Posts Tagged ‘Wahlkampf’

I survived Ulla !!! Yeah

Es scheint vollbracht !!!

Jene Dame, die es sich zum Ziel gemacht hat, die ambulante Facharztversorgung zu zerstören, muss abtreten.

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Man darf jedoch nicht so naiv sein, zu glauben, dass nun alles automatisch besser wird.

Bürger, Patienten und Ärzte müssen weiter für ein gerechteres und besseres Gesundheitssystem kämpfen.

Ich werde deshalb auch nach der Wahl weiter berichten, ob und was sich nun durch die wahrscheinlich neue Regierung ändert.

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Krank 2011 – eine (Horror-)Vision

Hier – passend zum heutigen Tag bitterschwarze Satire eines engagierten Kollegen:

Krank 2011 – eine (Horror-)Vision

(Achtung Satire! Ähnlichkeiten mir realen Situationen und Personen sind rein zufällig!)

 

1. Teil: 10 Jahre Ulla Sch. – eine Erfolgsstory:

 

Januar 2011, Berlin, Friedrichstraße 118: Anläßlich ihres 10jährigen Dienstjubiläums gibt die Bundesgesundheitsministerin und Vizekanzlerin Ulla Sch. einen Empfang (zu Beginn nur kurz gestört durch den – von der Jubilarin leider nicht goutierten – Versuch einer Delegation des Bundes der Steuerzahler, der kostenbewussten Ministerin als Geschenk einen Gutschein für eine Wegfahrsperre ihres Dienstwagens zu überreichen) . Hochrangige Gäste aus Politik und Gesundheitswirtschaft feiern das erfolgreiche Wirken der populären Ministerin.

 

Bundeskanzlerin Angela M. (CDU) würdigt vor allem ihre Verdienste um den Wirtschaftstandort Deutschland. Der erfolgreiche Umbauprozeß des Gesundheitswesens diene nicht zuletzt dem Erhalt von Arbeitsplätzen und der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie, so die Kanzlerin. Ein Gesichtspunkt, den Prof. Karl L., seit kurzem Staatsekretär im Bundesgesundheitsministerium und Leiter des neu geschaffenen Gemeinsamen Untersuchungs- und Lenkungsausschusses Gesundheit (GULAG) in seiner Rede – gewohnt temperamentvoll – aufgreift. Durch die Umsetzung der früher selbstständigen ärztlichen Leistungserbringer in die neuen medizinischen Versorgungsformen und dem Abbau der Über- und Fehlversorgung seien erhebliche Einsparpotentiale erschlossen worden, die der Beitragsstabilität und damit der Entlastung der Lohnnebenkosten zu Gute kämen. Als Nebeneffekt wären die Krankschreibungen bereits in 2010 um über 90% zurückgegangen. Über die neuen Versorgungsformen – Stichwort: Integrierte Versorgung als Brandbeschleuniger – eröffne sich für die Gesundheitswirtschaft ein gigantischer Wachstumsmarkt,. Die Zweiklassenmedizin, so der medienwirksame Experte, gehöre jetzt endgültig der Vergangenheit an. Bundesinnenminister Gregor G. (Die Linke) würdigt schließlich das Lebenswerk von Ulla Sch. unter dem Gesichtspunkt der Vollendung der deutschen Einheit, welche zumindest im Gesundheitswesen durch die Übernahme von Errungenschaften der früheren DDR jetzt endlich verwirklicht worden sei.. Hier spanne sich, so Gregor G., ein Bogen zu den politischen Anfängen der verdienten Ministerkollegin.

