Posts Tagged ‘Gesundheitspolitik’

Offener Brief an Rösler – Pausenfüller

Ein verfilmter offener Brief von der „Aktionistin“ Renate Hartwig an unseren Noch-Minister.

Rhetorisch sicherlich verbesserungswürdig – inhaltlich aber beachtlich. Mal nicht aus der Ärzteecke. (Quelle: www.patient-informiert-sich.de )

Ich konnte es mir im „off“ nicht verkneifen.

Wie Regressangst und Sparzwang Patienten gefährdet und Kosten treibt

Sparen am falschen Ende – die Regress-Angst geht um
Anruf eines Kollegen aus einer nahegelegenen Klinik vor wenigen Tagen:
Frau K. hat eine Epilepsie und wurde vor kurzem in einer neurologischen Klinik auf ein neues, teures Medikament dagegen eingestellt. Nach Entlassung in eine Einrichtung, weigerte sich der Hausarzt das neue Medikament sofort weiter zu verordnen, weil dies der Facharzt machen müsse (in Wahrheit hat der Hausarzt – berechtigte – Angst sein Budget zu überziehen und das Medikament selbst in 1,5-2 Jahren per Regress zu bezahlen). Der Facharzt, der die Einrichtung betreut ist im Urlaub. Frau K. bekommt also 2 Tage die Medikamente nicht und hat prompt einen erneuten epileptischen Anfall. Mit Notarzt wurde sie in die Klinik eingeliefert.

Wir haben bereits Rationierung – verlogene Gesundheitspolitik
Die Politiker, einschließlich des Gesundheitsministers, stellen sich immer hin und versprechen, dass es keine Rationierung oder Priorisierung geben werden. Dabei gibt es sie schon längst auf perfide, weil versteckte Art.

Unter dem Damoklesschwert der Regressdrohungen passieren dann tag-täglich derart unsinnige Dinge wie die oben erzählte Geschichte.

Die Kosten für Notarzteinsatz und Krankenhausbehandlung sind übrigens ein Vielfaches höher, als  die 2-Tages-Therapie-Kosten des „eingesparten“ Medikaments. Ganz abgesehen davon ist jeder erlittene epileptische Anfall ein unnötiges Risiko und Trauma für den Patienten.

 

Heimliche Staatsmedizin: Maßregelung der „Leistungerbringer“ auf immer perfidere Art

Aus dem vermeintlichen Urlaubs-Off – in Wirklichkeit lerne ich täglich bis spätabends um meine 2. Facharztprüfung zu bestehen und wenigstens kurzfristig zu bestehen – kann ich leider nicht umhin so manche Email aktiver Kolleginnen und Kollegen aus dem Widerstand des Untergrunds zu lesen. So wie letzte Woche die Email des Neurologen-Kollegen, der sich mit Lungenentzündung durch den Praxisalltag rettet und völlig verzweifelt über die „Re-Re-Re-Reform“ vom 01.7.10 ist (ich berichtete).

Und wieder ein neues Folterinstrument
Und da ist auch wieder was dabei, was auch mir wieder echt jegliche Lust auf Deutschland nimmt.

Ein versierter Rechtsanwalt würdigt einen aktuellen politischen Beschluss zu „einrichtungs- und sektorenübergreifenden Maßnahmen der Qualitätssicherung“ in unserem Gesundheitssystem. Nicht nur er fühlt sich an grausam Zeiten von Ost-Diktaturen erinnert.

Raus, raus, raus aus Deutschland
Leute, reicht es Euch immer noch nicht Ärzte durch Arzneimittelregresse, Heimittelverordnungsregresse, Patientenzahlbudget, Fallwerte, Regelleistungsvolumina, Zeitbudgets, Zwangsfortbildungen, … zu drangsalieren und zum Teil existentiell zu vernichten bzw. in den Suizid zu treiben?

Muss jetzt noch die unter dem Deckmäntelchen der „Qualitätssicherung“ die nächste Keule ausgepackt werden?

Die Formulierug „einrichtungs- und sektorenübergreifend“ läßt vermuten, dass die Anforderungen letztlich irgendwann nur noch von Großkonzernen mit ganzen QM-Abteilungen (wahrscheinlich mit mehr QM-Fuzzis als Ärzten) erfüllt werden können, um die heute noch in ihren kleinen Einzel- oder Gemeinschaftspraxen selbständig vor sich hin arbeitenden Ärzte – pardon „Leistungserbringer“ – an die Wand zu drücken..

Ich bin Arzt, Arzt, Arzt und nicht Leistungserbringer!!! Und früher oder später muss ich mir ein Land suchen, das Ärzte haben will und nicht ferngesteuerte, verängstigte, obrigkeitshörige Leistungserbringer.

Wer mal wieder wissen möchte, was Ärzte eigentlich gelernt haben und warum sie Arzt geworden sind, der sollte mal bei Anna einen der letzten Artikel lesen. Solche Ärzte wollt Ihr da draußen doch, wenn es brennt und nicht einen qualitätsgeschniegelten Paragraphenreiter, der Euch nicht mehr anrührt im Notfall, weil er die juristischen Konsequenzen fürchtet.

