze  mit Budgetierungen, Eingriffen in die Therapiefreiheit des Arztes etc.  politisch so gewollt. Durch Einführung der Bürgerversicherung möchte die SPD nun die  Zerstörung der privaten Krankenversicherung vorantreiben.

Die SPD möchte also, dass nicht alle gleich gut, sondern alle gleich schlecht behandelt werden!
Dann wird Herr K. genauso wie Herr L. sein Verapamil selbst bezahlen müsssen und auch auf Botulinumtoxin, Akupunktur etc. verzichten müssen.
Da er die chronische Form der Erkrankung hat, wird es ihm vielleicht dann ergehen, wie es früher, vor Einführung wirksamer Schmerzmittel, vielen Clusterkopfschmerzpatienten erging: sie brachten sich um.

Die Diskussion um Wartezeiten auf Termine geht am Problem komplett vorbei.

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*Namen von der Redaktion geändert

Arme Patientin – Zwei Jahre verloren

Heute morgen in der Praxis:

Als ich der Patientin die Hand schüttle, weiß ich, dass ich Sie schon lange nicht mehr gesehen hatte. Ich kannte das Gesicht noch, aber weder ihren Namen noch die genaue Krankengeschichte.

Kein Wunder, denn ich hatte Frau D. (Name geändert) zuletzt vor gut zwei Jahren gesehen. Damals zur Abklärung einer leichten Vergesslichkeit. Es war noch nicht schlimm damals, weshalb ich eine Kontrolle in drei Monaten vorgeschlagen hatte, was nicht geschah.

In einer Fachklinik war im Herbst 2007 dann bereits eine beginnende Alzheimer-Demenz diagnostiziert worden. Ein Medikament wurde verordnet, das den Krankheitsprozess wenigstens verzögern sollte. Der Hausarzt verordnete das mit 8mg täglích begonnene Medikament R* (ich mach hier keine Werbung) zwar brav weiter, hat es jedoch nie erhöht und auch nie eine erneute fachärztliche Kontrolle veranlasst.

Heute sitzt eine schwer demente Patientin vor mir, die immer noch 8mg R* schluckt. Eine völlig unwirksame Dosis dieses teuren Medikamentes. Sie hätte möglichst 24mg, aber mindestens 16mg täglich einnehmen müssen. 8mg war die Startdosis, um Nebenwirkungen zu vermeiden.

Ich weiß nicht, ob es der Hausarzt nicht wußte oder sich aus Kostengründen gegen eine Erhöhung entschied. Für diese Patientin ist nun definitiv der Zug abgefahren. Sie ist phasenweise verwirrt, verläuft sich und ist praktisch rund um die Uhr auf die Hilfe ihrer Angehörigen angewiesen.

Ich weiß auch nicht, ob das Medikament R* bei ihr so gut angeschlagen hätte und wie der Zustand bei korrekter Therapie nun wäre – wahre Wundermittel stehen uns bis heute bei Alzheimer weiß Gott nicht zur Verfügung – aber ich hätte der Patientin diese Chance gerne gegönnt.

Was noch schlimmer ist: dies ist leider der Alltag der Demenzversorgung und nicht die Ausnahme. Und wenn die ambulanten Fachärzte, wie politisch gewollt, auf dem Land weg sind, …

… wird es kaum besser werden. Armes Deutschland!

Hier auch ein sehr gelungender Videobeitrag – für Leute mit schwarzem Humor

„Auszongne“ und Qualitätsbrezeln – zwei Welten treffen aufeinander

Neulich in der Praxis:

Eine treue Schmerzpatientin, die schon fast fünf Jahre immer wieder in die Behandlung kommt, rettete unseren Tag:
Sie ließ durch ihre Tochter ein Tablett voller „Auszogner“ bringen. Im Hochdeutschen wären das „Augezogene“. Wer Schlimmes dabei denkt, wird bei seiner Google-Suche enttäuschender Weise nicht auf „Schweineseiten“ gelangen, sondern auf Kochrezepte zu „Bauernkrapfen“, einem Schmalzgebäck aus Hefeteig.

Und wenn die so frisch von Frau K* (Name von der Redaktion geändert) gefertigten Auszongnen in die Praxis kommen, dann entsteht ein ganz anderes Arbeitklima. Der Duft der frisch mit Puderzucker bestreuten Kalorienbomben füllt die Zimmer und ich freue mich ständig auf meine leckere Zwischenmahlzeit.

