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Ärztehatz zum Wochenstart oder Gleichschaltung der Medien wie zu schlimmsten Zeiten

Die Woche  fängt ja gut an…

… auf Spiegel online wieder mal ein Artikel zum Thema Dr. Geldgier, überschrieben mit „Krankhafte Geldgier“.
http://www.spiegel.de/spiegelwissen/0,1518,633423,00.html

Da wird dann von Patienten berichtet, die von Ärzten abgewiesen worden seien, da eine zweite Behandlung nicht bezahlt werde … etc.

Und alle, die aufgrund der Ärzteproteste um ihre Macht bangen dürfen munter drauf losschlagen:

„Die Patienten werden in Geiselhaft genommen…“ Willi Zylajew, pflegepolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion

Von einer „üblen Abzocke“ spricht Wilfried Jacobs, Vorstandsvorsitzender der AOK Rheinland/Hamburg.

„Ärztekritiker“ Lauterbach (SPD, Aufsichtsratsmitglied der Rhön-Kliniken!) sehe nur einen Weg „um Kranke vor „Halsabschneidern in Weiß“ zu schützen: eine Art Pranger für die Abzocker!“

Nebenbei wird auch erwähnt, dass ein Orthopäde derzeit ca. 30€ für eine komplette Quartalsversorgung eines Patienten erhält. Dies wird aber nicht kritisch beleuchtet, sondern gleich werden wieder Statistiken heruasgekramt, dass Ärzte ja 100 000€ im Schnitt verdienen (Brutto? Netto? Umsatz? Gewinn vor Steuern? Abzüge für Kredit und Rückstellungen für Neuanschaffungen in der Praxis berücksichtigt? Risikorückstellungen für Totalausfall durch Krankheit berücksichtigt?… muss man nicht erwähnen, die Zahl allein wirkt viel besser).

Aufgehängt wird der Artikel an reisserischen Beispielen von Patienten, die ein zweites Mal pro Quartal zum selben Arzt gehen und dort schlecht oder gar nicht mehr behandelt wurden. Das ist sicherlich empörend, aber mit keinem Wort wird kritisch hinterfragt, warum das momentan so ist:

30€ für eine ärztlich qualifizierte Behandlung von 3 Monaten – egal wie oft der Patient kommt:
– wenn Sie sich Anfang Juli die Schulter ausrenken (3 Arztbesuche) … all inclusive
– Ende Juli beim Bergwandern den Knöchel brechen … all inclusive
– im September der Rücken schmerzt … all inclusive
Sie können 100 Mal pro Quartal kommen: 30€ all inclusive !!!

Es ist ein Skandal, wenn wirklich schwerstkranke, dringend Behandlungsbedürftige abgewiesen werden. Das war noch nie und ist auch heute nicht korrekt, denn das kann man nie, nie, nie mit seinem ärztlichen Berufsethos vereinbaren.

Aber der noch größere Skandal ist, dass die oben genannte Entwicklung von der Politik gezielt so beabsichtigt ist (Lauterbach sprach schon im November 2008 davon, dass die Fachärzte die Verlierer der Reform sein werden) und jetzt so getan wird, als ob die Ärzte aus reiner Geldgier handelten.

Geht heute zu Eurer Autowerkstätte, lasst für 30€ einen Rundum-Check machen und kündigt dann dem Werkstattmeister an, dass Ihr davon ausgeht, dass Ihr bis Ende September jegliche weitere Reparatur umsonst bekommen wollt, selbst wenn Ihr nächste Woche einen Totalschaden baut.

Geht heute Abend zum Italiener, legt 30€ auf den Tisch und sagt, ihr wollt dafür heute die Speisekarte rauf und runter essen und überhaupt bis Ende September so oft kommen, wie ihr wollt. Selbstverständlich ohne erneut zu bezahlen.

Merkt Ihr, wie pervers das System geworden ist?

Die heisse Phase des Wahlkampfs beginnt und die Regierungspropaganda in den gleichgeschalteten Medien rollt …

P.S.: Ich habe der Süddeutschen Zeitzung schon vor Monaten meine persönlichen Zahlen genannt – nicht einmal eine Antwort habe ich erhalten, geschweige denn, dass sie veröffentlicht wurden. Es hat wohl nicht so in den „mainstream“ vom geldgeilen, porschefahrenden Yacht- und Villenbesitzer gepasst.

