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Regress – das „Schandmal“ im Gesundheits(un)wesen

Ich hatte meinen „Weihnachtsartikel“ vom 25.12.2009 dem Suizid eines von Regressandrohungen zermürbten Kollegen gewidmet. Gestern erreichte mich dazu ein ausführlicher Kommentar eines Kollegen. Da dieser letztlich „untergehen“ würde, da der Artikel schon lange  zurückliegt, möchte ich explizit hiermit darauf verweisen und wichtige Passagen zitieren:

„…Ein “Regress” ist eine finanzielle Forderung an einen Arzt, die sich in ihrer Höhe in fast allen Fällen an den Rezeptkosten orientiert, die er ausstellte.
Wenn ein Arzt nach Meinung der Kassen und KV mehr Geld für seine Patienten ausgab als nötig sei, dann soll er den zu viel ausgegebenen Betrag selber bezahlen. Aus seinem Nettoeinkommen.

Das ist doch der blanke Irrsinn. Und das regt offenbar niemanden auf? Ich verstehe es immer noch nicht, dass wir Ärzte uns so etwas bieten lassen. Wir haben null Komma null finanziellen Gewinn vom Ausstellen dieser Rezepte. Wir zahlen also mit dem Regress kein zu Unrecht erhaltenes Honorar zurück. Wir werden einfach mit einer Strafzahlung für “Fehlverhalten” belegt.
Das wäre so, wie den Polizeibeamten den Sprit der Streifenwagen privat in Rechnung zu stellen, wenn (2 oder 3 Jahre später) der einzelne Einsatz als unbegründet eingeschätzt würde.
Das wäre so, wie den Feuerwehrmännern das Löschwasser in Rechnung zu stellen, wenn sie mehr gelöscht hätten als ein Gremium (2 oder 3 Jahre später) ihnen zubilligen würde.“

Ich kann dieser Verzweiflung, Empörung und vor allem den treffenden Vergleichen nur zustimmen. Unser System ist perfide, verlogen und schon lange versteckt rationiert. Und der Kollege schreibt weiter:

„… Der “Regress” selbst ist das Schandmal unseres Berufes.  …
Wir haben uns mit unseren Krediten für die Praxen und all den wirtschaftlichen Verpflichtungen zum Geldverdienen (zum Schuldenabtragen) verdammt und können daher mit den sogenannten “Regressen” in die Katastrophe gestoßen werden. Daher sitzt bei jedem Rezept das wir ausgeben ein Zensor in unseren Köpfen, der uns den medizinischen Schneid abkauft.
Es ist durch diese in unserer Profession einzigartige “Strafandrohung ohne Strafprozess” möglich geworden uns Ärzte zu dressieren. …

Wann wehren wir uns dagegen? Wie viele Kollegen müssen noch ihre Praxen schließen oder verbittert ohne unsere kollegiale Solidarität das erpresste Regressgeld bezahlen?“

Lieber Kollege, so lange die Politik und damit meine ich leider auch unsere „Standesvertretungen“ es immer wieder schafft uns Ärzte duch Ungleichbehandlung auseinander zu dividieren, so lange können sie über uns schalten und walten, bis zum bitteren Ende, sei es durch Auswanderung, Praxispleite oder … Suizid.

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Seehofer – der geläuterte Patient

Der Initiator einer Sparkatastrophe
Horst Seehofer, jetzt Bayerischer Ministerpräsident, war von 1992 – 1998 der Bundesgesundheitsminister, der 1993 mit dem  Gesundheitsstrukturgesetz einen rigiden Sparkurs im Gesundheitswesen vor allem durch Druck auf die „Leistungserbringer“ (Ärzte, Krankenhäuser, Therapeuten aller Art) einführte, den dann ja letztlich Ulla Schmidt zur Perfektion brachte.

„Ärztepack“
Seehofer zeigte sich damals vor allem den Ärzten gegenüber hart und soll schon 1993 einen RTL-Journalisten bemitleidet haben, weil er es nicht mit dem „Ärztepack“ zu tun habe. Wegen Verunglimpfung ihres Berufsstands sollen bayerische Zahnärzte damals sogar Strafantrag gegen Seehofer gestellt haben. Kurzum: Seehofer war bei Ärzten alles andere als beliebt und umgekehrt.

