Posts Tagged ‘Pflegenotstand’

Olympiastadion – zurück in der Wirklichkeit

Nach einer fast sorgenfreien 2-wöchigen Urlaubspause wurde ich gestern auf der Protestveranstaltung von Renate Hartwig leider wieder knallhart in die Realität zurückgeholt.

EintrittskarteOly

Erstaunlich und erfreulich der relativ neutrale und lange Bericht in der Tagesschau hierüber. Im letzten Jahr wurde eine ähnliche Veranstaltung praktisch totgeschwiegen.

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Alternativen III – „Ganzheitsmedizin“ oder die Gelddruckmaschine

Heute sind die Begriffe „Kassenarzt“ und „Schulmedizin“ fast schon zum Schimpfwort geworden oder zumindest massiv negativ besetzt.

„Kassenarzt“ steht für Massenabfertigung, kaum Zeit und Billigmedizin. „Schulmedizin“ steht für unpersönliche Medizin, für aggressive Behandlungen mit oft starken Nebenwirkungen ohne Blick über den Tellerrand hinaus, Entmündigung des Patienten.

 Benedicta meinte in ihrem letzten Kommentar, dass die Gesundheitsreform darauf abziele, die Scharlatane aus der Medizin zu vertreiben. Genau das Gegenteil ist der Fall.

 „Kassenärzte“ bekommen seit Jahren immer weniger für die Versorgung des Einzelnen (ein Neurologe erhielt vor ca. 20 Jahren fast das Doppelte pro Patient wie heute – die Inflation noch nicht mitgerechnet!) und sind deshalb gezwungen immer mehr Patienten in der gleichen Zeit zu behandeln. Die rechtlichen Vorgaben, welche Therapieformen von der „Kasse“ überhaupt noch bezahlt werden werden immer enger und unüberschaubarer und das hat sich mit der aktuellen Gesundheitsreform noch verschärft.

Diese Entwicklungen treiben die Patienten scharenweise in die Hände von „Behandlern“, die außerhalb des Kassenarztsystems, sei  es als Ärzte, Heilpraktiker oder andere „Heiler“ wie Pilze aus dem Boden sprießen. Dabei bieten sie verschiedenste Methoden der „alternativen Medizin“ an. Diese wird als „gute, sanfte und meist nebenwirkungsfreie Medizin“ beworben und auch gut „verkauft“.

Unter dem schönen Begriff „Ganzheitsmedizin“ wird meist ein Gesamtpaket an verschiedensten mehr oder weniger umstrittenen Leistungen angeboten. Da diese meist teuer verkauft werden, haben die Behandler deutlich mehr Zeit für den Einzelnen und können sich diesem besser und intensiver zuwenden. Ein Effekt, der wesentlich zu den teilweise ja nicht bestreitbaren Erfolgen dieser Behandler beiträgt. Man weiß dies mittlerweile aus Untersuchungen zur Komplementärmedizin und zum Placeboeffekt.

 Übersehen wird dabei ein großes Problem: der alternative Heiler muss von seiner Arbeit meist leben und kann es sich deshalb selten leisten, Leute, die ihn aufsuchen abzuweisen. Dies führt dazu, dass die Behandlungsverfahren, die der Betreffende anwendet, meist für ein breites Spektrum von Krankheiten bzw. Symptomen oder Beschwerden für geeignet erklärt werden und teilweise Versprechungen gemacht werden, die dann jeder Seriosität entbehren (s. mein letzter Artikel). Da fängt es dann an, dass Patienten zu Opfern werden und Ganzheitsmedizin zur ganzheitlichen Abzocke wird.

 Ich habe selbst in einem solchen „Zentrum für ganzheitliche Medizin“ für einige Wochen gearbeitet. Bei den monatlichen ärztlichen Besprechungen ging es nie um Verbesserung der medizinischen Versorgung, sondern nur um neue Geschäftsfelder, Möglichkeiten, sich Patienten gegenseitig zuzuweisen, Verbesserung des Marketings etc….

Die Patienten, Privatversicherte oder Selbstzahler, bekamen für eine Behandlung meist Rechnungen zwischen 200 und 600€ und wurden munter quer durchs Haus überwiesen, weil da im ganzheitlichen Sinn, ja noch soviel nicht in Ordnung sei. Fast jeder hatte einen Darmpilz und eine Amalgamvergiftung und selbstverständlich eine blockierte Halswirbelsäule, die an allem Schuld war und die ganz oft „eingerenkt“ werden musste. Einmal „Knick-knack“ ist mehr wert als 20 Minuten Anamnese.

