Posts Tagged ‘Gesundheitsreform’

Offener Brief an Rösler – Pausenfüller

Ein verfilmter offener Brief von der „Aktionistin“ Renate Hartwig an unseren Noch-Minister.

Rhetorisch sicherlich verbesserungswürdig – inhaltlich aber beachtlich. Mal nicht aus der Ärzteecke. (Quelle: www.patient-informiert-sich.de )

Ich konnte es mir im „off“ nicht verkneifen.

Supergau Teil 2 oder Bist du blöd?

Ein Kollege, mit dem ich mal in der Klinik zusammen arbeitete zum Thema Ultraschall:

„Habe die alte Maschine von meinem Vorgänger übernommen, mache das sowieso nicht oft. Bin froh, dass ich mir nie ein neues Gerät angeschafft habe. Kostet nur unnötig Zeit und die Patienten würdigen es eh nicht. So schaffe ich es, pro Quartal viel mehr Patienten durch zu kriegen, derzeit so 1400. Dadurch, dass man pro Patient eh nur quasi eine feste Pauschale bekommt, hab ich richtig viel mehr Geld als vor der Reform. Mir geht’s gut, weiß gar nicht warum sich manche so aufregen“

Als Neurologe braucht man eigentlich vor allem eines für seine Patienten: Zeit. Aber natürlich kann man es auch anders machen. Ich bin bei 900 Patienten eigentlich an der Grenze des Vertretbaren, sowohl was meine eigene Gesundheit, als auch die Qualität meiner Arbeit anbelangt. Unser Berufsverbandsvorsitzender nannte auch 800-900 Patienten als Zahl, die man noch vernünftig versorgen könne.

Aber unser perverses System belohnt die Fließband-husch-husch-Medizin. Kein Wunder, dass dieser Art von Medizin immer mehr die Patienten weglaufen, die sich dann in die Arme der Scharlatane begeben, die wenigstens Zeit haben (bei guter Bezahlung).

 

 

Wie Regressangst und Sparzwang Patienten gefährdet und Kosten treibt

Sparen am falschen Ende – die Regress-Angst geht um
Anruf eines Kollegen aus einer nahegelegenen Klinik vor wenigen Tagen:
Frau K. hat eine Epilepsie und wurde vor kurzem in einer neurologischen Klinik auf ein neues, teures Medikament dagegen eingestellt. Nach Entlassung in eine Einrichtung, weigerte sich der Hausarzt das neue Medikament sofort weiter zu verordnen, weil dies der Facharzt machen müsse (in Wahrheit hat der Hausarzt – berechtigte – Angst sein Budget zu überziehen und das Medikament selbst in 1,5-2 Jahren per Regress zu bezahlen). Der Facharzt, der die Einrichtung betreut ist im Urlaub. Frau K. bekommt also 2 Tage die Medikamente nicht und hat prompt einen erneuten epileptischen Anfall. Mit Notarzt wurde sie in die Klinik eingeliefert.

Wir haben bereits Rationierung – verlogene Gesundheitspolitik
Die Politiker, einschließlich des Gesundheitsministers, stellen sich immer hin und versprechen, dass es keine Rationierung oder Priorisierung geben werden. Dabei gibt es sie schon längst auf perfide, weil versteckte Art.

Unter dem Damoklesschwert der Regressdrohungen passieren dann tag-täglich derart unsinnige Dinge wie die oben erzählte Geschichte.

Die Kosten für Notarzteinsatz und Krankenhausbehandlung sind übrigens ein Vielfaches höher, als  die 2-Tages-Therapie-Kosten des „eingesparten“ Medikaments. Ganz abgesehen davon ist jeder erlittene epileptische Anfall ein unnötiges Risiko und Trauma für den Patienten.

 

Noch so ein Unsinn in der gesetzlichen Krankenversicherung

Löcher stopfen ohne Ende
Fast tagtäglich Lesen, Hören und Sehen wir Meldungen vom Milliardenloch der Gesetztlichen Krankenversicherung, das 2011 vor allem aufgrund von Steuerausfällen droht. Anstatt sich ständig daran zu versuchen, die Leistungsträger des Systems (Krankenhäuser, Pflegepersonal, Ärzte, Rettungsdienstmitarbeiter, Physio-, Ergo- und Sprachtherapeuten, …) wie eine Zitrone auszupressen, sollten sich die Politiker mal an wirklich unsinnige und letztlich versicherungsfremde Leistungen heranwagen. Das Thema Sportunfälle hatte wir beim letzten Artikel. Heute mal ne andere Frage:

Warum zahlt die Gesetzliche Krankenversicherung die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ab dem 43. Tag und bis zu 78 Wochen ( 1 1/2 Jahre !) ???

