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Offener Brief an Rösler – Pausenfüller

Ein verfilmter offener Brief von der „Aktionistin“ Renate Hartwig an unseren Noch-Minister.

Rhetorisch sicherlich verbesserungswürdig – inhaltlich aber beachtlich. Mal nicht aus der Ärzteecke. (Quelle: www.patient-informiert-sich.de )

Ich konnte es mir im „off“ nicht verkneifen.

Prof. Beske: Priorisierung unumgänglich

Endlich mal einer, der ein heisses Eisen offen anpackt
Prof. Dr. Beske, Leiter des Kieler Instituts für Gesundheits-System-Forschung (IGSF) spricht bei der Vorstellung seiner neuen Studie Klartext:

Das Geld wird ausgehen
Wer die demographische Entwicklung richtig einschätzt, muss endlich auch offen zugeben, dass die Mittel der gesetzlichen Krankenkassen nicht mehr ausreichen werden, um eine Versorgung ohne offene Einschränkungen, so wie so heute vorgegaukelt wird, nicht mehr ausreichen.

Ignoranz der Politik
Beske wirft der Politik vor, sie ignoriere diesen Tatbestand und weigere sich über dieses Thema auch überhaupt nur zu sprechen.Er prangert auch die Verlogenheit des aktuellen Systems an:

„Dabei ist eine implizite Rationierung, wie wir sie heute haben, die ungerechteste und unsozialste Form der Leistungseinschränkung.“

Als niedergelassener Arzt, der tagtäglich mit dieser perfiden „impliziten Rationierung“ konfrontiert ist, durch Androhung von Arzneimittelregressen   oder  Heilmittelregressen ohne klare Angaben von Grenzen der Verordnungsmengen kann ich nur sagen: Bravo Herr Beske.

Die Angst geht um – Politik zum Selbstzweck
Nur mit solchen unangenehmen Themen lassen sich keine Wählerstimmen gewinnen. Denn alle Patienten möchten ja lieber, dass der Arzt ihre Behandlung selbst zahlt, als sich mit unbequemen Zuzahlungen oder Leistungseinschränkungen auseinandersetzen  zu müssen. So bedienen sich Politiker quer durch ALLE Parteien weiterhin vollmundiger Versprechen und empören sich über jeden, der Rationierung anspricht. Leider auch unser aktueller Gesundheitsminister. Dabei sieht er wenigstens, als einer der wenigen, dass das Finanzierungssystem umgestellt werden muss. Dafür wird er von Koalitionskollegen vor allem aus Bayern wie ein Ketzer behandelt.

Politiker machen zu 99,9% Politik nur zum reinen Selbstzweck. Zum Erhalt ihrer Macht und Pfründe. Das ist die bittere Wahrheit. Für Gegenbeispiele bin ich jedem dankbar.

 

Man pfeift es von den Dächern

Ach Fasten – speziell Blog- und Internet-Fasten war soooo schön. Ich habe es echt – bis auf kleine, ja klitzkleine Rückschlage – echt konsequent durchgehalten. Mehr Zeit für Frau, Kinder und Hunde, Hobbies, … kein Fehler. Werde es auch hier deshalb nicht mehr übertreiben und meine Mecker-Frequenz etwas runterregeln, aber zur Zeit scheint ja der Karneval im Gesundheitssystem weiter zu gehen.

Allen voran unserer oberste Kassenvertreterin Pfeiffer. Sie hat eine Super-Idee zum Sparen im Gesundheitswesen: 

„Eine Kopplung der Arzthonorare an die wirtschaftliche Entwicklung“

So äußert sie sich im heutigen Interview mit der Passauer Neuen Presse. Super Idee oder? Wenn das Wirtschaftwachstum negativ ist und sich in einer Rezession auch vielleicht jahrelang so verhält, dann wäre es halt schon von den Ärzten angebracht, dass sie ihre Patienten bezahlen bzw. die Krankenkassen unterstützen, logisch oder?

Ist doch auch im richtigen Leben so, oder?  Haben wir doch in der Krise bemerkt. Die Autowerkstätten sind dtl. mit ihren Reparaturkosten runter gegangen, die Tankstellen verschenken das Benzin fast, der Rechtsanwalt berät zum Rabattsatz. Alles wegen der Krise.

Da passt es doch super, dass sich die Vorstände der gesetzlichen Krankenkassen in Zeiten der Krise ihre Gehälter nur „moderat“ nach oben anpassen:

Allen voran der Chef der Techniker Krankenkasse (TK), Norbert Klusen: Sein Grundgehalt stieg um 25.000 Euro auf rund 271.000 Euro. Das sind ca. 10% Gehaltsanstieg in einem Jahr, damit verdient er mehr, als die Bundeskanzlerin. Aber ist doch nur recht und billig, oder? Billig vor allem. Zur Not erhebt man halt einen Kassenzusatzbeitrag und beschimpft die Ärzte, die an der Kostenexplosion schuld seien.