 

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Alternativen III – „Ganzheitsmedizin“ oder die Gelddruckmaschine

Heute sind die Begriffe „Kassenarzt“ und „Schulmedizin“ fast schon zum Schimpfwort geworden oder zumindest massiv negativ besetzt.

„Kassenarzt“ steht für Massenabfertigung, kaum Zeit und Billigmedizin. „Schulmedizin“ steht für unpersönliche Medizin, für aggressive Behandlungen mit oft starken Nebenwirkungen ohne Blick über den Tellerrand hinaus, Entmündigung des Patienten.

 Benedicta meinte in ihrem letzten Kommentar, dass die Gesundheitsreform darauf abziele, die Scharlatane aus der Medizin zu vertreiben. Genau das Gegenteil ist der Fall.

 „Kassenärzte“ bekommen seit Jahren immer weniger für die Versorgung des Einzelnen (ein Neurologe erhielt vor ca. 20 Jahren fast das Doppelte pro Patient wie heute – die Inflation noch nicht mitgerechnet!) und sind deshalb gezwungen immer mehr Patienten in der gleichen Zeit zu behandeln. Die rechtlichen Vorgaben, welche Therapieformen von der „Kasse“ überhaupt noch bezahlt werden werden immer enger und unüberschaubarer und das hat sich mit der aktuellen Gesundheitsreform noch verschärft.

Diese Entwicklungen treiben die Patienten scharenweise in die Hände von „Behandlern“, die außerhalb des Kassenarztsystems, sei  es als Ärzte, Heilpraktiker oder andere „Heiler“ wie Pilze aus dem Boden sprießen. Dabei bieten sie verschiedenste Methoden der „alternativen Medizin“ an. Diese wird als „gute, sanfte und meist nebenwirkungsfreie Medizin“ beworben und auch gut „verkauft“.

Unter dem schönen Begriff „Ganzheitsmedizin“ wird meist ein Gesamtpaket an verschiedensten mehr oder weniger umstrittenen Leistungen angeboten. Da diese meist teuer verkauft werden, haben die Behandler deutlich mehr Zeit für den Einzelnen und können sich diesem besser und intensiver zuwenden. Ein Effekt, der wesentlich zu den teilweise ja nicht bestreitbaren Erfolgen dieser Behandler beiträgt. Man weiß dies mittlerweile aus Untersuchungen zur Komplementärmedizin und zum Placeboeffekt.

 Übersehen wird dabei ein großes Problem: der alternative Heiler muss von seiner Arbeit meist leben und kann es sich deshalb selten leisten, Leute, die ihn aufsuchen abzuweisen. Dies führt dazu, dass die Behandlungsverfahren, die der Betreffende anwendet, meist für ein breites Spektrum von Krankheiten bzw. Symptomen oder Beschwerden für geeignet erklärt werden und teilweise Versprechungen gemacht werden, die dann jeder Seriosität entbehren (s. mein letzter Artikel). Da fängt es dann an, dass Patienten zu Opfern werden und Ganzheitsmedizin zur ganzheitlichen Abzocke wird.

 Ich habe selbst in einem solchen „Zentrum für ganzheitliche Medizin“ für einige Wochen gearbeitet. Bei den monatlichen ärztlichen Besprechungen ging es nie um Verbesserung der medizinischen Versorgung, sondern nur um neue Geschäftsfelder, Möglichkeiten, sich Patienten gegenseitig zuzuweisen, Verbesserung des Marketings etc….

Die Patienten, Privatversicherte oder Selbstzahler, bekamen für eine Behandlung meist Rechnungen zwischen 200 und 600€ und wurden munter quer durchs Haus überwiesen, weil da im ganzheitlichen Sinn, ja noch soviel nicht in Ordnung sei. Fast jeder hatte einen Darmpilz und eine Amalgamvergiftung und selbstverständlich eine blockierte Halswirbelsäule, die an allem Schuld war und die ganz oft „eingerenkt“ werden musste. Einmal „Knick-knack“ ist mehr wert als 20 Minuten Anamnese.

Nachdem ich dann auch noch mehrfach aufgefordert wurde, wenigstens „irgendwas zu spritzen“ oder ein paar Akupunkturnadeln zu setzen, da meine Abrechnungen einfach zu billig seien, habe ich das Haus angewidert nach kurzer Zeit verlassen.

Der ärztliche Leiter war überrascht und gekränkt und belächelte mich mitleidig, als ich erklärte ich möchte lieber in einer „Kassenarztpraxis“ versuchen Schulmedizin und Komplementärmedizin zu vereinen. Wörtlich bezeichnete er es als unverständlich, dass ich mir diese Chance bei ihm zu arbeiten entgehen ließe, da er hier doch quasi eine „Gelddruckmaschine“ betreibe.