Jeder Privatversicherte muss sich auch mit einer Krankentagegeldversicherung absichern, um im Krankheitsfall sein Einkommen zu sichern. Was hat die Lohnfortzahlung mit der medizinischen Versorgung zu tun? Gar nichts!

Teure Kranke in Vorstandsetagen
Seit dem der Gesundheitsfonds hat dieses Thema besonders viel Zündstoff. Die Gesetzlichen Kassen erhalten nämlich nun nicht mehr wie früher die Beiträge der bei ihnen Versicherten, sondern die Beiträge kommen zunächst in einen Topf (Gesundheitsfonds) und wird nach der  „Morbidität“ verteilt. Das heisst, die Kasse, die viele Schwerkranke hat, bekommt mehr Geld, auch wenn sie dieses nicht an den behandelnden Arzt weitergibt. Der bekommt nämlich für die Behandlung des Schwerkranken nicht mehr Geld, logisch oder? (Jetzt ist auch klar, warum manche Kassen das Hausarzthonorar ordentlich angehoben haben, wenn sie ihre Patienten „richtig“ krank machen, also bloß keine schwere Krankheit vergessen.

Für Kassen, die traditionell viele Akademiker in gut bezahlen Positionen versichern (zum Beispiel Techniker Krankenkasse) gibt es nun ein bedrohliches Problem. Wir der Manager krank muss die Kasse bis zu 78 Wochen 70% des Monatsgehalts an den Kranken ausbezahlen. Das geht richtig ins Geld. Geld, das in der medizinischen Versorgung fehlt.  Das kann manche – früher dank gutverdienender Beitragszahler gut betuchte – Kasse an den Rand des Ruins bringen.

Horner oder Koaner? Kranke Gesundheitspolitik

Heute mal wieder ein Beispiel aus dem prallen Neurologen-Leben, das zeigt, wie schwachsinnig unser Gesundheitssystem geworden ist. Aber ich warne Euch: es wird etwas kompliziert.

Ungleich großes schwarzes Loch
Immer wieder entdecken Patienten an sich oder aber deren Partner beim tiefen Blick in die Augen (also meist Frischverliebte), dass die Pupillen nicht exakt gleich groß sind. Dies nennt man Pupillendifferenz. Viele kommen dann beunruhigt zum Neurologen und wollen natürlich das „Bild vom Kopf“ oder in die „Röhre“ oder noch besser ein „Kernspinnt“.

Was steckt dahinter?
Wenn sich dann die Pupillen auf Belichtung seitengleich prompt verengen, so liegt entweder eine angeborene leichte (harmlose) Pupillendifferenz vor (so ähnlich wie zwei ungleich große Ohren) oder aber ein sogenanntes inkomplettes Horner-Syndrom (Störung des Sympathikus mit Störung der Erweiterung der Pupille). [beim kompletten Horner-Syndrom hängt auch noch das Oberlid auf Halbmast und das Auge ist etwas zurückgesunken – dann ist die Diagnose leicht]

Wie kommt man zur Diagnose?
Bei gründlicher Untersuchung finden sich schon Hinweise, ob es eher ein Horner ist, oder die harmlose Pupillendifferenz. Beweisen lässt sich das aber nur durch einen speziellen Test.

Kokain beim Augenarzt
Durch Kokainlösung in die Augen getropft kann man das Horner-Syndrom beweisen. Durch weitere Augentropfen-Tests kann man dann noch unterscheiden wo genau die Läsion des sympathischen Nervensystems liegt.

Wo ist das Problem?
Der Kokaintest setzt voraus, dass der Arzt die betreffenden Augentropfen vorrätig hat und frisch vorhält. Zudem sollte er Augenarzt sein, denn vor diesen Tests muss eine bestimmte Glaukomform (im Volksmund „Grüner Star“) ausgeschlossen werden. Der Knackpunkt ist, dass fast kein niedergelassener Augenarzt bereit ist für eine Flatrate von knapp 20€ solche komplizierten Tests durch zu führen. Zudem wurden bei einem anderen Kollegen mehrfach die Kokainfläschchen gestohlen. Kurzum: eine eigentlich einfache Aufgabe wird in der Praxis schier unlösbar, weil die Infrastruktur durch unsinnige Gleichmacherei zerstört wird.

Lieber ein teures, überflüssiges MRT als endlose Augenarztsuche
Als ich bei einem Qualitätszirkeltreffen in der Runde von 10 Neurologen wissen wollte, wie sie diese Abklärung handhaben, herrschte Resignation und die meisten gaben zu, praktisch alle Patienten mit Pupillendifferenz „sicherheitshalber“ in die „Röhre“ zu schieben – sprich ein MRT zu veranlassen, obwohl den meisten eigentlich klar ist, dass dies in der Regel völliger Unsinn ist.

