Posts Tagged ‘Gesundheit’

Offener Brief an Rösler – Pausenfüller

Ein verfilmter offener Brief von der „Aktionistin“ Renate Hartwig an unseren Noch-Minister.

Rhetorisch sicherlich verbesserungswürdig – inhaltlich aber beachtlich. Mal nicht aus der Ärzteecke. (Quelle: www.patient-informiert-sich.de )

Ich konnte es mir im „off“ nicht verkneifen.

Black Friday – Schockstarre

Schwärzer konnte der gestrige Freitag kaum werden:

Für alle Deutschen:
Deutschland verlor gegen einen spanischen Schiedsrichter

Für Patienten und Ärzte
Die Ärzteschaft wurde gestern per Gesetz zwangsverpflichtet empfindliche Patientendaten online Preis zu geben – vor allem die FDP hat sich damit wieder einmal still und heimlich von einemWahlversprechen verabschiedet

Für mich persönlich, meine Patienten und viele andere Kollegen
Ich habe für das Quartal 3-2010 meine „Verdienstobergrenze“ für Kassenpatienten erhalten:
– ca. 10-15% weniger als im Vorjahr

– ein Neurologe verdient pro Fall plötzlich 35% weniger als ein Nervenarzt pro Fall, obwohl beide pro Quartal ähnlich viel Patienten mit ähnlichen Krankheiten versorgen

– Neurologen dürfen ab 01.07. keine Akupunkturen mehr für Kassenpatienten abrechnen (während andere Ärzte wie Hausärzte, Internisten, Orthopäden, Neurochirurgen, … dies weiter dürfen), obwohl ich diese seit mehr als 15 Jahren praktiziere, mehr als 600 Ausbildungsstunden hinter mir habe und regelmäßig einen Qualitätszirkel besuche und mitleite. Seit 5 Jahren besitze ich auch die entsprechende Zusatzbezeichnung. Vor 3 Jahren besuchte ich ein 80-stündiges Schmerztherapieseminar, welches damals zur weiteren Abrechnung der Akupunktur zur Auflage gemacht worden war.

Ein Ausflug in die crazy word des Gesundheitssystems
Anhand des Beispiels der extrem unterschiedlichen Honorierung der Leistungen von Neurologen und Nervenärzten möchte ich Euch mal erklären, wie verrückt dieses Gesundheitssystem durch unzählige Reformen geworden ist:

Neurologen versorgen ausschließlich die körperlichen Erkrankungen von Gehirn, Rückenmark und Muskeln, während Nervenärzte auch die Gemütskrankheiten (also psychiatrische Krankheiten) mitbehandeln.
In den letzten Jahren hat sich durch die Wissensexplosion in der Medizin  herauskristallisiert, dass es schon schwer genug ist, allein in der  Neurologie oder in der Psychiatrie auf dem neuesten Wissensstand zu bleiben. Es gibt deshalb kaum mehr junge Nervenärzte, sondern zunehmend reine Neurologen oder reine Psychiater. Medizinisch eigentlich auch sinnvoll. 
Ein Patient mit einer speziellen seltenen neurologischen Erkrankung ist tendentiell sicherlich auch besser bei einem „reinen“ Neurologen, als bei einem Nervenarzt aufgehoben (würdest Du Dir die Hand lieber von einem Handchirurgen oder einem Allgemeinchirurgen operieren lassen?).
In den letzten Jahren wurden deshalb viele Praxen von Nervenärzten, die in Pension gingen, von reinen Neurologen übernommen. Die Zahl der Neurologen steigt, die der Nervenärzte sinkt.

Des einen Freud, des anderen Leid

Und jetzt kommt das Verrückte:
Die Honorierung der Ärzte erfolgt nach „Fachgruppentöpfen“. Das heisst die Krankenkassen zahlen pro Quartal und Facharztgruppe einen festen Betrag X an die Kassenärztliche Vereinigung. Und dieser Betrag X wird dann auf die Fachärzte dieser Gruppe, je nachdem wie viele Patienten sie (im Vorjahr!) behandelt haben verteilt.