Dann kam der Dezember 2001
Seehofer erkrankte schwer und lebensbedrohlich an einer Herzmuskelentzündung und wurde in seiner Heimatklinik in Ingolstadt hervorragend behandelt. Nach einer Reha wiederhergestellt, war plötzlich vom „geläuterten Patienten Seehofer“ die Rede.

Der geläuterte Patient zeigt Reue
In einem SZ-Bericht vom 22.07.2002 wird Seehofer mit den Worten zitiert:

 „Ich glaub’, dass ich in mancher Diskussion den Ärzten und Pflegekräften Unrecht getan habe. Ich hab sie immer unter das ökonomische Diktat gestellt, ich hab gesagt, ihr könnt noch mehr leisten. Ich glaube jetzt, wir müssen nicht die Ärzte und Pflegekräfte reformieren, sondern die Bedingungen, unter denen sie arbeiten.“

Das sagte er damals, unter dem Eindruck der Genesung von einer tödlichen Krankheit mit Hilfe der Ärzte und des Klinikpersonals und – vielleicht noch wichtiger – ohne Regierungsverantwortung.

Was schert mich mein Geschwätz von gestern
Jetzt, acht Jahre später, kann man sagen: Seehofer ist wieder der „Alte“. Leider nicht im positiven Sinne. Er scheint seine damalige Wertschätzung für die Arbeit der im Gesundheitswesen Tätigen wieder gegen Machtgier und politisches Kalkül eingetauscht zu haben.

Söder wird zurückgepfiffen
Seinen bayerischen Gesundheitsminister, der den bayerischen Ärzten im Gesundheitsfondschaos des Frühjahrs 2009 verspricht, dass kein bayerischer Arzt mehr als 5% seines Umsatzes verlieren soll (wir erinnern uns: Frau Schmidt sprach immer von 10% mehr für die Ärzte), pfeift er zurück. Die 5%-Regelung war schon nach
einem Quartal tot.

Er sollte russisch lernen
Vom Saulus zum Paulus und zurück. Bis er vielleicht ganz persönlich mal wieder einen Doktor braucht … man möchte es ihm nicht wünschen. Vielleicht sollte unser Landesvater langsam russisch lernen, deutsche Ärzte im Krankenhaus sind langsam Mangelware.
 

Die FDP- und Ärztehatz geht weiter … diesmal ARD mit Plasberg

Nach der Wahl ist vor den Wahlen
Nach etwas ruhigeren Monaten geht es ja jetzt wieder auf die nächsten Wahlen, nämlich die Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen zu. Deshalb wird der Ton wieder härter und da passt es gut, dass unser kompetenter Herr Plassberg wieder mal vom Leder zieht –  „Hart aber fair“ versteht sich.

Schon jetzt kann man in der Ankündigung der morgigen Sendung lesen:

„Alle kassieren immer mehr für die Gesundheit: Pharmafirmen, Ärzte und jetzt auch noch die Krankenkassen! Draufzahlen muss aber nur einer: Der Bürger! Auf wessen Seite steht die neue Regierung eigentlich? …“

Wir bösen Ärzte kassieren für die Gesundheit immer mehr? Hallo, Herr Plasberg? Zu uns kommen kranke Menschen. Die bekommen eine Leistung in Form einer Diagnosestellung und möglichst adäquaten Behandlung. In den 5 Jahren seitdem ich niedergelassen bin, bekomme ich pro Patient immer WENIGER, NICHT MEHR Herr Plasberg, bezahlt. Ich „kassiere“ gar nix vom Patienten, sondern bekomme, wenn ich Glück habe nach 6-12 Monaten scheibchenweise Geld von der Kassenärztlichen Vereinigung.

Und ist es unlauter, für seine Arbeit, für die man mindestens 6 Jahre erfolgreich – ja erfolgreich Herr Plasberg; nicht so wie Sie: nach 17 Semestern Studium auf Staatskosten abbrechen – und mindestens 5 Jahre Ausbildung im Krankenhaus investiert hat, eine Bezahlung zu bekommen?