Finanziell würde es mir aktuell sicher besser gehen, wenn ich dort geblieben wäre. Ich hätte in meiner Wohnung aber längst alle Spiegel abgehängt.

 Wenn ein Kassenarzt wieder für eine vernünftige, seriöse Medizin anständig bezahlt werden würde, dann kämen viele nicht auf die Idee nebenher – quasi als Bauchladen – irgendwelche Selbstzahlerleistungen von fragwürdiger Qualität anzubieten, um sich über Wasser zu halten. Und die oben beschriebenen „Ganzheitsmediziner“ hätte auch nicht mehr ein so leichtes Spiel mit ihren Opfern.

Die Medien aber dreschen lieber weiter auf die Kassenärzte ein, weil es scheinbar in Mode ist.

P.S.: Gleichzeitig werden durch solche „alternative Behandler“ eigentlich seriöse alternative Verfahren und auch die vielen seriösen Naturheilmediziner in Misskredit gebracht.

Alternativen II – Multiple Sklerose – das gefundene Fressen der Strohhalmmediziner

Frau H.* wird im Rollstuhl von ihrem fürsorglichen Ehemann in mein Sprechzimmer geschoben. Sie ist eine meiner vielen MS-Patientinnen und ich betreue sie noch nicht so lange. Sie hat es schwer erwischt, sitzt durch die Lähmungen seit Jahren im Rollstuhl, kann kaum noch sprechen, hat oft Schmerzen. In der Akte sehe ich schnell, dass sie seit fast neun Monaten nicht mehr da war.

 „Frau H., sie waren aber lange nicht mehr hier“
– betretenes Schweigen –
 „Es scheint ja dann einigermaßen gut gegangen zu sein, in den letzten Monaten…“ versuche ich das Schweigen zu brechen

 „Wissen Sie Herr Doktor“ … hilft dann der rührige Ehemann wir haben es doch versucht mit der Akupunktur. Wir waren beim Doktor B.* und der hat uns beim ersten Gespräch versprochen, dass meine Frau Ende Juni wieder gehen kann und da haben wir dann die Akupunktursitzungen gemacht, wo er doch so ein Spezialist ist“.

 – Doktor B., kenne ich gut. Er hat mit mir dieselbe Akupunkturausbildung gemacht und sich als „Privatarzt“ niedergelassen. Frau H. hatte mich, nachdem ich auch seit Jahren Akupunktur in meiner Praxis anbiete gefragt, ob die Aussicht bestünde, dass sie wieder gehen könne durch die Behandlung. Ich hatte ehrlicherweise geantwortet, dass mit der Akupunktur oft Schmerzen gelindert und vielleicht auch die Spastik verbessert werden könne, das mit dem Gehen sei aber unrealistisch. –

 „So, so, da kann ich verstehen, dass man sich da Hoffnungen macht.“ pflichte ich bei und versuche die Verlegenheit zu zerstreuen.
„ Und hat es was gebracht für Sie?“

 „Leider nein Herr Doktor, deshalb sind wir ja wieder da. Gar nichts hat’s gebracht, aber der Herr Doktor B. hat immer gesagt, es sei ja eine sanfte Behandlung und deshalb brauche das Zeit und Geduld… und am Ende hat es dann fast 6500 € gekostet.“

 Ich merke wie sich die Wut in meinem Bauch wie eine Faust zusammenballt. Da sitzt eine seit 15 Jahren frühberentete, schwerkranke Frau vor mir, die all ihre Hoffnungen in die leeren und offensichtlich unseriösen Versprechungen eines „Kollegen“ setzte. Und leider ist dies kein Einzelfall, sondern – wenn auch nicht mit diesen horrenden Summen – die Regel.

 Gerade Patienten mit multipler Sklerose sind ein gefundenes Fressen für die „Kollegen“ von der „Ganzheitsmedizin“.
Warum? Weil die Krankheit auch die Krankheit der tausend Gesichter und Verläufe genannt wird. Es gibt Patienten, die haben erst Mal drei Schübe und dann jahrelang – egal ob sie behandelt werden oder nicht – keinen mehr. Und das ist oft so.