 

Zur Erinnerung: Nach der Bundestagswahl im September 2009, bei der sich wiederum eine Patt-Situation ergeben hatte, war es nicht zuletzt dem beharrlichen Einsatz der allseits geschätzten Gesundheitsministerin gelungen, gegen erbitterte Widerstände auch in den eigenen Reihen, eine Regierungsbeteiligung der Linkspartei durchzusetzen, und dadurch die Fortführung der erfolgreichen Gesundheitspolitik der Großen Koalition zu ermöglichen. Als vordringlichstes Projekt der neuen rot-schwarz-roten Regierung (und nächster Stufe des von den Beraterstäben der Bertelmannstiftung und Experten der Gesundheitskassen erarbeiteten Masterplans zur Umgestaltung des Gesundheitswesens) erfolgte schon im Januar 2010 im parlamentarischen Eilverfahren die Verabschiedung des „Gesetzes zur Stärkung von Wirtschaftlichkeit, Unabhängigkeit, Stabilität, Innovation und sozialer Verantwortung in der gesetzlichen Krankenversicherung“ (GKV-UnSInnS-WSG), womit die Serie bahnbrechender Gesundheitsreformen der Ära Ulla Sch. ihren vorläufigen Abschluß fand.

 

 

2. Teil: Abenteuer MVZ

 

Zur gleichen Zeit in Königsbrunn bei Augsburg: Herrn Wilhelm W., kaufmännischer Angestellter (59), plagen drängende Gesundheitsprobleme. Aber, was tun? Der letzte freie Hausarzt am Ort hat gerade seine Praxis aus Altersgründen ohne Nachfolger aufgegeben und fünf weitere waren kurz zuvor als  Angestellte in das „Maximed“-MVZ Augsburg-Nord gewechselt. Niedergelassene Fachärzte gibt es seit der Gesundheitsreform im vergangen Jahr nicht mehr. Herr W. – sparsamer Schwabe – hat sich zudem  mit seinem „Super-günstig-Basistarif“ verpflichtet, exklusiv nur Vertrags-MVZ´s seiner K.O.-Gesundheitskasse in Anspruch zu nehmen. Was für ein Pech!

 

Wilhelm W. erinnert sich an einen der vielen Werbespots der K.O.-Gesundheitskasse, und wählt beherzt die Service-Nummer des kasseneigenen Call-centers. Nach 17 Minuten in der Warteschleife, während der Herr W. mit fröhlicher Musik und witzigen Gesundheitsangeboten  bei Laune gehalten wird, meldet sich die jugendlich-dynamische Stimme der Call-center-Mitarbeiterin. Was Herr W. nicht weiß: Während sie ihn scheinbar einfühlend nach seinen Problemen befragt, hackt die freundliche Dame am anderen Ende der Leitung eine Check-Liste ab. Nach dem sich ergebenden Gesamt-Score hat die Mitarbeiterin die Weiterleitung entweder gleich in die nächstgelegene „Sanitas“-Klinik, oder in das nächste „Sanitas“-MVZ zu veranlassen. Im Falle von Herrn W. ist´s das MVZ. Dieses ist leider in der 70 km entfernten Landeshauptstadt, aber Herrn W.´s K.O.-Gesundheitskasse hat mit der „Sanitas-Gesundheit aus einer Hand“-AG. nun mal einen Exklusiv-Vertrag abgeschlossen, und ist selbst an dem Konzern mit einem maßgeblichen Aktienpaket beteiligt. Also lässt sich Herr W., der sich infolge seiner Unpässlichkeit nicht mehr selbst dazu in der Lage sieht (und aus Sparsamkeit den kostenpflichtigen „Sanitas“-Transfer-Dienst nicht in Anspruch nehmen möchte), von seiner Schwiegertochter Mandy mit dem Auto dorthin fahren.

 

In dem mit trendigem Design ausgestatteten „Sanitas“-MVZ findet Herr W. seine  Versichertenbeiträge offensichtlich gut angelegt: Es ist ein WLAN-Anschluß in der Besucher-Lounge vorhanden, und am Check-in-Schalter des MVZ´s besteht mit dem Einlesen der elektronischen Gesundheitskarte die Möglichkeit, gleich den nächsten Gesundheitsurlaub mit „Sanitas-Wellness-Tours“ zu buchen (mit bis zu 1000,- Euro Kostenzuschuß der K.O.-Kasse, die sich die Gesundheitsprävention ihrer Kunden was kosten lässt!).