Der Titel der Sendung lautet: „Dammbruch bei den Kassenkosten“

Dammbruch? Hallo? Es geht um maximal 8€, in Worten A C H T   E U R O, pro Versicherten im Monat. Das sind nicht einmal 2 Schachteln Zigaretten oder 3 Bier in der Kneipe? Dammbruch klingt nach unkontrollierter Überschwemmung, Katastrophe, …
Auch Monsterdoc titelt von den „Bösen Krankenkassen„.

Übrigens eine Erhöhung, deren Rechtsgrundlage noch die alte Regierung geschaffen hat.

Und dann noch die tolle Gästeliste:
Einziger Arzt in der Runde ist Dr. Montgomery, aktuell Vizepräsident der Bundesärztekammer, vorher jahrlang leitend im Marburger Bund (so ein bißchen wie die Gewerkschaft für Krankenhausärzte), also kein wirklich ärztlich Tätiger.

Und natürlich unser geliebter Professor mit der Fliege (Lauterbach), der natürlich so tun wird, als wäre Herr Bahr mit der FDP an den Zusatzbeiträgen der Kassen schuld, weil der Herr Bahr damals ja, als schwarz-rot dies beschlossen irgendwie schon fast in der Regierung saß. Alles klar?

Und Frau Pfeiffer, Vorstandsvorsitzende des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen (GKV). Dieser Spitzenverband wurde neu gegründet und sollte eigentlich Einsparungen bringen. Das Gegenteil war der Fall: die Verwaltungskosten pro Versicherten stiegen beispielsweise bei der TechnikerKK von 3,05€  auf 3,70€, das sind immerhin 0,65€ oder gut 20% !!!

Würde mich noch interessieren, was Studienabbrecher Plasberg so pro Sendung „kassiert“.

Es ist Karneval in Deutschland – da regieren bekanntlich die Narren – bei der ARD scheinbar auch.

Rösler: Kontrollitis im System abbauen

In einem Interview mit der Hannoverschen „Neuen Presse“ (Montagsausgabe) soll unser neuer Bundesgesundheits-minister Folgendes gesprochen haben:

«Ich möchte, dass man gerade den Heilberufen mehr Vertrauen entgegenbringt. Die »Kontrollitis«im System muss verringert werden»

Ich hoffe, man kann ihn hier beim Wort nehmen. Nach all den Ärztehetzen der letzten Monaten – vor allem im Wahlkampf – tut das schon mal psychologisch gut.

Regresswahnsinn Teil 2

Nette Weihnachtspost von der Kassenärztlichen Vereinigung, die ja immer noch als „Standesvertretung der Ärzte“ bezeichnet wird. Auch von manchen Kommentatoren hier im Blog.

Medikamentenregress zum Teil im 6-stelligen Bereich
Die KV Baden Württemberg legte insgesamt 87 Hausärzte in ihrem Bereich zum Teil horrende Regressforderungen unter den Weihnachtsbauch. So soll ein Bopfinger Allgemeinarzt allein für 2007 an die Kassen 35 000€ für zuviel verordnete Medikamente zurückbezahlen.

Der Ruin, wenn 2008 und 2009 auch noch kommen
Der Arzt sieht sich vor dem finanziellen Ruin, da er für 2008 und 2009 ähnlich hohe Rückforderungen erwartet.

Deutschlands perfider Einzelweg
Es gibt kein einziges anderes Land in Europa, das seine Ärzte in Regress für angeblich unwirtschaftliche Verordnungsweise nimmt! Wie lange lassen wir Ärzte uns diesen Horror noch gefallen?

Psychoterror pur
Das Verfahren gegen diese Ärzte wird wieder Jahre dauern, wie bei jenem Arzt, der sich kurz vor Weihnachten das Leben nahm, weil er mit dieser Bedrohung nicht mehr zurecht kam.