Genau da setzen die Wunderheiler an: egal ob es die Amalgamentgifter, die Halswirbelsäuleneinrenker, die Handaufleger oder die Damrpilzentferner sind. Wenn sie mit der Behandlung beginnen und ein Patient bleibt monate- oder gar jahrelang schubfrei, brüsten sie sich mit ihrem Behandlungserfolg. Wenn dann doch mal ein Schub kommt, hat man schnell die Ausrede parat, dass alternative Medizin ja was Sanftes sei und nicht komplett heilen könne.

Die Patienten, die in ihrer Not jeden Strohhalm, der Rettung verspricht, ergreifen, zeigen sich schwer beeindruckt. Dabei wäre es wohl meist der Spontanverlauf ihrer Krankheit.

Es ist bei der MS nämlich schier unmöglich zu beweisen oder zu widerlegen, ob im Einzelfall diese Methode hilft oder nicht hilft.

Für den Wirksamkeitsnachweis der heute auf dem Markt befindlichen MS-Medikamente benötigte es deshalb extrem aufwändige Studien mit vielen Patienten und langjährigen Beobachtungszeiträumen, da eben die Verläufe so unvorhersehbar und verschieden sind.

 Und genau das nutzen viele dieser „Ganzheitsmediziner“ gnadenlos aus. Bei vielen anderen Krankheiten, vor allem bei Krebspatienten, ist es ganz ähnlich.

 Ich will damit nicht alternative Heilmethoden grundsätzlich verteufeln, aber leider tummeln sich in diesem Gebiet mehr geschäftstüchtige Verkäufer, die besser einen anderen Beruf erwählt hätten, als einen Medizinischen.

 Ich selbst habe für mich den eigentlich selbstverständlichen Weg gewählt, Akupunktur nur dann zu raten, wenn ich es wirklich für aussichtsreich halte. Deshalb wollte ich mich auch nie als Privatarzt davon abhängig machen, quasi jedem Patienten vorzugaukeln, diese Methode sei das Allheilmittel.

 Aber wie so oft im Leben, ist der Ehrliche der Dumme. Denn Frau H. darf ich jetzt ca. 30 Jahre behandeln, um diese 6500 € zu verdienen, die „Dr. Wundersam“ in gut 6 Monaten abgezockt hat….

 Das ist Zweiklassenmedizin von der übelsten Sorte und ich verstehe nicht, warum die Medien hier so still halten. Im Gegenteil: die aktuelle Gesundheitspolitik fördert dies noch, aber davon ein andermal mehr…

*Name von der Redaktion geändert

Alternative Medizin I oder Plan S(chweiz)

Ich stelle mir vor:

am 27.09. sitz ich abends vor der Glotze und warte gebannt auf die erste Hochrechung. Heimlich freue ich mich schon auf die 19% der SPD und die 23% der FDP. Der Sekt ist schon kaltgestellt für die „I survived Ulla“-Party und das passende T-Shirt liegt schon anziehbereit auf dem Bett.

Dann 18:03 die erste Trendmeldung: CDU/CSU 35%, SPD 29%, FDP 9%, Grüne 12%, Linke 8%, …

Dieses Gefühl der Ohnmacht und Enttäuschung kenne ich irgendwoher? Ja, klar: 2005 bei den Wahlen war es auch so. Einen Tag vor der Wahl hatte die SPD laut Umfragen einen Riesenabstand zur Union und dann war es nicht einmal 1%, wenn ich mich recht erinnere.

Ich seh den Steinmaier, -meier, mayer (weiß nich mal, wie man den schreibt), kurz den Frank-Walter verschmitzt in die Kameras grinsen und Angela (gestützt von Bertelsmann-Mohn und Rhön-Guttenberg) mit am Boden schleifenden Mundwinkeln vor die Mikrofone treten.

Steini verkündet sich als Sieger und verbreitet rot-rot-grüne Regierungsträumeund Ulla Schmidt gibt Interviews, wie Sie nun die medizinische Versorgung auf dem Lande in Deutschland mit polnischen, tschechischen und ihretwegen auch indischen Ärzten auf dem jetztigen Top-Niveau halten wird…

… ich schalte die Glotze aus … zerknülle das „I survived Ulla“-T-Shirt und denk nicht mehr an den Sekt in der Kühlung.