 

Nach einer Wartezeit in der Besucher-Lounge des MVZ, welche die vom „Sanitas“-Konzern vertraglich garantierten maximal 30 Minuten nur um 1 ½ Stunden überschreitet, wird Herr W. in das Behandlungszimmer des angestellten ärztlichen Leistungserbringers Vitalij K. aufgerufen, der heute ziemlich im Streß ist. Seine Schicht ist eigentlich schon zu Ende, und er weiß, dass ihm für die Überschreitung der Wartezeit laut  Arbeitsvertrag eine Konventionalstrafe vom Lohn abgezogen wird. Vitalij K. spricht leider nur gebrochen Deutsch, da erst vor 3 Monaten durch ein Inserat des „Sanitas“-Konzerns aus einem osteuropäischen Land angeworben, ist jedoch mit der „Sanitas“-eigenen Software bereits gut vertraut. Nach Eingabe der von Herrn W. geklagten Beschwerden öffnet sich auf dem Bildschirm ein Fenster, das die weiteren Schritte anzeigt. Da Herrn W.´s Beschwerden leider etwas kompliziert sind, wird er erst mal an verschiedene „specialist-care-units“ (fachärztliche Leistungserbringer-Einheiten) der angeschlossenen „Sanitas“-Klinik, die laut Meldung auf dem Bildschirm noch Budget-Kapazitäten frei haben, weiter geleitet (Wie praktisch, denkt Herr W. – alles unter einem Dach, das spart lange Wege!).

 

Der begleitenden Schwiegertochter Mandy W. (36), die sich wegen ihres Schwiegervaters einen Tag frei nehmen musste, wird die Wartezeit derweil mit Rabattgutscheinen zum Einkaufsbummel in der angeschlossenen shopping-mall des „Sanitas“-MVZ oder wahlweise kostenlosem Besuch der Wellness-Lounge versüßt. Schwiegertochter Mandy findet übrigens die MVZ´s, die sie ähnlich noch aus ihrer Kindheit (vor der „Wende“) in Bitterfeld/Sachsen-Anhalt, in Erinnerung hat, eine ganz tolle Sache, und ist eine glühende Verehrerin unserer geschätzten Bundesgesundheitsministerin.

 

Nach 6 Stunden wieder zurück im MVZ, sieht sich Herr W., statt Vitalij K., jetzt  dem ärztlichen Leistungserbringer Ibrahim S. gegenüber (inzwischen war ja der Schichtwechsel). Es stellt sich heraus, dass Herr W. an mindestens einer chronischen Krankheit leidet. Also wird er jetzt weiter geleitet an den „Case-manager“ des zuständigen „Disease-management“-Programms, der für Herrn W. die Koordination der beteiligten Leistungserbringer übernimmt, und die Kosteneffizienz seiner Behandlung überwacht.  Dazu werden sämtliche von den verschiedenen Leistungserbringern erhobenen Daten mittels der eingelesenen eCard online an den Zentralserver der Gesundheitskassen übertragen, wo sie von den Mitarbeitern der K.O.-Gesundheitskasse abgefragt werden können.

 

Die Ausstellung der elektronischen Rezepte, die ebenfalls per Internet an die in Luxemburg ansässige Online-Apotheke „Drugs ´n more S.A.“ erfolgt, verzögert sich leider um 23 Minuten. Wilhelm W. hat die hierfür erforderliche 7-stellige PIN nicht mehr im Kopf, und muß diese erst telefonisch zu Hause über seine Ehefrau Helga  erfragen. Vor lauter Aufregung vertippt er sich bei der Eingabe dann laufend, während sich bereits eine beträchtliche Traube von Wartenden vor dem Rezept-Terminal des „Sanitas“-MVZ staut.

 

Die „Drugs ´n more S.A.“, Luxemburg, ein Kooperationspartner der „Sanitas-AG“ und der K.O.-Gesundheitskasse ist übrigens rund um die Uhr auf dem südostasiatischen und südamerikanischen Spot-Markt für Medikamente präsent und garantiert den Kunden der K.O.-Gesundheitskasse immer die weltweit preisgünstigste Arzneimittelversorgung.

 

Nach seiner Ankunft zu Hause (leider spät, wegen des Staus auf der Autobahn), und nach Standpauke seiner Ehefrau Helga, erreicht Wilhelm W. noch in der Nacht ein Anruf des privaten Call-center-Betreibers „Healthguys-GmbH“ im Auftrag der K.O.-Gesundheitskasse, der sich jetzt in regelmäßigen Abständen melden wird, um die weiteren Fortschritte der Gesundung von Herrn W. zu evaluieren.

