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Qualitätsmanagement – Theorie und Praxis

Was zählt ist die Praxis
Im letzten Artikel habe ich ja eine kleine QM-Debatte vom Zaun gebrochen und bei manchem scheint der Eindruck zu entstehen, Ärzte wehrten sich dagegen Qualität zu beweisen. Um das geht es aber bei all dem QM-Thema gar nicht. Denn ein QM-System kann noch so perfekt auf dem Papier aussehen, wenn es in der Praxis nicht umgesetzt wird, ist es wertlos.

Bestes Beispiel: neulich mein Rasenmäherkauf
Ich war in 4 verschiedenen Baumärkten. Entweder stand ich minutenlang alleine in der Rasenmäherabteilung herum oder ich wurde derart inkompetent „beraten“, dass ich schnell die Flucht ergriff. Beim Lehrling habe ich ja noch Verständnis, aber wenn ein Mitarbeiter 40+ mir lediglich völlig unmotiviert die Daten des Ausstellungsschildes herunterliest, dann ist das ein Armutszeugnis. Beantwortung spezieller Fragen? Fehlanzeige!

Was sehnte ich mich nach jenem Werkzeugladen zurück, bei dem man jede Schraube und jedes Werkzeug einzeln kaufen konnte und bei dem man immer persönlich beraten wurde. Da hing zwar keine Qualitätsurkunde im Geschäftsraum (wie heute in praktisch jeder dieser Baumarktketten), aber man hat nach EINEM Satz die Qualität der Beratung und des Ladens gefühlt.

Und genauso ist es in der Regel mit der ärztlichen Tätigkeit im Praxisalltag. Das kann nicht in QM-Ordner-Formate gepresst werden.

Jener Werkzeugladen in meiner Kleinstadt hat letztes Jahr übrigens die Pforten geschlossen. Pleite. Jetzt regiert dort auch die Baumarktketten-Qualität.

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Heimliche Staatsmedizin: Maßregelung der „Leistungerbringer“ auf immer perfidere Art

Aus dem vermeintlichen Urlaubs-Off – in Wirklichkeit lerne ich täglich bis spätabends um meine 2. Facharztprüfung zu bestehen und wenigstens kurzfristig zu bestehen – kann ich leider nicht umhin so manche Email aktiver Kolleginnen und Kollegen aus dem Widerstand des Untergrunds zu lesen. So wie letzte Woche die Email des Neurologen-Kollegen, der sich mit Lungenentzündung durch den Praxisalltag rettet und völlig verzweifelt über die „Re-Re-Re-Reform“ vom 01.7.10 ist (ich berichtete).

Und wieder ein neues Folterinstrument
Und da ist auch wieder was dabei, was auch mir wieder echt jegliche Lust auf Deutschland nimmt.

Ein versierter Rechtsanwalt würdigt einen aktuellen politischen Beschluss zu „einrichtungs- und sektorenübergreifenden Maßnahmen der Qualitätssicherung“ in unserem Gesundheitssystem. Nicht nur er fühlt sich an grausam Zeiten von Ost-Diktaturen erinnert.

Raus, raus, raus aus Deutschland
Leute, reicht es Euch immer noch nicht Ärzte durch Arzneimittelregresse, Heimittelverordnungsregresse, Patientenzahlbudget, Fallwerte, Regelleistungsvolumina, Zeitbudgets, Zwangsfortbildungen, … zu drangsalieren und zum Teil existentiell zu vernichten bzw. in den Suizid zu treiben?

Muss jetzt noch die unter dem Deckmäntelchen der „Qualitätssicherung“ die nächste Keule ausgepackt werden?

Die Formulierug „einrichtungs- und sektorenübergreifend“ läßt vermuten, dass die Anforderungen letztlich irgendwann nur noch von Großkonzernen mit ganzen QM-Abteilungen (wahrscheinlich mit mehr QM-Fuzzis als Ärzten) erfüllt werden können, um die heute noch in ihren kleinen Einzel- oder Gemeinschaftspraxen selbständig vor sich hin arbeitenden Ärzte – pardon „Leistungserbringer“ – an die Wand zu drücken..

Ich bin Arzt, Arzt, Arzt und nicht Leistungserbringer!!! Und früher oder später muss ich mir ein Land suchen, das Ärzte haben will und nicht ferngesteuerte, verängstigte, obrigkeitshörige Leistungserbringer.

Wer mal wieder wissen möchte, was Ärzte eigentlich gelernt haben und warum sie Arzt geworden sind, der sollte mal bei Anna einen der letzten Artikel lesen. Solche Ärzte wollt Ihr da draußen doch, wenn es brennt und nicht einen qualitätsgeschniegelten Paragraphenreiter, der Euch nicht mehr anrührt im Notfall, weil er die juristischen Konsequenzen fürchtet.

P.S.:
Telefonat mit einem Kollegen letzten Sonntag. Seine Tochter ist mit dem Medizinstudium in Deutschland fertig und hat ihren Job in Boston fix. Danke Deutschland für die Ausbildung und Tschüss!
Aber laut deutscher Statistik gibt es keinen Ärztemangel, weil ja für flüchtige, geldgeile Deutsche immer mehr Osteuropäer oder andere Ausländer kommen werden (Spargelstechen geht ja nur im Frühjahr).