Mit jedem Neurologen, der eine Nervenarztpraxis übernommen hat, sinkt also das „Honorar“ aller Neurologen in diesem Bundesland, während gleichzeitig das Honorar der Nervenärzte steigt. In Baden Württemberg bekommt ein Neurologe 3-2010 nur noch ca. 40€ pro Patient, der Nervenarzt für die Behandlung des gleichen Patienten aber 77€. Und unsere „Standesvertretung“ zieht das alles gnadenlos durch.

Perfektes „Divide et impera“
Und somit müsste für alle Leser auch klar sein, warum Ärzte nie gemeinsam eine Kampffront gegen diese verrückte Politik bilden werden. Denn was für mich gestern als Neurologen ein „black friday“ war, war für die nervenärztlichen Kollegen ein „lucky friday“, auch wenn einige doch ein schlechtes Gewissen haben. Denn wenn ein schwieriger neurologischer Fall in ihrer Praxis auftaucht, dann schicken sie gerne gleich zum Neurologen, der dann hohe Qualität zum Spottpreis erbringen darf. Erst gestern schickte mir ein Nervenarzt der Nachbarstadt eine aufwändige Schwindelpatienten mit dem Kommentar: „der Dr. Geldgier ist eine Koryphäe auf diese Gebiet“. Danke, Herr Kollege. Du die Kohle, ich die Arbeit.

 (P.S.: dieser Artikel wurde zwischen 5:00 und 6:30 verfasst – warum wohl?)

FDP und Staatsdirigismus

Oh mei oh mei … es wird ja  immer schlimmer.

Fast täglich kommt eine Hiobsbotschaft bzw. unüberlegte Idee aus dem Bundesgesundheitsministerium. Neuester Streich:

Rösler will frei werdende Praxen nicht neu besetzen

Heute unter anderem bei Welt-online zu lesen. In Ruhestand gehende Mediziner sollten in Ballungsräumen ihre Praxen nicht mehr an Nachfolger verkaufen dürfen. Dadurch soll eine Überversorgung in diesen Regionen abgebaut werden. Tolle Idee.
Kleine Randnotiz: in der Regel hat ein Arzt bei der Niederlassung in diesem Ballungsraum einen erheblichen Kaufpreis für den Patientenstamm bezahlt oder bei Neugründung auch die KV gefragt, ob dort Bedarf bestünde.

Enteignung auf übelste sozialistische Art
Das Nachbesetzungsverbot für solche Praxen kommt einer Enteignung gleich, da viele Kollegen den Verkauf der Praxis für ihre Altersvorsorge mit ein planten.

Man stelle sich einfach mal vor:
Die Bundesjustizministerin beschließt ganz einfach mal, dass sich in einem bestimmten Ballungsgebiet keine Anwälte mehr niederlassen dürften. Und Anwaltskanzleien nicht mehr nach zu besetzen seien. SOFORT wäre ein Aufstand da und sozialistische Verhältnisse würden angeprangert.

Aber mit den doofen, uneinigen und leidensfähigen Ärzten kann man es ja machen …

Ärztemangel – Autogeburt

Vergangene Woche in Bayern:

eine werdende Mutter ist drauf und dran ihr drittes Kind zu bekommen. Sie wußte, dass es schnell gehen kann, denn bei den ersten Kindern waren die Geburten auch rasch.

Geburtsabteilung geschlossen
Nun kündigte sich der dritte Sohn mit Wehen an. Aber er konnte nicht (wie die beiden älteren Brüder)  im  13 km entfernten Kreiskrankenhaus zur Welt kommen, da die dortige Geburtsabteilung – aus Rentabilitätsgründen – geschlossen wurde.

Autogeburt
Also musste der Vater mit seiner Frau in eine mehr als 23 km entfernt liegende Klinik rasen. Aber sie schafften es nicht. Wenige Kilometer zuvor kam ein – gott sei Dank – gesunder Junge problemlos zu Welt. Der stolze Vater leistete perfekte Geburtshilfe.