 

Die freundlichen Mitarbeiter des Call-centers (es ist jedesmal eine andere Stimme, aber immer sehr jung und dynamisch, Kompetenz vermittelnd  – „bin 23 und habe 5 Jahre in den USA studiert…“) haben bereits sämtliche Gesundheitsdaten von Herrn W. auf dem Bildschirm, und können ihn so nicht nur nach der Einhaltung seines Therapieplans und seiner Kundenzufriedenheit befragen, sondern ihm auch gleich Tipps zur Behandlung seiner Hämorrhoiden, seiner  Potenzstörungen und anderer Probleme geben („Ach, da sehe ich, vor 4 Jahren waren Sie mal nach einer Geschäftsreise in Behandlung wegen einer Geschlechtskrankheit. Ihre erhöhten Leberwerte geben Hinweise auf ein mögliches Alkoholproblem, und ihr Beschwerdescore weist einen hohen Psychosomatose-Index aus – ich könnte Ihnen da einen exklusiven psychotherapeutischen Leistungserbringer des bekannten Gesundheitsanbieters „Sanitas“-AG gleich in Ihrer Nähe empfehlen…“).

 Teil 3: Das dicke Ende

Am nächsten Morgen quält sich Herr W. ins Geschäft. Die erhoffte Krankschreibung im MVZ war leider ausgeblieben: Nach dem obligaten Datenabgleich mit dem Medizinischen Dienst der Gesundheitskassen war auf dem Bildschirm von Ibrahim S. beim Anklicken des Bottom „Arbeitsunfähigkeit?“ das Piktogramm einer roten Ampel erschienen. (Die in der „Sanitas“-Software implementierten Piktogramme sind ein Service für die – dank des erfolgreichen PISA-Projekts der Bildungspolitik der letzten Jahre – steigende Zahl analphabetischer  Leistungserbringer).

 

In der Firma erwartet Herrn W. eine unangenehme Überraschung: Er wird in die Personalabteilung zitiert, wo ihn schon die Personalchefin Uta T. (39), der Gesundheitsbeauftragte der Firma, Kemal Y. (45), und die Leiterin des betriebsmedizinisch-psychologischen Dienstes, Birte L. (eine resolute 32jährige Dipl. Sozialpädagogin) erwarten. Aufgrund der neuesten, vom „Transparenzzentrum Gesundheitsdaten (TZG)“ übermittelten Informationen, so Uta T., bestehe ernste Sorge um das Gesundheitsbewusstsein von Herrn W. (Das TZG ist eine mit der Gesundheitsreform 2010 geschaffene Bundesbehörde zur online-unterstützten betrieblichen Gesundheitsprävention. Sie leitet hierzu gesundheitsbezogene Daten der Versicherten vom Zentralserver der Gesundheitskassen an die Betriebe weiter, damit diese ihrer gesetzlichen Verpflichtung zur Unterstützung gesundheitsbewussten Verhaltens ihrer Beschäftigten nachkommen können).

 

Die Firma, so die Personalchefin, sei deshalb verpflichtet, Herrn W. die  Teilnahme an dem (von der Bertelsmann-Stiftung entwickelten und seitens des BMG geförderten) Gesundheitsprogramm „Fitness und Abstinenz in Betrieb und Freizeit“ dringend nahe zu legen. Die Kosten in Höhe von nur 320,- Euro pro Monat würden bequemer Weise gleich bei der Gehaltszahlung einbehalten. Mit seiner (natürlich freiwilligen) Teilnahme an dem Programm verpflichtet sich Herr W. unter anderem, unangemeldete Hausbesuche zur Unterstützung seiner gesundheitsbewussten Lebensweise durch den Beauftragten der Firma auch am Wochenende oder nach 22.00 Uhr  zu empfangen. Wegen des bekannt gewordenen gesundheitsriskanten Verhaltens sei die Firma, so Uta T., ferner verpflichtet, eine Beratung durch den betriebsmedizinisch-psychologischen Dienst veranlassen. Hierzu habe sich Herr.W. im Büro bei Frau Birte L. einzufinden, zur Aufklärung über „safer sex“.