Nachdem ich dann auch noch mehrfach aufgefordert wurde, wenigstens „irgendwas zu spritzen“ oder ein paar Akupunkturnadeln zu setzen, da meine Abrechnungen einfach zu billig seien, habe ich das Haus angewidert nach kurzer Zeit verlassen.

Der ärztliche Leiter war überrascht und gekränkt und belächelte mich mitleidig, als ich erklärte ich möchte lieber in einer „Kassenarztpraxis“ versuchen Schulmedizin und Komplementärmedizin zu vereinen. Wörtlich bezeichnete er es als unverständlich, dass ich mir diese Chance bei ihm zu arbeiten entgehen ließe, da er hier doch quasi eine „Gelddruckmaschine“ betreibe.

Finanziell würde es mir aktuell sicher besser gehen, wenn ich dort geblieben wäre. Ich hätte in meiner Wohnung aber längst alle Spiegel abgehängt.

 Wenn ein Kassenarzt wieder für eine vernünftige, seriöse Medizin anständig bezahlt werden würde, dann kämen viele nicht auf die Idee nebenher – quasi als Bauchladen – irgendwelche Selbstzahlerleistungen von fragwürdiger Qualität anzubieten, um sich über Wasser zu halten. Und die oben beschriebenen „Ganzheitsmediziner“ hätte auch nicht mehr ein so leichtes Spiel mit ihren Opfern.

Die Medien aber dreschen lieber weiter auf die Kassenärzte ein, weil es scheinbar in Mode ist.

P.S.: Gleichzeitig werden durch solche „alternative Behandler“ eigentlich seriöse alternative Verfahren und auch die vielen seriösen Naturheilmediziner in Misskredit gebracht.

Neues aus der Wüste und dem Haifischbecken

Also seit 3 Tagen sitzt der Telefonanschluss wieder. Da beim Gewitter Telefonanlage und DSL-Router vereint dahingeschmolzen sind, bin ich zu Hause immer noch nicht online.

 Ich verschone Euch am Wochenende als wieder mit meinem Gejammer und wünsche allen ein schönes selbiges.

Und lasst Euch nicht von der Zecke stechen !!!

P.S.: 
Ulla Schmidt wurde in einem Interview von der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung als „Langstreckenschwimmerin im Haifischbecken“ bezeichnet. Spricht für den Geschmack der Haifische, dass noch keiner angebissen hat. Hoffe die Langstreckenschwimmerin ist am 27.09. am Ziel und verlässt endlich das Becken.

Alternative Medizin I oder Plan S(chweiz)

Ich stelle mir vor:

am 27.09. sitz ich abends vor der Glotze und warte gebannt auf die erste Hochrechung. Heimlich freue ich mich schon auf die 19% der SPD und die 23% der FDP. Der Sekt ist schon kaltgestellt für die „I survived Ulla“-Party und das passende T-Shirt liegt schon anziehbereit auf dem Bett.

Dann 18:03 die erste Trendmeldung: CDU/CSU 35%, SPD 29%, FDP 9%, Grüne 12%, Linke 8%, …

Dieses Gefühl der Ohnmacht und Enttäuschung kenne ich irgendwoher? Ja, klar: 2005 bei den Wahlen war es auch so. Einen Tag vor der Wahl hatte die SPD laut Umfragen einen Riesenabstand zur Union und dann war es nicht einmal 1%, wenn ich mich recht erinnere.

Ich seh den Steinmaier, -meier, mayer (weiß nich mal, wie man den schreibt), kurz den Frank-Walter verschmitzt in die Kameras grinsen und Angela (gestützt von Bertelsmann-Mohn und Rhön-Guttenberg) mit am Boden schleifenden Mundwinkeln vor die Mikrofone treten.

Steini verkündet sich als Sieger und verbreitet rot-rot-grüne Regierungsträumeund Ulla Schmidt gibt Interviews, wie Sie nun die medizinische Versorgung auf dem Lande in Deutschland mit polnischen, tschechischen und ihretwegen auch indischen Ärzten auf dem jetztigen Top-Niveau halten wird…

… ich schalte die Glotze aus … zerknülle das „I survived Ulla“-T-Shirt und denk nicht mehr an den Sekt in der Kühlung.