So darf die Krankenkasse dann also einen im Vergleich zu Kokaintropfen horrrenden Betrag für die Kernspintomographie bezahlen, ohne dass die Frage eigentlich beantwortet wird. Und keiner merkt, wie in der Medizin kaputtgespart wird.

Bravo Herr Prof. Dr. Lauterbach

… ja wirklich. Ihr lest ganz richtig.

DER Dr. Geldgier, DER in so vielen Postings den „SPD-Gesundheitsexperten“ Karl Lauterbach als Rhön-Lobbyisten und Feind der niedergelassenen Ärzte  entlarvt hatte, ist heute ganz angetan von diesem Mann mit der Fliege.

Sagt er doch in einem Spiegel-Interview:
„Man sollte den Kassen schlicht verbieten, die Homöopathie zu bezahlen.“ ( Quelle)

Mehr als die Hälfte der gesetzlichen Krankenkassen bezahlen nämlich mittlerweile homöopathische Leistungen, obwohl es keine einzige Studie gibt, die eine Wirkung der Kügelchen über Placebo-Niveau auch nur ansatzweise belegt.

Warum?
Das ist ein Phänomen. Bis in höchst gebildete Bevölkerungsschichten hält sich die Mär vom „Gedächtnis des Wassers“ und der tollen und sanften Wirkung dieser „Therapie“. Die Anhänger sitzen offensichtlich auch an machtvoller politischer Position und verhinderten bisher, dass dieser Unfug nicht mehr bezahlt wird.

Millionen-Prämie, die keiner haben will
Dabei ist schon seit mehr als sieben Jahren eine Prämie von 1 Millionen Dollar für denjenigen ausgesetzt, der den wissenschaftlichen Nachweis für die Wirksamkeit der Homöopathie erbringt. Bisher aber Fehlanzeige, komisch was?

Und jetzt entdeckt der Herr Lauterbach dieses Betätigungsfeld für sich, obwohl er während 11-jähriger SPD-Regierungsbeteiligung eigentlich Zeit genug gehabt hätte, sich darum zu kümmern. Aber von der Oppositionsbank lassen sich solche Dinger viel leichter fordern, das sieht man ja bei der FDP jetzt.

 

Umfrage bei Medizynicus

Medizynicus ist wohl aufgefallen, dass sich was geändert hat bei den Ärzten. Nicht nur mein Blog sondern auch das anderer Kollegen läss ihn fragen, was hier so viel Frust bei Ärzten verursacht. So stellt er uns und anderen Ärzten (u.a. Klaus Lischka und dem Landarsch) die Frage:

„Was vermisst ihr eigentlich am meisten: Das Sozialprestige, das Geld, die Freizeit, oder geht Euch einfach die Bürokratie auf den Senkel?“

Meine Antwort:

Lieber Medizynicus, ich denke uns allen drei war schon zu Beginn unserer Laufbahn klar, dass das mit dem 2.größten Haus im Dorf etc. nix mehr wird in der heutigen Zeit.
Was mich am meisten nervt, ist die absolute Unplanbarkeit meiner Arbeit und die scheinheilige,verlogene Rationierung der Politik durch existenzbedrohende Maßnahmen den Ärzten gegenüber. Ich habe – schwarz-auf-weiß dokumentiert durch die KV-Abrechnung – im vergangenen Jahr 2009 Leistungen im Wert von knapp 50 000€ am Patienten erbracht, die ich im Nachhinein nicht bezahlt bekam. Zum 01.07. erfahre ich plötzlich, dass ich als Neurologe nur 2/3Nervenarzt wert bin, was vorher knapp 1/1 war …
ständige Willkür macht unternehmerisches Planen völlig unmöglich. Anschaffungen wie ein neuer Server (5000 Euro) und ein vernünftiges Ultraschallgerät (20 000€+) sind so überhaupt nicht mehr kalkulierbar.
Die Perversion: auf der Ausgabenseite haben wir das komplette Risiko eines selbständigen Unternehmers (Personalkosten, Krankheits- und Unfallrisiko, …), auf der Einnahmeseite werden wir durch Staatsmedizin geknebelt und von vornherein beschränkt bzw. immer weiter reduziert.
Die Folge: massiver Frust, sinkender Leistungswillen, burn out …
Es geht nicht darum, dass wir am Verhungern sind, sondern darum, dass wir durch Psychospielchen der Politik ständig gegängelt werden.