 

Zuhause findet Herr W. im Briefkasten eine Flut von Werbesendungen vor, u.a. von 5 Herstellern von Hämorrhoiden-Salben, 13 Versandapotheken mit Sonderangeboten von Viagra, 7 Wein- und Sirituosen-Discountern – sowie die Mitteilung seiner Frau Helga: „Mir reichts! Bin ab jetzt bei Franziska – morgen Termin bei meiner Scheidungsanwältin!“ Pech für Herrn W.: Franziska, die beste Freundin seiner Frau, ist Sachbearbeiterin bei der K.O.-Gesundheitskasse…!

 

War da noch was? – Ach ja, sollte Wilhelm W. nach den Aufregungen jetzt einen Nervenzusammenbruch erleiden und einen dringenden Hausbesuch benötigen: Anruf bei der Hotline der „Sanitas“-AG genügt! Please hold the line: „Nach Ertönen der Computerstimme drücken sie die „7“, die nächste freie „primary nurse“ von „Sanitas – Gesundheit aus einer Hand“ wird Sie umgehend zurückrufen….!“

 

 HEUTE HABEN SIE DIE WAHL
SATIRE SATIRE BLEIBEN ZU LASSEN

Winde Dich wie Äskulaps Schlange!

Sicher dachtet Ihr alle, ich hätte die letzten Tag damit zugebracht auf der Straße an FDP-Ständen Leute aufzuklären und die Unentschlossenen zu „Gelbisieren“. Fehlanzeige.

Neurologenkongress – business as usual
Ich habe mich drei Tage auf dem jährlichen Neurologenkongress in Nürnberg fortgebildet, damit ich auf dem neuesten Stand bleibe, um zu wissen, wie ich meine Patienten „leitliniengerecht“ behandeln könnte, so es denn die Kasse zahlen würde (s. letzter Artikel). Etwa 5000 Neurologen aus ganz Deutschland waren da. Seltsam war, dass die berufspolitisch prekäre Situation im niedergelassenen Bereich eigentlich kein Thema war. Es war „business as usual“, was vielleicht auch daran lag, dass viele Klinikärzte da waren und auch die Referenten fast ausschließlich Klinkchefs oder -oberärzte waren.

Masse statt Klasse
Besonders frustriert hat mich das Gespräch mit einem Kollegen, mit dem ich zusammen vor knapp 15 Jahren meine Neurologenlaufbahn begonnen hatte. Er ist seit drei Jahren als Nervenarzt niedergelassen. Auf die aktuelle Situation angesprochen, zuckt er nur gleichgültig die Schultern. Er habe damit kein Problem. Bei ihm habe es schon immer die Masse gemacht. Er behandle 1400 Patienten im Quartal (der Durchschnittsneurologe schafft ca. 850). Bis zu dieser Reform habe er ja viel Ultraschall gemacht, weil man das gut bezahlt bekam. Nun mache er das halt nur noch selten und besuche mehr die Heime, da er als Nervenarzt die Fremdanamnese und das Gespräch wieder bezahlt bekomme. „Dann schüttle ich halt lieber die osteoporotischen Hände im Heim anstatt den Ultraschall zu machen“. Wenn die Politik es so wolle.

Ich merkte schnell, dass ich hier mit Sachargumenten nicht weiterkam. Rein betriebswirtschaftlich gesehen hat er alles richtig gemacht. Anstatt sich lange mit dem einzelnen Patienten aufzuhalten „schleust“ er Unmengen durch. Bei den aktuellen Kopfpauschalen ist das goldrichtig, denn aufwändige Diagnostik oder gar mehrmals im Quartal Kontrolluntersuchungen machen ist ökonomischer Unsinn. Von Reform zu Reform ändert die Mehrheit der Ärzte, je nachdem wie es gerade angesagt ist, ihr Verhalten, wie ein Chamäleon die Farbe. Zeitaufwändige Patienten werden weiterverwiesen oder ins Krankenhaus geschickt.