Frau K. ist chronisch krank, ihre Gelenke sind verschlissen und zur Zeit liegen aufgrund privater Sorgen auch noch die Nerven blank, so dass sie zuletzt tief depressiv und verzweifelt war. Die Behandung ist schwierig, ich kann nicht heilen, nur lindern, aber vor allem begleiten.

Sie wird natürlich nach allen Regeln („Leitlinien“) der Kunst behandelt, aber das wichtigste für Frau K. ist, dass sie sich hier als Mensch, als Individuum wahr und ernst genommen fühlt. Sie schätzt schon die persönliche Begrüßung durch die Praxisassistentin am Telefon, freut sich auf die kleinen Plaudereien am Empfang und ich denke auch, dass sie sich “ richtig gut aufgehoben“ fühlt. Denn das äußert sie auch schon mal.

Und sie möchte mit Ihren Naschereien etwas von diesem erhaltenen Glück zurückgeben. Das gelingt ihr auch vortrefflich.

Warum ich Euch das erzähle?
Natürlich auch, damit Ihr seht, was ich für ein toller Arzt bin 😉 , aber vor allem deshalb, weil man daran sieht, dass der Faktor Menschlichkeit, den entscheidenden Unterschied macht. Den entscheidenden Unterschied zu allen anderen Bereichen des Wirtschaftslebens.

Alle Versuche das Gesundheitssystem zu „optimieren“ und tausdenfach um zu strukturieren, v.a. nach ökonomischen Gesichtspunkten, werden scheitern, weil dieser „Faktor Menschlichkeit“ unberücksichtigt bleibt. Er ist nämlich auch nicht zu messen und in Qualitätsschablonen zu pressen.

Dr. A. Munte, Chef der Kassenärztlichen Vereinigung in Bayern, sagte auf einem Symposium im November 2008 in Hamburg wörtlich:
„Wir haben 200 Jungakademiker eingestellt, um Qualitätsprogramme zu entwickeln, die wir jetzt wie Brezenbacken machen können.  …  wer besser (unter den Ärzten – Anm. d. Redaktion) ist kriegt mehr und derjenige der schlechter ist zahlt den anderen das Geld, die mehr bekommen. Das heißt für die Kasse ist das kostenneutral wir nehmen bloß den Schlechten das Geld weg und gebens den Guten.“
(Quelle: http://www.iv-hh.de/iv-2008/video.php?VideoName=selektivvertraege)

Während ich genüßlich meine dritte Auszogne an jenem Tag verzehrte, wollte ich dem lieben Kollegen Munte am liebsten zurufen: Wie möchtest Du denn die Qualität meiner Arbeit bei Frau K. messen? Meinetwegen kann man Blutdurckwerte, Blutzuckerwerte, etc. … messen. Aber wie möchtest Du messen, wie gut  Frau K. wirklich versorgt wird? Kein Fragebogen der Welt wird dies wirklich abbilden können. Aber die Aussage von Herrn Dr. Munte zeigt letztlich, dass es auch darum nicht geht. Es geht nicht um den Patienten als Menschen. Es geht darum, enorme Geldmengen zu verschieben, hin zu denjenigen, die sich TÜV-Zertifikate in die Praxis hängen, weil in einem verstaubten Ordner hinter der Anmeldung genau geschrieben steht, wie oft die Eingangstür poliert wird, wo die Feuerlöscher stehen, und wie oft im Jahr „Strategiesitzungen“ stattzufinden haben. Denn das sind die Inhalte der „Qualitätsbrezeln“. Aber was glaubt Ihr wie egal das Frau K. ist?

Also mir schmeckt die Auszongne von Frau K. tausend mal besser als die Qualitätsbrezeln von Herrn Dr. M., denn DIE ist echte Qualitätsarbeit. Aber, vielleicht sollte ich ein paar davon einfrieren, denn die Qualitätsbrezel-Bäcker scheinen in der Übermacht.

P.S.: die „200 Jungakademiker“ der KV Bayerns werden übrigens vom Ärztehonorartopf bezahlt. Wir Ärzte zahlen damit unsere eigenen Henker.