Posts Tagged ‘Praxis’

Supergau Teil 2 oder Bist du blöd?

Ein Kollege, mit dem ich mal in der Klinik zusammen arbeitete zum Thema Ultraschall:

„Habe die alte Maschine von meinem Vorgänger übernommen, mache das sowieso nicht oft. Bin froh, dass ich mir nie ein neues Gerät angeschafft habe. Kostet nur unnötig Zeit und die Patienten würdigen es eh nicht. So schaffe ich es, pro Quartal viel mehr Patienten durch zu kriegen, derzeit so 1400. Dadurch, dass man pro Patient eh nur quasi eine feste Pauschale bekommt, hab ich richtig viel mehr Geld als vor der Reform. Mir geht’s gut, weiß gar nicht warum sich manche so aufregen“

Als Neurologe braucht man eigentlich vor allem eines für seine Patienten: Zeit. Aber natürlich kann man es auch anders machen. Ich bin bei 900 Patienten eigentlich an der Grenze des Vertretbaren, sowohl was meine eigene Gesundheit, als auch die Qualität meiner Arbeit anbelangt. Unser Berufsverbandsvorsitzender nannte auch 800-900 Patienten als Zahl, die man noch vernünftig versorgen könne.

Aber unser perverses System belohnt die Fließband-husch-husch-Medizin. Kein Wunder, dass dieser Art von Medizin immer mehr die Patienten weglaufen, die sich dann in die Arme der Scharlatane begeben, die wenigstens Zeit haben (bei guter Bezahlung).

 

 

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Fahnen in der Praxis

Gestern, trotz deutscher Niederlage gleich zwei Leute mit Fahne in der Praxis.

Ich traute mich aber nicht zu fragen, warum sie so früh am Morgen schon Alkohol zu sich genommen haben.

Die WM-Deko der Praxis mit viel „schwarz-rot-gold“ und verschiedensten Fan-Artikeln werden wir übrigens erst am Montag abräumen.

Der deutschen Nationalmannschaft sei Dank für die Ablenkung mit der schönsten Nebensache der Welt. Man hätte beinah nicht bemerkt, dass das gesundheitspolitische Chaos ungehindert seinen Lauf nimmt und ein Wahlbetrug nach dem anderen begangen wird.

Man muss auch „nein“ sagen können

Heute früh am Telefon:

Frau S. „Firma XYZ, wir führen eine Studie zum Thema Parkinson und Restless Legs durch und würden Sie gerne für die Teilnahme gewinnen.“

Dr. G.: „Was ist das für eine Studie?“

Frau S.: „Eine telefonische Befragung.“

Dr. G.:“Wie lange?“

Frau S. (mit süßlicher Stimme): „Es würde etwa 20 min dauern, als kleines „incentive“ könnte ich Ihnen hierfür 35€ anbieten.“

Dr. G.: „Ich bin an telefonischen Befragungen generell nicht interessiert.“

Frau S. (noch süßlicher): „Wir können uns gerne zeitlich auf Sie einrichten. Sagen Sie mir, wann Sie zwischen 9 und 21 Uhr könnten.“

Dr. G.: „Überhaupt nicht, weil ich das nicht mache.“

Frau S. (fast schon lasziv): „Herr Dr. G., ich habe jetzt so auf Sie gehofft ….“

Dr. G.: „Tut mir leid Sie da enttäuschen zu müssen, viel Erfolg anderweitig und schönen Tag noch….“ (aufgelegt)

Manchmal denk ich mir: es gibt doch noch beschi..enere Jobs als den meinen !

Der Regress-Wahnsinn – „Freitod“ eines Arztes

Es ist nicht schön, gerade an Weihnachten solche Meldungen lesen zu müssen, aber für solche Meldungen gibt es nie die „richtige“ Zeit.

660 000 € Rückforderungen für die letzten 15 Jahre
Vor wenigen Tagen beging ein niedersächsischer Kollege Selbstmord. Offensichtlich vor allem aus Verzweiflung darüber, dass die Kassenärztliche Vereinigung Regressforderungen in Höhe von 660 000€ wegen angeblicher Unregelmäßigkeiten an ihn stellte.