Könnt Ihr Euch vorstellen wie es ist, jahrelang dieses Damoklesschwert (muss ich zahlen oder nicht zahlen?) über sich zu haben?
Sich wie ein Schwerverbrecher vorzukommen, nur weil man seinen Patienten gute Therapie verordnet hat? 
Wieviel Freude man als Arzt noch in seinem Beruf hat, wenn man bei jedem Rezept überlegen muss, ob man es nicht selbst bezahlen wird?

Liebe Politiker und Krankenkassen!

Operiert und behandelt Euch doch selbst!

Wir haben dazu bald keine Lust mehr!

Der Regress-Wahnsinn – „Freitod“ eines Arztes

Es ist nicht schön, gerade an Weihnachten solche Meldungen lesen zu müssen, aber für solche Meldungen gibt es nie die „richtige“ Zeit.

660 000 € Rückforderungen für die letzten 15 Jahre
Vor wenigen Tagen beging ein niedersächsischer Kollege Selbstmord. Offensichtlich vor allem aus Verzweiflung darüber, dass die Kassenärztliche Vereinigung Regressforderungen in Höhe von 660 000€ wegen angeblicher Unregelmäßigkeiten an ihn stellte.

Nach zweieinhalb Jahren unter dem Damoklesschwert war es einfach zuviel
Wie das Harburger Abendblatt berichtete, waren die Ermittlungen gegen den Kollegen bereits im Juli 2007 (!) aufgenommen worden. Das entsprechende Gerichtsverfahren war aber noch nicht einmal eröffnet. Könnt Ihr Euch das vorstellen? Fast 2,5 Jahre mit diesem Damoklesschwert von 660 000€ zu leben? Das muss unerträglich sein und ich muss mich fragen, ob ich persönlich überhaupt so lange durchgehalten hätte.

Was muss noch passieren?
Wann hört es endlich auf, dass Ärzte die Therapie ihrer Patienten Jahre später selbst bezahlen oder gar mit dem eigenen Leben bezahlen sollen?

Wie pervers geht dieses Land mit unserem Berufsstand um?
Wirft sich ein beliebter Fußballer vor den Zug, dann wird im Fußballstadion quasi ein Staatsbegräbnis für die Witwe zelebriert. Rasch wird diskutiert, dass ein Platz nach ihm benannt werden soll.
Beendet ein angesehener Arzt, durch absurde Regressdrohungen in die Auswegslosigkeit getrieben, aus Verzweiflung sein Leben, dann beabsichtigt die Kassenärztliche Vereinigung gnadenlos bei  der Witwe das Geld einzutreiben. Dabei steht weiterhin noch nicht fest, ob die Rückzahlung überhaupt rechtens ist.

Die Kassenärztliche Vereinigung zeigt ihr wahres Gesicht
Die Politik gaukelt uns immer vor, dass die Kassenärztliche Vertretung, sowas wie die Interessensvertretung der Ärzte sei. Anhand dieses tragischen Falls sollte eigentlich dem Letzten klar geworden sein, dass die KV als Körperschaft des öffentlichen Rechts nur der verlängerte Arm der Regierung als Aufsichtsbehörde bzw. der Krankenkassen ist.

In tiefer Trauer um diesen Kollegen und seine Familie.

Dr. G.

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P.S.: Sorry, wenn es so gar nicht zu Weihnachten passt – ich hatte eigentlich einen lustigen Artikel vor.

Krank 2011 – eine (Horror-)Vision

Hier – passend zum heutigen Tag bitterschwarze Satire eines engagierten Kollegen:

Krank 2011 – eine (Horror-)Vision

(Achtung Satire! Ähnlichkeiten mir realen Situationen und Personen sind rein zufällig!)

 

1. Teil: 10 Jahre Ulla Sch. – eine Erfolgsstory:

 

Januar 2011, Berlin, Friedrichstraße 118: Anläßlich ihres 10jährigen Dienstjubiläums gibt die Bundesgesundheitsministerin und Vizekanzlerin Ulla Sch. einen Empfang (zu Beginn nur kurz gestört durch den – von der Jubilarin leider nicht goutierten – Versuch einer Delegation des Bundes der Steuerzahler, der kostenbewussten Ministerin als Geschenk einen Gutschein für eine Wegfahrsperre ihres Dienstwagens zu überreichen) . Hochrangige Gäste aus Politik und Gesundheitswirtschaft feiern das erfolgreiche Wirken der populären Ministerin.