„Barfußmedizin“ wird belohnt
Der Trend Masse statt Klasse hat nun aber endgültig einen grotesken Höhepunkt erreicht, denn derjenige der viel macht, ist der Verlierer (wie Prof. Lauterbach schon im November 2008 wußte). Das ist politisch gewollt. Die gründlichen, gut technisch ausgerüsteten Fachärzte sollen im SPD-Programm zuerst ausgerottet werden. Dann wird man im zweiten Schritt sagen, dass die übriggebliebenen Fachärzte draussen eh nur Händeschütteln (s.o.) und deshalb die Krankenhäuser die qualitativ hochwertige Versorgung mit ihren MVZs übernehmen müssen.

Beim Verlassen des Kongresses überlege ich mir, wie man es schaffen soll im Quartal mehr als 1000 Patienten zu behandeln. Mit vernünftiger Medizin geht das nicht. Ich werde das nicht können, da ich zwanghaft gründlich bin. Mein alter Lehrmeister und ehemaliger Chef erklärte mir auch, dass dies der Grund sei, warum er sich nicht niedergelassen habe.
Wie Recht er doch hatte.

Eigentlich habe ich keine Lust mich wie die Schlange von Äskulap ständig nach den neuesten Trends zu winden. Ich möchte eigentlich nur das Anwenden, was ich gelernt und in den letzten Tagen aufgefrischt habe.

Wenn morgen Abend herauskommt, dass die SPD weiter im Regierungsboot sitzt, werde ich allerdings letztlich reagieren müssen und das Fließband anwerfen. Vielleicht hätte ich die letzten drei Tage doch lieber FDP-Wahlkampf betreiben sollen.

 

Ich bekenne: ich mache Zweiklassenmedizin

Zweiklassenmedizin original aus meiner Praxis:

Patient 1: Markus K.*: 54 J., privatversichert
Patient 2: Ludwig L.*: 43 J., gesetzlich versichert

Diagnose bei beiden: CLUSTERKOPFSCHMERZ
Das ist eine seltenere Kopfschmerzerkrankung, die hauptsächlich Männer jüngeren Alters betrifft. Dabei kommt es zu oft nachts einsetzenden, heftigen einseitig-bohrenden Kopfschmerzen meist hinter dem Auge, begleitet von Gesichtsrötung, Tränen-/Nasenfluss, Bewegungsunruhe. Die Attacken dauern zwischen 30 und 180min, allerdings können mehrere Attacken pro Tag auftreten. Typischerweise kommt es zu Phasen mit praktisch täglichen Attacken über einige Wochen (engl. „cluster“ = Haufen), untrebrochen von oft mehrmonatigen anfallsfreien Intervallen. Bei der chron. Form gibt es diese kopfschmerzfreien Intervalle leider nicht mehr.

Der Privatpatient: Schlimmer Verlauf – gute Behandlung:
Markus K.
ist seit fast 5 Jahren mein Patient. Anfangs war seine Erkrankung nicht richtig erkannt worden (kommt oft vor, weil sie selten ist und selbst mancher Neurologe sie nicht kennt). Die Attacken werden erfolgreich mit einem sehr teuren Migränemittel, das innerhalb von 10-15min wirkt, behandelt. Zur Vorbeugung wurde Verapamil verordnet, eine Substanz aus der Kardiologie, die bewiesen hat, dass sie bei Clusterkopfschmerz gut hilft und deshalb auch in den wissenschaftlichen Leitlinien als Mittel der ersten Wahl genannt wird. Herr K. spricht auf übliche Dosen nur schlecht an. Erst auf sehr hohe Dosen (das 5-fache der üblichen) werden die Attacken seltener, aber verschwinden nicht. Herr K. hat leider die schwere chronische Form. Durch Akupunktur kann in Phasen von mehrmals täglich auftretenden Attacken Linderung erreicht werden. In Kooperation mit der Kopfschmerzambulanz einer Uni-Klinik wird dann zusätzlich zu Verapamil mit Botulinum-Toxin-Injektionen begkonnen. Hierunter wird erfreuliche Stabilität erreicht. In 3-monatigen Abständen erhält Markus K. seine Injektionen, die von der Privatversicherung (das Med. kostet pro Injektion allein ca. 250€) genehmigt wurden.
Seit gut 3 Jahren ist die Krankheit bei Herrn K. „im Griff“. Dank Verapamil und Botulinumtoxin, unterstützt durch Akupunktur und manchmal auch Krankengymanstik kommt es nur selten zu Schmerzattacken. Herr K. macht regelmäßig Urlaub in fernen Ländern, trotz seiner Erkrankung. Er hat das Glück privat versichert zu sein als Beamter.

