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75 000 Leser – Zwangspause

75 000 – Klicks, da bekommt man ja Blog-Tinnitus!
Heute werden wohl noch die 75 000 Leser, genauer gesagt „Aufrufe“ diese Blogs hier voll. Für ein Nischen-Medi-Blog das sich nicht hauptsächlich der Schilderung von lustigen, peinlichen, erotischen, unerhörten oder blutrünstigen Arzt-Patienten-Geschichten, sondern dem Jammern über die „Gesundheitssystem-Titanic Deutschland“ verschrieben hat, ist das doch in knapp 15 Monaten eine ganz passable „Quote“ oder?

Honorar wieder im freien Fall
Nachdem ich heute jedoch wieder mal meinen RLV-QZV-Bescheid für das nächste Quartal bekommen habe (da wird einem quasi die Verdienstobergrenze mitgeteilt), muss ich die Reissleine ziehen. Es sind im Vergleich zu diesem Quartal nochmals gut 7% weniger. Der freie Fall der Neurologen nach unten geht weiter, die Nervenärzte bekommen weiterhin pro „Fall“ bei gleicher Leistung mehr als 50% (!) mehr Honorar.

Büffeln wie ein Student
Da es nun existentiell wird, muss ich jede Minute meiner spärlichen Abendfreizeit auf meine Prüfungsvorbereitung für die Facharztprüfung „Nervenarzt“ nutzen. Das ist meine einzige Chance hier in Deutschland zu bleiben. Das geht ziemlich an die Substanz.

Pause aber nicht Abschied
Ich werde deshalb hier eine komplette Zwangspause einlegen, denn – ich hab es ja probiert – ein bisschen Klappe halten geht nicht bei mir. Ist wohl wie bei anderen Suchten. Nur die komplette Abstinenz bringts.
Nun denn, dies ist auf unbestimmte Zeit mein letzter Artikel. Ich werden ab 03.09. auch die Kommentarfunktion schließen (wenn ich es schaffe 😉 ).

Wer mich also noch beglückwünschen, bemitleiden oder wüst beschimpfen will, sollte sich beeilen.

Für Eure Treue danke ich ganz herzlich, ebenso für Euer Verständnis und haltet die Daumen steif und drückt mir die Ohren – oder so ähnlich!

Servus Euer Dr. Geldgier 

P.S.: Vielleicht mache ich es ähnlich wie Kollege Dr. Proll, der am 01.10.2010 seine Praxis schließt, um sich in London auf der BMJ Careers Fair nach einem neuen Job umzusehen.

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Supergau Teil 2 oder Bist du blöd?

Ein Kollege, mit dem ich mal in der Klinik zusammen arbeitete zum Thema Ultraschall:

„Habe die alte Maschine von meinem Vorgänger übernommen, mache das sowieso nicht oft. Bin froh, dass ich mir nie ein neues Gerät angeschafft habe. Kostet nur unnötig Zeit und die Patienten würdigen es eh nicht. So schaffe ich es, pro Quartal viel mehr Patienten durch zu kriegen, derzeit so 1400. Dadurch, dass man pro Patient eh nur quasi eine feste Pauschale bekommt, hab ich richtig viel mehr Geld als vor der Reform. Mir geht’s gut, weiß gar nicht warum sich manche so aufregen“

Als Neurologe braucht man eigentlich vor allem eines für seine Patienten: Zeit. Aber natürlich kann man es auch anders machen. Ich bin bei 900 Patienten eigentlich an der Grenze des Vertretbaren, sowohl was meine eigene Gesundheit, als auch die Qualität meiner Arbeit anbelangt. Unser Berufsverbandsvorsitzender nannte auch 800-900 Patienten als Zahl, die man noch vernünftig versorgen könne.

Aber unser perverses System belohnt die Fließband-husch-husch-Medizin. Kein Wunder, dass dieser Art von Medizin immer mehr die Patienten weglaufen, die sich dann in die Arme der Scharlatane begeben, die wenigstens Zeit haben (bei guter Bezahlung).

 

 

Supergau in der Praxis …

das Ultraschallgerät ist defekt!!!

Reparatur unter Umständen nicht mehr rentabel. Neuanschaffung: 20 000 € !!!

Das ist eine kleine Katastrophe am Dienstagmorgen.