Eine spektakuläre Geschichte mit Happy-End. Es hätte aber auch schief gehen können.

Allen werdenden Vätern, die auf dem Land leben, kann ich in Zukunft nur raten, Geburtshilfekurse zu besuchen, denn es werden immer mehr Krankenhäuser aus Kostenzwängen die Geburtshilfeabteilungen schließen.

Prof. Beske: Priorisierung unumgänglich

Endlich mal einer, der ein heisses Eisen offen anpackt
Prof. Dr. Beske, Leiter des Kieler Instituts für Gesundheits-System-Forschung (IGSF) spricht bei der Vorstellung seiner neuen Studie Klartext:

Das Geld wird ausgehen
Wer die demographische Entwicklung richtig einschätzt, muss endlich auch offen zugeben, dass die Mittel der gesetzlichen Krankenkassen nicht mehr ausreichen werden, um eine Versorgung ohne offene Einschränkungen, so wie so heute vorgegaukelt wird, nicht mehr ausreichen.

Ignoranz der Politik
Beske wirft der Politik vor, sie ignoriere diesen Tatbestand und weigere sich über dieses Thema auch überhaupt nur zu sprechen.Er prangert auch die Verlogenheit des aktuellen Systems an:

„Dabei ist eine implizite Rationierung, wie wir sie heute haben, die ungerechteste und unsozialste Form der Leistungseinschränkung.“

Als niedergelassener Arzt, der tagtäglich mit dieser perfiden „impliziten Rationierung“ konfrontiert ist, durch Androhung von Arzneimittelregressen   oder  Heilmittelregressen ohne klare Angaben von Grenzen der Verordnungsmengen kann ich nur sagen: Bravo Herr Beske.

Die Angst geht um – Politik zum Selbstzweck
Nur mit solchen unangenehmen Themen lassen sich keine Wählerstimmen gewinnen. Denn alle Patienten möchten ja lieber, dass der Arzt ihre Behandlung selbst zahlt, als sich mit unbequemen Zuzahlungen oder Leistungseinschränkungen auseinandersetzen  zu müssen. So bedienen sich Politiker quer durch ALLE Parteien weiterhin vollmundiger Versprechen und empören sich über jeden, der Rationierung anspricht. Leider auch unser aktueller Gesundheitsminister. Dabei sieht er wenigstens, als einer der wenigen, dass das Finanzierungssystem umgestellt werden muss. Dafür wird er von Koalitionskollegen vor allem aus Bayern wie ein Ketzer behandelt.

Politiker machen zu 99,9% Politik nur zum reinen Selbstzweck. Zum Erhalt ihrer Macht und Pfründe. Das ist die bittere Wahrheit. Für Gegenbeispiele bin ich jedem dankbar.

 

Man pfeift es von den Dächern

Ach Fasten – speziell Blog- und Internet-Fasten war soooo schön. Ich habe es echt – bis auf kleine, ja klitzkleine Rückschlage – echt konsequent durchgehalten. Mehr Zeit für Frau, Kinder und Hunde, Hobbies, … kein Fehler. Werde es auch hier deshalb nicht mehr übertreiben und meine Mecker-Frequenz etwas runterregeln, aber zur Zeit scheint ja der Karneval im Gesundheitssystem weiter zu gehen.

Allen voran unserer oberste Kassenvertreterin Pfeiffer. Sie hat eine Super-Idee zum Sparen im Gesundheitswesen: 

„Eine Kopplung der Arzthonorare an die wirtschaftliche Entwicklung“

So äußert sie sich im heutigen Interview mit der Passauer Neuen Presse. Super Idee oder? Wenn das Wirtschaftwachstum negativ ist und sich in einer Rezession auch vielleicht jahrelang so verhält, dann wäre es halt schon von den Ärzten angebracht, dass sie ihre Patienten bezahlen bzw. die Krankenkassen unterstützen, logisch oder?