 

Bundeskanzlerin Angela M. (CDU) würdigt vor allem ihre Verdienste um den Wirtschaftstandort Deutschland. Der erfolgreiche Umbauprozeß des Gesundheitswesens diene nicht zuletzt dem Erhalt von Arbeitsplätzen und der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie, so die Kanzlerin. Ein Gesichtspunkt, den Prof. Karl L., seit kurzem Staatsekretär im Bundesgesundheitsministerium und Leiter des neu geschaffenen Gemeinsamen Untersuchungs- und Lenkungsausschusses Gesundheit (GULAG) in seiner Rede – gewohnt temperamentvoll – aufgreift. Durch die Umsetzung der früher selbstständigen ärztlichen Leistungserbringer in die neuen medizinischen Versorgungsformen und dem Abbau der Über- und Fehlversorgung seien erhebliche Einsparpotentiale erschlossen worden, die der Beitragsstabilität und damit der Entlastung der Lohnnebenkosten zu Gute kämen. Als Nebeneffekt wären die Krankschreibungen bereits in 2010 um über 90% zurückgegangen. Über die neuen Versorgungsformen – Stichwort: Integrierte Versorgung als Brandbeschleuniger – eröffne sich für die Gesundheitswirtschaft ein gigantischer Wachstumsmarkt,. Die Zweiklassenmedizin, so der medienwirksame Experte, gehöre jetzt endgültig der Vergangenheit an. Bundesinnenminister Gregor G. (Die Linke) würdigt schließlich das Lebenswerk von Ulla Sch. unter dem Gesichtspunkt der Vollendung der deutschen Einheit, welche zumindest im Gesundheitswesen durch die Übernahme von Errungenschaften der früheren DDR jetzt endlich verwirklicht worden sei.. Hier spanne sich, so Gregor G., ein Bogen zu den politischen Anfängen der verdienten Ministerkollegin.

 

Zur Erinnerung: Nach der Bundestagswahl im September 2009, bei der sich wiederum eine Patt-Situation ergeben hatte, war es nicht zuletzt dem beharrlichen Einsatz der allseits geschätzten Gesundheitsministerin gelungen, gegen erbitterte Widerstände auch in den eigenen Reihen, eine Regierungsbeteiligung der Linkspartei durchzusetzen, und dadurch die Fortführung der erfolgreichen Gesundheitspolitik der Großen Koalition zu ermöglichen. Als vordringlichstes Projekt der neuen rot-schwarz-roten Regierung (und nächster Stufe des von den Beraterstäben der Bertelmannstiftung und Experten der Gesundheitskassen erarbeiteten Masterplans zur Umgestaltung des Gesundheitswesens) erfolgte schon im Januar 2010 im parlamentarischen Eilverfahren die Verabschiedung des „Gesetzes zur Stärkung von Wirtschaftlichkeit, Unabhängigkeit, Stabilität, Innovation und sozialer Verantwortung in der gesetzlichen Krankenversicherung“ (GKV-UnSInnS-WSG), womit die Serie bahnbrechender Gesundheitsreformen der Ära Ulla Sch. ihren vorläufigen Abschluß fand.

 

 

2. Teil: Abenteuer MVZ

 

Zur gleichen Zeit in Königsbrunn bei Augsburg: Herrn Wilhelm W., kaufmännischer Angestellter (59), plagen drängende Gesundheitsprobleme. Aber, was tun? Der letzte freie Hausarzt am Ort hat gerade seine Praxis aus Altersgründen ohne Nachfolger aufgegeben und fünf weitere waren kurz zuvor als  Angestellte in das „Maximed“-MVZ Augsburg-Nord gewechselt. Niedergelassene Fachärzte gibt es seit der Gesundheitsreform im vergangen Jahr nicht mehr. Herr W. – sparsamer Schwabe – hat sich zudem  mit seinem „Super-günstig-Basistarif“ verpflichtet, exklusiv nur Vertrags-MVZ´s seiner K.O.-Gesundheitskasse in Anspruch zu nehmen. Was für ein Pech!