Das Verrückte:
ich mache jetzt die Untersuchungen behelfsmäßig mit einem anderen Gerät, bei dem man nur den Puls- und Blutfluss hört, aber keine Bilder von den Gefäßen erhält.
Gegenwärtig vergütet die Kassenärztliche Vereinigung diesen Ultraschall unterm Strich mit derselben Pauschale (ca. 40€), wie den Hochleistungs-Ultraschall mit dem jetzt defekten Gerät.

Ist das nicht ein Schwachsinn???
Der Unternehmer in mir sagt: prima, kein Gerät kaufen, Billigmedizin machen.
Der Arzt in mir sagt: es gibt nichts zu überlegen, das Gerät muss ersetzt werden, auch wenn es die Kassen nicht honorieren. Es ist eine – vor allem auch präventiv – höchst wichtige Untersuchung die beginnende Arteriosklerose der hirnversorgenden Gefäße zu erkennen.

Mal sehen, wer siegt.

Qualitätsmanagement – Theorie und Praxis

Was zählt ist die Praxis
Im letzten Artikel habe ich ja eine kleine QM-Debatte vom Zaun gebrochen und bei manchem scheint der Eindruck zu entstehen, Ärzte wehrten sich dagegen Qualität zu beweisen. Um das geht es aber bei all dem QM-Thema gar nicht. Denn ein QM-System kann noch so perfekt auf dem Papier aussehen, wenn es in der Praxis nicht umgesetzt wird, ist es wertlos.

Bestes Beispiel: neulich mein Rasenmäherkauf
Ich war in 4 verschiedenen Baumärkten. Entweder stand ich minutenlang alleine in der Rasenmäherabteilung herum oder ich wurde derart inkompetent „beraten“, dass ich schnell die Flucht ergriff. Beim Lehrling habe ich ja noch Verständnis, aber wenn ein Mitarbeiter 40+ mir lediglich völlig unmotiviert die Daten des Ausstellungsschildes herunterliest, dann ist das ein Armutszeugnis. Beantwortung spezieller Fragen? Fehlanzeige!

Was sehnte ich mich nach jenem Werkzeugladen zurück, bei dem man jede Schraube und jedes Werkzeug einzeln kaufen konnte und bei dem man immer persönlich beraten wurde. Da hing zwar keine Qualitätsurkunde im Geschäftsraum (wie heute in praktisch jeder dieser Baumarktketten), aber man hat nach EINEM Satz die Qualität der Beratung und des Ladens gefühlt.

Und genauso ist es in der Regel mit der ärztlichen Tätigkeit im Praxisalltag. Das kann nicht in QM-Ordner-Formate gepresst werden.

Jener Werkzeugladen in meiner Kleinstadt hat letztes Jahr übrigens die Pforten geschlossen. Pleite. Jetzt regiert dort auch die Baumarktketten-Qualität.

Deutsche saufen und Ärzte schwimmen im Geld – Fluch der Statistik

Statistiken und Medienmacht

Ärzte – alle Großverdiener

Wenn mal wieder Ärztegruppen demonstrieren, dass ihnen das Honorar um 20% oder mehr gekürzt wird, dann stellt sich irgendein schlauer Kassenheini hin, zückt eine selbstgezimmerte Statistik und behauptet: der deutsche Arzt verdiene pro Jahr im Schnitt 140 000 € oder 164 000€ oder so. Da können die schon mal verzichten. Und alle Zeitungen drucken das ab, alle Sender senden es und Deutschland denkt, was es schon immer wusste: Ärzte sind ein geldgeiles Volk, das im selben schwimmt.

Deutsche – alle alkoholkrank

Und heute lese ich: „Deutsche trinken zu viel Alkohol“ – nämlich im Schnitt 12 Liter reinen Alkohol pro Jahr (die 18-64 jährigen). Vertretbar wären nur 3 Liter warnt die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). Also ist allen klar: Deutsche sind ein alkoholgeiles Volk und kippen sich täglich die Birne voll.

Es ist doch so schön, dass die Welt so einfach ist.

Alles klar? Prosit!

Zweiklassenmedizin – mal anders! Widerlich!

Heute – Donnerstag – ist der einzige Tag, an dem ich jeweils einen Pharma-Heini zu mir vorlasse. Es war der Eisenmensch da. Er wollte mich dazu überreden künftig bei bestimmten Krankheiten Eisen intravenös zu verabreichen, anstelle von Tabletten. Lächerliche 190€ pro Infusion.