… ich blicke meiner Frau in die Augen und wir wissen beide: jetzt muss Plan B oder besser S ran. S wie Schweiz

mein Schweizer Ärztediplom und den Ärzteausweis im Scheckkartenformat habe ich seit Anfang Juni in der Tasche … zur Vorsorge… auch wenn ich damals dachte, wir kriegen das Ruder noch rum…

… jetzt ist das Kärtchen, das mich knapp 1000€ kostete, Gold wert…
… ich bin nicht mehr bereit 4 von 12 Monaten im Jahr kostenlos zu arbeiten…
… ich habe keine Kraft mehr mein Herzblut hier zu verschwenden…
… mein Sohn – gerade eben in ein anderes Gymnasium gewechselt – wird wieder umziehen müssen, sobald ich den Job in der Schweiz sicher habe…

… meine Kontakte sind längst geknüpft…
… auch dort liegt das Geld nicht auf der Straße, aber man kann wieder Arzt sein…
… 10-15 Patienten am Tag in der Praxis und nicht 40-50 wie hier im Hamsterrad…

… wieder das Gefühl: Du bist auch was wert und Deine Arbeit wird geschätzt

… einfach wieder Arztsein mit Kopf, Herz und Händen und nicht mehr zerfressen vom Ärger über die inkompetenten, verlogenen Gesundheitspolitiker dieses Landes und deren leeren Versprechungen…

… etwas schweißverklebt wache ich auf …

…ich sitze in meiner deutschen Praxis … nun verfolgt mich der gesundheitspolitische Mist schon bis in mein kleines Nickerchen in der Mittagspause … es ist schwül draußen … zu schwül für September. Klar, es ist ja auch der 16. Juli !!!

Eine Frage schwirrt mir noch im Kopf herum:

Am 20.07.1969 betrat der erste Mensch den Mond!
Warum nahm er Ulla nicht mit???

… langsam sollte ich zum Arzt gehen. Meine Hand berührt den Schweizer Arztausweis in meiner Tasche, … den gibt es wirklich…

„Hab Euer Gejammer schon gelesen“…

…war heute der Originalton eines Patienten. Er meinte meine Informationsschriften im Wartezimmer zum Desaster der Gesundheitsreform. „Irgendwo müssen ja die 12% SPD-Wähler in Bayern noch versteckt sein“ dachte ich im Stillen bei mir. Dann juckte es mich doch und konterte:

„Haben Sie schon mal bei einem Ihrer Handwerker einen 3-Monats-Rundum-Service für 45€ erhalten? “
Er: „Draußen steht aber noch 53€ auf dem Poster“
Ich: „Das galt im ersten Quartal, im zweiten waren es 43,60€ und jetzt sind es 45,10€“
Er: „Das ist ja ne Sauerei, was die da machen“
Ich:“Dafür ist das all-inclusive. Wird auch nicht mehr, wenn sie sechs Mal kommen“
Er: Schweigen

Dann begann das Gespräch, die Untersuchung etc.; er brauchte dringend Hilfe und ich hoffe, die verordneten Medikamente bessern sein Leiden. Um das zu kontrollieren, müßte er eigentlich in diesem Quartal noch einmal kommen. Auch wenn es dann dafür nichts mehr gibt.

Ich darf ja rein gesetzlich nur tun, was „wirtschaftlich, ausreichend und notwendig ist“. NOTWENDIG ist es nicht zwingend, dass er in diesem Quartal noch einmal kommt. Das ist das Gemeine an dieser Situation: den schwarzen Peter hab ich. Sinnvoll ist es natürlich nach 4 Wochen zu überprüfen, ob es ihm besser geht, aber wirklich notwendig? „Ausreichend“ wäre auch nach 12 Wochen, auch auf das Risiko hin, dass die Medikament halt doch nicht wirken. Aber wir erinnern uns: Ausreichend war in der Schulde Note 4 !

Klar dass jeder gerne  Note-1 oder wenigstens Note-2-Versorgung möchte. Aber die dürfen wir gar nicht machen, zumindest nicht auf Kosten der Kassen.

Und das ist die große Politikerlüge, die Euch Patientinnen und Patienten tagtäglich aufgetischt wird. Keiner gibt zu, dass Note-4 bezahlt wird und Note-1 vorgegaukelt wird.