Der „Kassenpatient“: die Katastrophe
Ludwig L. hat schon seit 10 J. Clusterkopfschmerzen. Er „lief“ jahrlang unter Migräne und „psychisch“ und stellte die Diagnose schließlich vor 3 Jahren selbst anhand von Internet-Recherchen. Die Migräne-Mittel (Triptane), die die Attacken lindern würden, wurden nicht verordnet, weil die Krankenkasse bei fehlender Zulassung die Kostenübernahme verweigerte. Im Internet las Ludwig L., dass in Attackenphasen Kortison sehr gut helfe (das stimmt auch), so dass er sich immer wieder dieses besorgte und zum Teil (nicht lege artis) über Wochen selbst verabreichte. Gott sei Dank hat Herr L. immer wieder längere kopfschmerzfreie Phasen. Als er zu mir kam, war eines der Migränemittel mittlerweile glücklicherweise schon für Cluster-Attacken zugelassen, so dass ich es ihm verordnen konnte (auch wenn ich bei zu häufiger Verordnung riskiere in „Regress“ genommen zu werden – sprich: das Medikament selbst bezahlen muss). Zur Prophylaxe begann ich mit Verapamil wie bei Markus K. auch. Es half relativ rasch super. Aber seine Krankenkasse verweigerte die Kostenübernahme, da das Mittel für Cluster-Kopfschmerzen nicht zugelassen sei und die Erkrankung „nicht lebensbedrohlich“ sei. Trotz mehrfacher Schreiben meinerseits kein Einlenken der Kasse, obwohl die Monatstherapie ca. 30€ kostet. Herr L. war daraufhin 2 Jahre nicht mehr in meiner Praxis erschienen. Aus Kostengründen hatte er es hingenommen, mehrmals pro Jahr schwerste Kopfschmerzphasen zu haben, bei denen er zum Teil auch an Selbstmord dachte. Er hat sich immer wieder mit Kortison selbst behandelt. Als er wieder kam, war er ca. 15 Kilo schwerer und klagte schon über chronische Magenschmerzen. Er bezahlt sich nun Verapamil selbst, Akupunktur kann er sich zusätzlich nicht leisten, Botulinumtoxin schon gleich gar nicht.

Ja, wir machen Zweiklassenmedizin, aber gezwungenermaßen !!!

Die hoffentlich-nur-noch-wenige-Tage-Bundesgesundheits-ministerin wirft uns Ärzten immer wieder vor,  Zweiklassenmedizin zu betreiben und führt die längeren Wartezeiten auf einen Termin zum Beweis an. Sowohl Herr L., als auch Herr K. erhalten in meiner Praxis bei akuten Schmerzen jederzeit sofort einen Termin. Die wirkliche Zweiklassenmedizin (s.o.) ist doch durch unsinnige Gesetze  mit Budgetierungen, Eingriffen in die Therapiefreiheit des Arztes etc.  politisch so gewollt. Durch Einführung der Bürgerversicherung möchte die SPD nun die  Zerstörung der privaten Krankenversicherung vorantreiben.

Die SPD möchte also, dass nicht alle gleich gut, sondern alle gleich schlecht behandelt werden!
Dann wird Herr K. genauso wie Herr L. sein Verapamil selbst bezahlen müsssen und auch auf Botulinumtoxin, Akupunktur etc. verzichten müssen.
Da er die chronische Form der Erkrankung hat, wird es ihm vielleicht dann ergehen, wie es früher, vor Einführung wirksamer Schmerzmittel, vielen Clusterkopfschmerzpatienten erging: sie brachten sich um.

Die Diskussion um Wartezeiten auf Termine geht am Problem komplett vorbei.