Regress – das „Schandmal“ im Gesundheits(un)wesen

Ich hatte meinen „Weihnachtsartikel“ vom 25.12.2009 dem Suizid eines von Regressandrohungen zermürbten Kollegen gewidmet. Gestern erreichte mich dazu ein ausführlicher Kommentar eines Kollegen. Da dieser letztlich „untergehen“ würde, da der Artikel schon lange  zurückliegt, möchte ich explizit hiermit darauf verweisen und wichtige Passagen zitieren:

„…Ein “Regress” ist eine finanzielle Forderung an einen Arzt, die sich in ihrer Höhe in fast allen Fällen an den Rezeptkosten orientiert, die er ausstellte.
Wenn ein Arzt nach Meinung der Kassen und KV mehr Geld für seine Patienten ausgab als nötig sei, dann soll er den zu viel ausgegebenen Betrag selber bezahlen. Aus seinem Nettoeinkommen.

Das ist doch der blanke Irrsinn. Und das regt offenbar niemanden auf? Ich verstehe es immer noch nicht, dass wir Ärzte uns so etwas bieten lassen. Wir haben null Komma null finanziellen Gewinn vom Ausstellen dieser Rezepte. Wir zahlen also mit dem Regress kein zu Unrecht erhaltenes Honorar zurück. Wir werden einfach mit einer Strafzahlung für “Fehlverhalten” belegt.
Das wäre so, wie den Polizeibeamten den Sprit der Streifenwagen privat in Rechnung zu stellen, wenn (2 oder 3 Jahre später) der einzelne Einsatz als unbegründet eingeschätzt würde.
Das wäre so, wie den Feuerwehrmännern das Löschwasser in Rechnung zu stellen, wenn sie mehr gelöscht hätten als ein Gremium (2 oder 3 Jahre später) ihnen zubilligen würde.“

Ich kann dieser Verzweiflung, Empörung und vor allem den treffenden Vergleichen nur zustimmen. Unser System ist perfide, verlogen und schon lange versteckt rationiert. Und der Kollege schreibt weiter:

„… Der “Regress” selbst ist das Schandmal unseres Berufes.  …
Wir haben uns mit unseren Krediten für die Praxen und all den wirtschaftlichen Verpflichtungen zum Geldverdienen (zum Schuldenabtragen) verdammt und können daher mit den sogenannten “Regressen” in die Katastrophe gestoßen werden. Daher sitzt bei jedem Rezept das wir ausgeben ein Zensor in unseren Köpfen, der uns den medizinischen Schneid abkauft.
Es ist durch diese in unserer Profession einzigartige “Strafandrohung ohne Strafprozess” möglich geworden uns Ärzte zu dressieren. …

Wann wehren wir uns dagegen? Wie viele Kollegen müssen noch ihre Praxen schließen oder verbittert ohne unsere kollegiale Solidarität das erpresste Regressgeld bezahlen?“

Lieber Kollege, so lange die Politik und damit meine ich leider auch unsere „Standesvertretungen“ es immer wieder schafft uns Ärzte duch Ungleichbehandlung auseinander zu dividieren, so lange können sie über uns schalten und walten, bis zum bitteren Ende, sei es durch Auswanderung, Praxispleite oder … Suizid.

Das „Arzt-Ho(h)norar“oder „Umsatteln zum Tierarzt?“

Was ist der Gesellschaft der Mensch und seine Gesundheit wert?
Vor wenigen Tagen verglich ein neurologischer Kollege seine aktuell Tierarztrechnung für sein Meerschweinchen mit seiner „Honorierung“:

Meerschweinchen Gianni im Oktober 2009
klinische Untersuchung plus Sono Blase plus Rö Bäuchlein plus Medizin ins Mäulchen: 64 €; 2 Tage später klinische Untersuchung bei Verschlechterung: 23 €; weitere Arztbesuche: ein jeder wird bezahlt.

Neurologischer Patient in der Praxis:
RLV Neurologie/Mensch/Quartal/Bayern, egal, wie viele Arztbesuche: ca. 42 € tutto completo

Wir rekapitulieren:

Kleintier : 87 €

Mensch : 42 € („flatrate“)

——————

Mehrwert Tierchen in dem Fall: mindestens 45 €

Danke, rot-schwarz-grün!

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Dem ist meinerseits heute nichts mehr hinzuzufügen.

Philipp Rösler – der „sanfte Rambo“

Unser neuer Minister nach 100 Tagen im Amt
Nach der heissen Luft von gestern bei Maybrit Illner, will ich heute mal Gehaltvolleres bieten. Da titelt die Leipziger Volkszeitung, wie viele andere Zeitungen des Landes – mein bayerischer Freund hat es auch in Bayern gelesen – am 03.02.10:

Rösler spielt auf Risiko – der sanfte Rambo der FDP

Selbstkritisch und zielorientiert
In einer meiner Ansicht nach recht differenzierten Analyse der derzeitige Situation und der Haltung des neuen Gesundheitsministers wird seine Aussage bei „Beckmann“ zitiert, in der er erwähnt, dass er sich nur dann Aussichten auf ein Verbleiben im Amt macht, wenn er es schaffe, ein „vernünftiges Gesundheitsversicherungssystem auf den Weg zu bringen“.