 

Wilhelm W. erinnert sich an einen der vielen Werbespots der K.O.-Gesundheitskasse, und wählt beherzt die Service-Nummer des kasseneigenen Call-centers. Nach 17 Minuten in der Warteschleife, während der Herr W. mit fröhlicher Musik und witzigen Gesundheitsangeboten  bei Laune gehalten wird, meldet sich die jugendlich-dynamische Stimme der Call-center-Mitarbeiterin. Was Herr W. nicht weiß: Während sie ihn scheinbar einfühlend nach seinen Problemen befragt, hackt die freundliche Dame am anderen Ende der Leitung eine Check-Liste ab. Nach dem sich ergebenden Gesamt-Score hat die Mitarbeiterin die Weiterleitung entweder gleich in die nächstgelegene „Sanitas“-Klinik, oder in das nächste „Sanitas“-MVZ zu veranlassen. Im Falle von Herrn W. ist´s das MVZ. Dieses ist leider in der 70 km entfernten Landeshauptstadt, aber Herrn W.´s K.O.-Gesundheitskasse hat mit der „Sanitas-Gesundheit aus einer Hand“-AG. nun mal einen Exklusiv-Vertrag abgeschlossen, und ist selbst an dem Konzern mit einem maßgeblichen Aktienpaket beteiligt. Also lässt sich Herr W., der sich infolge seiner Unpässlichkeit nicht mehr selbst dazu in der Lage sieht (und aus Sparsamkeit den kostenpflichtigen „Sanitas“-Transfer-Dienst nicht in Anspruch nehmen möchte), von seiner Schwiegertochter Mandy mit dem Auto dorthin fahren.

 

In dem mit trendigem Design ausgestatteten „Sanitas“-MVZ findet Herr W. seine  Versichertenbeiträge offensichtlich gut angelegt: Es ist ein WLAN-Anschluß in der Besucher-Lounge vorhanden, und am Check-in-Schalter des MVZ´s besteht mit dem Einlesen der elektronischen Gesundheitskarte die Möglichkeit, gleich den nächsten Gesundheitsurlaub mit „Sanitas-Wellness-Tours“ zu buchen (mit bis zu 1000,- Euro Kostenzuschuß der K.O.-Kasse, die sich die Gesundheitsprävention ihrer Kunden was kosten lässt!).

 

Nach einer Wartezeit in der Besucher-Lounge des MVZ, welche die vom „Sanitas“-Konzern vertraglich garantierten maximal 30 Minuten nur um 1 ½ Stunden überschreitet, wird Herr W. in das Behandlungszimmer des angestellten ärztlichen Leistungserbringers Vitalij K. aufgerufen, der heute ziemlich im Streß ist. Seine Schicht ist eigentlich schon zu Ende, und er weiß, dass ihm für die Überschreitung der Wartezeit laut  Arbeitsvertrag eine Konventionalstrafe vom Lohn abgezogen wird. Vitalij K. spricht leider nur gebrochen Deutsch, da erst vor 3 Monaten durch ein Inserat des „Sanitas“-Konzerns aus einem osteuropäischen Land angeworben, ist jedoch mit der „Sanitas“-eigenen Software bereits gut vertraut. Nach Eingabe der von Herrn W. geklagten Beschwerden öffnet sich auf dem Bildschirm ein Fenster, das die weiteren Schritte anzeigt. Da Herrn W.´s Beschwerden leider etwas kompliziert sind, wird er erst mal an verschiedene „specialist-care-units“ (fachärztliche Leistungserbringer-Einheiten) der angeschlossenen „Sanitas“-Klinik, die laut Meldung auf dem Bildschirm noch Budget-Kapazitäten frei haben, weiter geleitet (Wie praktisch, denkt Herr W. – alles unter einem Dach, das spart lange Wege!).