Nach zweieinhalb Jahren unter dem Damoklesschwert war es einfach zuviel
Wie das Harburger Abendblatt berichtete, waren die Ermittlungen gegen den Kollegen bereits im Juli 2007 (!) aufgenommen worden. Das entsprechende Gerichtsverfahren war aber noch nicht einmal eröffnet. Könnt Ihr Euch das vorstellen? Fast 2,5 Jahre mit diesem Damoklesschwert von 660 000€ zu leben? Das muss unerträglich sein und ich muss mich fragen, ob ich persönlich überhaupt so lange durchgehalten hätte.

Was muss noch passieren?
Wann hört es endlich auf, dass Ärzte die Therapie ihrer Patienten Jahre später selbst bezahlen oder gar mit dem eigenen Leben bezahlen sollen?

Wie pervers geht dieses Land mit unserem Berufsstand um?
Wirft sich ein beliebter Fußballer vor den Zug, dann wird im Fußballstadion quasi ein Staatsbegräbnis für die Witwe zelebriert. Rasch wird diskutiert, dass ein Platz nach ihm benannt werden soll.
Beendet ein angesehener Arzt, durch absurde Regressdrohungen in die Auswegslosigkeit getrieben, aus Verzweiflung sein Leben, dann beabsichtigt die Kassenärztliche Vereinigung gnadenlos bei  der Witwe das Geld einzutreiben. Dabei steht weiterhin noch nicht fest, ob die Rückzahlung überhaupt rechtens ist.

Die Kassenärztliche Vereinigung zeigt ihr wahres Gesicht
Die Politik gaukelt uns immer vor, dass die Kassenärztliche Vertretung, sowas wie die Interessensvertretung der Ärzte sei. Anhand dieses tragischen Falls sollte eigentlich dem Letzten klar geworden sein, dass die KV als Körperschaft des öffentlichen Rechts nur der verlängerte Arm der Regierung als Aufsichtsbehörde bzw. der Krankenkassen ist.

In tiefer Trauer um diesen Kollegen und seine Familie.

Dr. G.

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P.S.: Sorry, wenn es so gar nicht zu Weihnachten passt – ich hatte eigentlich einen lustigen Artikel vor.

Der Markt wird verteilt – die Großinvestoren schlagen zu

Die Lauterbach-Vision – der Markt der niedergelassenen Fachärzte werde 2009/2010 unter Großkonzernen und -investoren verteilt – nimmt weiter seinen Lauf.
Wie ja immer wieder betont wird, ist ja mehr Geld im System für niedergelassene Ärzte, nur kommt es vor allem bei denen an, die eh schon im Geld schwimmen. Zum Beispiel bei Laborärzten. Die Honorierung derselben ist deutlich gestiegen (wie hierdurch die Patientenversorgungsqualität verbessert werden soll ist unklar).

DEN Laborarzt gibt es schon lange nicht mehr. Es sind riesige Zusammenschlüsse von MVZs mit Großkonzerncharakter. Dass hier unglaublicher Profit zu machen ist, das riechen nun auch Großinvestoren der Finanzbranche, selbst aus dem Ausland. Aktuelles Beispiel: Labordienstleister SYNLAB aus Augsburg. Der europäische Finanzinvestor BC Partners kauft 40% der Gesellschafteranteile. Über den Kaufpreis wurde geschwiegen, in Finanzkreisen werden ca. 500 Millionen (!) Euro vermutet.

Dieses Beispiel zeigt: es ist nicht zu wenig Geld im System – das Problem ist die gegenwärtig Verteilung, die eindeutig dazu antreibt, dass der Gesundheitsmarkt wie jeder andere Markt rein ökonomisch betrachtet und behandelt wird. Gewinnmaximierung bei maximaler Kostensenkung der Versorgung, das ist das Ziel der Gesellschafter und Aktionäre. Der Patient, seine Leiden, Bedürfnisse und sein persönliches Schicksal haben darin keinen Platz mehr. Er ist nur noch eine cash-cow, ein gewinnbringender Kunde zum Melken.

Mich hat die Firma Synlab übrigens auch persönlich in einem Schreiben über den Coup informiert und dabei beschwichtigend u.a. auch „Altersgründe“ für den Einstieg eines Investors angegeben.

Übrigens breitet sich Synlab weit über die Labormedizin hinaus aus. Ein Gynäkologe arbeitet bereits als Angestellter in einer Praxis für Synlab.