P.S.:
Telefonat mit einem Kollegen letzten Sonntag. Seine Tochter ist mit dem Medizinstudium in Deutschland fertig und hat ihren Job in Boston fix. Danke Deutschland für die Ausbildung und Tschüss!
Aber laut deutscher Statistik gibt es keinen Ärztemangel, weil ja für flüchtige, geldgeile Deutsche immer mehr Osteuropäer oder andere Ausländer kommen werden (Spargelstechen geht ja nur im Frühjahr).

Noch so ein Unsinn in der gesetzlichen Krankenversicherung

Löcher stopfen ohne Ende
Fast tagtäglich Lesen, Hören und Sehen wir Meldungen vom Milliardenloch der Gesetztlichen Krankenversicherung, das 2011 vor allem aufgrund von Steuerausfällen droht. Anstatt sich ständig daran zu versuchen, die Leistungsträger des Systems (Krankenhäuser, Pflegepersonal, Ärzte, Rettungsdienstmitarbeiter, Physio-, Ergo- und Sprachtherapeuten, …) wie eine Zitrone auszupressen, sollten sich die Politiker mal an wirklich unsinnige und letztlich versicherungsfremde Leistungen heranwagen. Das Thema Sportunfälle hatte wir beim letzten Artikel. Heute mal ne andere Frage:

Warum zahlt die Gesetzliche Krankenversicherung die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ab dem 43. Tag und bis zu 78 Wochen ( 1 1/2 Jahre !) ???

Jeder Privatversicherte muss sich auch mit einer Krankentagegeldversicherung absichern, um im Krankheitsfall sein Einkommen zu sichern. Was hat die Lohnfortzahlung mit der medizinischen Versorgung zu tun? Gar nichts!

Teure Kranke in Vorstandsetagen
Seit dem der Gesundheitsfonds hat dieses Thema besonders viel Zündstoff. Die Gesetzlichen Kassen erhalten nämlich nun nicht mehr wie früher die Beiträge der bei ihnen Versicherten, sondern die Beiträge kommen zunächst in einen Topf (Gesundheitsfonds) und wird nach der  „Morbidität“ verteilt. Das heisst, die Kasse, die viele Schwerkranke hat, bekommt mehr Geld, auch wenn sie dieses nicht an den behandelnden Arzt weitergibt. Der bekommt nämlich für die Behandlung des Schwerkranken nicht mehr Geld, logisch oder? (Jetzt ist auch klar, warum manche Kassen das Hausarzthonorar ordentlich angehoben haben, wenn sie ihre Patienten „richtig“ krank machen, also bloß keine schwere Krankheit vergessen.

Für Kassen, die traditionell viele Akademiker in gut bezahlen Positionen versichern (zum Beispiel Techniker Krankenkasse) gibt es nun ein bedrohliches Problem. Wir der Manager krank muss die Kasse bis zu 78 Wochen 70% des Monatsgehalts an den Kranken ausbezahlen. Das geht richtig ins Geld. Geld, das in der medizinischen Versorgung fehlt.  Das kann manche – früher dank gutverdienender Beitragszahler gut betuchte – Kasse an den Rand des Ruins bringen.

Wo hört die Solidargemeinschaft auf?

Monsterdoc liebt provokante Freitagsdiskussionen.

Gestern wollte er wissen, bei welchen Krankheiten/ „Delikten“ der Patient selbst zur Kasse gebeten werden sollte. Ein heisses Eisen, aber es gibt schon haarsträubende Gesschichten wie diese:

Risikosport auf Kosten aller
Motorradbegeisterter fährt am Wochenende gerne auf Motorradrennstrecke mit 200+x Sachen weil es sein geiles Hobby ist – und landet dann mit 200+X im Reifenstapel bzw. Kiesbett: multiple Frakturen, Schädel-Hirn-Trauma, mehrfache OPs, ewige Reha, ewige Krankschreibung, …. tausende und abertausende Euro direkte und indirekte Kosten.

Warum soll die Allgemeinheit für dieses riskante Privatvergnügen zahlen? Das ist Sozialstaat ad absurdum!

Meine Meinung:
Sämtliche Privatunfälle müssen privat abgesichert werden, so wie Arbeitsunfälle auch zwangsweise über die Berufsgenossenschaft abgesichert werden müssen. Und die Versicherungsprämie muss sich dann halt nach dem individuellen Risiko, das ja jeder selbst in der Hand hat richten. Wo ist hier das Problem?

Horner oder Koaner? Kranke Gesundheitspolitik

Heute mal wieder ein Beispiel aus dem prallen Neurologen-Leben, das zeigt, wie schwachsinnig unser Gesundheitssystem geworden ist. Aber ich warne Euch: es wird etwas kompliziert.

