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Zweiklassenmedizin – Teil 2 ODER Lebe Deinen Traum!

Am Freitag im Altenheim.

Wilde Träume
Dringender Besuch, weil Frau S.*, eine Patientin mit langjähriger Parkinson-Krankheit im Schlaf sehr unruhig sei. Sie wälze sich im Bett umher, strample, sei schon eimal aus dem Bett gefallen. Dabei spreche sie auch oft laut im Schlaf, manchmal schreie sie auch.

Frau S. kenne ich seit fast 10 Jahren, ich hatte sie damals schon im Krankenhaus behandelt. Sie selbst schildert, dass sie von all ihren „Aktivitäten“ nachts nichts mitbekomme. Aber es sei ihr furchtbar peinlich, weil die Zimmernachbarin schon sehr genervt sei.

Diagnose klar
Medizinisch ist das einfach: Frau S. leidet an einer sogenannten REM-Schlaf-Verhaltensstörung. Es ist ja für uns alle normal, dass wir im Traum Sprechen, Laufen, Gestikulieren. Normalerweise sorgt aber quasi ein „Sperr-Riegel“ im Gehirn dafür, dass wir nicht all das wirklich tun, was wir gerade im Traum erleben. So liegen wir also auch im Traum normalerweise relativ ruhig im Bett, nur unsere Augen bewegen sich wild umher (deshalb REM-Schlaf (Rapid Eye Movement)). Bei Parkinson und einigen anderen degenerativen Hirnerkrankungen kommt es oft schon recht früh dazu, dass dieser „Sperr-Riegel“ defekt ist und die Betreffenden deshalb ihre Träume ausleben. Das führt zu diesen unruhigen Nächten bei denen die Patienten dann schon mal aus dem Bett fallen oder umherlaufen, was zum Teil auch zu erheblichen Verletzungen (auch bei Bettnachbarn) führt.

Wo ist dann das Problem?
REM-Schlaf-Verhaltensstörungen sind zwar nicht so selten, aber oft unerkannt. Es gibt ein sehr wirksames Medikament: Clonazepam (ein Verwandtes des Valiums (R)).
Clonazepam ist aber schon seit vielen Jahren auf dem Markt und deshalb billig. Es ist eigentlich als Mittel gegen epileptische Anfälle zugelassen. Keine Pharma-Firma der Welt würde nun eine aufwändige Zulassungsstudie und ein aufwändiges Zulassungsverfahren für Clonazepam bei REM-Schlafverhaltensstörungen in Gang setzen, weil man damit kein Geld mehr verdienen kann.

In Deutschland darf man bei Kassenpatienten Medikamente aber nur für das verordnen, für das sie zugelassen sind.

Ich stand also am Freitag wieder mal – wie fast täglich – vor der off-label-Gewissensfrage:

1) Clonazepam verordnen und riskieren, dass ich in 2 Jahren ein Schreiben von der Kassse erhalte, dass  sämtliche Rezepte von mir selbst zu bezahlen sind, weil es sich um off-label-use … bla bla handelt … etc. …

2) Bei der Kasse für die Pat. beantragen, dass Clonazepam im off-label-use bezahlt wird. Habe hier bisher kein einziges Mal eine Zusage erhalten (obwohl ich mühsam die Leitlinien zitierte etc..)

3) Einfach versuchen mit Reduktion der Parkinsonmittel und anderen Sedativa zurecht zu kommen. (Wird nicht gut werden)

4) Der Patientin ein Privatrezept für Clonazepam ausstellen. Sie muss es halt dann selbst bezahlen.

Ich habe mich am Freitag für 3) entschieden. Wahrscheinlich werde ich demnächst wegen Unwirksamkeit zu Schritt 4) wechseln müssen. Hoffentlich hat sie sich bis dahin nicht den Oberschenkel bei einem Bettsturz gebrochen.

Bei Privatpatienten gibt es übrigens hier kein Problem Clonazepam zu verordnen. Wieder mal ein typisches Beispiel für Zweiklassenmedizin

Das Verrückte ist, dass die gesetzlichen Kassen ja derzeit Zuschüsse für Bauchtanzkurse und Wellnessurlaube bezahlen, um Kunden zu locken, andererseits aber, wenn man dann mal wirklich krank ist, selbst relativ günstige Therapien wie die obige nicht übernehmen.

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* Name von der Redaktion geändert

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