Das ist die Entwicklung, die auch Renate Hartwig  auf die Barrikaden treibt. Wehren wir uns auch nach den Wahlen weiter gegen diesen Wahnsinn, der in anderen Kreisen (s. Bankenkrise) schon zum Kollaps geführt hat.

Ich bekenne: ich mache Zweiklassenmedizin

Zweiklassenmedizin original aus meiner Praxis:

Patient 1: Markus K.*: 54 J., privatversichert
Patient 2: Ludwig L.*: 43 J., gesetzlich versichert

Diagnose bei beiden: CLUSTERKOPFSCHMERZ
Das ist eine seltenere Kopfschmerzerkrankung, die hauptsächlich Männer jüngeren Alters betrifft. Dabei kommt es zu oft nachts einsetzenden, heftigen einseitig-bohrenden Kopfschmerzen meist hinter dem Auge, begleitet von Gesichtsrötung, Tränen-/Nasenfluss, Bewegungsunruhe. Die Attacken dauern zwischen 30 und 180min, allerdings können mehrere Attacken pro Tag auftreten. Typischerweise kommt es zu Phasen mit praktisch täglichen Attacken über einige Wochen (engl. „cluster“ = Haufen), untrebrochen von oft mehrmonatigen anfallsfreien Intervallen. Bei der chron. Form gibt es diese kopfschmerzfreien Intervalle leider nicht mehr.

Der Privatpatient: Schlimmer Verlauf – gute Behandlung:
Markus K.
ist seit fast 5 Jahren mein Patient. Anfangs war seine Erkrankung nicht richtig erkannt worden (kommt oft vor, weil sie selten ist und selbst mancher Neurologe sie nicht kennt). Die Attacken werden erfolgreich mit einem sehr teuren Migränemittel, das innerhalb von 10-15min wirkt, behandelt. Zur Vorbeugung wurde Verapamil verordnet, eine Substanz aus der Kardiologie, die bewiesen hat, dass sie bei Clusterkopfschmerz gut hilft und deshalb auch in den wissenschaftlichen Leitlinien als Mittel der ersten Wahl genannt wird. Herr K. spricht auf übliche Dosen nur schlecht an. Erst auf sehr hohe Dosen (das 5-fache der üblichen) werden die Attacken seltener, aber verschwinden nicht. Herr K. hat leider die schwere chronische Form. Durch Akupunktur kann in Phasen von mehrmals täglich auftretenden Attacken Linderung erreicht werden. In Kooperation mit der Kopfschmerzambulanz einer Uni-Klinik wird dann zusätzlich zu Verapamil mit Botulinum-Toxin-Injektionen begkonnen. Hierunter wird erfreuliche Stabilität erreicht. In 3-monatigen Abständen erhält Markus K. seine Injektionen, die von der Privatversicherung (das Med. kostet pro Injektion allein ca. 250€) genehmigt wurden.
Seit gut 3 Jahren ist die Krankheit bei Herrn K. „im Griff“. Dank Verapamil und Botulinumtoxin, unterstützt durch Akupunktur und manchmal auch Krankengymanstik kommt es nur selten zu Schmerzattacken. Herr K. macht regelmäßig Urlaub in fernen Ländern, trotz seiner Erkrankung. Er hat das Glück privat versichert zu sein als Beamter.