Ungleich großes schwarzes Loch
Immer wieder entdecken Patienten an sich oder aber deren Partner beim tiefen Blick in die Augen (also meist Frischverliebte), dass die Pupillen nicht exakt gleich groß sind. Dies nennt man Pupillendifferenz. Viele kommen dann beunruhigt zum Neurologen und wollen natürlich das „Bild vom Kopf“ oder in die „Röhre“ oder noch besser ein „Kernspinnt“.

Was steckt dahinter?
Wenn sich dann die Pupillen auf Belichtung seitengleich prompt verengen, so liegt entweder eine angeborene leichte (harmlose) Pupillendifferenz vor (so ähnlich wie zwei ungleich große Ohren) oder aber ein sogenanntes inkomplettes Horner-Syndrom (Störung des Sympathikus mit Störung der Erweiterung der Pupille). [beim kompletten Horner-Syndrom hängt auch noch das Oberlid auf Halbmast und das Auge ist etwas zurückgesunken – dann ist die Diagnose leicht]

Wie kommt man zur Diagnose?
Bei gründlicher Untersuchung finden sich schon Hinweise, ob es eher ein Horner ist, oder die harmlose Pupillendifferenz. Beweisen lässt sich das aber nur durch einen speziellen Test.

Kokain beim Augenarzt
Durch Kokainlösung in die Augen getropft kann man das Horner-Syndrom beweisen. Durch weitere Augentropfen-Tests kann man dann noch unterscheiden wo genau die Läsion des sympathischen Nervensystems liegt.

Wo ist das Problem?
Der Kokaintest setzt voraus, dass der Arzt die betreffenden Augentropfen vorrätig hat und frisch vorhält. Zudem sollte er Augenarzt sein, denn vor diesen Tests muss eine bestimmte Glaukomform (im Volksmund „Grüner Star“) ausgeschlossen werden. Der Knackpunkt ist, dass fast kein niedergelassener Augenarzt bereit ist für eine Flatrate von knapp 20€ solche komplizierten Tests durch zu führen. Zudem wurden bei einem anderen Kollegen mehrfach die Kokainfläschchen gestohlen. Kurzum: eine eigentlich einfache Aufgabe wird in der Praxis schier unlösbar, weil die Infrastruktur durch unsinnige Gleichmacherei zerstört wird.

Lieber ein teures, überflüssiges MRT als endlose Augenarztsuche
Als ich bei einem Qualitätszirkeltreffen in der Runde von 10 Neurologen wissen wollte, wie sie diese Abklärung handhaben, herrschte Resignation und die meisten gaben zu, praktisch alle Patienten mit Pupillendifferenz „sicherheitshalber“ in die „Röhre“ zu schieben – sprich ein MRT zu veranlassen, obwohl den meisten eigentlich klar ist, dass dies in der Regel völliger Unsinn ist.

So darf die Krankenkasse dann also einen im Vergleich zu Kokaintropfen horrrenden Betrag für die Kernspintomographie bezahlen, ohne dass die Frage eigentlich beantwortet wird. Und keiner merkt, wie in der Medizin kaputtgespart wird.

Klinikskandal München – wenn Ärzte nichts mehr zu sagen haben

München wird derzeit von einem Klinik-Skandal erschüttert. Offensichtlich katastrophale Hygienemängel, gegen die nicht korrekt vorgegangen wurde.

Zerstörung jahrelang guter ärztlicher Arbeit
Kliniken, die aufgrund der hervorragenden Arbeit ihrer Ärzte eigentlichen einen guten medizinischen Ruf genossen, geraten in ein schlechtes Licht. Das ist ein Skandal. Das ist bitter, denn ich schätze einige dieser Münchner Kollegen sehr und habe komplizierte Fälle gerne in diese Kliniken überwiesen.

Die Medizin wird den Ärzten aus der Hand genommen
Das ist aber auch ein Zeichen unserer Zeit. Die Medizin gerät immer mehr in die Hände von Nicht-Medizinern, die erkannt haben, dass man als Klinik-Geschäftsführer, Konzernmanager, … richtig gut Kohle verdienen kann. Ärzte werden in diesen hohen Sphären der Geschäftsführung, wie auch in München, meist nicht mehr berücksichtigt. Die sollen die Drecksarbeit am Patienten machen, für möglichst wenig Geld, damit dieses bei den wirklich wichtigen Machern verbleibt. Ärzte sind nur noch Erfüllungsgehilfen am „Produkt“ Patient, (der ja jetzt Kunde heißt). So wie der Fließbandarbeiter bei Opel, der hat ja auch nix mehr zu sagen.

Die wichtigen Macher sind heute Diplom-Kaufmänner, Volkswirte, Juristen, etc. …
Die es dann verpennen, wenn was wirklich medizinisch schief läuft, weil sie die Bedeutung, beispielsweise von Hygiene, schlichtweg unterschätzen und von Medizin keinen blassen Schimmer haben.

Das ist die Medizin der Zukunft liebes Deutschland. Hier bestimmen nicht mehr medizinischer Sachverstand, sondern Gewinnmaximierung.