Die Krönung aber seine Argumentation: 

„Kann man auch als Bolus (also quasi auf einmal) rasch verabreichen. Oder als rasche Kurzinfusion die Wochendosis, mehr als eine Infusion bekommen Sie ja sowieso nicht von der Kasse abgerechnet.“

Aber:

„Bei Privatpatienten mindestens 30 min laufen lassen, weil man das ja dann wieder erheblich besser abrechnen kann“

Viele finden Eisentabletten zum Ko…., ich den Eisenheini !

Aber so ist das System – bezahlt wird nach schwachsinnigen Kriterien und die „schlauen“ Ärzte winden sich ständig nach diesen Kriterien, die sich fast jedes Quartal ändern. Auch ne Art von Fortbildung.

Horner oder Koaner? Kranke Gesundheitspolitik

Heute mal wieder ein Beispiel aus dem prallen Neurologen-Leben, das zeigt, wie schwachsinnig unser Gesundheitssystem geworden ist. Aber ich warne Euch: es wird etwas kompliziert.

Ungleich großes schwarzes Loch
Immer wieder entdecken Patienten an sich oder aber deren Partner beim tiefen Blick in die Augen (also meist Frischverliebte), dass die Pupillen nicht exakt gleich groß sind. Dies nennt man Pupillendifferenz. Viele kommen dann beunruhigt zum Neurologen und wollen natürlich das „Bild vom Kopf“ oder in die „Röhre“ oder noch besser ein „Kernspinnt“.

Was steckt dahinter?
Wenn sich dann die Pupillen auf Belichtung seitengleich prompt verengen, so liegt entweder eine angeborene leichte (harmlose) Pupillendifferenz vor (so ähnlich wie zwei ungleich große Ohren) oder aber ein sogenanntes inkomplettes Horner-Syndrom (Störung des Sympathikus mit Störung der Erweiterung der Pupille). [beim kompletten Horner-Syndrom hängt auch noch das Oberlid auf Halbmast und das Auge ist etwas zurückgesunken – dann ist die Diagnose leicht]

Wie kommt man zur Diagnose?
Bei gründlicher Untersuchung finden sich schon Hinweise, ob es eher ein Horner ist, oder die harmlose Pupillendifferenz. Beweisen lässt sich das aber nur durch einen speziellen Test.

Kokain beim Augenarzt
Durch Kokainlösung in die Augen getropft kann man das Horner-Syndrom beweisen. Durch weitere Augentropfen-Tests kann man dann noch unterscheiden wo genau die Läsion des sympathischen Nervensystems liegt.

Wo ist das Problem?
Der Kokaintest setzt voraus, dass der Arzt die betreffenden Augentropfen vorrätig hat und frisch vorhält. Zudem sollte er Augenarzt sein, denn vor diesen Tests muss eine bestimmte Glaukomform (im Volksmund „Grüner Star“) ausgeschlossen werden. Der Knackpunkt ist, dass fast kein niedergelassener Augenarzt bereit ist für eine Flatrate von knapp 20€ solche komplizierten Tests durch zu führen. Zudem wurden bei einem anderen Kollegen mehrfach die Kokainfläschchen gestohlen. Kurzum: eine eigentlich einfache Aufgabe wird in der Praxis schier unlösbar, weil die Infrastruktur durch unsinnige Gleichmacherei zerstört wird.

Lieber ein teures, überflüssiges MRT als endlose Augenarztsuche
Als ich bei einem Qualitätszirkeltreffen in der Runde von 10 Neurologen wissen wollte, wie sie diese Abklärung handhaben, herrschte Resignation und die meisten gaben zu, praktisch alle Patienten mit Pupillendifferenz „sicherheitshalber“ in die „Röhre“ zu schieben – sprich ein MRT zu veranlassen, obwohl den meisten eigentlich klar ist, dass dies in der Regel völliger Unsinn ist.

So darf die Krankenkasse dann also einen im Vergleich zu Kokaintropfen horrrenden Betrag für die Kernspintomographie bezahlen, ohne dass die Frage eigentlich beantwortet wird. Und keiner merkt, wie in der Medizin kaputtgespart wird.