Der „Kassenpatient“: die Katastrophe
Ludwig L. hat schon seit 10 J. Clusterkopfschmerzen. Er „lief“ jahrlang unter Migräne und „psychisch“ und stellte die Diagnose schließlich vor 3 Jahren selbst anhand von Internet-Recherchen. Die Migräne-Mittel (Triptane), die die Attacken lindern würden, wurden nicht verordnet, weil die Krankenkasse bei fehlender Zulassung die Kostenübernahme verweigerte. Im Internet las Ludwig L., dass in Attackenphasen Kortison sehr gut helfe (das stimmt auch), so dass er sich immer wieder dieses besorgte und zum Teil (nicht lege artis) über Wochen selbst verabreichte. Gott sei Dank hat Herr L. immer wieder längere kopfschmerzfreie Phasen. Als er zu mir kam, war eines der Migränemittel mittlerweile glücklicherweise schon für Cluster-Attacken zugelassen, so dass ich es ihm verordnen konnte (auch wenn ich bei zu häufiger Verordnung riskiere in „Regress“ genommen zu werden – sprich: das Medikament selbst bezahlen muss). Zur Prophylaxe begann ich mit Verapamil wie bei Markus K. auch. Es half relativ rasch super. Aber seine Krankenkasse verweigerte die Kostenübernahme, da das Mittel für Cluster-Kopfschmerzen nicht zugelassen sei und die Erkrankung „nicht lebensbedrohlich“ sei. Trotz mehrfacher Schreiben meinerseits kein Einlenken der Kasse, obwohl die Monatstherapie ca. 30€ kostet. Herr L. war daraufhin 2 Jahre nicht mehr in meiner Praxis erschienen. Aus Kostengründen hatte er es hingenommen, mehrmals pro Jahr schwerste Kopfschmerzphasen zu haben, bei denen er zum Teil auch an Selbstmord dachte. Er hat sich immer wieder mit Kortison selbst behandelt. Als er wieder kam, war er ca. 15 Kilo schwerer und klagte schon über chronische Magenschmerzen. Er bezahlt sich nun Verapamil selbst, Akupunktur kann er sich zusätzlich nicht leisten, Botulinumtoxin schon gleich gar nicht.

Ja, wir machen Zweiklassenmedizin, aber gezwungenermaßen !!!

Die hoffentlich-nur-noch-wenige-Tage-Bundesgesundheits-ministerin wirft uns Ärzten immer wieder vor,  Zweiklassenmedizin zu betreiben und führt die längeren Wartezeiten auf einen Termin zum Beweis an. Sowohl Herr L., als auch Herr K. erhalten in meiner Praxis bei akuten Schmerzen jederzeit sofort einen Termin. Die wirkliche Zweiklassenmedizin (s.o.) ist doch durch unsinnige Gesetze  mit Budgetierungen, Eingriffen in die Therapiefreiheit des Arztes etc.  politisch so gewollt. Durch Einführung der Bürgerversicherung möchte die SPD nun die  Zerstörung der privaten Krankenversicherung vorantreiben.

Die SPD möchte also, dass nicht alle gleich gut, sondern alle gleich schlecht behandelt werden!
Dann wird Herr K. genauso wie Herr L. sein Verapamil selbst bezahlen müsssen und auch auf Botulinumtoxin, Akupunktur etc. verzichten müssen.
Da er die chronische Form der Erkrankung hat, wird es ihm vielleicht dann ergehen, wie es früher, vor Einführung wirksamer Schmerzmittel, vielen Clusterkopfschmerzpatienten erging: sie brachten sich um.

Die Diskussion um Wartezeiten auf Termine geht am Problem komplett vorbei.

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*Namen von der Redaktion geändert

Alltag – Du hast mich wieder

Nach zwei Wochen Abstand nun heute wieder grauer Alltag, begleitet von grau-grauem Wetter mit Dauerregen.

Dazu dann noch die Post von der Kassenärztlichen Vereinigung: Darin wird erklärt, dass die Abrechnung für unser „Honorar“ des 1. Quartals 2009 zwar im Prinzip fertig sei und deshalb eventuelle Nachzahlungen erfolgt seien. Gleichzeitig wird jedoch darauf hingewiesen, dass sich das Schiedsamt am 09.09.09 nicht entscheiden konnte, ob diese Abrechnungen im Nachhinein nicht noch „bereinigt“ werden könnten. Konkret heisst das, dass wir Ärzte damit rechnen müssen in Folge einer „Bereinigung“ (klingt fast nach Endlösung) wieder Geld zurück zahlen zu müssen. Das Schiedsamt wird hierzu nicht vor Ende September entscheiden. Komisch, dass dann die Wahl gelaufen ist, nicht wahr?

Da hab ich wieder Ulla Schmidts Lobgesang auf ihre Gesundheitsreform im Ohr, durch die die Ärzte endlich auf Euro und Cent schon am Tag der Erbringung der Leistung wüßten, was sie verdienten.

Hallo??? Ich weiß Ende September noch nicht, was ich im Januar 09 verdient habe und ob ich das Geld, das mir die KV in 5 Chargen bisher überwiesen hat, überhaupt behalten darf. DANKE, DANKE liebe Ulla!

Der Erholungseffekt der letzten beiden Wochen ist schon am ersten Abend passè, aber nicht durch die 12 Stunden Arbeit sondern durch die verlogene Politik.