Sind das nicht neue Töne? Haben wir sowas von Ulla Schmidt jemals gehört? Von ihr hörte man immer nur, wie sehr sich andere anzustrengen haben und was ihr zustehe (s. Alicante-Affäre).

Leise, fast sanft, aber unnachgiebig
Da sitzt jetzt einer in Berlin, der ganz klar, nüchtern und meist mit leiser Stimme, seine Vorstellung skizziert. Und das beharrlich, obwohl er ständig von Oppositionspolitikern (zitiert wird im Artikel die SPD-Abgeordnete Ferner, eine Augenweide, sich die mal in einem Bundestagsvideo beim Mosern anzusehen) und leider auch aus vermeintlich eigenen Reihen (die Söder-Seehofer-Connection aus Deutschlands Suden), aber auch aus den Medien ständig angeschossen wird.

Endlich mal einer, der seine politischen Ansichten und Äußerungen nicht ständig wie das Fähnchen im Wind ändert, nach dem Motto, was schert mich mein Gerede von gestern (Söder, Seehofer, …).

Endlich mal einer der intelligent und (noch) integer genug erscheint, wirklich für Deutschland, seine Bürger und vor allem seine Patienten eine echte Gesundheitsreform hin zu bekommen. (Rösler hält seine Bundestagsreden in der Regel ohne Manuskript – sollte man sich auch mal ansehen, sehens- und hörenswert)

Endlich mal wieder einer mit unglaublichem Charisma – Leute ihr müsstet ihm mal gegenüber gestanden sein … das hat er wirklich …

Endlich mal einer, dem ich eine lange Amtszeit wirklich wünsche, nicht weil ich mir als Arzt von ihm unendlichen Reichtum erhoffe, sondern weil ich ihm glaube, dass ihm wirklich die Versorgung der Patienten am Herzen liegt.

Unbequem für die aktuellen Profiteure im Gesundheitsfondschaos
Und genau deshalb wird er von verschiedensten Lobbygruppen, auch aus dem Ärzteumfeld, aber besonders den Krankenkassen und sonstigen Nutznießern der aktuell undurchsichtigen Gesundheitsindustrie angegiftet, wo es nur geht.

Und dennoch behält er seine Gleichmut und sein Ziel im Auge. Eigentlich wirklich ein sanfter Rambo. Ich hatte seine Ruhe anfangs als Zögern und Schwäche ausgelegt, ich habe mich geirrt.

… ich wünsche ihm von ganzem Herzen viel Erfolg, den sein Erfolg wird Euer Erfolg.

Für mich ist er der Kassen-Kennedy. Hoffentlich mit mehr Fortune.

So, und nun schlagt ein auf mich 😉

 

Regresswahnsinn Teil 2

Nette Weihnachtspost von der Kassenärztlichen Vereinigung, die ja immer noch als „Standesvertretung der Ärzte“ bezeichnet wird. Auch von manchen Kommentatoren hier im Blog.

Medikamentenregress zum Teil im 6-stelligen Bereich
Die KV Baden Württemberg legte insgesamt 87 Hausärzte in ihrem Bereich zum Teil horrende Regressforderungen unter den Weihnachtsbauch. So soll ein Bopfinger Allgemeinarzt allein für 2007 an die Kassen 35 000€ für zuviel verordnete Medikamente zurückbezahlen.

Der Ruin, wenn 2008 und 2009 auch noch kommen
Der Arzt sieht sich vor dem finanziellen Ruin, da er für 2008 und 2009 ähnlich hohe Rückforderungen erwartet.

Deutschlands perfider Einzelweg
Es gibt kein einziges anderes Land in Europa, das seine Ärzte in Regress für angeblich unwirtschaftliche Verordnungsweise nimmt! Wie lange lassen wir Ärzte uns diesen Horror noch gefallen?

Psychoterror pur
Das Verfahren gegen diese Ärzte wird wieder Jahre dauern, wie bei jenem Arzt, der sich kurz vor Weihnachten das Leben nahm, weil er mit dieser Bedrohung nicht mehr zurecht kam.

Könnt Ihr Euch vorstellen wie es ist, jahrelang dieses Damoklesschwert (muss ich zahlen oder nicht zahlen?) über sich zu haben?
Sich wie ein Schwerverbrecher vorzukommen, nur weil man seinen Patienten gute Therapie verordnet hat? 
Wieviel Freude man als Arzt noch in seinem Beruf hat, wenn man bei jedem Rezept überlegen muss, ob man es nicht selbst bezahlen wird?

Liebe Politiker und Krankenkassen!

Operiert und behandelt Euch doch selbst!

Wir haben dazu bald keine Lust mehr!