 

 

Ein guter Vormittag oder „Wohnen in der Lederhose“

Die Vormittagsschicht im Hamsterrad (Praxis) ist um. Und heute war ein guter Tag. Gestern war ich ja nach 3 Wochen wieder richtig Joggen, wenn man mein Geschleiche überhaupt noch Joggen nennen kann. Zur Motivation zieh ich mir manchmal Fußballtrikots über. Kennt Ihr auch diesen Uniformeffekt? Man fühlt sich dann fast wie der Fußballstar beim Warmlaufen und es läuft sich gleich viel leichter. Ja auch Ärzte behalten das Kind im Mann! Gestern hatte ich ein Trainingsshirt der Squadra azzurra (für alle Nicht-Bayern: der Italiener) an. Die war zuletzt ja auch nicht gerade besonders erfolgreich, vielleicht war ich deshalb so lahm. Jedenfalls hab ich heute schwere Beine, als hätte ich echt ein volles Spiel gespielt – kennt Ihr sicher auch das Gefühl, als hätte man wirklich Fußballerbeine.

Heute früh lief es dann erfreulich in der Praxis. Meine jüngste Hirntumor-Patientin ist stabil, bessert sich sogar und der Tumor scheint momentan nicht zu wachsen bzw. gut auf die Bestrahlung zu reagieren. Sie ist 24 (!) und immer wenn sie länger nicht kommt (zuletzt ein halbes Jahr!) mach ich mir schon ziemlich Sorgen. Aber ich kann verstehen, dass sie manchmal die Schnauze voll von Ärzten hat. Die eigenen Probleme werden dann schon winzig, wenn man es so betrachtet.

Dann hatte ich noch richtig Spaß mit einem Ur-Bayern in ner schicken kurzen Lederhose. Meines Erachtens die einzige Art für Männer kurz zu tragen, ohne sich lächerlich zu machen. Zumindest als Bayer. Sein Zitat:

„Eine Lederhose hat man nicht an, in der wohnt man!!!“

Ein guter Vormittag und ich lass‘ heut nix Mieses mehr an mich ran.
Aber keine Angst: Morgen jammere ich schon wieder weiter.

Zu spät – manchmal gibt es keine 2. Chance

Ich hab’s verbockt.

Vor 3 Wochen rief mich eine Ehefrau eines langjährigen Patienten an. Schwere Demenz, mittlerweile nicht mehr gehfähig, rund um die Uhr auf Pflege angwiesen. Eine ursächliche Behandlung gab es nie, ich konnte immer nur Symptome lindern und begleiten.

Manchmal ist Begleiten das Einzige was wir tun können, aber es ist so wichtig. Der Patient und vor allem die Ehefrau haben dies auch sehr geschätzt, uns zu jedem Feiertag (Ostern, Weihnachten, …) auch immer eine nette Karte mit lieben Worten geschickt und sich für die Behandlung bedankt. Solche Dinge machen unseren Beruf wichtig und schön.

Nun rief mich die Ehefrau wie gesagt vor 3 Wochen an  und bat um einen Hausbesuch, da der Mann nicht mehr aus dem Bett kam. Sie wußte auch, dass ich medizinisch nichts tun konnte, was der Hausarzt nicht schon tat. Aber es war ihr wichtig, das spürte ich. Mein Terminkalender war in den letzten Tagen vor der Pfingsturlaubswoche total überfüllt. Ich wußte nicht mehr, wann ich es machen sollte und nahm mir deshalb vor, in meiner Dienstwoche diesen Besuch zu machen. Der Patient wohnte fast 15km weg und für einen Facharzt sind Besuche in dieser Entfernung eigentlich nicht üblich, aber in diesem speziellen „Fall“ zählte das nicht.

Als ich vor wenigen Tagen das Kuvert mit dem Trauerrand in meinem Postfach fand, da wußte ich es sofort: Herr K. ist verstorben und ich hab es nicht mehr geschafft mit dem Besuch. Ich habs verbockt. Ich fühlte mich schäbig.

Hab ich den Besuch immer wieder auch deshalb hinausgeschoben, weil ich genau wußte, dass ich keinen Cent mehr dafür bekomme? (Laut Ulla Schmidt wäre das nämlich „übermäßige Ausdehnung der Vertragsärztlichen Tätigkeit über das notwendige Maß hinaus“)

Hab ich den Besuch hinausgeschoben, weil es betriebswirtschaftlicher Wahnsinn gewesen wäre, ca. 1,5 Stunden zu arbeiten für Gottes Lohn?

Ich möchte sagen, nein, bestimmt nicht. Aber wenn man seine eigenen Reserven schwinden sieht, seine Existenz bedroht sieht, die Familie zu streiken beginnt, weil man nicht mehr zu Hause ist, dann beeinflusst das auch unser Handeln und sei es unterbewußt.

Es ist eben nicht alles meßbar, dokumentierbar und beweisbar in dieser Welt.

Aber verbockt hab ich es trotzdem.