 

Der begleitenden Schwiegertochter Mandy W. (36), die sich wegen ihres Schwiegervaters einen Tag frei nehmen musste, wird die Wartezeit derweil mit Rabattgutscheinen zum Einkaufsbummel in der angeschlossenen shopping-mall des „Sanitas“-MVZ oder wahlweise kostenlosem Besuch der Wellness-Lounge versüßt. Schwiegertochter Mandy findet übrigens die MVZ´s, die sie ähnlich noch aus ihrer Kindheit (vor der „Wende“) in Bitterfeld/Sachsen-Anhalt, in Erinnerung hat, eine ganz tolle Sache, und ist eine glühende Verehrerin unserer geschätzten Bundesgesundheitsministerin.

 

Nach 6 Stunden wieder zurück im MVZ, sieht sich Herr W., statt Vitalij K., jetzt  dem ärztlichen Leistungserbringer Ibrahim S. gegenüber (inzwischen war ja der Schichtwechsel). Es stellt sich heraus, dass Herr W. an mindestens einer chronischen Krankheit leidet. Also wird er jetzt weiter geleitet an den „Case-manager“ des zuständigen „Disease-management“-Programms, der für Herrn W. die Koordination der beteiligten Leistungserbringer übernimmt, und die Kosteneffizienz seiner Behandlung überwacht.  Dazu werden sämtliche von den verschiedenen Leistungserbringern erhobenen Daten mittels der eingelesenen eCard online an den Zentralserver der Gesundheitskassen übertragen, wo sie von den Mitarbeitern der K.O.-Gesundheitskasse abgefragt werden können.

 

Die Ausstellung der elektronischen Rezepte, die ebenfalls per Internet an die in Luxemburg ansässige Online-Apotheke „Drugs ´n more S.A.“ erfolgt, verzögert sich leider um 23 Minuten. Wilhelm W. hat die hierfür erforderliche 7-stellige PIN nicht mehr im Kopf, und muß diese erst telefonisch zu Hause über seine Ehefrau Helga  erfragen. Vor lauter Aufregung vertippt er sich bei der Eingabe dann laufend, während sich bereits eine beträchtliche Traube von Wartenden vor dem Rezept-Terminal des „Sanitas“-MVZ staut.

 

Die „Drugs ´n more S.A.“, Luxemburg, ein Kooperationspartner der „Sanitas-AG“ und der K.O.-Gesundheitskasse ist übrigens rund um die Uhr auf dem südostasiatischen und südamerikanischen Spot-Markt für Medikamente präsent und garantiert den Kunden der K.O.-Gesundheitskasse immer die weltweit preisgünstigste Arzneimittelversorgung.

 

Nach seiner Ankunft zu Hause (leider spät, wegen des Staus auf der Autobahn), und nach Standpauke seiner Ehefrau Helga, erreicht Wilhelm W. noch in der Nacht ein Anruf des privaten Call-center-Betreibers „Healthguys-GmbH“ im Auftrag der K.O.-Gesundheitskasse, der sich jetzt in regelmäßigen Abständen melden wird, um die weiteren Fortschritte der Gesundung von Herrn W. zu evaluieren.

 

Die freundlichen Mitarbeiter des Call-centers (es ist jedesmal eine andere Stimme, aber immer sehr jung und dynamisch, Kompetenz vermittelnd  – „bin 23 und habe 5 Jahre in den USA studiert…“) haben bereits sämtliche Gesundheitsdaten von Herrn W. auf dem Bildschirm, und können ihn so nicht nur nach der Einhaltung seines Therapieplans und seiner Kundenzufriedenheit befragen, sondern ihm auch gleich Tipps zur Behandlung seiner Hämorrhoiden, seiner  Potenzstörungen und anderer Probleme geben („Ach, da sehe ich, vor 4 Jahren waren Sie mal nach einer Geschäftsreise in Behandlung wegen einer Geschlechtskrankheit. Ihre erhöhten Leberwerte geben Hinweise auf ein mögliches Alkoholproblem, und ihr Beschwerdescore weist einen hohen Psychosomatose-Index aus – ich könnte Ihnen da einen exklusiven psychotherapeutischen Leistungserbringer des bekannten Gesundheitsanbieters „Sanitas“-AG gleich in Ihrer Nähe empfehlen…“).