… ich blicke meiner Frau in die Augen und wir wissen beide: jetzt muss Plan B oder besser S ran. S wie Schweiz

mein Schweizer Ärztediplom und den Ärzteausweis im Scheckkartenformat habe ich seit Anfang Juni in der Tasche … zur Vorsorge… auch wenn ich damals dachte, wir kriegen das Ruder noch rum…

… jetzt ist das Kärtchen, das mich knapp 1000€ kostete, Gold wert…
… ich bin nicht mehr bereit 4 von 12 Monaten im Jahr kostenlos zu arbeiten…
… ich habe keine Kraft mehr mein Herzblut hier zu verschwenden…
… mein Sohn – gerade eben in ein anderes Gymnasium gewechselt – wird wieder umziehen müssen, sobald ich den Job in der Schweiz sicher habe…

… meine Kontakte sind längst geknüpft…
… auch dort liegt das Geld nicht auf der Straße, aber man kann wieder Arzt sein…
… 10-15 Patienten am Tag in der Praxis und nicht 40-50 wie hier im Hamsterrad…

… wieder das Gefühl: Du bist auch was wert und Deine Arbeit wird geschätzt

… einfach wieder Arztsein mit Kopf, Herz und Händen und nicht mehr zerfressen vom Ärger über die inkompetenten, verlogenen Gesundheitspolitiker dieses Landes und deren leeren Versprechungen…

… etwas schweißverklebt wache ich auf …

…ich sitze in meiner deutschen Praxis … nun verfolgt mich der gesundheitspolitische Mist schon bis in mein kleines Nickerchen in der Mittagspause … es ist schwül draußen … zu schwül für September. Klar, es ist ja auch der 16. Juli !!!

Eine Frage schwirrt mir noch im Kopf herum:

Am 20.07.1969 betrat der erste Mensch den Mond!
Warum nahm er Ulla nicht mit???

… langsam sollte ich zum Arzt gehen. Meine Hand berührt den Schweizer Arztausweis in meiner Tasche, … den gibt es wirklich…

Ein guter Vormittag oder „Wohnen in der Lederhose“

Die Vormittagsschicht im Hamsterrad (Praxis) ist um. Und heute war ein guter Tag. Gestern war ich ja nach 3 Wochen wieder richtig Joggen, wenn man mein Geschleiche überhaupt noch Joggen nennen kann. Zur Motivation zieh ich mir manchmal Fußballtrikots über. Kennt Ihr auch diesen Uniformeffekt? Man fühlt sich dann fast wie der Fußballstar beim Warmlaufen und es läuft sich gleich viel leichter. Ja auch Ärzte behalten das Kind im Mann! Gestern hatte ich ein Trainingsshirt der Squadra azzurra (für alle Nicht-Bayern: der Italiener) an. Die war zuletzt ja auch nicht gerade besonders erfolgreich, vielleicht war ich deshalb so lahm. Jedenfalls hab ich heute schwere Beine, als hätte ich echt ein volles Spiel gespielt – kennt Ihr sicher auch das Gefühl, als hätte man wirklich Fußballerbeine.

Heute früh lief es dann erfreulich in der Praxis. Meine jüngste Hirntumor-Patientin ist stabil, bessert sich sogar und der Tumor scheint momentan nicht zu wachsen bzw. gut auf die Bestrahlung zu reagieren. Sie ist 24 (!) und immer wenn sie länger nicht kommt (zuletzt ein halbes Jahr!) mach ich mir schon ziemlich Sorgen. Aber ich kann verstehen, dass sie manchmal die Schnauze voll von Ärzten hat. Die eigenen Probleme werden dann schon winzig, wenn man es so betrachtet.

Dann hatte ich noch richtig Spaß mit einem Ur-Bayern in ner schicken kurzen Lederhose. Meines Erachtens die einzige Art für Männer kurz zu tragen, ohne sich lächerlich zu machen. Zumindest als Bayer. Sein Zitat:

„Eine Lederhose hat man nicht an, in der wohnt man!!!“

Ein guter Vormittag und ich lass‘ heut nix Mieses mehr an mich ran.
Aber keine Angst: Morgen jammere ich schon wieder weiter.

Stunde der Abrechnung – Dr. Geldgier in seinem Element!

Neues Quartal. Endlich wieder das Gefühl, dass das was man arbeitet auch „etwas“ wert ist, wenn auch nicht viel.

Aber gleichzeitig die Last der Abrechnung. Wir Ärzte müssen ja innerhalb von 10 Tagen die Abrechnung für die Kassenpatienten bei der KV (Kassenärztlichen Vereinigung) einreichen.
Das heisst jedes Mal einige Abende (oder eine Nacht durch) nochmal sämtliche Patientenakten durchsehen und daraufhin prüfen, ob alle Untersuchungen, die erbracht wurden, auch wirklich dokumentiert sind, nix zuviel „geziffert“ ist etc… Bisher war das auch sinnvoll, denn 10 vergessene Ultraschalluntersuchungen machten dann schnell mal um die 500€ aus.
Im Eifer des Alltagsgefechts geht da schon gern mal was unter.