Ist doch auch im richtigen Leben so, oder?  Haben wir doch in der Krise bemerkt. Die Autowerkstätten sind dtl. mit ihren Reparaturkosten runter gegangen, die Tankstellen verschenken das Benzin fast, der Rechtsanwalt berät zum Rabattsatz. Alles wegen der Krise.

Da passt es doch super, dass sich die Vorstände der gesetzlichen Krankenkassen in Zeiten der Krise ihre Gehälter nur „moderat“ nach oben anpassen:

Allen voran der Chef der Techniker Krankenkasse (TK), Norbert Klusen: Sein Grundgehalt stieg um 25.000 Euro auf rund 271.000 Euro. Das sind ca. 10% Gehaltsanstieg in einem Jahr, damit verdient er mehr, als die Bundeskanzlerin. Aber ist doch nur recht und billig, oder? Billig vor allem. Zur Not erhebt man halt einen Kassenzusatzbeitrag und beschimpft die Ärzte, die an der Kostenexplosion schuld seien.

Rösler: „starker innerer Kompass“

In einem aktuellen Interview mit der „Leipziger Volkszeitung“ nimmt unser mittlerweile nicht mehr ganz so neuer Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler Stellung zu seinem Arbeitsstil, der von manchen als zu zögerlich empfunden wird:

Die Entdeckung der Langsamkeit
Mein Stil ist es nicht, laut zu klappern, aber wenig zu erreichen. Das überlasse ich lieber anderen. Ich arbeite intensiv mit meinen Fachleuten. Und erst, wenn die Konzepte gereift sind, werden diese öffentlich diskutiert.“

Das mit dem Klappern ohne Taten bezog er wahrscheinlich auf Bayerns Gesundheitsminister Söder (CSU), der seiner Leidenschaft Querschüsse gegen seinen Berliner Amtskollegen zu setzen ungehemmt nachgeht, anstatt dafür zu Sorgen, dass seine vollmundigen Wahlversprechen eingehalten werden.

Starker innerer Kompass als Schutz vor Lobbyisten
Lobbyisten bezeichnet Rösler als „leicht zu durchschauen“, die ihn und seinen starken inneren Kompass nicht beeindrucken könnten. Dieser innere Kompass heisse für ihn „ein vernünftiges robustes Gesundheitssystem auf den Weg zu bringen“

Kehrtwende benötigt Zeit
Mit dem Ausspruch „Ich kann in 100 Tagen nicht das alles wieder zum Guten wenden, was in elf Jahren versäumt wurde.“ bittet er letztlich um Geduld.

Im Prinzip ja, aber…
Prinzipiell klingt alles nachvollziehbar und vernünftig und Ihr wisst nur zu gut, dass ich dem neuen Minister wesentlich mehr gewogen bin, als seiner Vorgängerin. Aber als Arzt sollte der Kollege auch wissen, dass es Situationen gibt, in denen rasches Eingreifen nötig ist, um Schlimmeres zu verhindern.

Notfall Gesundheitswesen verlangt auch rasches Eingreifen
Der von rot-grün auf den Weg gebrachte und von rot-schwarz beschleunigt fortgeführte Kurs in eine konzerngesteuerte Medizin mit sozialistischer Enteignung der bisher freiberuflich im Gesundheitswesen Tätigen muss rasch gestoppt werden, bevor der point-of-no-return endgültig überschritten ist.

Die von rot-schwarz zuletzt gelegten Minen des Gesundheitsfonds gehen auch nach Regierungswechsel nach und nach, wie von Geisterhand gesteuert, hoch. Sie müssen dringend durch Notfallmaßnahmen entschärft werden.

Bei allem Verständnis für den Willen eine besonnene, wohl durchdachte Reform auf den Weg zu bringen, die endlich den Namen Reform verdient:

Herr Rösler, es brennt lichterloh im Land! Und bevor neue Landschaften entstehen können, müssen die Brände erst gelöscht werden!