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*Namen von der Redaktion geändert

Ärzte zur Bundestagswahl

Wahlspot mal anders:

der Kardiospot, für alle, die glauben sie wird es nie treffen.

Was ist ein Leben wert?

Was ist ein Leben wert?

Natürlich läßt sich dies nicht bestimmen, hängt ja auch davon ab, wie man sich gerade fühlt. Aber was ist es denn Eurer Kasse wert? Nehmen wir doch den extremsten Fall: die notfallmäßige Wiederbelebung bei Herz-Kreislaufstillstand:

Gebührenziffer 01220 (= Reanimation, incl. Intubation, Beatmung, Herzdruckmassage, Infusionen, Punktionen, Magensonde, …):

2905 Punkte (à 3,5001 Cent)   = 101,68€

Bonus gibt es bei Luftröhrenschnitt (manchmal nötig, meist eklige Sache so auf der Straße):
575 Punkte = 20,13€

Kleiner Vergleich:
beim Friseur zahle ich letztens 22 € und die Erstberatung beim Anwalt bezüglich meiner Unterhaltsverpflichtung (45 min) kostete mich schlappe 200 €.

Klar werde ich jetzt wieder Kommentare hören, dass Reanimation ja wohl Ehrensache sei. Aber ich denke die Vorstellungen, was so ein Notarzt damit verdient und die Realität liegen doch deutlich auseinander.

Drum geh ich heute mal wieder bei den Kollegen schmarotzen:

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Integration – ein Vorgeschmack

Letzte Woche bei mir in der Praxis:
eine junge hochgewachsene scheinbar türkische Frau, 43 Jahre, verhüllt auch mit Kopftuch, aber das Gesicht frei. Sie kommt in Begleitung des Mannes, da sie nichts deutsch spricht. Sie wirkt intelligent und aufgeschlossen, spricht aber außer einzelnen Worten kein deutsch.

Es geht wohl um den rechten Arm, der irgendwie schmerzt und schlecht beweglich ist. Trotz der Übersetzungshilfe des Ehemannes – das Ganze klingt nun eher arabisch als türkisch – komme ich mit der Anamnese nicht wirklich voran. Ohne wirklich verstanden zu haben, was wo, wie, seit wann weh tut bzw. nicht mehr geht, ist keine vernünftige Diagnose zu stellen, geschweigedenn eine Behandlung einzuleiten. Auch die körperliche Untersuchung gelingt so nur bruchstückhaft.
Der Ehemann, sehr freundlich, bemüht sich redlich, kann aber die anatomischen Begriffe einfach nicht übersetzen.

Als ich frage, wie lang die junge Frau schon in Deutschland lebt, antwortet er 12 Jahre!

Ich kann nicht wirklich helfen. Schreibe meinen frustrierten Bericht an den überweisenden Kollegen, der mir leider auch keinerlei Vorunterlagen mitgegeben hatte.

Was ich mit diesem Erlebnis vermitteln will?

1) Es ist traurig, wenn man 12 J. in einem Land lebt und als einigermaßen intelligente Frau nicht die Chance hat, basal die Sprache dieses Landes zu lernen – den Schaden hat man, wie diese Geschichte zeigt ja selbst

2) In wenigen Jahren wird es den deutschen Patienten in ihrem eigenen Land wie dieser Frau ergehen. Viele Ärzte – von Ulla nach Deutschland geholt – werden dann nämlich nur gebrochen deutsch sprechen. In kleineren Kliniken ist das jetzt schon so, weil der deutsche Arztnachwuchs fehlt.

3) Noch makabrer: manche Reha-Kliniken privater Klinikkonzerne konzentrieren ihre kompletten Abteilungen auf zahlungskräftige Patienten aus Russland und Arabien und schließen die Reha-Abteilungen für deutsches Klientel, weil damit kein Geld mehr zu verdienen ist. Einen konkreten Fall habe ich ganz in meiner Nähe – ist das nicht Wahnsinn?

Wenn man 2) und 3) zusammennimmt, dann stimmt die Entwicklung wieder, sofern die polnischen Ärzte dann fähig sind russisch oder arabisch zu sprechen. Wer dann die deutschen Patienten versorgt? Wen interessiert das?