Aber seit 01.01.09 ist das ziemlich sinnlos. Wir habe ja unser „RLV“ (also Regelleistungsvolumen), quasi die all-inclusive-flatrate fürs Quartal. Ich habe es mir gerade angesehen: schon jetzt bin ich 528 402 Punkte über dem RLV. Das heißt konkret: bei einem Punktwert von 3,5Cent wären das 18494€ Einkommen, wenn man nach unserer neuen Euro-Gebührenordnung rechnet, die Ulla Schmidt so angepriesen hat!

Aber da ich böser Kassenarzt diese 528 402 Punke gar nicht hätte erbringen dürfen, das ist nämlich übermäßige Ausdehnung meiner Tätigkeit (ich würde es Gründlichkeit nennen), bekomme ich ca. 90% Abschlag, d.h. anstatt ca. 18 500 €, wahrscheinlich nunr 1850€. Definitiv wissen werde ich dies allerdings erst Ende November, wenn die Abrechnung vorliegt (soviel zur Planungssicherheit).

Umgerechnet habe ich also ca. 270 Patienten für 4,36€ pro Patient behandelt. Also sämtliche Patienten die ich im Juni behandelt habe !!! (für die anderen bekam ich 43,60€ pro Patient)
Glaubt Ihr wirklich, dafür kann man auf Dauer Qualität bieten?

Ich geh‘ jetzt mal Joggen und werde mir überlegen, ob ich diesen Blog noch weiterschreibe. Wenn ich mir nämlich bei der Vorbereitung für meine Artikel die Fakten so deutlich vor Augen führe, dann wird der Frust nur noch schlimmer.

Schlimmer als dieser Witzlohn, den man von der Kasse erhält ist aber die Tatsache, dass sich dies hunderttausende von Ärzten und vor allem Patienten immer noch relativ stillschweigend und tatenlos bieten lassen. Und wenn sich mal eine Gruppe von Ärzten zusammenschließt und durch Protestaktionen auf die Misere aufmerksam macht, dann heisst es gleich wieder:

„Dr. Nimmersatt nimmt die Patienten in Geiselhaft“

Zu spät – manchmal gibt es keine 2. Chance

Ich hab’s verbockt.

Vor 3 Wochen rief mich eine Ehefrau eines langjährigen Patienten an. Schwere Demenz, mittlerweile nicht mehr gehfähig, rund um die Uhr auf Pflege angwiesen. Eine ursächliche Behandlung gab es nie, ich konnte immer nur Symptome lindern und begleiten.

Manchmal ist Begleiten das Einzige was wir tun können, aber es ist so wichtig. Der Patient und vor allem die Ehefrau haben dies auch sehr geschätzt, uns zu jedem Feiertag (Ostern, Weihnachten, …) auch immer eine nette Karte mit lieben Worten geschickt und sich für die Behandlung bedankt. Solche Dinge machen unseren Beruf wichtig und schön.

Nun rief mich die Ehefrau wie gesagt vor 3 Wochen an  und bat um einen Hausbesuch, da der Mann nicht mehr aus dem Bett kam. Sie wußte auch, dass ich medizinisch nichts tun konnte, was der Hausarzt nicht schon tat. Aber es war ihr wichtig, das spürte ich. Mein Terminkalender war in den letzten Tagen vor der Pfingsturlaubswoche total überfüllt. Ich wußte nicht mehr, wann ich es machen sollte und nahm mir deshalb vor, in meiner Dienstwoche diesen Besuch zu machen. Der Patient wohnte fast 15km weg und für einen Facharzt sind Besuche in dieser Entfernung eigentlich nicht üblich, aber in diesem speziellen „Fall“ zählte das nicht.

Als ich vor wenigen Tagen das Kuvert mit dem Trauerrand in meinem Postfach fand, da wußte ich es sofort: Herr K. ist verstorben und ich hab es nicht mehr geschafft mit dem Besuch. Ich habs verbockt. Ich fühlte mich schäbig.

Hab ich den Besuch immer wieder auch deshalb hinausgeschoben, weil ich genau wußte, dass ich keinen Cent mehr dafür bekomme? (Laut Ulla Schmidt wäre das nämlich „übermäßige Ausdehnung der Vertragsärztlichen Tätigkeit über das notwendige Maß hinaus“)

Hab ich den Besuch hinausgeschoben, weil es betriebswirtschaftlicher Wahnsinn gewesen wäre, ca. 1,5 Stunden zu arbeiten für Gottes Lohn?

Ich möchte sagen, nein, bestimmt nicht. Aber wenn man seine eigenen Reserven schwinden sieht, seine Existenz bedroht sieht, die Familie zu streiken beginnt, weil man nicht mehr zu Hause ist, dann beeinflusst das auch unser Handeln und sei es unterbewußt.

Es ist eben nicht alles meßbar, dokumentierbar und beweisbar in dieser Welt.

Aber verbockt hab ich es trotzdem.