 Teil 3: Das dicke Ende

Am nächsten Morgen quält sich Herr W. ins Geschäft. Die erhoffte Krankschreibung im MVZ war leider ausgeblieben: Nach dem obligaten Datenabgleich mit dem Medizinischen Dienst der Gesundheitskassen war auf dem Bildschirm von Ibrahim S. beim Anklicken des Bottom „Arbeitsunfähigkeit?“ das Piktogramm einer roten Ampel erschienen. (Die in der „Sanitas“-Software implementierten Piktogramme sind ein Service für die – dank des erfolgreichen PISA-Projekts der Bildungspolitik der letzten Jahre – steigende Zahl analphabetischer  Leistungserbringer).

 

In der Firma erwartet Herrn W. eine unangenehme Überraschung: Er wird in die Personalabteilung zitiert, wo ihn schon die Personalchefin Uta T. (39), der Gesundheitsbeauftragte der Firma, Kemal Y. (45), und die Leiterin des betriebsmedizinisch-psychologischen Dienstes, Birte L. (eine resolute 32jährige Dipl. Sozialpädagogin) erwarten. Aufgrund der neuesten, vom „Transparenzzentrum Gesundheitsdaten (TZG)“ übermittelten Informationen, so Uta T., bestehe ernste Sorge um das Gesundheitsbewusstsein von Herrn W. (Das TZG ist eine mit der Gesundheitsreform 2010 geschaffene Bundesbehörde zur online-unterstützten betrieblichen Gesundheitsprävention. Sie leitet hierzu gesundheitsbezogene Daten der Versicherten vom Zentralserver der Gesundheitskassen an die Betriebe weiter, damit diese ihrer gesetzlichen Verpflichtung zur Unterstützung gesundheitsbewussten Verhaltens ihrer Beschäftigten nachkommen können).

 

Die Firma, so die Personalchefin, sei deshalb verpflichtet, Herrn W. die  Teilnahme an dem (von der Bertelsmann-Stiftung entwickelten und seitens des BMG geförderten) Gesundheitsprogramm „Fitness und Abstinenz in Betrieb und Freizeit“ dringend nahe zu legen. Die Kosten in Höhe von nur 320,- Euro pro Monat würden bequemer Weise gleich bei der Gehaltszahlung einbehalten. Mit seiner (natürlich freiwilligen) Teilnahme an dem Programm verpflichtet sich Herr W. unter anderem, unangemeldete Hausbesuche zur Unterstützung seiner gesundheitsbewussten Lebensweise durch den Beauftragten der Firma auch am Wochenende oder nach 22.00 Uhr  zu empfangen. Wegen des bekannt gewordenen gesundheitsriskanten Verhaltens sei die Firma, so Uta T., ferner verpflichtet, eine Beratung durch den betriebsmedizinisch-psychologischen Dienst veranlassen. Hierzu habe sich Herr.W. im Büro bei Frau Birte L. einzufinden, zur Aufklärung über „safer sex“.

 

Zuhause findet Herr W. im Briefkasten eine Flut von Werbesendungen vor, u.a. von 5 Herstellern von Hämorrhoiden-Salben, 13 Versandapotheken mit Sonderangeboten von Viagra, 7 Wein- und Sirituosen-Discountern – sowie die Mitteilung seiner Frau Helga: „Mir reichts! Bin ab jetzt bei Franziska – morgen Termin bei meiner Scheidungsanwältin!“ Pech für Herrn W.: Franziska, die beste Freundin seiner Frau, ist Sachbearbeiterin bei der K.O.-Gesundheitskasse…!

 

War da noch was? – Ach ja, sollte Wilhelm W. nach den Aufregungen jetzt einen Nervenzusammenbruch erleiden und einen dringenden Hausbesuch benötigen: Anruf bei der Hotline der „Sanitas“-AG genügt! Please hold the line: „Nach Ertönen der Computerstimme drücken sie die „7“, die nächste freie „primary nurse“ von „Sanitas – Gesundheit aus einer Hand“ wird Sie umgehend zurückrufen….!“

 

 HEUTE HABEN SIE DIE WAHL
SATIRE SATIRE BLEIBEN ZU LASSEN