Stürmische Zeiten – Qualitätsmanagement in der Praxis

Gerade eben in der Praxis:

Ich: „Wann war das mit der Operation genau?“

Patientin: „Ja da im Januar“

Ich: „Also heuer im Januar“

Patient: „Nein da bei dem Sturm“

Ich: „Bei welchem Sturm“

Patient: „Ja da, in dem Jahr, da wo der furchtbare Sturm im Januar war“

Ich bin immer wieder für diese exakten Angaben dankbar und werde mein Defizit zu beheben versuchen, indem ich mir alle Stürme, Tsunamis, Erdbeben und sonstigen Naturkatastrophen in meinen Praxisterminkalender im PC eintrage. Hätt‘ ich aber auch früher dran denken können. Aber ob ich in dem „Jahr mit dem Januarsturm“ überhaupt schon auf der Welt war?

„Auszongne“ und Qualitätsbrezeln – zwei Welten treffen aufeinander

Neulich in der Praxis:

Eine treue Schmerzpatientin, die schon fast fünf Jahre immer wieder in die Behandlung kommt, rettete unseren Tag:
Sie ließ durch ihre Tochter ein Tablett voller „Auszogner“ bringen. Im Hochdeutschen wären das „Augezogene“. Wer Schlimmes dabei denkt, wird bei seiner Google-Suche enttäuschender Weise nicht auf „Schweineseiten“ gelangen, sondern auf Kochrezepte zu „Bauernkrapfen“, einem Schmalzgebäck aus Hefeteig.

Und wenn die so frisch von Frau K* (Name von der Redaktion geändert) gefertigten Auszongnen in die Praxis kommen, dann entsteht ein ganz anderes Arbeitklima. Der Duft der frisch mit Puderzucker bestreuten Kalorienbomben füllt die Zimmer und ich freue mich ständig auf meine leckere Zwischenmahlzeit.

Frau K. ist chronisch krank, ihre Gelenke sind verschlissen und zur Zeit liegen aufgrund privater Sorgen auch noch die Nerven blank, so dass sie zuletzt tief depressiv und verzweifelt war. Die Behandung ist schwierig, ich kann nicht heilen, nur lindern, aber vor allem begleiten.

Sie wird natürlich nach allen Regeln („Leitlinien“) der Kunst behandelt, aber das wichtigste für Frau K. ist, dass sie sich hier als Mensch, als Individuum wahr und ernst genommen fühlt. Sie schätzt schon die persönliche Begrüßung durch die Praxisassistentin am Telefon, freut sich auf die kleinen Plaudereien am Empfang und ich denke auch, dass sie sich “ richtig gut aufgehoben“ fühlt. Denn das äußert sie auch schon mal.

Und sie möchte mit Ihren Naschereien etwas von diesem erhaltenen Glück zurückgeben. Das gelingt ihr auch vortrefflich.

Warum ich Euch das erzähle?
Natürlich auch, damit Ihr seht, was ich für ein toller Arzt bin 😉 , aber vor allem deshalb, weil man daran sieht, dass der Faktor Menschlichkeit, den entscheidenden Unterschied macht. Den entscheidenden Unterschied zu allen anderen Bereichen des Wirtschaftslebens.

Alle Versuche das Gesundheitssystem zu „optimieren“ und tausdenfach um zu strukturieren, v.a. nach ökonomischen Gesichtspunkten, werden scheitern, weil dieser „Faktor Menschlichkeit“ unberücksichtigt bleibt. Er ist nämlich auch nicht zu messen und in Qualitätsschablonen zu pressen.

Dr. A. Munte, Chef der Kassenärztlichen Vereinigung in Bayern, sagte auf einem Symposium im November 2008 in Hamburg wörtlich:
„Wir haben 200 Jungakademiker eingestellt, um Qualitätsprogramme zu entwickeln, die wir jetzt wie Brezenbacken machen können.  …  wer besser (unter den Ärzten – Anm. d. Redaktion) ist kriegt mehr und derjenige der schlechter ist zahlt den anderen das Geld, die mehr bekommen. Das heißt für die Kasse ist das kostenneutral wir nehmen bloß den Schlechten das Geld weg und gebens den Guten.“
(Quelle: http://www.iv-hh.de/iv-2008/video.php?VideoName=selektivvertraege)

Während ich genüßlich meine dritte Auszogne an jenem Tag verzehrte, wollte ich dem lieben Kollegen Munte am liebsten zurufen: Wie möchtest Du denn die Qualität meiner Arbeit bei Frau K. messen? Meinetwegen kann man Blutdurckwerte, Blutzuckerwerte, etc. … messen. Aber wie möchtest Du messen, wie gut  Frau K. wirklich versorgt wird? Kein Fragebogen der Welt wird dies wirklich abbilden können. Aber die Aussage von Herrn Dr. Munte zeigt letztlich, dass es auch darum nicht geht. Es geht nicht um den Patienten als Menschen. Es geht darum, enorme Geldmengen zu verschieben, hin zu denjenigen, die sich TÜV-Zertifikate in die Praxis hängen, weil in einem verstaubten Ordner hinter der Anmeldung genau geschrieben steht, wie oft die Eingangstür poliert wird, wo die Feuerlöscher stehen, und wie oft im Jahr „Strategiesitzungen“ stattzufinden haben. Denn das sind die Inhalte der „Qualitätsbrezeln“. Aber was glaubt Ihr wie egal das Frau K. ist?

Also mir schmeckt die Auszongne von Frau K. tausend mal besser als die Qualitätsbrezeln von Herrn Dr. M., denn DIE ist echte Qualitätsarbeit. Aber, vielleicht sollte ich ein paar davon einfrieren, denn die Qualitätsbrezel-Bäcker scheinen in der Übermacht.

P.S.: die „200 Jungakademiker“ der KV Bayerns werden übrigens vom Ärztehonorartopf bezahlt. Wir Ärzte zahlen damit unsere eigenen Henker.